Bamberg in alten Ansichten

Ein Streifzug durch das noch unveröffentlichte Archiv des Bamberger Postkartenverlags W. Tillig / Veranstaltung am Mittwoch, den 15.11.2017 um 18.30 Uhr im Lichtspiel (Untere Königstr. 34)

Ein Interview von Uwe Schillhabel mit Christian Schmitt

Plärrer am Heinrichsdamm. Foto: Hans Tillig

In der etwa 90-minütigen Veranstaltung werden circa 70 überwiegend farbige und bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus den 1950er- bis in die 1970er-Jahre gezeigt. Die Bilder sind aus dem Nachlass des ehemaligen Postkartenverlags Tillig. Heinz Tillig, der Sohn des Fotografen Hans Tillig, wird mit zahlreichen Anekdoten die Fotografien erläutern. Die Moderation übernimmt der Bamberger Postkartensammler Christian Schmitt, aus dessen Bestand die Fotografien stammen. Nach dem Vortrag stehen Heinz Tillig und Christian Schmitt zu einem persönlichen Austausch bereit. Ein Interview zu dieser Veranstaltung und zu dem Tillig-Nachlass mit Christian Schmitt.

Heinz Tillig und Christian Schmitt

Uwe Schillhabel und Christian Schmitt beim Sichten der Fotografien

Uwe Schillhabel: „Bamberg in alten Ansichten“ – was hat der Besucher der Veranstaltung zu erwarten? Eine historisch fundierte Beschreibung des heute nicht mehr Sichtbaren oder des stark Veränderten, eine ästhetisch anspruchsvolle Präsentation der vermeintlichen „Traumstadt der Deutschen“ in früheren Jahrzehnten oder eine sentimentale Verklärung des Vergangenen im Sinne eines „früher war alles besser“?

Christian Schmitt: Es werden Fotografien zu sehen sein, die oft abseits der klassischen Bambergmotive entstanden sind und sowohl in künstlerischer als auch handwerklicher Hinsicht sehr hochwertig produziert wurden, wobei der Betrachter der Bilder beim ersten Anblick des Motivs sicherlich manchmal sondieren muss, wo das Bild entstanden ist, denn Tillig beherrschte es meisterlich, genau diese Motive aufzuspüren, die sich entweder gerade in der Veränderung befanden oder sich soben verändert hatten, so dass sie heute oft nicht auf den ersten Blick wiederzuerkennen sind. Es werden aber, das sei hier versichert, auch einige Bilder gezeigt werden, die dem geneigten Besucher sentimentale Gefühle an die „gute alte Zeit“ bescheren werden.

Uwe Schillhabel: Besteht ein Unterschied in Motivwahl oder Qualität zwischen den kommerziellen Postkarten des Verlags Tillig und den hier gezeigten Fotos?

Christian Schmitt: Ja, es besteht eindeutig ein Unterschied. Tillig hat durchaus vereinzelt auch bei seinen Ansichtskarten untypische Motive verlegt, deshalb bin ich als Postkartensammler überhaupt auf ihn aufmerksam geworden. Der Großteil seiner Postkarten ist jedoch kommerzieller Natur mit den üblichen Motiven. Wir zeigen in unserem Vortrag nicht die Postkarten, sondern Fotografien, die Tillig in Ausübung seines Hobbies angefertigt hat. Das sind dann Bilder abseits des gefälligen Mainstreams und das sind die wirklich interessanten Bilder, die oft ganz neue Perspektiven und Blicke ermöglichen.

Hochhaus Hegelstr., im Hintergrund das Dientzenhofer-Gymnasium. Foto: Hans Tillig

Uwe Schillhabel: Du sprichst von neuen Perspektiven und Blicken in den Fotografien aus dem unveröffentlichten Tillig-Archiv. Welche Motive oder Motivgruppen sind aus Deiner Sicht als Sammler von historischen Bamberg-Bildern besonders gelungen?

Christian Schmitt: Zum einen die Bilder, die Motive zeigen, die es nur kurz gegeben hat, zum Beispiel Verkaufsbuden auf Trümmergrundstücken in der Nachkriegszeit, die nur wenige Jahre existierten und dann bald Neubauten weichen mussten. Zum anderen die Bilder, die abseits der Altstadt das neue Bamberg, neue Viertel, neues Wohnen, neues Bauen abbilden, beispielsweise in Bamberg – Ost. Tillig fängt die optimistisch und selbstbewußt in die Zukunft blickende Atmosphäre, die diese Gebäude ausdrücken, in eindrucksvoller Art und Weise ein.

Blick auf den gerade entstehenden Heidelsteig und den Rohbau der Universität. Foto: Hans Tillig

Uwe Schillhabel: Zu den bekanntesten Fotochronisten Bambergs zählen – in chronologischer Reihenfolge – Alois Erhardt, Max Gardill und Emil Bauer. Siehst Du die Bilder von Hans Tillig in dieser Tradition und welchen Stellenwert würdest Du ihnen unter dokumentarischen, ästhetischen und künstlerischen Gesichtspunkten beimessen?

Heumarkt/Holzmarkt. Foto: Hans Tillig

Christian Schmitt: Die Motivation jeder der drei genannten Fotografen war eine andere. Erhardt beispielsweise hatte einen Auftrag aus öffentlicher Hand, um Veränderungen zu dokumentieren, Gardills und Bauers Wirken stand meist im Zusammenhang mit journalistischen Medien. Ganz anders Hans Tillig: die nicht für Ansichtskarten angefertigten Bilder waren keine Auftragsarbeiten, er konnte sich völlig frei betätigen, es war sein professionell betriebenes Hobby und so entstanden nicht nur aus handwerklicher, sondern auch aus künstlerischer Sicht sehr hochwertige Bilder in einem ganz eigenen Stil. Obwohl ganz anders als Erhardt, Gardill oder Bauer sind Tilligs Bilder in ihrer Bedeutung sicherlich ebenbürtig.

Schönleinsplatz. Foto: Hans Tillig

Uwe Schillhabel: Im Gegensatz zu den genannten Fotografen wurde das Werk Hans Tilligs, weder die aufgelegten Postkarten noch die Bilder aus dem Nachlass, in irgendeiner Form publiziert. Dass die Fotografien jetzt zugänglich werden, verdanken wir neben Sammelleidenschaft und dem Gespür des Kenners auch dem viel gescholtenen Internet 2.0. Ohne Facebook würde es den Bildervortrag wahrscheinlich nicht geben, auch nicht die Diskussionen in Fachkreisen. Erzähl doch mal, wie es dazu kam.

Grüner Markt. Foto: Hans Tillig

Christian Schmitt: Als Sammler sah ich die Tillig-Postkarten schon immer als etwas sehr Eigenes und Besonderes an. In der Facebookgruppe „Du bist ein echter Bamberger, wenn …“ stellte ich seit 2013 in einem eigenen Album regelmäßig allerlei Abbildungen, Dokumente und Postkarten aus meiner Sammlung ein, um die sonst im Regal schlummernden Schätze einem größeren Publikum auf sehr einfache Art näher zu bringen. Erfreut registrierte ich eines Tages, dass auch Heinz Tillig, der Sohn Hans Tilligs, dieser Gruppe beigetreten war. Da ich wusste, um wen es sich da handelte, fasste ich mir ans Herz und ging offensiv auf ihn zu und rief ihn einfach an. Scheinbar rannte ich offene Türen ein, denn sehr schnell kam es zum ersten persönlichen Kontakt und Herr Tillig gewährte mir für mich ungeahnte und unbezahlbare Einblicke in das Schaffen seines Vaters. Es ist also, wie es heute gang und gebe ist: wir haben uns im Internet kennengelernt und pflegen seitdem regen Kontakt.

Uwe Schillhabel: Ist nach der Präsentation im Internet und dem Fotovortrag am 15.11. eine weitere Verbreitung der Bilder geplant und wie siehst Du die Chancen für eine Ausstellung vor größerem Publikum oder sogar für eine Buchveröffentlichung?

Christian Schmitt: Es wäre schade, wenn die Bilder Hans Tilligs wieder in der Versenkung verschwinden würden. In welcher Form auch immer: sie haben eine größere Beachtung verdient, sei es in Form einer Buchveröffentlichung oder auch im Rahmen einer Ausstellung. Vielleicht wird ja durch den Vortrag jemand auf Tilligs Werk aufmerksam, der diesbezüglich Möglichkeiten sieht. Darüber würden wir uns natürlich sehr freuen.


Bamberg in alten Ansichten

 

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