Gottfried Benn hört Radio und träumt von Robert Schumann

Schumann

Wie bist du darauf gekommen,
wie kamen die Töne dir bei,
wo aufgestiegen, erglommen,
F-dur, die Träumerei?

War es die Frühe, die leere,
in der die Träume vergehn,
oder war es die Nacht, die schwere,
in der die Träume geschehn?

Waren Stunden, tränenerhebende,
oder Stunden des Glückes dein –
eine alles-zusammen-erlebende
muss es gewesen sein,

noch heute sendet sie Streifen
aus Einst und Immer und Nie,
wenn wir ans Radio greifen,
F-dur – die Reverie.

Gottfried Benn

Von Chrysostomos

Man traut es ihm, irgendwie, kaum zu, aber die Gedichte Gottfried Benns, des Lyrikers, des Pfarrerssohnes und Arztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten, von den Nazis mit Schreibverbot belegt, nachdem er ihnen zunächst zugejubelt hatte, die Gedichte dieses Liebhabers vieler Frauen zwischen Else Lasker-Schüler und Ursula Zierbart kreisen nicht nur um Begriffe und Bilder wie „Geburt und Körperschmerz“, Blutungen, Narben, Schädel, Schmerzparoxysmen. Ein ums andere Mal nimmt die Lyrik Benns ihren Ausgang von Werken der Kunst, besonders der Musik. Und das, obgleich Benn „Teils–teils“ so eröffnet: „In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs / wurde auch kein Chopin gespielt / ganz amusisches Gedankenleben“. Der Vater sei, um die Jahrhundertdämmerung herum, einmal im Theater gewesen, in der „Haubenlerche“ von Wildenbruch: „davon zehrten wir / das war alles.“

Neben Chopin hat Gottfried Benn (1886 geboren, ein Jahrhundert nach Robert Schumann gestorben) auch den Komponisten der „Kinderszenen“, deren bekannteste gewiß die „Träumerei“ ist, in seinen Gedichten bedacht. In F-Dur steht sie tatsächlich, die „Reverie“, hebt an mit weit aufsteigenden Intervallenketten, in der rechten wie in der linken Hand. Wie mag Schumann darauf gekommen sein, und wie Benn, so seinen „Schumann“ zu beginnen? (Letzteres zumindest ist klar.)

Pure Romantik ist das, zu zartem Klang geworden, und so darf die Nacht, so dürfen die Träume nicht fehlen. Benn freilich mag eventuell sogar auf Schumanns „Gesänge der Frühe“ anspielen. Freudentränen oder solche des Schmerzes, wie auch immer, sie wurden, so oder so, kreativ genutzt, vom Dichter wie vom Bedichteten. Und, ja, es war einmal eine Zeit, ein „Einst“, da griff man noch zum Radiokasten, in den Vierzigern, Fünfzigern, zu einem Gegenstand, der doch längst aus dem Alltag zu verschwinden droht. Mit Glück konnte man dann Alfred Cortot lauschen, oder Vladimir Horowitz, den „Kinderszenen“, der „Träumerei“.

Schumanns „Kinderszenen“ schließen, nach einem Dutzend Charakterstücken, in G-Dur mit „Der Dichter spricht“. Benns „Schumann“ ist nur eines von zahlreichen beispielhaften Gedichten, die sich ihrer annehmen. Zu denken ist auch an Peter Härtling, oder an Anne Beresford (selbst eine gute Pianistin) und Michael Hamburger. Viele Dichter, und Autoren, sprechen von Schumann. Immer wieder auch Hanns-Josef Ortheil.

NB: In den beiden folgenden Programmen der Bamberger Symphoniker-Bayerische Staatsphilharmonie wird Schumann zu hören sein. An diesem Freitag und Samstag, am Donnerstag schon in Erlangen, sein spätes Cellokonzert in a-moll mit dem grandiosen Norweger Truls Mørk. Am Pult steht Manfred Honeck, der neben Schumann Bruckners Siebte dirigieren wird. (Auch hierzu schnell noch eine Buchempfehlung: Ernst Herhaus, Phänomen Bruckner. Hörfragmente, 1995.) Eine Woche hernach geben die Symphoniker in einem ungewöhnlichen, gerade deshalb begrüßenswerten Programm Schumanns Julius-Cäsar-Ouvertüre in Fürth, Schweinfurt und als Heimspiel in der Konzert- und Kongreßhalle.

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