Fünf Feier-Tage in Folge. Deutschland wird Europameister

Von Speedy Gonzales

Seit Sonntagabend ist es offiziell – die Deutschen sind Europameister! Doch, doch, wir sind noch bei Verstand und, um Missverständnisse sogleich auszuhebeln, sitzen hier bei einer frühen Tasse schwarzen Tees, Brot und Marmelade (leider nicht die uns zumeist liebste, Rhapsodie de fruit, bevorzugt Mirabellen, aus Mont-près-Chambord, unweit des berühmten Loire-Schlosses gelegen). Wir reden ja nicht von einem Elfer-Team, genaugenommen: dreiundzwanzig, noch von irgendwelchen Spielchen irgendwo in Polen und der Ukraine.

Vierundneunzig Freunde sollt ihr sein, dann werdet ihr viel Freude haben. Beispielsweise in Helsinki. Mit der 4 x 400-Meter-Staffel der Männer gingen dort eine gute Stunde vor dem Spielbeginn in Kiew die 21. Leichtathletik-Europameisterschaften zu Ende. 3:01,77 Minuten genügten Jonas Plass, Kamghe Gaba, Eric Krüger und Schlussläufer Thomas Schneider, um Bronze zu holen. Silber ging an Großbritannien, es gewann mit einem Vorsprung von fast einer halben Sekunde das belgische Quartett. Belgien hatten wir bislang eher mit dem Radsport in Verbindung gebracht, mit Schokolade, mit zwei jungen Köchen und Küchen (Sergio Herman, Oud Sluis; In de Wulf, Kobe Desramaults). Aber man lernt ja nie aus, und das ist gut so. Also dass es so ist.

But back to business, nach Helsinki mithin. Gut ist zudem, dass wir es aus reiner Neugierde heraus gerade so eben noch geschafft haben, uns Startläufer Jonas Plass etwas näher anzuschauen. Der Gute, Jahrgang 1986, ist nämlich aus Bamberg gebürtig und hat an der Regnitz, ehe es die Familie nach Rosenheim zog, seine ersten sechs Lebensjahre verbracht.

Die Frauenstaffel über die vierfach volle Stadionrunde mit Schlussläuferin Fabienne Kohlmann von der LG Karlstadt-Gambach-Lohr erreichte den fünften Platz. Vom Traditionsverein LAC Quelle Fürth wurde niemand nach Finnland geschickt.

Aber Europameister? Mit sechsmal Gold, sechsmal Silber und viermal Bronze fand sich die deutsche Mannschaft nach Abschluss aller zweiundvierzig Wettbewerbe vor den Franzosen und der Ukraine im Medaillenspiegel ganz oben. Sie darf sich doch wohl, cum grano salis, Europameister nennen. Oder etwa nicht?

Zum Auftakt der EM hatte sich Arne Gabius über 5000 Meter die Silbermedaille gesichert und damit das Team beflügelt. Was so gut begann, das musste einfach gut enden. Am Schlusstag sprang Sebastian Bayer im sechsten und letzten Versuch 8,34 Meter weit und heimste die sechste Goldmedaille für die Deutschen ein. Das Nachsehen hatte, nebenbei, ein Spanier. Nach zwei Fehlversuchen und zwei Sprüngen auf Sicherheit drehte der Aachener Bayer zwei Wochen nach seinem sechsundzwanzigsten Geburtstag erst in den abschließenden Sprüngen auf. Es war bereits sein dritter Titel auf europäischer Ebene. In der Halle hatte Bayer 2009 in Turin mit sensationellen 8,71 Metern gewonnen, zwei Jahre darauf genügten an der Seine 8,16 Meter zum Hallentitelgewinn.

Die Sprint-Staffel der Frauen durfte sich ebenfalls über die Goldmedaille freuen. Schlussläuferin Verena Sailer kam mit deutlichem Vorsprung vor den Verfolgerinnen aus den Niederlanden und aus Polen ins Ziel. Bei sehr guten 42,51 Sekunden blieb die Uhr stehen. Die Mannheimerin hatte im Einzelfinale als Sechste ihren in Barcelona errungenen Titel nicht verteidigen können. Mit der Staffel folgte die späte Genugtuung. So schnell wie die vier Damen war in Europa in diesem Jahr noch niemand unterwegs. Aus den Blöcken gestartet war die Kölnerin Leena Günther (Jahrgang 1991), die an die Pfälzerin Anne Cibis übergab. Dritte im Bunde der glücklichen Viererbande war, vor Sailer, Tatjana Pinto von der LG Ratio Münster. Pinto wird mit den Mädels ziemlich ausgelassen in ihren heutigen Geburtstag hineingefeiert haben. Wir gratulieren herzlich zum Zwanzigsten. Ad multos annos! Die dürften bei diesem Alter noch locker drin sein, schnellere Zeiten wohl auch.

Ach ja, Sie wollen wissen, wo die Spanier abgeblieben sind? Die erreichten im Medaillenspiegel unisono mit Norwegen den neunten Rang: Gold, Silber, zweimal Bronze. Immerhin waren sie, wie in Kiew, besser als die Italiener (eine Bronzemedaille weniger, Platz elf).

Hindernisläufer Felix Hentschel von der LG Bamberg war bei den Europameisterschaften nicht am Start. Die Ende Mai in Dessau gelaufene Bestzeit – 8:40.87 – hätte Hentschel in Helsinki theoretisch fast zum Einzug ins Finale der acht Besten gereicht. Aber genug der Theorie. Wir wenden uns nun der frühmorgendlichen Praxis zu und setzen noch einen Tee auf. Das Brot ist schon geschmiert.

NB: Wir bleiben dran! Demnächst ein – hoffentlich – inspirierter Rückblick auf Helsinki und eine gewagte (London, gefühlsecht) Vorausschau.

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