„man muss nicht alles machen, was die Denkmalpflege sagt“(?); Anmerkungen zur 2. öffentlichen Sitzung des Bamberger Stadtgestaltungsbeirats am 21.2.2013

Wolfgang Neustadt

Schaeffler 2.0: Planung Eingangsbereich Wohnheim-Bürobau, denkmalneu GmbH/Uwe Mertens

Prof. Dipl.-Ing. Jörg Homeier wagte sich mit diesem auf die Planung des „Roten Ochsen“   bezogenen Statement in unseren heiligen Bamberger UNESCO-Gefilden schon spektakulär weit vor. Im konkreten Fall hatte er leicht überzogen, kann vorkommen. Bamberg braucht weiterhin Inszenierungen historischer Zusammenhänge im Kontext neuen Bauens in der alten Stadt. Darum ging es nun gleich bei zwei der vier Tagesordnungspunkte in der zweiten öffentlichen Beratungsrunde des Bamberger Stadtgestaltungsbeirats.

Nachdem Baureferent Ilk zurecht den diesmal wesentlich größeren öffentlichen Publikumszuspruch gewürdigt hatte, kam man schnell zur Sache. Und man wurde schließlich sogar auch noch pünktlichst fertig!

Top 1: Schaeffler-Gelände 2.0, die „Urkonversion“ eines der mehreren Bamberger Dauerbrenner. Die Bauträger und Planer denkmalneu GmbH/Uwe Mertens (s. dazu schon unseren Beitrag) hatten die ihnen am 13.12.2012 vom Beirat aufgetragenen Hausaufgaben gemacht, Herr Mertens stellte neue Schwarzpläne vor. Kernpunkte waren weiterhin die drei neuen Baukörper mit dem Parkhaus an der Lichtenhaidestraße, dem Studentenwohnheim und dem neuen Bürobaukörper an Margaretendamm und Magazinstraße.

Diskussionen mit dem Beirat entwickelten sich vor allem am Parkhaus, an seinen von den Spindeln in den Innenhof bauintegriert vorgelegten Auffahrtsrampen, seiner schlachthofseitigen Außengestaltung sowie seinem Nutzungsangebot und -potenzial. Trotz Holzverblendungen und Glassegmenten war von Beiratsseite immer noch von Monotonie die Rede. 400 Stellplätze sind vorgesehen, was uns durchaus nicht unterproportioniert erscheinen will.

Schaeffler 2.0: Planung Parkhaus, Ansicht Lichtenhaidestraße, denkmalneu GmbH/Uwe Mertens

Das Nutzungsangebot des Parkhauses sollte laut Anregung des Beirats variabler werden z.B. durch zusätzliche gewerbliche Angebote wie Frisör (?), Fahrradstation (!), auch partielle Ateliernutzung (?). Dieser Ansatz erscheint grundsätzlich richtig, um dem öffentlichen Komplex mehr Zugang, d.h. städtisch-soziale Einbindung zu verschaffen.

Städtebaulich neue Angebote von Seiten der Planer, bei der Vorgängersitzung ausdrücklich vom Beirat gewünscht, wurden leider gar nicht mehr explizit gewürdigt. Hatte man planerisch doch inzwischen durchaus versucht, der Gesamtanlage architektonisch mehr „Aufforderungscharakter“ und Pfiff zu geben. Insbesondere die trichterartige Zugangslösung zwischen Studentenwohnheim und Bürobau/ Margaretendamm erscheint uns reizvoll, wenn auch der gegenüberliegende Zugang im NO-Eck noch beanstandet wurde. Berechtigt lobenswerte Erwähnung fand auch die dank der Öffnungen vertikal orientierte Fassadengestaltung des U-förmigen Bürobaus, ebenso der Wechsel und das Verhältnis von Öffnungen zur Fläche. Insgesamt positiv bewertet wurde der Rückbau der Schaefflerschen Bodenversiegelung durch Grünflächen, wenn diese planerisch auch noch zu undifferenziert ausfielen.

Das Schaeffler-Gelände wird uns weiter als Dauerbrenner erhalten bleiben, die Weichen aber sind deutlich gestellt.

TOP 2: Wohnbebauung Erba (Architekturbüro Reinhart u. Partner; s. dazu unseren Beitrag).

Die mit Sitzung am 13.12.2012 ebenfalls aufgetragenen und nunmehr fleißig erfolgten Überplanungen boten dem Beirat nur noch wenig Angriffsfläche. Leider überhaupt keine Aufklärung erfolgte zum plötzlichen Planungsumschwung (?) von sechs anstelle der ursprünglich fünf Baukörper. Man krittelte noch herum an Lage und Breite der Zuwegungen, auch konnte man sich für eine Auflassung der mittleren Zuwegung erwärmen. Der vormals angetragene Wunsch einer formal-ästhetisch stärkeren Bezugnahme der Fassadengliederung zur flußseitigen Bebauung z.B. mit größerer Horizontalbetonung war in Vergessenheit geraten (worden?).

Insgesamt zeigte man sich „sehr zufrieden mit der Arbeit“. Frau Sowa (GAL) brachte noch eine stärkere Berücksichtigung der Belange für Kinder und Jugendliche im Bereich der Freiflächen ein. Ansonsten scheint diese Planung damit fast durch.

Die Frage, wer erwerben bzw. überhaupt mieten können wird, wurde erneut gar nicht gestellt, also auch nicht beantwortet (!)

Auch eine kurze erforderliche Stellungnahme von Seiten der offenbar auch diesmal wieder zahlreicher erschienenen Vertreter der Bayerischen Landesstiftung blieb abermals unverbindlich vage. Der Wert der Aussage war im Verhältnis zur zahlenmäßigen Personalbesetzung disproportional (s. schon Sitzung am 13.12.2012).

TOP 3: Wohnbebauung Erba (Stadtbau Bamberg)

Der bereits erarbeitete Planungsstand und Tagesordnungspunkt überhaupt konnte der Bamberger Öffentlichkeit nichts als nur neu sein, da ja der SGB vor dem 13.12.2012  zwar existierte und diesen TOP schon bearbeitet haben musste, nur ohne dass es jemand zu ahnen wagte. Schnee von gestern!

Es ging/geht konkret um den Neubau nördlich der vom Büro Reinhart geplanten Baufelder E und H2. Herr Papke trug den zwischenzeitlich offenbar kaum bis gar nicht vorangetriebenen Planungsstand lässig, aber inhaltlich hilflos vor. Schließlich formulierte der Beirat eher gnädig Wünsche in Bezug auf das Penthouse und eine merkliche Fassadenberuhigung in Anpassung an den o.g. Planungsabschnitt E und H2. Interessant insofern, als man innerhalb des Beirats offenbar grundsätzlich eher zu gestalterisch harmonisierenden Lösungen tendiert. Das muss keineswegs  konsenspflichtig sein! Der damit auch vorgebrachte Einwand, den Baukörper in seiner Höhenentwicklung zu kappen und ihm so die Vertikalität zu nehmen, stand wohl auch markant im Widerspruch zu der/einer früheren gemeinsamen (?, Beirat-Planer), aber vor der Öffentlichkeit geheimen, Planung einer „Turmlösung“.

Der hier vorgestellte Planungsbeitrag blieb also inhaltlich suboptimal. Für den Gesamtablauf dieser Sitzung aber allemal ein erfreulicher Zeitgewinn. Die Stadtbau wird weiter nachbessern.

ehemal. Gasthaus Roter Ochse, Unt. Königstr. 13, Fassade. Foto: Erich Weiß

TOP 4: Roter Ochse (Untere Königstraße 13, Bauträger Büro Floth/Bamberg, Architekten  Gleisner + Mahnel/Bamberg)

Endlich endlich gabs a weng mehr Licht in diese schon langwährende Bausache. Laut kurzer Einführung von Herrn Ilk waren bisher alle Investoren zwischenzeitlich wieder abgesprungen. Wer wußte schon davon? Zum ersten Mal liegt dem Stadtgestaltungsbeirat nun hiermit auch eine öffentlich nachvollziehbare Projektierung vor, die unmittelbar auch die Belange der Bamberger Denkmalpflege, d.h. das Bamberger UNESCO Welterbe direkt tangiert. Das lässt für die Zukunft neuen Bauens im Welterbe schon mal grundlegend neu hoffen! (z.B. untere Mühlen).

Interessant ließ sich die kleine baugeschichtliche Einführung von Architekt Gleisner an. Danach ist das/ein Anwesen hier ab dem Jahr ca. 1000 nachweisbar, d.h. es ist der ursprünglich hier gelegenen hochmittelalterlichen Theuerstadt im Umgriff um die heutige Kettenbrücke zuzurechnen. Demnach umfasst das Anwesen einen per Bauforschung (T. Kohnert) 1309 datierten ältesten steinernen Bamberger Speicherbau. Nicht unwichtig für die aktuelle städtebauliche Planung ist, dass der giebelständige Baukörper flussseitig bis 1795 immer frei sichtbar war und erst nachfolgend einen vorgesetzten flussparallelen Riegel erhielt.

ehemal. Gasthaus Roter Ochse, orthogonale Rückansicht, mit nachempfundener Planung der rückwärt. Bebauung (Floth/Gleisner-Mahnel). Foto u. Montage WN

Die hiermit vorgelegten ersten Planungen sehen, in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege/Schloss Seehof, zum einen den Abriss zweier am Innenhof gelegener Seitenflügel vor. Zum andern wieder einen fluss-/kanalseitig vorgelagerten Neubau. Um den ging es jetzt bei der Verhandlung ausführlich. Dieser Neubau besteht nach bisherigem Entwurf aus zwei Baukörpern: einem nördlich tieferen sowie einem mehrgeschossigen südlich, der die hohe Firstlinie des nördlich angrenzenden Nachbarbaus wieder aufnimmt. Dabei bleibt die orthogonale Sicht vom gegenüberliegenden Kanalufer auf den gotischen Speichergiebel unverstellt, entsprechend der engen Abstimmung mit dem BLfD/Seehof.

ehemal. Gasthaus Roter Ochse, Rückansicht von der Kettenbrücke, mit nachempfundener Planung der rückwärt. Bebauung (Floth/Gleisner-Mahnel). Foto: Erich Weiß, Montage WN

Der Beirat brachte hier nun einen neuen, interessanten Aspekt ins Spiel: er schlug eine auch diagonal mögliche Blickachse vom inselstadtseitigen Kopf der Kettenbrücke vor, wodurch der Speichergiebel ganz bewußt in das UNESCO Welterbe einbezogen werden könnte. Damit stellte er aber automatisch die Höhe des geplanten rechten kanalseitigen Neubaukörpers infrage, der den Giebel aus dieser Sicht wesentlich verstellen würde (s. unsere Montage). Hierauf bezog sich das einleitende Zitat von Prof. Homeier, nicht alles mitzumachen, was die Denkmalpflege wünscht. Grundsätzlich schon richtig, aber in diesem konkreten Zusammenhang weniger, als ja der Speichergiebel, das Stadtbild zukünftig durchaus mitprägend, schon ursprünglich sichtbar bleiben sollte. Zudem würde eine evtl. diagonal mögliche Blickachse ja doch auch den Erlebnisraum Welterbe-Bamberg weiter stärken. Letztlich bestimmt nicht gegen Interessen der institutionellen Denkmalpflege.

Ein ganz heikler Einwand zudem, weil hiermit sofort denkmalpflegerische mit Investoreninteressen kollidieren, soll doch auch dieser Neubau kalkulierten Grundflächenansprüchen des/eines Nutzers nachkommen. Man regte also schon eine Höhenkappung des rechten Neubaukörpers an, zumal der Beirat auch die hier durch den zweigeschossigen Dachausbau mit jeweiligen Gauben maximal erreichte Grundfläche in Zweifel stellen wollte (Vorsitzender Dipl.-Ing. Ulrich Pfannschmidt). Ob dies möglich wird, soll von den Planern geklärt werden. Unser Vorschlag: alternativ dazu z.B. durch eine Nord-Süd-Vertauschung der beiden neuen kanalseitigen Baukörper.

Damit wurde noch ein heikler, nicht nur in Bamberg eher trauriger Punkt tangiert: die Dachlandschaft. Dafür interessierte sich unsere Jury hier gar nicht erst, weil „Gaubenlandschaften“ längst auch in Bamberg opportun sind. Das war nicht immer so. Noch in den 1980er Jahren stellte das BLfD grundsätzlich den Dachausbau mit Gauben in frage (u.a. Dr. Pause). Bambergs Dachlandschaft im Welterbe ist seitdem ohne diesen Widerstand der Denkmalpfleger allenthalben durch Vergaubungen, Verglasungen und Verschattungen im Welterbe (!) zerrupft, d.h. schon längt hingerichtet. Weil eben Sanierung im stadtzentralen Bestand ohne massive Berücksichtigung von Investorinteressen schon längst obsolet ist, wer hats gemerkt? Entsprechend groß fällt eben ganz offensichtlich auch der Druck auf den Roten Ochsen aus.

Beiratsmitglied Dipl.-Ing. Petra Schober regte alternativ zu Bauhöhe mit Dachausbau und Gauben z.B. eine „mutige“ Grundrissbildung z.B. durch zusammenhängende platzgewinnende Geschosslösungen an.

Schließlich versuchte es Frau Sowa (GAL) nicht ganz widerspruchsfrei auf den Punkt zu bringen: in Bamberg ließe sich mit dem Roten Ochsen nun endlich ein echtes Exempel dafür statuieren, dass neues Bauen in der alten Stadt auch mal  „nicht immer (nur?) nach der Denkmalpflege“ zu gehen hat. Grundsätzlich ja auch korrekt!

Fazit

Das Arbeitsklima zwischen Architekten und Stadtgestaltungsbeirat wird besser, der Umgangston ruhiger und vertrauensvoller. Man kennt sich bereits auch schon durch die mehrfachen Sitzungen, ob geheim oder nicht. Grundsätzlich aber ist es immer noch nicht selbstverständlich für selbstbewußt planende Architekten, sich einem kompetenten Prüfungsgremium zu stellen, sich zu „outen“. Hat der Beirat doch durchaus auch schon gezeigt, wie sich Planungen regelrecht zerlegen lassen, in aller Öffentlichkeit. Dazu gehört auf Architektenseite weiter Mut und Planungssicherheit.

Die Brisanz der Veranstaltung macht sich trotz allem im psychologisch erfühlbaren Beziehungsgeflecht der gegenständigen Akteure durchaus weiter bemerkbar. Vereinzelt beurteilen auch Beiratsmitglieder leider semantisch noch zu rigoros, um nicht „arrogant“ zu sagen, schon noch mit unsichtbarem Zeigefinger, z.B. mit der deutlich inquisitorischen Frage: „… warum ist das nicht geschehen?“ (nach vormals einmal gewünschter, aber nicht erfolgter Entwurfsüberarbeitung). Das kann durchaus freundlicher und weniger apodiktisch werden.

Neuerdings ist aber auch überhaupt nicht mehr ausgeschlossen, dass man sich auf Architektenseite sogar schon traut, ehrlich eigene Planungsunsicherheiten einzuräumen. So z.B. Architekt Reinhart ganz erfrischend: „liegen wir eigentlich richtig mit unserer Architektur?“, oder derselbe: „das haben wir gar nicht untersucht – wäre gar nicht schlecht …“ Das ist bezeichnend und lässt für die Zukunft ebenso hoffen. Treffend für das grundsätzlich verbesserte Arbeitsklima war schließlich die erfreute Aussage eines Beiratsmitglied: „so macht Arbeit wirklich Spaß“(!).

Leider aber sieht die Wirklichkeit noch nicht vollkommen rosig aus. Die Stadt zeigt schon, dass es transparenter geht. Alle Achtung! Aber … Die Transparenzfähigkeit einzelner Bauträger und Planer erwies sich auch diesmal vereinzelt noch suboptimal, d.h. deutlich ausbaufähig.

Wir hätten sehr gern die hier per Sitzung ohnehin öffentlich vorgestellten Pläne auch zum Roten Ochsen gezeigt. So erhofften wir uns ein paar unterstützende Unterlagen, Ansichten etc zwecks Visualisierung. Unsere Hoffnung wurde enttäuscht. Floth/Gleisner-Mahnel waren nicht bereit, uns Material zur Verfügung zu stellen! Das fällt zurück, öffentlich.

Natürlich respektieren wir, dass die/ alle hier vorgestellten Planungen noch jeweils weiter in Arbeit sind, dank des signifikanten Mittuns des Gestaltungsbeirats. Und wir formulieren dies auch gern, fairerweise.

D.h. es ist zu hoffen, dass das Beratungsangebot des SGB von den Architekten und Bauträgern noch weitergehender offen angenommen und transparenter auch nach außen genutzt wird.

Der SGB ist ein hervorragender Dienst an Bambergs Öffentlichkeit, mit doppeltem Effekt: Bambergs nicht nur öffentliche Architekturqualität gewinnt mit dieser Veranstaltung. Auch das öffentliche Bewußtsein für Architektur und Qualität dürfte in Zukunft deutlich zunehmen. In beide Richtungen ist also eine Verbesserung der Bamberger Lebensqualität möglich.

Warum also nicht noch offener und vertrauensvoller miteinander umgehen? Kommen doch zum einen die bestehenden versteckten „Altlasten“ der städtischen Bamberger Bauplanung zögerlich, aber unaufhaltsam, mit weiteren Sitzungen ohnehin auf den Tisch.

Ein Wunsch bleibt noch: warum stadt-/beiratsseitig nicht die bisher internen Sitzungsprotokolle öffentlich zur Verfügung stellen?

Zufällig führte der Rückweg am Ex-Honer vorbei. Es gibt also einen Investor. Eine gute Gelegenheit für Herrn Wöhrl, am Maxplatz ein Zeichen zu setzen, d.h. sich in Bamberg durch eine neue, angemessene Fassade ein eigenes neues corporate design zu leisten. Zumal sich doch der Einzug ohnehin wegen mittlerweile allenthalben normaler Planungsprobleme verzögert! Mit einem Neuanstrich kann es nicht getan sein. Der Bamberger Gestaltungsbeirat würde es schon „richten“. So, oder so!

Der nächste beachtenswerte Sitzungstermin ist der 18.4.2013.

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