„Warum?“ – nur Fragen und Widersprüche im alltäglichen deutschen Schlachtbetrieb

Wolfgang Neustadt

Kuh. Foto: Erich Weiß

Der Bamberger Vieh- und Schlachthof wird per kürzlich ergangenem einstimmigen Stadtratsbeschluss ab 1.1.2013 in einen Betrieb gewerblicher Art (BgA) umgewandelt werden. 

Neben dem neuen Mehrwertsteueraufschlag ist es die Aufhebung des exklusiven Benutzerzwangs des Bamberger Schlachthofs. Was noch? Im Stadtrat fand über weitere praktische Folgen daraus keinerlei Diskussion statt. Nicht darüber, ob und wenn welche Konsequenzen sich konkret auf die vorhandenen bzw. zukünftigen hygienischen Zustände oder auch z.B. auf die Beachtung von Tierschutzbestimmungen daraus ergeben.

Bereits der allenthalben anzutreffende Istzustand an deutschen Schlachthöfen lässt nach gleichlautend wiederkehrenden Augenzeugenberichten signifikant zu wünschen übrig. Sicher diskrete Einblicke, die hiermit nicht zum ersten, aber auch nicht zum letzten Mal an die Glocke gehängt werden sollen. Liveberichterstattungen aus deutschen Schlachthöfen gehören leider immer noch nicht in deutsche Wohn- und Esszimmer, wo sie jedoch gut aufgehoben wären. Wer wüßte nicht gern authentisch ab 20.15 Uhr, wie es sich um unser Fleisch von der Tierhaltung an bis zur Metzgertheke wirklich verhält?

Die Zustände und technischen Abläufe im alltäglichen Aufzucht- und Schlachtbetrieb sind voller Fragen. Betriebsinterne, gar moralische Widersprüche bis zu sozioökonomisch übergreifend möglichen Schlussfolgerungen liegen nahe.

Beginnend bei der Tierhaltung, von der Futtermittelqualität einmal zu schweigen. Bereits der Viehzüchter kann ungehindert durchaus kranke Tiere zur Schlachtung geben. Zum Beispiel ist die vorgeschriebene regelmäßige Klauenpflege sehr häufig Fehlanzeige. Eine Veterinärkontrolle beim Abtransport findet nicht statt. Beim Antransport kommt es dann aber raus. Der Viehhändler packt schnell ein, was gerade kommt. Wenn er es nicht nimmt, nimmt’s doch nur der Nächste.

Auch über die Transportbedingungen wurde viel geredet, und auch wirklich verbessert?

Auch diese Wirklichkeit sieht sehr häufig am Schlachthof anders aus. Der optische Eindruck der angelieferten Tiere ist mehr als ernüchternd: abgemagerte, ausgebeutete, ausgediente Tiere, teilweise bereits mit gebrochenen Gliedmaßen. Der besonders für die Schweine mörderische Transportstress setzt sich bei der Einstellung der Tiere auf dem Schlachthof nur weiter fort. Neue Umgebung und neue Leidensgenossen erzeugen zusätzlich Panik höchsten Grades: brüllen, schreien, koten, unkontrollierte Bewegungen, Rangkämpfe, gegenseitiges niedertreten, ausgrätschen, verletzen, sogar tottrampeln. Warum?

Gleich beim Antransport lassen sich besonders verhaltensauffällige hypergestresste PSE-Opfer klar diagnostizieren.

Bekannterweise führten die hervorragenden Züchtungsergebnisse von Muskelfleisch zu einer erheblich höheren Stressempfindlichkeit bei Schweinen, die ohnehin von Natur aus schon äußerst sensibel sind (Kreuzung Pietrainschwein mit deutscher Landrasse: je höher der Pietrainanteil, desto höher die Stressanfälligkeit). Gleich beim Antransport lassen sich besonders verhaltensauffällige hypergestresste PSE-Opfer klar diagnostizieren. PSE steht für das „Pale Soft Exsudative“ Fleischbild, vor allem bei Schweinen und Geflügel, das sich erst nach der Schlachtung durch eine auffallend blasse Farbe, eine abnorme Konsistenz und Trockenheit etc erkennen lässt und auf abgestorbenes, ungenießbares Fleisch verweist. Warum?

Alle Schweinelungen sind krankhaft verändert, was erst nach der Schlachtung erkennbar wird, aber niemand auf dem Teller zu sehen bekommt. Zurückzuführen auf schlechte Stallluft, d.h. schlechte Tierhaltungsbedingungen, insbesondere auf die Spaltenböden. Hinterher kommt alles raus. Warum?

Wo sind die Tierärzte? Sie sind beim Eintreffen der Tiere da, nur wo? Gesetzlich vorgeschrieben ist die Veterinäruntersuchung, verständlich, weil wünschenswert. Nur faktisch findet in gar zu vielen Fällen einfach keine statt. Warum? Wo wäre dann an deren Stelle spätestens hier einmal ein Tierschützer?

Der Zeitintervall bis zur Schlachtung beträgt in der Regel bis zu einer Stunde, bei technischen Zwischenfällen auch bis zur einem Tag! Und über allem ein Schlimmes verheißender Blutgeruch.

Mit Elektroschocks werden die Tiere in Korridore getrieben. Treiber und Treiberverhalten lassen sich im Normalfall nur als schlicht schockierend bezeichnen: roh und abgestumpft, die „mörderischen Bedingungen“ halt. Bei der Treiber-Brotzeit geht’s durchaus sympathisch locker her, von den Schulproblemen der Kinder über die für die Jahreszeit wiedermal zu hohen Temperaturen bis zum letzten vergeigten Fußballspiel oder Tatort.
Fazit: ohne Rohheit und Brutalität kein Fleisch! Warum?

In der ausweglosen Endstation Einzelkorridor folgt der Bolzenschuss an den Kopf, nach Kopf- und Halsfixierung. Nur zur Betäubung. Mastbullen bekommen zwei Bolzenschüsse, die Hirnwandung ist zu dick. Die Tiere zappeln oder zeigen gerichtete Bewegungen. Letztere stehen für Fehlbetäubungen. Wiederaufwachen aus der Betäubung ist nicht ausgeschlossen.

Was dann? Zwischen der Betäubung und dem Hauptschlagaderschnitt vergeht nicht mehr als eine Minute, lang genug. Es folgt das Entbluten und das Zerteilen. Das sogenannte Geschlinge (Eingeweide) und das Muskelfleisch verraten dem kundigen Fleischbeschauer im direkten Abgleich (beide hängen getrennt gegenüber) alle Geheimnisse über Tierhaltung, Antransport und Schlachthofpein. Keine besonderen Vorkommnisse!

Moslems und Juden schächten, d.h. das Tier muss bis zur Schlachtung leben, darf also nicht betäubt sein. Das stand im Gegensatz zum deutschen Recht, das die Betäubung vorschreibt. Moslems haben sich gesetzlich-interpretatorisch auf einen rituell bitteren Kompromiss eingelassen: Betäubung heißt danach nunmehr für sie, dass die Tiere auch nach Betäubung weiter leben. Wirklich unbetäubtes Schächten bleibt nur auf Sondergenehmigung hin aber weiter erlaubt.

Hierin liegen Problem und Widerspruch der deutschen, tierschutzrechtlich zwar abgesicherten, aber deutlich realitätsfernen Praxis. Wie oft geschehen nach deutscher Art Fehlbetäubungen, die bei korrekt ausgeführter moslemischer Schlachtung hingegen nicht passieren! D.h. der Halsaderschnitt muss nach moslemischem Ritus ganz ohne Betäubung perfekt ausgeführt werden: mit feinstgeschärften Messern, nach einem Gebet und nach einer Streicheleinheit. Stresssituationen für Tier und Schächter sind verboten und ausgeschlossen. Auch muss der Tierkörper danach vollständig entblutet sein. Moslemisch geschächtetes Fleisch schmeckt besser? Warum?

Wir haben ja unsere Tierschützer und ihre modernsten Vorschriften: beruhigen und entstressen durch betäuben, dann schneiden und entbluten. Wieviel hat eben auch der praktizierte deutsche Tierschutz auf dem Schlachthof mit unseren Vorurteilen gegen moslemisches/jüdisches Schächten zu tun? Es sei hier nur beiläufig an die äußerst kunstvoll aufgeregte Beschneidungsdebatte erinnert. Nur in unserem (humanistischen?) Regelwerk fühlen wir uns wohl.

Die Tierärzte sehen ja alles, was falsch läuft. Sollte man meinen. Aber wann schreiten sie ein gegen diese Zustände? Delikaterweise sind sie verbeamtet und werden gut bezahlt. Man sollte schon Vertrauen haben dürfen. Die Wirklichkeit sieht aber auch hier anders aus.

Einschreiten gegen die genannten Zustände und Bedingungen ist systemschädlich. Warum? Geschäft und Profit, Zeit-, ergo Kostendruck sind die Faktoren, die zählen, vom Hof bis zum Teller. Stress beileibe nicht nur für die Tiere, Stress für den Treiber und den verantwortungsbewußten, verbeamteten Tierarzt zugleich. Und gehöriger Stress für die uns wärmenden Tierschutzverordnungen. Diese Bedingungen werden beamtlich akzeptiert, Tierschutz steht faktisch ganz hinten dran. Und die gestresste Fleischqualität? Wir hätten die Wahl.

Dass und wieviel das alles mit Fleisch- und schließlich auch unserer Lebensqualität zu tun hat, wurde klar. Bekannt ist, Fleisch ist billig, weil es ja unter diesen Bedingungen produziert wird. Schlußfolgerung: es ist natürlich viel zu billig. Wer kann/muss sich billiges Fleisch leisten können/müssen? In welchen gesellschaftlichen Schichten ist Fleisch (leider) besonders beliebt? Ist es gar ein gesellschaftliches Interesse, Fleisch systemisch billig zu halten? Schon der römische Kaiserstaat funktionierte blendend nach dem Motto: Brot und Spiele, wir haben ja unser Fleisch.

Darum.

Es bleibt am Ende also nur zu fragen, welche Bedeutung unter diesen genannten unerträglichen Zuständen und Bedingungen der Änderung der „Satzung über die Benutzung des Schlacht – und Viehhofs der Stadt Bamberg“ letztlich wirklich zukommt?

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