Johannes Winterhagen: Abgeschaltet. Was mit der Energiewende auf uns zukommt

Criticus

Als das Kabinett Merkel am 6. Juni 2011 unter dem Eindruck der Nuklearkatastrophe von Fukushima das Aus für acht Kernkraftwerke und den stufenweisen Atomausstieg bis 2022 beschloss, war dies primär eine politische Instinkthandlung. Die – selbstverständlich von den Medien sowohl gespiegelte als auch alarmierte – Stimmungslage der deutschen Bevölkerung war so beschaffen, dass die amtierende Regierung nur mit einer solchen Entscheidung hoffen konnte, politisch zu überleben. Gute anderthalb Jahre nach der japanischen Katastrophe erheben sich hierzulande zunehmend Stimmen, die den geplanten Atomausstieg aus wirtschaftlichen und umweltpolitischen Gründen in Frage stellen, die damalige Entscheidung als Ausdruck „typisch deutscher Hysterie“ werten und eine Versachlichung der Diskussion fordern. Es zeichnet sich ab, dass das energiepolitische Zukunftskonzept auch eines der zentralen Wahlkampfthemen im kommenden Bundestagswahlkampf werden wird.

Wie auch immer man sich in dieser Frage positioniert hat oder noch zu positionieren gedenkt – es kann nicht schaden, etwas mehr Sachverstand in die Debatte einfließen zu lassen. Eine gute Möglichkeit dafür bietet einem breiten Publikum die Lektüre des vorliegenden Buches von Johannes Winterhagen, der sich seit knapp 20 Jahren als Technikjournalist und Redakteur von Fachzeitschriften einen Namen gemacht hat. „Abgeschaltet“ bietet seinen Lesern in einem umfassenden Überblick Verständnis-Zugänge zu den verschiedenen Energieträgern der Vergangenheit und Zukunft, informiert über Chancen und Risiken verschiedener Formen erneuerbarer Energie und beleuchtet auch die technischen, politischen und mentalen Hindernisse, die der sog. Energiewende entgegenstehen. Durch die Reportageform ist das Buch unterhaltsam lesbar, ohne dafür Qualität zu opfern. Was mir daran besonders gefällt, ist zunächst sein undogmatisches Interesse für alle möglichen Energieträger, deren Risiken und Beschränkungen aber auch gleichermaßen kritisch beleuchtet werden (zum Beispiel bleibt nicht unbesprochen, dass Geothermie nur unter Inkaufnahme ,seismischer Ereignisse’ zu gewinnen ist); sodann imponiert mir sein Denken in komplexen, langfristig ausgelegten und mit Rückkopplungseffekten versehenen Strukturen und Systemen (das unseren politischen und populär-medialen Diskursen so häufig fehlt) und letztlich auch seine grundsätzlich optimistische Einstellung, dass die anstehenden Probleme, so gewaltig sie auch sind, von den Menschen am Ende gelöst werden können, dass es einen Sinn macht, daran zu arbeiten.

Johannes Winterhagen stellt als Fazit seines Buches sechs (im Text ausführlich erläuterte) Thesen zur Energieerzeugung der Zukunft zur Diskussion, die manchen Zeitgenossen irritieren werden: 1. Energiesparen rettet die Welt nicht. 2. Wind- und Sonnenstrom reichen auf absehbare Zeit nicht. 3. Es geht nicht ohne große, zentrale Kraftwerke. 4. Neue fossile Kraftwerke sollten Vorfahrt erhalten. 5. Die Energieforschung muss intensiviert werden. 6. Vergessen wir den Konsens! Streiten wir über den Weg!

Johannes Winterhagen: Abgeschaltet. Was mit der Energiewende auf uns zukommt.
256 Seiten. München: Hanser Verlag. Gebunden.
€ 17,90. ISBN 978-3-446-42773-0

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