Faust in Bamberg

Andreas Reuß

Assoziationen eines Bambergers bei der Lesung von Christoph Ransmayr im Spiegelsaal der Harmonie

Christoph Ransmayr. Foto: Nicole Zeiske

Es begann mit einer Klage, einer Minimal-Elegie: Ein Daumengelenk seiner rechten Hand sei gebrochen, deshalb könne er nachher, bei etwaigen Signierwünschen, nur ein grobes Namenskürzel aufs Papier werfen, sagte der Schriftsteller Christoph Ransmayr zu Beginn seiner Lesung im Spiegelsaal der Harmonie in Bamberg. Dann sprach er weiter. Dabei putzte er seine Brille. Langsam, ruhig, fast gemütlich. Eine Handlung mit Haltung – trotz des gebrochenen Gelenks. Er saß da wie jemand, der es sich in einer Berghütte bequem gemacht hat, auf der Eckbank im Herrgottswinkel, gegenüber vom Kachelofen, bei ein paar guten Büchern neben Bier und Brotzeitplatte. Sobald er das Sprechen begonnen hatte, fühlte man Freundlichkeit, ja Warmherzigkeit.

Dabei erscheinen seine Gesichtszüge auf Fotografien eher streng. Schon das Schreiten des Mannes mit Fausts „hohem Gang und edler Gestalt“ durch die langen, vollbesetzten Stuhlreihen im Spiegelsaal der Harmonie, in Jeans und Jacke, war bemerkenswert.

Ransmayr verfügt über eine warme, klare Artikulation, ohne jede Steifheit. Das tut aber der Genauigkeit, der Schärfe der Wortwahl, keinen Abbruch. Das Brillenputzen passt zu einem Schriftsteller, der genau hinsieht, genau schreibt, mit einer Sprache, die funkeln kann. Ein Autor, dem wie weiland E.T.A. Hoffmann ein Wetterglashändler mit seinen glasklaren künstlichen Augen aufgefallen wäre. Nicht umsonst führte ein früherer Roman Ransmayrs den Namen einer Augenkrankheit im Titel.

Nach dem Aufsetzen der Brille liest er aus seinem neuen Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“, über den von ihm so genannten englischen Uhren- und Automatenmacher Alister Cox, den Besten seiner Zeit, der für den Kaiser von China, einen der Mächtigsten seiner Zeit, arbeiten soll.

Der Kaiser, so wird meisterhaft geschildert, verfügt bereits über viele Uhren und sonstige Preziosen, untern anderem einen wunderbaren Wandteppich. Am Ende möchte er von Cox, der über 900 Mitarbeiter beschäftigt, ein Wunderwerk an Uhr, das „die Dauer der Ewigkeit“ messen soll.

Mit den Augen des Autors beobachten wir die Schiffreise des Engländers, seine Einfahrt in den chinesischen Hafen, wir erfahren von seiner Schwermut angesichts des Todes seiner Tochter Abigail, die im Alter von fünf Jahren an Keuchhusten verstorben war. Seine Reise erscheint als eine Art Flucht vor diesem Trauma, er muss fortwährend an die Tochter und seine Frau denken. Wir beobachten gleich zu Beginn des Romans Hinrichtungen und sehr detailgetreu die Leiden der Delinquenten. Eine Beobachtung folgt der nächsten, ein Handlungselement folgt dem anderen, es wird erzählt in diesem Roman, sehr sorgfältig und literarisch, ohne diese modernistischen „Cliffhanger“-Tricks und sonstigen Bestseller-Marotten. Das historische China entfaltet sich vor dem inneren Auge.

Wir lesen die Geschichte vom Kaiserkanal, einem großartigen technischen Wasserbaukunstwerk, anscheinend für die musischen Reisen des Kaisers auf dem Wasser bestimmt. Mit einem Mal bekommt das kaiserliche China weitere Strukturen, neben der berühmten Mauer und der Hauptstadt Peking mit der „Verbotenen Stadt“.

Die Beherrschung des Wassers spielte für das chinesische Volk eine entscheidende Rolle. Wenn es zu Überschwemmungen, Sturmfluten oder Erdbeben kam, konnte sogar die Position des Kaisers gefährdet sein. Ein Tsunami mit der Zerstörung eines Atomkraftwerks, wäre das schon existent gewesen, hätte sein sicheres Ende bedeutet. So wird die Schilderung des Kaiserkanals zur Reflexion über das Staatswesen, zur Staatsphilosophie, zur Utopiekritik.

Jenseits der Schilderung alles Strukturellen oder Gegenständlichen wird der Roman Seite für Seite zu einer geistigen Reise, letztlich zu einem philosophischen System. Eine Philosophie über Mensch, Welt, Zeit und Zeitlosigkeit, also Ewigkeit. China, seine Häfen, Landschaften, Wasserwege und Städte werden zu Metaphern, ja Symbolen, die uns reflektieren lassen über die Welt der Ideen. China erscheint als eine märchenhafte Weltmacht, zu der ein genialer Engländer recht weit vordringt.

Wie stand es um das Königreich Großbritannien damals, im 18. Jahrhundert? War es nicht Weltmacht wie China? Oder längst auf dem Weg dorthin? Gerade weil sogar aus einer großen Kultur wie China, reich an Erfindungen, ein Techniker, ein Erfinder angefragt wird? Gedanken über unsere Tage machen sich breit, über heutige Gestalten und Mächte.

Insofern ist es auch ein politisches Buch, das hier spricht, vorgetragen von einem Mann mit Intellekt. Gegenüber seiner Stimme sinken aber die Weltwunder, die Cox oder Kaiser einst gewesen sein mögen, in ihrer Bedeutung zurück; denn dieser Dichter umfasst mit den von ihm erschaffenen Gegensätzen eine größere Welt: Die ewige, unendliche Welt der Poesie. Sie nährt sich von österreichischer Warmherzigkeit einerseits, die mit der dargestellten „kalten“ Uhren- und Automatentechnik andererseits in einen künstlerischen Kontrast tritt.

Gegensätze, die befruchten: Die Alte Welt der Religion und des Glaubens, repräsentiert in der Weltordnung Chinas und seines Kaisers – die neue Sphäre der Naturwissenschaft und Technik, repräsentiert durch den Uhren- und Automatenbauer Cox. Fernblicke über weite Meere und Flusstäler – Detailbeobachtungen und Einzeldinge. Festlichkeiten im Palast des Kaisers – abgrundtiefe Traurigkeit über den Tod eines Kindes. Stimmungen, die sich zur Melancholie vermischen. Diese Melancholie, die berühmte fröhliche Traurigkeit ist es, die das Buch durchzieht.

Als fränkischer Leser fühlt man sich von all dem nicht weit entfernt, im Gegenteil, man assoziiert weit reichende Zusammenhänge. Beim Motiv des Kindstods denken wir unwillkürlich an die „Kindertotenlieder“ von dem aus Schweinfurt stammenden Friedrich Rückert, die Gustav Mahler vertonte. Demnächst, am 4. März 2017 werden sie in der Bamberger Konzerthalle von der Jungen Deutschen Philharmonie wieder einmal aufgeführt. Friedrich Rückert wandte sich als Begründer der deutschen Orientalistik dem Osten, ja sogar dem Fernen Osten, zu, indem er sich unter anderem mit der Sprache Malaysias befasste. Und Gustav Mahler komponierte bisweilen am Attersee in Oberösterreich, der mehrere Jahrhunderte zum Hochstift Bamberg gehörte. Das nahe Wels, der Geburtsort Ransmayrs, gehörte zeitweise zu Würzburg. Hans Wollschläger, lange Jahre in Bamberg lebender Schriftsteller und ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Sektion der Internationalen Gustav-Mahler-Gesellschaft, hat im Rückert-Jahr 1988 die Kindertotenlieder neu herausgegeben.

Ein klassischer „Sitz“ der Melancholie ist sicher Nürnberg, die Stadt Albrecht Dürers, der mit seiner „Melencolia I“ Kunstgeschichte geschrieben hat. Bedeutend war auch die „Nürnberger Uhr“, die noch die alte Tradition der Zeitmessung nach dem Aufkommen der mechanischen Uhren fortführen sollte. Läge nicht ein Lösungsansatz für den Kaiser von China in Ransmayrs Roman im Prinzip der Nürnberger Uhr?

Beim Thema „Uhren und Automaten“ sprudeln jedenfalls erst so richtig die Assoziationen. Christoph Ransmayr las im Gebäudekomplex des Bamberger Theaters, an das bekanntlich einst E.T.A. Hoffmann berufen worden war. Hoffmann bewirkte nicht viel weniger als einen Bewusstseinsschritt in der Geschichte der Menschheit. Und das begann gerade in seiner Bamberger Zeit.

Eine Schlüsselerzählung in diesem Sinne ist Hoffmanns „Sandmann“, in dem die Automaten-Marionetten-Puppe Olimpia eine Hauptrolle spielt. Während Ransmayrs wunderbar eindringlicher, ja bannender Lesung, wähnte man sich im Festsaal aus dem „Sandmann“, in dem die automatische Puppe tanzt, tanzt und tanzt – und die Zeit nicht zu vergehen scheint, bis ihr inneres Uhrwerk abgelaufen ist.

Diese Puppe als Motiv der Dichtung, als die „Unruh“ der künftigen Literatur- und Geistesgeschichte, ist eigentlich die Uhr, die der Kaiser von China in Ransmayrs Roman am Ende bestellt, weil sie die Ewigkeit misst. So etwas kann kein noch so genialer Uhren- und Automatenbauer liefern; aber Hoffmann hat es geliefert in seiner Erzählung, Ransmayr hat es geliefert in seinem Roman – und er musste nicht einmal die „Elixiere des Teufels“ trinken.

Bedenket ihr Herrscher und Techniker alle: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ (Hölderlin)

 

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