Als das Wünschen noch geholfen hat. Oder – das war dann doch noch prima, Vera! Ein liebesfrühlingshafter Ausflug in das Zeitalter der (geistesgeschichtlichen) Aufklärung.

Der Kuss

Ich war bei Chloen ganz allein,
Und küssen wollt ich sie:
Jedoch sie sprach: sie würde schrein,
Es sei vergebne Müh!

Doch wagt ich es, und küsste sie,
Wie oft? fällt mir nicht ein!
Und schrie sie nicht? Ja wohl, sie schrie – –
Doch lange hinter drein.

Christian Felix Weiße

Von Chrysostomos

Nein, bis zum Wonnemonat Mai (dann ist Heine, endlich, dran) wollen wir nicht warten. Gehen wir mit der Jahreszeit, geben wir dem Sehnen und Verlangen nach, geben wir uns liebesfrühlingshaft heiter, munter und mutig und lassen die Knospen bereits heute schon springen. An Vögeln, an deren Gesang, Gezwitscher und Gezeter mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen in dieser Kolumne ohnehin nicht. Amsel, Blaumeise, Wiedehopf, Mauersegler und, gestern erst, die Wandertaube (postum) waren alle schon da. Und sowieso, das Leben, und das Liebesleben im besonderen, soll ja schön sein. Wohlauf denn, ans Werk.

Wer an Chloe denkt, assoziiert damit vermutlich unmittelbar auch Daphnis, denn die beiden gehen ja sozusagen Hand in Hand, der sizilianische Hirte und Begründer der pastoralen Dichtung, der der Verbindung zwischen dem Götterboten Hermes (Schutzgott eben der Schäfer, aber auch der Kaufleute und Diebe) und einer Nymphe entsprungen ist, und das Mädchen vom Lande, Chloe.

Longos – von Lesbos – hat, im zweiten Jahrhundert vor Christus, aus der Geschichte der beiden von Hirten aufgefundenen Kinder einen pastoralen Liebesroman gestrickt. Chloe und Daphnis wachsen gemeinsam auf, hüten die Herden ihrer Zieheltern und, wie das eben so ist, verlieben sich. Freilich wissen sie in ihrer Unschuld nicht, wie ihnen geschieht. Das einzige Mittel, die Liebe, oder die Liebeskrankheit, das toll sein vor Liebe zu heilen sei, wie sie von dem weisen Kuhhirten Philetas erfahren, einander zu küssen.

Und: ja: „So kam‘s.“ (Peter Maiwald, „Arbeitsbericht“). Oder doch noch nicht ganz. Eine Frau aus der Stadt, Lycaenion, führt Daphnis in die Kunst der Liebe ein. Der aber versagt sich, diese seine neuerworbene Kunstfertigkeit an Chloe zu überprüfen, denn diese, erzählt ihm die Lehrmeisterin Lycaenion, würde dann schreien und schwer blutend darniederliegen. Nach einigen Irrungen und Wirrungen – Chloe wird der Hof gemacht, man versucht sie sogar zu entführen, wird aber von Pan gerettet, Daphnis stürzt in eine Grube, wird zusammengeschlagen und von Piraten entführt – werden die beiden von ihren tatsächlichen Eltern anerkannt, heiraten und verbringen hernach glücklich ihre Tage und Nächte auf dem Lande.

Christian Felix Weiße, 1726 in Annaberg geboren, 1804 in Leipzig gestorben, studierte Theologie, Philologie und später auch Rechtswissenschaft in Leipzig. Gotthold Ephraim Lessing und Christian Fürchtegott Gellert zählten zu seinen Freunden. Gemeinsam mit dem Komponisten Johann Adam Hiller begründete Weiße das deutsche Singspiel (Die verwandelten Weiber, oder Der Teufel ist los, 1766; Die Liebe auf dem Lande, 1768). Auch gilt er mit seiner Zeitschrift Der Kinderfreund (1776 bis 1782) als Urvater der Literatur für Kinder. Vergessen sind Weißes Tragödien und Lustspiele, geblieben aber ist, uns allen, „Der Kuss“.

NB: Von Weißes „Kuss“, oder „Kuß“, existieren verschiedene Varianten. Reclams großes Buch der deutschen Gedichte, 2007 herausgegeben von Heinrich Detering, bringt die hier zu lesende Version, die laut Anhang dem Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1758 von Christian Felix Weißes Scherzhaften Liedern folgt. Was wohl nicht ganz korrekt ist. Aber das erhellt Detering im Vorwort, wo es heißt, vom 18. Jahrhundert an habe er die Einrichtung der Texte „behutsam normalisiert“, wenn auch „unter strikter Wahrung des Lautstands, der Interpunktion, der Zusammen- und Getrenntschreibung“, um so der Aura eines Gedichtes nichts zu nehmen.

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