Adagio espressivo. Les Adieux: Herzzeitlose Herbstzeitlosen. Dieter Schlesaks Elegien des Abschieds.

Soll alles alles nun seit heute

So ohne uns vorbei gehn und vorbei sein
Auch diese Kinderstimme
Reißt mich mit zu dir dies
Vogelzwitschern Eidechsen
Und Hundebellen und dieser leise Wind
Der alle Blätter wendet.
Ich schrieb dich darauf
Denn du bist ja da: mein Jetzt.

Procinto Nona und Forato
Der hohe Pania fast 2000 wie ein
Zauberreich / hier bist du ihr Bewusstsein
Das durch meine Augen
Hinein in meine grauen Zellen geht
Neuronen winden sich
Bis dann in ihrem Blitz
Dein Name steht.

Dieter Schlesak

Von Chrysostomos

Die Dichtung des im August 1934 im siebenbürgischen Schäßburg (auch Sighişora oder Segesvár oder Castrum Sex oder Saxoburgum geheißen; Bram Stokers Dracula von 1897 ist mit der Stadt eng verbunden) geborenen Dieter Schlesak, der unter anderem mit Reiseliteratur, mit einem Anti-Dracula-Roman, mit reichlich Lyrik hervorgetreten ist, ruhe im Elegischen, hat der einundneunzigjährige Germanist Walter Hinck, der mit seinen luziden Kritiken noch immer in der Frankfurter Allgemeinen präsent ist, einmal bemerkt. Und: daß über alle Himmel Schlesaks eine Wolke ziehe.

In dem angeführten Beispiel sind es die Gedankenwolken, die den Dichter im „Zauberreich“ der Aquanischen Alpen, wo er zwischen Monte Procinto, Monte Nona, Monte Forato und Pania della Croce unterwegs und irgendwie verlassen ist, einholen. Alles, der „leise Wind / Der alle Blätter wendet“, die bellenden Hunde und die zwitschernden Vögel, die über den Fels huschenden Eidechsen, die von unten heraufdringende Kinderstimme, erinnern ihn an die Geliebte, die jetzt gerade nicht da ist, oder eben doch, aber eben lediglich in Gedanken (was ja immerhin schon etwas ist), im Kopf, nicht in den sie umschlingenden Armen.

Seit vier Jahrzehnten lebt Schlesak mit seiner Frau, einer Übersetzerin (aus dem Italienischen, aus dem Französischen), im Wechsel in Stuttgart und an der ligurischen Küste in Camairo, von wo es in die Berge nicht weit ist. Sein 2006 in der Münchner Lyrikedition 2000 erschienener Band Herbst Zeit Lose versammelt Liebesgedichte, die nicht einer in und um Bamberg herum tätigen Photographin, die den blumigen Kosenamen trägt, gelten, sondern geschrieben worden sind „für wenn dann, wenn nicht für dich“, wie die Widmung kundtut. In ihnen bekennt Schlesak seinen „Wolkenhunger / nach dir“, feiert die wieder wilden, wieder jungen „Augen-Blicke die dich sehn / den Wald das Schamhaar da“, und er feiert auch den Moment, in welchem „der Delphin / in deine Möse / springt: / Das Sehnen ist EIN Fleisch / und atmet auf und ab.“

Als Schlesak vor drei Jahren in Bukarest seine Securitate-Akte einsehen konnte und dabei auf Spitzelberichte unter anderen von Oskar Pastior stieß, machte er sich mit seinen nachfolgenden Anschuldigungen nicht nur Freunde. Vielmehr mußte er sich selbst die Frage gefallen lassen, ob er denn nicht auch für die Securitate tätig gewesen sei. Statt darüber nun nachzudenken, oder gar zu urteilen, lieber ein weiteres Gedicht von Dieter Schlesak, der in „Abschied“ schreibt: „Es gibt eigentlich nur Liebesgedichte alles / Andere fällt aus den Zeilen wie Schutt.“

*

Nach dem Nachtbad im See

Hungernd verlieren wir uns
In den Sommer
Und wie müde Blätter
Schlafen wir zusammen ein
Weich durch einen Wassermund
Löst sich das Fleisch von den Bäumen
Schön sollen wir ertrinken
Und ohne die gewohnte Umkehr
Sieh wie ruhig das Wasser in uns zittert.

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