Transformationsdesign und Grosse Transformation

Bernd Sommer / Harald Welzer: „Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne“

Werner Schwarzanger

Design ist Oberflächenneugestaltung. Um das Wirtschaftswachstum anzuregen, gestalten Designer Produkte attraktiver um. Transformationsdesign dagegen will die alltägliche Praxis überhaupt erdverträglich umgestalten. Unabhängig von der „Reflexionsindustrie“ und voll guter Impulse wie der Gemeinwohlökonomie oder dem Bedingungslosen Grundeinkommen hilft Transformationsdesign den weltweit wachsenden Bund jener Gutwilligen bilden, durch den die verfressene Raupe Menschheit sich endlich zu dem erdbehutsamen Schmetterling wandeln kann, als der sie veranlagt ist. So sehr dieser Ansatz zu begrüßen ist: reicht er, um das Verhängnis der strukturell unnachhaltig sich entbettenden und so in einer failed globalisation festgefahren zukunftsfressenden Moderne zu stoppen? Wie, wenn der verabsolutierte technische Fortschritt der kapitalistischen Allvernutzung der Marsch in ein immer auswegloser heraufbeschworenes Desaster wäre? Dann kann es Zukunft nur noch jenseits des Kapitalismus geben. Dann kommen wir um das zunächst rein theoretische – sprich: philosophisch grundsätzliche Fragen danach, wie über alles jetzt schon Machbare hinaus die Große Transformation ins FUTURZWEI nach dem Kapitalismus gelingen könnte, nicht herum. Und dann bleibt dieses FUTURZWEI auch den ökologischen Pfadfindern „nah an dem, was grade geht“ so lange unerreichbar, als sie das philosophische Fragen über den Kapitalismus hinaus als „politfolkloristische Nebelkerzen“ beiseitewischen.

So bleiben die Transformationsdesigner denn auch in einem halbherzigen Jein zum kapitalistischen System stecken, das – auch wenn in ihm inzwischen täglich 50.000 Hektar Wald und 100 Tierarten verschwinden – die sozialen Verhältnisse so rasch verbessert hat wie kein anderes System in der Geschichte. Warum also sollten wir dieses singulär erfolgreiche System auf ein umweltverträgliches Maß gedämpft nicht weiterlaufen lassen? Doch der „Riese Kapitalismus“, sagt Werner Sombart, denkt nicht daran, seinen profitgierigen Wirtschaftswucherwahn aufzugeben. Alle Versuche, so Sombart, ihn „mit ethischen Räsonnements wieder in die Schranken zurückzuführen, aus denen er ausgebrochen ist, werden kläglich scheitern“. Unter seinem Kategorischen Imperativ „Rausholen – jetzt!“ kann er sich nur permanent expandierend auf die Klimakatastrophe hin erhalten. Jeder Versuch, ihn zukunftsfähig neu zu erfinden, mündet apokalypseblind auf grün übertünchten Schleichwegen in die ausbeuterische Immersoweitermache zurück. Weder ein auf internationalen Konferenzen beschlossener Masterplan noch bloßes Transformationsdesign kann je direkt in die unumgänglich gewordene Große Transformation in das Zeitalter nach der kapitalistischen Moderne hineinführen, die allein uns aus dem Wirtschaftswucherzwang und seiner performativen Beliebigkeit herausholen wird: „Innehalten, aufhören, zurückgehen, ankommen“, wo „etwas gelungen ist“ – und dableiben statt fortzuschreiten: besser kann man den Impuls zur Großen Transformation nicht bündeln. Damit stellen die Transformationsdesigner das Sprungbrett für den großen Sprung aus der jetzt schon machbaren nächsten Zukunft noch innerhalb des kapitalistischen Systems ins FUTURZWEI jenseits davon her. Mehr ist jetzt noch nicht möglich.

Bernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign, Wege in eine zukunftsfähige Moderne
oekom verlag München, 2016
240 Seiten, ISBN-13: 978-3-86581-845-4
Preis: 12.95 €

 

 

 

 


 

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