Die einst engagierte Nation

Andreas Reuß

Ausschnitt aus einem entstehenden autobiographischen Roman.

Vor 50 Jahren war ein erster Höhepunkt der „68er“-Revolte

„Junge Revolutionäre“. Foto: Werner Kohn

Es war der 2. Juni 1967. Wir saßen am Tisch und diskutierten. Wir waren geschockt von der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten bei einer Demonstration in Berlin. Wir hielten unseren bildungsbürgerlichen Eltern und Verwandten Thesen des Kommunismus vor, verlangten die Diktatur des Proletariats, die Absetzung der Bonner Regierung und die Entmachtung der Kapitalisten. So ganz glaubten wir selbst nicht an jeden dieser Punkte, aber wir reizten unsere Eltern und Lehrer damit. Die Theorie-Diskussionen, insbesondere der weltanschauliche Ost-West-Konflikt, reichte jedenfalls bis an die Familientische.

Wir rannten auf die Straße hinaus und „spielten“ demonstrieren, so wie wir es im Fernsehen oder in der Zeitung gesehen oder in Schwabing selbst beobachtet hatten. Wir setzten uns halb auf die Straße, bis Erwachsene kamen und uns traten. Leider kam nicht die Polizei. Gierig warteten wir auf die nächste Ausgabe des „Spiegel“, in der wieder haarklein berichtet wurde, wie die Polizei auf Demonstranten eingeprügelt hatte. Das fanden sogar die Eltern nicht richtig, wie wir am Rande mitbekamen. „Nicht korrekt, unverhältnismäßig“, sagte unser Vater in seinem Beamtendeutsch. War er doch nach ein paar Bamberger Jahren Direktor des Gymnasiums Höchstadt an der Aisch geworden, des „Karpfenweiher-Gymnasiums“, wie wir es nannten, irgendwo zwischen Fetzelhofen und Mechelwind.

Beide Orte wurden später Zentren des Interesses. Aus Fetzelhofen kam einer der besten Abiturienten Bayerns, was die Erlanger Sprachforscher völlig durcheinander brachte, vertraten sie doch die Theorie vom „restricted code“ der „niederen Schichten“ und ihrer damit einhergehenden Bildungsunfähigkeit. Und in Mechelwind hatte sich im „Schloss“, einem größeren Haus über den Weihern, eine Erlanger Kommune eingenistet, deren Mitglieder Haschisch rauchten, freien Sex hatten und bluesige Rockmusik machten, zum Beispiel das Gitarren-Genie Muck Groh, die bildhübsche Sängerin Eva Gruber oder der später berühmt gewordene Saxophonist Klaus Kreuzeder. Besessen von Neugier radelten wir dort hinaus und bestaunten die Große Freiheit.

Nach unserer Rückkehr schrie uns der „Rex“ an, wir würden nach Rauch stinken, sollten uns sofort anständig anziehen und die Haare schneiden lassen. Ab und zu fuhren wir nach Erlangen, gingen in den Buch- und Schallplattenladen „Montanus“ oder unterhielten uns mit Studenten, die irgendwie revolutionär aussahen. Noch aufregender war Schwabing, wo unser Onkel Helmut Oeller wohnte. Er war in Würzburg Schüler des Bamberger Altphilologen Dr. Peter Schneider gewesen und wurde später Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks. Er war sehr konservativ. Deswegen haben wir nie begriffen, dass so ein Film wie „Baal“ von Volker Schlöndorff, mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle, ins Erste Fernsehprogramm kommen konnte, gefördert von Onkel Helmuts „Studienprogramm“. Das gab einen Sturm der Entrüstung. Aber so stellten wir uns das Filmemachen vor.

In der Nürnberger Meistersingerhalle besuchten wir tolle Rockkonzerte, sie durften nur nicht „kommerziell“, sondern mussten „underground“ sein. Einen der besten Auftritte hatten „Taste“ mit Rory Gallagher. Die Vorband mit ihren Lautsprecherwänden und ihrer Lightshow war zu „kommerziell“, es war wohl „Deep Purple“ damals, deren Auftritt warteten wir im Foyer ab.

„Sit in“ auf dem Schönleinsplatz anlässlich der dritten Lesung der Notstandsgesetze, 29. Mai 1968. Foto: Werner Kohn

In Schwabing hatten die Mädchen sehr knappe Miniröcke an, und ständig sahen alle so aus, als würden sie gerade demonstrieren. Fast noch reizvoller waren Ausflüge nach Bamberg. Da prallten streng katholische Bürger und rebellische Jugendliche direkt aufeinander. Wir konnten auf der Straße diskutieren, im „Politbuchladen“ in der Kleberstraße die „Mao-Bibel“ oder Camus’ „Der Mensch in der Revolte“ kaufen und in der Lokalzeitung „Fränkischer Tag“ genüsslich die große Empörung über kleinste Demonstrationsansätze verfolgen. Man war gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze und für Kriegsdienstverweigerung. Außerdem sollte sich die Gesellschaft endlich einmal mit der Nazi-Zeit auseinandersetzen.

Der „Politbuchladen“ in der Kleberstraße wurde im Juli 1969 von Bamberger Bürgern, die sich empört gaben, gestürmt. Sie verwüsteten den Laden und schlugen mehrere zufällig anwesende Personen zum Teil krankenhausreif. Die verständigte Polizei soll weder eingegriffen noch Anzeige gegen die Täter erstattet haben. Später entstanden an anderen Stellen der Stadt wieder linke Buchläden, zum Beispiel die Feuerbachbuchhandlung oder Collibri, die in neuer Form heute noch existiert.

Im Rückblick wurde uns klar: In Bamberg und Umgebung war seinerzeit überraschend viel los. Schüler trafen sich im März 1968 zum Beispiel in der Brauerei „Keesmann“, um eine Veranstaltung gegen den Vietnamkrieg vorzubereiten. Im April gab es dazu eine ganze Aktionswoche, im Mai folgte ein Sit-in auf dem Schönleinsplatz. Viele wurden festgenommen und verurteilt. 1968 kamen prominente Mitglieder der damaligen „Außerparlamentarischen Opposition“ nach Bamberg, unter anderem Fritz Teufel, und erfuhren den ganzen Hass der Bevölkerung und von Seiten von Polizei und Justiz. Dieter Kunzelmann und Wilfried Böse waren selbst Bamberger. Böse gehörte ca. zwei Jahre später zur „Bewegung 2. Juni“ und zur RAF, 1976 wurde er nach einer Flugzeugentführung in Entebbe erschossen.

Die RAF konnten wir dann nicht mehr nachvollziehen. Stattdessen kauften wir uns schon mal die FAZ. Deren Literaturblatt redigierte Karl Heinz Bohrer, der konservative Intellektuelle, der andererseits mit Jürgen Habermas und Ulrike Meinhof mehr oder weniger befreundet war. Wir fanden, dass die Inhalte der Demonstrationen und die Debatten der Intellektuellen verflachten; im Vergleich zu früher „waren (es) nicht nur gewichtige Argumente, die sie einbrachten, sondern gleichsam ihre Existenz“, schrieb Eberhard Rathgeb 2005. Und: „… es ist merkwürdig still in Deutschland.“ (Die engagierte Nation, Deutsche Debatten 1945–2005).

Im Rückblick wurde uns klar, dass es die angepassten Bürger und die damalige Polizei waren, welche die Schwelle zur nicht verhältnismäßigen Gewalt gegen die körperliche Unversehrtheit erstmals überschritten: in Berlin durch das Einprügeln auf Demonstranten und vor allem das Erschießen von Benno Ohnesorg, in Bamberg durch die Erstürmung des Politladens – ohne strafrechtliche Folgen.

Die Bürger waren damals immer noch eher obrigkeitshörig als demokratisch und empörten sich gegen jede Art von Rebellion, insbesondere mit symbolischen Andeutungen von Gewalt, zum Beispiel Beschädigung oder Verbrennung von Dokumenten. Die gleiche Art von Bürgern trat aber nach der Jahrtausendwende bei Demonstrationen einer „Pegida“-Bewegung auf, in deren Zusammenhang Minister und Bundeskanzlerin am Galgen gezeigt wurden. Parallel dazu erschütterte die beispiellose Terrorwelle der NSU das Land. Und anhaltender, rechtsradikaler Terrorismus scheint die Gewalttaten der RAF noch zu übertreffen. Immerhin sind wir derzeit froh, dass der Zuspruch zu dieser populistischen Partei aus dem Dunstkreis der „Pegida“ im Moment wieder geringer zu werden scheint.

Entsetzlich finden wir das primitive Niveau des geistigen Hintergrunds dieser Bewegung und ihrer Partei. Früher gab es durchaus noch streng oder gemäßigt Konservative, mit denen wir uns ernsthaft auseinandersetzen konnten. Im Feuilleton der FAZ arbeiteten beispielsweise Friedrich Sieburg und später Karl Heinz Bohrer, der die Journalistin und Autorin Margret Boveri – aus einer Bamberger Familie stammend – als die „große alte Dame“ dieser Zeitung bezeichnete. Als weitere, respektable Intellektuelle dieser Richtung empfanden wir etwa Joachim Fest, Karl Rahner, Wolf Jobst Siedler und Richard von Weizsäcker. Wenn wir da an die Heutigen denken! Deprimierend.

Eine gewisse Politisierung sei wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückgekehrt, sagt man. Aber es ist nicht mehr spannend, welche Intellektuelle à la Hannah Arendt welchen großen Artikel geschrieben oder ein neues Buch zur „Geistigen Situation der Zeit“ herausgebracht hat (Jürgen Habermas, 1979). Andere Dinge sind in der globalisierten, digitalisierten Mediengesellschaft in den Vordergrund gerückt, oder?

Aber noch manchmal sitzen wir am Tisch und diskutieren.

 

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