Der Mensch als Gärtner

Andreas Reuß
Kartoffelernte. Foto: Erich Weiß

Foto: Erich Weiß

Ein Plädoyer für einen humanen und natürlichen Umgang mit dem Weltkulturerbe Bamberg: persönlich, grundsätzlich-philosophisch und politisch-konkret.

Was ist ein Denkmal? Ein Denkmal ist erst einmal ein Zeichen bzw. ein Zeichensystem. Und was ist ein Zeichen? Darüber setzten sich die Philosophen spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts heftig auseinander – und sie tun es bis heute. Die entsprechende philosophische Disziplin ist die Semiotik, zu der unter anderem der in Bamberg lebende Philosoph Helmut Pape eine viel beachtete Fachliteratur beigetragen hat. (1)

An der Tatsache, dass ein Denkmal ein Zeichen ist, erkennt man, wie sehr die Betrachtung von Denkmälern mit der Philosophie verbunden ist, ob man will oder nicht.

Um für uns eine Arbeitsgrundlage zu haben – und mehr gibt es in der Philosophie selten –, könnte man sagen: Ein Zeichen hat drei Dimensionen. Erstens eine materielle Dimension (etwa die Tinte bzw. Steine), dann eine Art syntaktische Dimension, also einen Zusammenhang mit den anderen Zeichen, der Zeichenwelt insgesamt, und eine semantische, also eine Bedeutungsdimension. (2) Diese ist natürlich beim Denkmal besonders interessant; denn sie muss vereinbart sein, um den Status eines Denkmals herzustellen.

Eine Blickrichtung, eine kaum sichtbare Struktur, eine Erderhebung, eine Vertiefung im Boden, eine signifikante Erdverfärbung, ein Weg, ein einzelner Stein, ein Holzbalken, ein Trümmerhaufen, ein Pfeil auf einer Außenwand (3), ein Gebäude oder gar ein Stadtteil – all das können Zeichen, ja sogar Denkmäler sein, sie müssen es aber nicht. Es kommt auf die zugeteilte (Be-) Deutung und die entsprechende Vereinbarung an. Es kommt darauf an, dass sich eine Gesellschaft ein Bild – wiederum ein Zeichensystem – davon gemacht und sich mitgeteilt hat: Dies ist ein Denkmal; diese materiellen Erscheinungen entsprechen unserer Vorstellung von einem Denkmal.

Die Vereinbarung, dass etwas Materielles, manchmal auch Immaterielles, ein Zeichen sei, wie es in die Zeichenwelt hineinpasse und welche Bedeutung es gewinne, vielleicht als Denkmal eines bestimmten schützenswerten Ranges, erfolgt üblicherweise in der Form einer Setzung oder einer Definition, die eben mitgeteilt, also möglichst umfassend kommuniziert werden muss. Oder diese Definition wurde seit alters überliefert. Hierzu schreibt Tilmann Breuer: „Ein Gegenstand kann aber nur als Denkmal existieren, wenn zu einer materiellen, aus der Vergangenheit ererbten Manifestation die authentische Überlieferung, welche über deren geschichtliche Bedeutung belehrt, hinzutreten kann.“ (4) Insofern sind Beschreibungen von Denkmälern und immer wieder neue, auch persönliche Gedanken darüber untrennbar mit der Existenz eines Denkmals verknüpft. (5)

Nehmen wir als Beispiel Reste in der Erde. In Bamberg hat man erst spät, nach 2008, einen Stadtarchäologen eingestellt, der sich um Bodendenkmäler kümmert. Bei archäologischen Funden „handelt es sich um von Menschen gemachte Dinge, die immer auch als Ikon, Index, Symbol, Verweis in komplexe Zeichensysteme integriert sind und denen wir durch Herstellung und Nutzung Bedeutungen zuweisen“, schrieb erst jüngst die Forscherin Marlies Heinz. (6) Und das Potential der vielfältigen Bedeutungszuweisungen beinhalte eine „eminent wirkungsmächtige Rolle für das politische Handeln“. (7) Kein Wunder, dass Terroristen – und darauf bezog sich Heinz – auch Kunstdenkmäler zerstören, wie zum Beispiel im Nahen Osten.

Akteure

Wer nimmt nun etwas als Denkmal wahr, wer definiert, wer diskutiert – vielleicht in der Politik – darüber und kommuniziert die Definition? In der Denkmalpflege gibt es dafür drei bis fünf Hauptakteure, die einmal mehr, einmal weniger zusammenspielen: 1. die amtliche, 2. die wissenschaftliche und 3. die ehrenamtliche Denkmalpflege. Hinzu kommt 4. die öffentliche Meinung, vor allem die Presse, die sich nur sporadisch, oft divergierend oder widersprüchlich zu Wort meldet. Nicht zuletzt spielen 5. Investoren eine Rolle.

Die amtliche Denkmalpflege besteht im Wesentlichen aus der Unteren Denkmalschutzbehörde, die zur Stadtverwaltung gehört, und aus den Abteilungen des Landesamts für Denkmalpflege. Hinzu kommen in Bamberg die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Welterbezentrums. Eine höhere Instanz ist – aufgrund der Kulturhoheit der Bundesländer – im Falle Bambergs noch die UNESCO, die aber nicht juristisch entscheiden kann. Die amtliche Denkmalpflege ist letztlich von der Politik dominiert, was oft zu Konflikten zwischen amtlichem Sachverstand und politischen Interessen führt.

Die wissenschaftliche Denkmalpflege ist einerseits den Universitäten zugeordnet – wofür in Bamberg ein eigener Lehrstuhl existiert –, andererseits gibt es viele wissenschaftlich ausgebildete Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger, die in Firmen und Ämtern arbeiten und nach dem Studium weiterhin wissenschaftlich lehren, forschen und publizieren.

Leider ist die Wissenschaft auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Der äußere Wissenschaftsbetrieb zeigt immer wieder Symptome einer Krise, wenn man zum Beispiel an Betrugsfälle bei Promotionen und das Karrierestreben der Wissenschaftler denkt. All das beeinträchtigt die Objektivität bei der Wahrheitssuche. Außerdem beruht wissenschaftliche Forschung bekanntlich auf dem Hinterfragen der bisherigen Theorien, und mit der Weiterentwicklung des Fachs Wissenschaftstheorie hat sich die Wissenschaft selbst so weitgehend hinterfragt, dass man kaum noch weiß, womit man es da eigentlich zu tun hat. (8)

Man muss sich inzwischen mit „Projekten“ zufrieden geben, auch in der Denkmalpflege. Worauf diese am Ende hinauswollen oder sollen, kann kein Mensch sagen. Zu welchem großen, auf Übereinstimmung beruhenden Gedankengebäude tragen diese Projekte Bausteine zusammen?

Trotzdem ist die Wissenschaft immer noch das Verlässlichste, was wir auf den Feldern der Erkenntnis, insbesondere im Gutachterwesen besitzen, sie ist immer noch überzeugender als halbseidene, nicht aufgeklärte Strömungen, die leicht in Pseudoreligionen oder Ideologien abdriften.

Freilich gibt es sogar einige sehr positive, ja vorbildliche Erscheinungen im heutigen Wissenschaftsbetrieb, in Deutschland zum Beispiel Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Er betreut zusammen mit seinen 2000 MitarbeiterInnen – darunter mehreren GeneraldirektorInnen – einen Denkmalschatz von weltweit unerhörtem Ausmaß. In einem Gespräch (9) hob er unter anderem die Nofretete und das Beethoven-Manuskript mit der Komposition der Neunten Symphonie (Weltdokumentenerbe) hervor.

Von Haus aus Prähistoriker, hat Hermann Parzinger einen unglaublichen, auch detaillierten Überblick vom Beginn der Kulturen bis zu deren Verzweigungen in der Gegenwart. Unter anderem wusste er die Jungfernhöhle bei Tiefenellern einzuordnen und kannte einzelne Funde von dort. Das Projekt Deutsche Digitale Bibliothek (seit 2009), angesiedelt bei der SPK, ist eines der faszinierendsten Wissenschaftsunternehmen unserer Zeit, das allen Internet-Nutzern zur Verfügung steht. Heute gehört eine Reihe berühmter Museen, Archive und Bibliotheken in Parzingers Verantwortungsbereich – im Grunde ein Polyhistor im Sinne der Humboldts. (10)

Mein Traum wäre, auch aus dem Geyerswörthschloss – mit Anbauten – in Bamberg eine kleine „Museumsinsel“ zu machen, in Fortsetzung zum Alten Rathaus. Es gibt ja so viele Sammlungen im Besitz der Stadt bzw. des Historischen Vereins und anderer, die hier präsentiert werden könnten. Auch Ausstellungsraum für Gegenwartskünstler könnte zwischen Rosengarten und Rathausinsel geschaffen werden, auch das Welterbe-Zentrum könnte sich hier gut ausbreiten.

Niemand sage sofort: Die Idee ist gut – aber das können „wir“ uns nicht leisten! Man sollte sich wie immer zuerst vertieft zur Idee Gedanken machen und dann die finanzielle Realisierung angehen.

Schließlich gibt es nun, um auf die Akteure in der Denkmalpflege weiter einzugehen, Bürgerinnen und Bürger, denen die Denkmalpflege am Herzen liegt, weil sie selbst in einem alten Haus wohnen oder weil ihnen die alten Strukturen aus anderen Gründen wichtig sind. Viele lieben nun einmal das alte, so gewachsene Bamberg, was man auch psychologisch bzw. anthropologisch erklären mag. Sie sind deshalb ehrenamtlich für die Denkmalpflege tätig, als Vorstände oder Mitglieder eines Vereins, der sich vorrangig bzw. unter anderem um die Denkmal- oder Heimatpflege kümmert, in Bamberg zum Beispiel die Schutzgemeinschaft Alt-Bamberg (SGAB) oder der Verein „Bewahrt die Bergstadt!“.

Plakat des Vereins Bewahrt die Bergstadt im Ottobrunnen. Foto: Erich Weiß

Plakat des Vereins Bewahrt die Bergstadt im Ottobrunnen. Foto: Erich Weiß

Außerdem werden vom Stadtrat Heimatpfleger berufen, deren ehrenamtliche Tätigkeit zu einem großen Anteil mit Denkmalpflege zu tun hat. Manche ehrenamtliche Denkmalpfleger gelten als „Träger öffentlicher Belange“, das heißt, sie müssen bei Veränderungen, die ein Denkmal oder eine Denkmal-Struktur betreffen, von amtlicher Seite zur Stellungnahme aufgefordert und gehört werden.

Auch in der öffentlichen Diskussion flammt das Thema Denkmalpflege in Bamberg des Öfteren auf, vor allem dann, wenn ein Abriss droht. Bürger schreiben dann Leserbriefe oder Beiträge für die Bamberger Zeitungen, sie melden sich in Parteiversammlungen oder gehen zu Bürgersprechstunden zu Politikern, sie ergreifen bei Bürgerversammlungen, bei Vorträgen oder Informationsveranstaltungen das Wort, unterschreiben ein Bürgerbegehren, demonstrieren oder gründen eine Initiative, von der wiederum verschiedene kreative Aktionen – Plakatierungen, künstlerische Präsentationen, Befragungen über das Internet, Blockaden usw. – ausgehen können. Einmal kam es in Sachen Denkmalpflege in Bamberg schon zu einem Bürgerentscheid, der sich gegen die bekannte Bergverbindungsstraßen-Planung aussprach.

Am Ende kann man noch gegen eine Maßnahme bei Gericht einen Antrag auf Einstweilige Anordnung oder eine Klage einreichen. Ein weiteres Mittel ist die Petition, die an die höchsten Entscheidungsträger oder Parlamente gerichtet werden kann, was ich selbst schon einmal – mit mehr oder weniger Erfolg – unternommen habe.

Die Bandbreite für das mögliche Engagement ist also recht groß. Es sage niemand, der Bürger habe keine Mitbestimmung, „die da oben“ machten sowieso, was sie wollen. Das ist ein gefährliches Vorurteil. Insofern ist die Denkmalpflege auch ein Lehrstück in Sachen Demokratie. Und es kam schon mehrmals in Bamberg vor, dass der Druck der öffentlichen Meinung – laut Habermas seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die neue Macht im Gemeinwesen – ein Vorhaben der Stadtverwaltung oder des Stadtrats gekippt hat. Andererseits wurden schon mehrere Planungen gegen den Willen der engagierten Bürger verwirklicht oder manche Planungen wurden gegen den Willen einer Bürgermehrheit nicht verwirklicht.

Eine schlimme Sache geschah mit dem fachwissenschaftlich ausgearbeiteten Parkraumbewirtschaftungskonzept für Bamberg. Es wurde von den Stadtwerken seriös ausgearbeitet, in den Fraktionen vorbesprochen und erklärt. Danach ist es aber untergegangen, weil einzelne Stadträte mit ihren Interessengruppen Einfluss ausgeübt haben. Vor allem Stadträte, die mit dem Stadtmarketingverein verbunden sind, haben sich wohl mit den Bürgermeistern in Verbindung gesetzt und ihre Ablehnung nachhaltig dargestellt. Das bedeutete das Ende dieses sinnvollen Konzepts. Das war ein sehr undemokratischer Vorgang, wie er in der Denkmalpflege leider nicht selten vorkommt.

In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass wir nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bekanntlich eine rechtsstaatliche, repräsentative Demokratie haben, keine direkte Demokratie, sodass nur in Ausnahmefällen die Mehrheit der Bürger in direkter Abstimmung über einen Spezialfall entscheidet. Die historischen Hintergründe wird man kennen. Auch ich bin ein überzeugter Verfechter der rechtsstaatlichen, repräsentativen Demokratie – ohne einzelne Volks- bzw. Bürgerentscheide ausschließen zu wollen, und zwar auf allen Ebenen, auch wenn ich mit vielen Entscheidungen, die am Ende verwirklicht oder nicht verwirklicht wurden, nicht einverstanden bin.

Kapitalismus

Ein Problem besteht freilich darin, dass man „rechtsstaatliche, repräsentative Demokratie“ durch das Wort „kapitalistisch“ ergänzen müsste. Demokratisch-transparent wird nur über die öffentlichen Haushalte entschieden. Eine genauso große, wenn nicht größere Macht übt jedoch das private Kapital aus bzw. das Kapital, über das halböffentliche Unternehmen, Kirchen, Stiftungen (11) oder Konzerne verfügen, unter anderem auch die städtischen Tochterunternehmen. Über die Verwendung von deren Geldern entscheiden einzelne Vorstände bzw. Aufsichtsräte, die sich sicher zum Teil aus gewählten Vertretern zusammensetzen, aber in nichtöffentlichen Sitzungen tagen. Hier wäre eine größere Transparenz unbedingt vonnöten.

Die privaten Banken, Unternehmen oder Konzerne investieren allein dort, wo sie es für richtig halten, sie werden nicht demokratisch kontrolliert, allenfalls indirekt über die staatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Dadurch entstehen dann im Bereich der Denkmalpflege die so genannten Investoren. Diese haben an Denkmälern bisweilen Interessen aus den verschiedensten Motiven heraus, die jedoch nicht immer denjenigen der Akteure 1-4 entsprechen. Manche sehen die Denkmäler als Immobilien, als Rendite-Objekte, manche aber auch als ganz persönliche Liebhaberei. Die jeweiligen Motive haben natürlich großen Einfluss auf den Umgang mit den Denkmälern.

Treppenabgang zum Tauchbecken. Foto: Hans-Peter Süss

Foto: Hans-Peter Süss

Eine große Rolle spielten die Investoren im Bereich der so genannten „City-Passage“, heute auch „Quartier an der Stadtmauer“ genannt. Hier waren die Investoren über lange Jahre hinweg nicht dazu fähig, ein Bebauungskonzept vorzulegen, das der Denkmalstruktur gerecht geworden wäre. Ähnlich verhält es sich mit dem Bereich Areal auf Untere Mühlbrücke. Am Schönleinsplatz hat die Stadtverwaltung und der Stadtrat als die letzte Entscheidungsinstanz den Investor – die Sparkasse – leider immer wieder gewähren lassen, sodass inzwischen ein Konglomerat aus Bauwerken entstanden ist, das in seiner Unförmigkeit und Scheußlichkeit seinesgleichen sucht. Immerhin ist ein Schulbeispiel dafür entstanden, wie es nicht sein soll. Ähnlich verhält es sich mit dem Kaulbergfuß / Balthasargäßchen. Wer hier einst zugestimmt hat, der sollte in sich gehen, sich zurückziehen und still über alles nachdenken. Die Entscheidungen sollte er von nun an anderen überlassen.

Es war der Stadtrat – doch halt! Die Bamberger schimpfen gern über die Fehler „des Stadtrats“ und beziehen jedes Stadtratsmitglied in die Gesamtverurteilung mit ein. Häufig ist es aber – gerade in der Denkmalpflege – die Stadtratsmehrheit, die solche Beschlüsse wie den Abriss des Hauses zum Marienbild oder die Umgestaltung des Maxplatzes, einschließlich der Straßen und Plätze hinter den Fassaden, zu verantworten hat.

Es war eine sogenannte konservative Mehrheit, die aber gar nicht konservativ im Sinne des Denkmalschutzes war und ist. Die politisch konservative CSU pflegt eine Philosophie, an deren erster Stelle anscheinend nicht das Bewahren steht. Na gut, der Mensch, das Soziale sollte wohl auch das Wichtigste sein. Aber ist es wirklich sozial, den Bambergern, die manchmal sagen müssen: „Ich hab nur noch mei Bamberch!“, auch noch dieses wegzunehmen, um kurzfristiger Profitinteressen willen?

Denn grundsätzlich muss man nach langen Jahren der Erfahrung feststellen: Überall dort, wo abgerissen wurde, um Geld zu machen, lag bald ein Fluch darüber, zum Beispiel über den „Theatergassen“. Die Pleite kommt und die Zerstörung bleibt, zum Beispiel am Maxplatz oder in der Langen Straße, genau dort, wo allzu unbarmherzig in den Erdgeschossen gewütet wurde.

Die These, wonach ein Einzelhandelsgeschäft besser läuft, wenn sich direkt daneben Autoabstellplätze befinden, ist falsch. Gegenbeispiele sind, in alphabetischer Reihenfolge: das Atrium, der Laurenziplatz, die Promenade, die Schranne und die Theatergassen. Weitere Beispiele könnte man ergänzen. Auf der Oberen Brücke und in der Austraße hat man die Strukturen bewahrt – und beide Quartiere zu neuem Leben erweckt. Zum Teil ist man hier auch kreativ auf Innenhöfe eingegangen, was sich besonders auszahlt – ästhetisch und finanziell – und noch viel mehr beachtet werden sollte. Katastrophal ist die Nutzung des Innenareals hinter dem ehemaligen Flurbereinigungsamt als Autoabstellplatz. Es handelt sich um den Ort, wo einst ein Klarissenkloster stand.

Parkplatz auf dem ehemaligen Klarissenklostergelände. Foto: Erich Weiß

Parkplatz auf dem ehemaligen Klarissenklostergelände. Foto: Erich Weiß

In den bewahrten Innenhöfen bzw. Innenarealen Bambergs, zum Beispiel um die Laurenzikirche, steckt noch der Charme des Alten Bamberg.

Reihenfolge beim Umgang mit Denkmälern

Wenn nun eine bauliche oder andersartige Struktur als Denkmal definiert und kommuniziert wurde, stellt sich die Frage, wie damit umzugehen sei. Diese Frage stellt sich, wohlgemerkt, erst nach diesem Definitionsvorgang! Das ist zu betonen, denn viele, die über ein Denkmal entscheiden wollen, irren bei der richtigen Reihenfolge. Sie sagen etwa: Dieses oder jenes Denkmal ist nicht so viel wert, dass es sich „rentiert“, es zu erhalten, für dieses Denkmal haben wir kein Geld, also ist es gar kein Denkmal.

Umgekehrt ist es richtig: Zuerst muss man klären, ob es sich um ein Denkmal handelt. Danach kann es sein, dass finanzielle Engpässe oder Abwägungen auftauchen, die den Erhalt als problematisch erscheinen lassen. Aber man darf nicht sagen: Wir haben kein Geld – deswegen ist dieses oder jenes für uns kein Denkmal! Oder: Die Restaurierung ist zu aufwändig – deswegen definieren wir das nicht als Denkmal. Oder: Wir wissen nicht, wie wir das nutzen sollen – deswegen ist das kein Denkmal.

Zum Beispiel wurde vor einiger Zeit eine Barockscheune in Wildensorg abgerissen, die von amtlicher und wissenschaftlicher Seite als Denkmal begutachtet worden war. Von vielen Bürgern wurde dann gesagt, das sei ja kein „richtiges“ oder wirklich wichtiges bzw. wertvolles Denkmal gewesen. Deswegen sei der Abriss nicht so schlimm. Diese Vorstellung ist natürlich falsch. Wenn etwas ein Denkmal ist, dann ist es nun einmal so. Ob ich das Geld habe, es zu erhalten, ist eine ganz andere Frage.

In diesem Fall wird auch deutlich, dass die Mehrheit sehr wohl irren kann.

Allgemein ist der ruinöse Zustand oder gar der Verfall eines Gebäudes natürlich kein Argument für die These, etwas sei kein Denkmal. Auch Ruinen, siehe Burgruinen, können Denkmäler sein, selbst wenn nur noch die Grundmauern vorhanden sind.

Schon oft habe ich Freunde und Verwandte an eine Stelle gelockt, wo ich ihnen „zwei Schlösser“ zeigen könnte. Ich warnte sie aber, es sei nicht mehr viel davon übrig. Wir fuhren mit dem Fahrrad über den wunderschönen Ebrachtal-Radweg nach Steppach und begaben uns von dort aus in die südlich gelegenen Wiesengründe. Mitten in den weit ausgreifenden Wiesenebenen sagte ich: „Hier stehen wir im Schloss derer von Stolzenroth. Und dort ist Liebenau!“ Dazu erklärte ich, dass man mit Hilfe der Luftbildarchäologie Verfärbungen in den Wiesen entdeckt habe und diese den Schlössern zuordnen konnte. In der Fachliteratur wird der Umgang mit den Wiesen harsch kritisiert, die Vergangenheit werde „ausradiert“, heißt es da. (12) Um den Ärger meiner BegleiterInnen in Schranken zu halten, zeigte ich ihnen neben diesen versunkenen Schlössern zwei aufragende Schlösser in der Nähe, nämlich die Burgruine von Pommersfelden und Schloss Weißenstein daselbst.

Anschließend betrachteten wir noch den Friedhof von Steppach, mit einem eigentümlichen Grabdenkmal. Es handelt sich um eine hohe, graue Stele, im englischen Stil, mitten in Wiese und Erde, ohne ein gepflegtes Beet außen herum. Die Inschrift verweist auf Joseph Brearley, den Lieblingslehrer des englischen Dramatikers und Nobelpreisträgers Harold Pinter, der seinen Schüler unter anderem in Shakespeares Geheimnisse einweihte. „He loved Mara“, heißt es noch auf dem Stein. Er liebte Mara Loytved-Hardegg, eine in Nürnberg lebende Künstlerin. Sie lernten sich am Gymnasium Höchstadt an der Aisch kennen. Brearley wollte nach seinem Abschied aus London noch ein wenig in Franken Unterricht erteilen, Mara wollte sich etwas Geld hinzu verdienen.

Nicht zuletzt liest man auf dem Stein eingraviert ein Yeats-Zitat: „Think where man’s glory most begins and ends, And say my glory was I had such friends.“ Bedenke Ende und Beginnen / Des höchsten Ruhms auf Erden / Er lieget in der Freunde Sinnen / Und höh’rer Ruhm kann nimmer werden. (13) – Also auch dort, wo man „nichts“ sieht, kann Weltliteratur gefunden werden.

Wesen des zeichensetzenden Menschen

Kehren wir zum elementaren Wesen des Denkmals zurück, zum sichtbaren Zeichen. Das Zeichen ist unter anderem Vereinbarung (14) , dass etwas Materielles eine Bedeutung bekomme, wie wir feststellten, es ist also abhängig vom Menschen. – Wer aber ist der Mensch? So fragte schon das Alte Testament (15), das die Erschaffung des Menschen bezeichnenderweise in einem Garten stattfinden ließ.

Auch für die Frage nach dem Wesen des Menschen können wir wieder nur eine Arbeitsgrundlage formulieren. Dabei greife ich immer gern auf meinen Lieblingsphilosophen José Ortega y Gasset zurück, der einmal in Anlehnung an den heiligen Augustinus (16) und dessen Definition des Schöpfergottes gesagt hat: Der Mensch ist das, was er getan hat – das Wesen des Menschen ist seine Geschichte. Daran gefällt mir besonders das dynamische und das personale Prinzip, das unter anderem bedeutet, dass das Sein des Menschen noch nicht abgeschlossen ist. Und dass der Mensch eine materielle, eine gesellschaftliche und eine seelisch-geistige Dimension hat, was dem Zeichen in etwa entspricht.

Geschichte beginnt spätestens mit der (Schrift-) Sprache; zum Satz „Der Mensch ist das, was er getan hat“ gehört also auch dem Satz „Das Wesen des Menschen ist seine (zuerst mündliche) Sprache“ und, im Sinne der Denkmalpflege noch umfassender: Das Wesen des Menschen ist repräsentiert in den von ihm hinterlassenen Zeichensystemen. (17)

Gerade die deutsche Kulturgeschichte ist bekanntlich durch die Sprache Luthers, Goethes und Schillers geprägt.

Blick vom Rosengarten. Foto: Erich Weiß

Blick vom Rosengarten. Foto: Erich Weiß

Wenn man am steinernen Geländer des Rosengartens steht und auf die – unter Denkmalschutz stehende – Dachlandschaft schaut, dann sieht man: Das ist der Mensch. Das ist Geschichte. Ein rein automatisch funktionierendes, berechnendes Wesen hätte für das Lebewesen Mensch rational immer die gleichen Wohnelemente, vielleicht in Wabenform, konstruiert. Oder solche Dinger wie die Appartmenthochhäuser an der spanischen Küste. Hier ist etwas ganz anderes, etwas Unregelmäßiges organisch gewachsen, möchte man sagen.

Erba-Insel. Foto: Erich Weiß

Erba-Insel. Foto: Erich Weiß

Es ist gewachsen durch eine spezielle Art des Menschen, den Homo bambergensis. Wer ist das? Dass der Bamberger kirchlich geprägt sei, ist zu pauschal. Als Arbeitsgrundlage können wir ihn vielleicht irgendwo ansetzen zwischen der Hohen Geistlichkeit, Wissenschaft, Kunst und Politik einerseits und der Beamten-, Handwerker- und Gärtnerschaft andererseits.

Gärten. Ein Versuch über das Wesen des Bambergers

Das soll keine Geringschätzung der Gärtnerschaft bedeuten; im Gegenteil. Hohe Damen und Herren gibt es allenthalben, so etwas wie Gärtner in Innenstädten kaum irgendwo. All die oben Genannten sind übrigens nicht nur in Gebäude-Denkmälern, sondern auch in den Zeichensystemen der Literaturgeschichte repräsentiert (18). Eine spezielle Schrift, die den Stand der Gärtner und seine Bräuche zum Inhalt hat und von diesen mehr oder weniger selbst geschrieben wurde, gehörte eigentlich zum Immateriellen Weltkulturerbe; es handelt sich um den „Bericht“ über die Oberhaider Wallfahrt (19).

Der Wiener Schriftsteller Franz Schuh philosophiert in seinem neuesten Roman „Sämtliche Leidenschaften“ (20) in einer Flusslandschaft, in einer Art Garten am Fluss über den Menschen: „Man muss etwas aus sich machen (das ist das Gesetz), es bleibt einem gar nichts anderes übrig, da hilft einem keiner, am Schluss ist man der Mensch gewesen, den man aus sich gemacht hat.“

Garten der Villa Schröppel. Foto: Erich Weiß

Garten der Villa Schröppel. Foto: Erich Weiß

Die Kultur der Gärtner ist ein wesentlicher Bestandteil des Weltkulturerbes Bamberg und ein Hinweis auf das Phänomen „Kulturlandschaft“. Das bedeutet, dass hier Natur und Kultur eine ganz besondere, zum Teil einzigartige Verbindung eingegangen sind, die sich in Menschen, Gebäuden, Texten, Bildern, Zeichensystemen und Strukturen aller Art widerspiegelt. Deshalb muss die im Stadtrat Bambergs beantragte Flächennutzungsoffensive für die Gärtnerstadt in Zusammenarbeit aller relevanten Bürger und Einrichtungen unbedingt angestoßen werden. Und kein einziger Quadratmeter Gärtnerland darf mehr geopfert werden, will man nicht die Existenz Bambergs als Weltkulturerbe gefährden!

Gräber in der Erde der Denkmallandschaft

Kulturgeschichtlich-anthropologisch ist die Bestattung von Toten mit entsprechenden Ritualen ein wichtiger Schritt – ein wesentlicher Bestandteil des Lebens des Homo Sapiens. (21) Aus Oberfranken sind bereits altsteinzeitliche und mittelsteinzeitliche Funde bekannt. (22) Alle weiteren Kulturstufen – Bronzezeit, Kelten, erste Germanen – sind in Bamberg und Umgebung direkt repräsentiert. Zwischen dem Bamberger Weg und der Caspersmeyerstraße etwa befand sich eine Freilandstation des Mesolithikums, eines der ältesten Areale Bambergs, ein so genanntes Bodendenkmal. Hier sollte auch eine der umstrittensten Straßen beginnen, die Bergverbindungsstraße. Diese Planung konnte sich bisher nicht gegen Bedenken durchsetzen, welche die Landschaft als schützenswerte „Denkmallandschaft“, mit Gärten, alten Wegführungen, Wiesen-Biotopen und Waldgrenzen einordneten. Es handelte sich um nichts weniger als die Klosterlandschaft des Benediktinerklosters Sankt Michael, die sich hier seit dem Spätmittelalter weitgehend erhalten hat bzw. nachvollziehen lässt.

Ottobrunnen. Foto: Erich Weiß

Ottobrunnen. Foto: Erich Weiß

Nördlich von Hallstadt führt der Radweg nach Kemmern sogar durch eine „Freilandstation des Paläolithikums und des Mesolithikums, eine Siedlung der Linearbandkeramik und des Mittelneolithikums, der Schnurkeramik, der Urnenfelderzeit, der späten Hallstatt- und der frühen Latènezeit, der späten Latènezeit, der römischen Kaiserzeit sowie vermutlich des frühen Mittelalters.“ (23)

Obwohl das ungeübte Auge jenseits des Klosters Michelsberg vielleicht „einfach nur Grün“ sieht, erkennt derjenige, der Zeichen zu lesen versteht, eine schützenswerte Denkmallandschaft, die endlich auch als solche definiert und kommuniziert werden müsste, zumal es sich um eine ehemals sakrale Denkmallandschaft handelt. Man sieht bekanntlich nur, was man „weiß“.

Beim Michelsberg, der ursprünglich eine keltische Kultstätte gewesen sein soll, stellt sich die Frage, warum die ersten Menschen, die in unser Gebiet kamen, bestimmte Orte zur Besiedlung ausgewählt haben. Das soll nicht nur rational nachvollziehbare Ursachen gehabt haben. Die Menschen der Vorzeit nahmen in der Landschaft womöglich etwas wahr, was man vielleicht als „energetische Felder“ bezeichnen könnte – eine Fähigkeit, über die wir heute kaum noch oder gar nicht mehr verfügen. Als Kultorte hatten sie Hügel, Schluchten oder Quellen (24), über die man heute fast nichts mehr „weiß“. Das gilt für das Rätsel Stonehenge genauso wie für die Jungfernhöhle bei Tiefenellern oder den Michelsberg.

Gräber oder Grabanlagen, eine besondere Art der Gärten, verweisen darauf, dass allgemein sakrale Gegenstände oder Strukturen in einer möglichen Rangliste von Denkmälern an erster Stelle stehen. Das tun sie auch in den so genannten Denkmalinventaren, also in den Büchern, welche auf die Denkmallisten mit ihren bloßen Aufzählungen – erstellt von der amtlichen Denkmalpflege – genauer eingehen. Hier werden immer zuerst die sakralen, dann die öffentlichen, schließlich die profanen und ganz am Ende die Bodendenkmäler ausführlicher behandelt. In Wirklichkeit gibt es aber keine Rangfolge – alle Denkmäler sind gleich viel wert. Ein Friedhof mit bedeutenden Gräbern und Gebäuden ist nicht mehr wert als ein Feld, auf dem man nur ein paar Silexstücke, neolitische Schaber oder ähnliches gefunden hat. Ein barockes Bürgerhaus in der Bamberger Gärtnerstadt ist im Grunde nicht weniger wert als der Dom: Dome gibt es mehrere, aber so viele erhaltene Bürgerhäuser aus der Barockzeit mit Ausstattung sind recht selten, ja einzigartig. (25)

Auch bei Bamberg findet man vorgeschichtliche Grabhügel, also Erdhügel, die eine Grabstelle für einen Menschen bezeichneten, zum Beispiel im Hauptsmoorwald zwischen Schloss Seehof und Pödeldorf. Warum haben die Menschen damit begonnen, ihre Toten zu bestatten? Warum haben sie überhaupt damit begonnen, Zeichen zu setzen?

Ich vermute – zusammen mit zahlreichen Anthropologen, unter denen es allerdings viele Theorien gibt –, dass der Mensch das Vorhandensein großer geistiger Mächte bzw. deren Bilder in seinem Inneren wahrnahm und diese darstellen und kommunizieren musste – um zu verhindern, dass sie ihn innerlich überwältigten und in den Wahnsinn trieben. Der Mensch sah sich gezwungen, zu reflektieren, seine Gedanken zu bedenken und wiederzugeben. (26) Er presste seine Hände gegen Höhlenwände und übersprühte sie mit Farbe aus dem Mund, um sie darzustellen, er ritzte Muster, pattern, in Felswände, um seine Träume wiederzugeben und zu verarbeiten, die er vielleicht als Botschaften höherer Mächte empfand, die er bannen wollte. Auch im Mittelalter in Bamberg war das Einritzen in Steine aus verschiedensten Gründen üblich.

Insofern ist Denkmalpflege der geradezu existenziell bedeutsame Versuch, menschliches Bewusstsein und Bewusstseinsstufen, also sein Menschsein zu bewahren.

Suche nach dem Menschsein in Denkmälern

Was haben die Menschen früher gedacht und empfunden? Was hat sie bewegt? Was hat sie zu ihren Taten und ihren Unterlassungen – zu ihrer geschichtlichen Rolle – veranlasst? Wir wissen es letztlich nicht mehr, wir können es höchstens rekonstruieren; mit Hilfe der Kunst, der Musik, der Literatur – und der Denkmalpflege. Wobei man betonen muss, dass alle künstlerischen / kulturellen Versuche anthropologisch und staatsrechtlich gesehen gleichwertig sind. Hier gibt es keine „Hochkultur“ im Unterschied zu einer „Subkultur“. Entweder etwas ist Kultur oder nicht. Rein rechtlich steht sogar der gescheiterte künstlerische Versuch unter dem Schutz des Gesetzes, wie ein anerkannter Grundgesetzkommentar besagt.

Es ist daher nicht korrekt, wenn man verschiedene Versuche im Kulturbetrieb politisch gegeneinander ausspielen wollte.

Baudenkmäler sind vielleicht für die Rekonstruktion des früheren menschlichen Bewusstseins am besten geeignet, weil sie fassbarer, sinnlich wahrnehmbar sind, im Unterschied zur sonstigen Kunst.

„Nur mit höchster archäologischer oder paläoanthropologischer Spekulationskraft können sich die Nachgeborenen aus materiellen Überbleibseln ein Versuchsbild erstellen davon, was die Ur-Ahnen eventuell dachten, glaubten, hofften, liebten.“ So die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“. Und weiter heißt es: „Niemand weiß es wirklich. Die steinernen Bildnisse sprechen nicht, sie bleiben stumm. Aber sie ergreifen die Seele, das Gemüt sensibler Zeitgenossen, die – ob staunend gläubig oder ungläubig – vor dem weiten Weg einer Schöpfung stehen, deren Woher im Nebel der Vergangenheit ebenso verschwindet wie der Nebel der Zukunft deren Wohin umhüllt.“ Weise Sätze, hier zum Thema der zerstörten Denkmäler im Irak. (27)

Romantik

Ein wichtiger Hinderungsgrund für das objektive Verständnis früherer, auch primitiverer Bewusstseinsstufen sind die bisherigen, immer wieder wechselnden geistesgeschichtlichen Bewegungen, die unser jetziges Bewusstsein prägen und so den Blick für frühere Bewusstseinsstufen verstellen, insbesondere aber die Epoche der Romantik. Seitdem sie stattgefunden hat, sehen wir alles – vor allem das Alte – gleichsam „durch die romantische Brille“. Wir können zwar versuchen, diese abzulegen, aber wieder vollkommen von aller romantisch-subjektiven Sichtweise absehen – das können wir nicht. Auch nicht mit Hilfe des sehr rationalen Methoden-Bestecks der Phänomenologie, mit ihrem Versuch der Ausschaltung alles Subjektiven (28). Gerade in der Denkmalpflege bzw. der „Denkmalkunde“ (29) stoßen ein gewisser „Sachlichkeitswahn“ und die subjektiv-romantische Gefühlslage unserer Zeit auf interessante Weise aufeinander.

Wir sind nun einmal Subjekte, und die subjektive Sphäre unseres Bewusstseins ist seit der Epoche der Empfindsamkeit und der Romantik, also seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von diesen Epochen geprägt. Aus früheren Bewusstseinszuständen sind wir wie aus dem Paradiesgarten vertrieben und können nicht wieder in diesen zurück – allein durch diese bildhafte Ausdrucksweise wird vieles klar. Unter anderem wird wieder klar, welch enorme Rolle der Garten für Bambergs Erscheinungsbild spielt. Ja, das Phänomen des Gartens gilt vielen sogar als Grundlage zur Erschließung des Wesens des Menschen überhaupt, zum Beispiel dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (30) oder dem Geisteswissenschaftler Robert Harrison (31).

Garten der Villa Schröppel. Foto: Erich Weiß

Garten der Villa Schröppel. Foto: Erich Weiß

Insofern könnte man als Summa von Altes Testament – Augustinus – Ortega – Weizsäcker – Harrison formulieren: Das Wesen des Menschen besteht darin, was er mit seinen Gärten gemacht hat.

Wenn wir einen schönen, alten Garten sehen, drängen sich uns unweigerlich romantische Bilder auf. Ebenso beim Anblick einer Ruine, einer alten Kapelle, einer alten Mauer oder einer alten Kneipe. Oft regt sich dann in uns das Bedürfnis, diese Situation als romantisch-sentimentale Anlage zu erhalten – egal, ob sie ursprünglich mittelalterlich, barock, klassizistisch, biedermeierlich, adelig, bürgerlich, historistisch oder neobarock gemeint war. Allgemein werden Phänomene des Alten oder der Natur vom Subjekt bevorzugt mit dem Romantischen verknüpft.

Daher sollte man ein wenig darauf achten, dass nicht jede Haus-Garten-Anlage im romantischen Stil womöglich noch rekonstruiert wird. Kein Renovierungsstil sollte vorherrschen. So war vor Jahren einmal der „Gilb“ in Bamberg modern, das heißt, man strich jedes Barockhaus beim Renovieren in strahlendem Gelb an, teils im so genannten Maria-Theresien-Gelb. Das passte zwar zu Bamberg – wegen unserer früheren Hochstifts-Besitzungen nach Österreich –, allzu viel hätte es aber nicht sein sollen!

Die romantische Brille steht uns Bambergern freilich recht gut; bekanntlich hat einer der größten Romantiker, E.T.A. Hoffmann, zu dieser Sichtweise in unserer Stadt gefunden. Aber auch die Romantiker Tieck und Wackenroder entdeckten hier und in der nachmalig so genannten Fränkischen Schweiz ihre Mittelalter-Romantik. Um 1800 weilten zudem die Vertreterinnen und Vertreter der Jenaer Romantik um die Schlegels und Schelling in unserer Stadt. Aber schon Jahrzehnte vorher ließ die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth bei Hollfeld einen romantisch-literarischen Garten anlegen, den sie „Sanspareil“ nannte. Ihre weiteren Gärten waren der Stadtgarten in Bayreuth, die „Eremitage“ und „Fantaisie“, heute das erste deutsche Museum für die Geschichte der Gartenkunst. (32) Von Richard Wagner und seinen romantisch-musikalischen Wirkungen auch nach Bamberg ganz zu schweigen.

Felsengarten Sansparail. Foto: Erich Weiß

Felsengarten Sanspareil. Foto: Erich Weiß

Was früher vielleicht pragmatisch gesehen wurde – als Nutzgarten, Werkstatt oder Wohngebäude – sah man nach einer gewissen Zeit zumindest auch romantisch. Die damals neue Sichtweise schlug sich in Bamberg in der Gestaltung von Natur und Architektur nieder. Im Bereich des säkularisierten Michelsbergs entstand ein romantischer „Englischer Garten“, mit einer einzelnen, heute noch sichtbaren „sentimentalen Ruine“ beim Abgang über die Kornelkirschterrassen, es entstand der Hain im Stil eines Englischen Gartens, und auch die Michelsberger Klosterlandschaft wurde entsprechend bezeichnet, indem man einen Weg im Michelsberger Wald „Philosophenweg“ nannte und viele Landschaftsteile den Namen „Englischer Garten“ bekamen (33).

Die Landschaft wurde also nur durch Zeichensetzung eine erhaltenswerte Denkmallandschaft, die in einem bestimmten – hier romantischen – Stil bewahrt werden sollte.

Die Idee des Englischen Gartens im Gegensatz zum Französischen Garten entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – in Franken mit am frühesten in Aschaffenburg –, als man sich von den genau abgezirkelten Anlagen mit Wegen, Beeten, Baumschnitten und Labyrinthen à la Versailles, Veitshöchheim oder Schloss Seehof abwenden wollte. Weiterhin gab es in Franken eine Reihe von „literarischen Gärten“, die nur durch ihre Verbindung mit Literatur eine spezifische semantische Dimension bekamen. (34) Mehrere von ihnen sind leider vielen Einheimischen und Auswärtigen nur wenig oder überhaupt nicht bekannt.

Schon Goethes Werther – ein früher Romantiker – klagte über diese französisch-aufklärerisch berechnenden Gärtner: „Ach ihr vernünftigen Leute!“ (Hier allerdings in einem etwas anderen Zusammenhang.) In Pommersfelden, ca. 20 Kilometer südlich von Bamberg, kann man, ähnlich wie in Fantaisie, einen Anschauungsunterricht in Sachen Geschichte der Gartenbaukunst nehmen: In einem Speisesaal wurde eine komplette Barocktafel mit Besteck und Porzellan aufgedeckt. Und dazwischen erkennt man als Tischdekoration köstliche Gartenelemente im französischen Stil. Wenn man sich dann umwendet und aus dem Fenster schaut, blickt man in eine wunderschöne englische Parklandschaft, mit weiten Wiesen, prächtigen Baumgruppen, einem See und Rehen.

Pommersfelden war überdies eine wichtige Station im Leben E.T.A. Hoffmann, da er im Schlosspark eine so gravierende Auseinandersetzung mit der Familie seiner geliebten Julia Marc hatte, dass er das Mädchen nie wieder besuchen durfte. Sie ging von nun an als Frauengestalt in seine Romane – und damit in die Weltliteratur – ein. Ein großer Nachfahre Julias war der Maler Franz Marc. (35) Außerdem finden sich in einem Spiegelkabinett im Schloss Pommersfelden sechs Figuren à la Callot – was an die „Fantasiestücke in Callot’s Manier“ von E.T.A. Hoffmann erinnert. Das Würzburger Spiegelkabinett wurde im zweiten Weltkrieg zerstört.

Leider haben wir es bei der heutigen Romantik mehr mit einer etwas unklaren Gefühlslage zu tun, die von der ursprünglichen Programmatik eines Novalis oder Schlegel weit entfernt ist.

Terrassengärten

Neben den Michelsberger Klostergärten sind die Gärten der Bamberger Domherrenhöfe und anderer Kurien herausragend. Am bedeutendsten ist der Garten der wichtigsten „Kurie“, derjenige im Hof der Residenz des Fürstbischofs, der Rosengarten. Poetisch, charmant, romantisch, großartig – kein Lob reicht aus. Er ist mit Worten nicht zu beschreiben. Für ihn gilt dasselbe, was Hugh Honour über San Marco in Venedig geschrieben hat: „Der erste Blick auf San Marco vom westlichen Ende der Piazza gehört zu den ganz großen Erlebnissen, die dem Menschen beschieden sind.“ (36) Weiterhin schreibt er, dieses Bild sei im Grunde nicht wiederzugeben. So verhält es sich auch mit dem Rosengarten und dem Blick aufs Kloster Michelsberg, den ich hier nur zurückhaltend mit irgendeinem Zeichensystem wiederzugeben versuche.

Rosengarten. Foto: Erich Weiß

Rosengarten. Foto: Erich Weiß

Der Bamberger scheut sich bisweilen, seine Denkmäler in die höheren oder gar höchsten Kategorien einzuordnen, vielleicht deshalb, weil die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg manchmal als die kleinere Schwester des benachbarten Würzburg (Barock) oder Nürnberg (Mittelalter, Renaissance) angesehen wurde. Doch das ist eine falsche Bescheidenheit, die dem Denkmalschutz gefährlich werden kann.

Eines muss ich sagen: Der Bamberger Rosengarten ist vergleichbar mit dem Garten der Residenz in Würzburg, dem Mirabellgarten in Salzburg und dem Garten des Palais Waldstein in Prag. Alle haben eine grandiose Perspektive auf ein Zentrum, das sich auf einem nahen Berg erhebt. Bambergs Rosengarten – mit seinem Blick auf das Kloster Michelsberg – ist zudem ein Terrassengarten: Man blickt von diesem Residenzgarten – mit der weltberühmten Staatsbibliothek im Rücken und einer beachtenswerten Gemäldegalerie an der Seite – über köstliche Steinfiguren und Rosen nicht nur hinauf auf eine höher gelegene Kirchen- bzw. Festungsanlage, sondern auch – wie schon oben erwähnt – auf die Dächer der Stadt hinunter und darüber hinaus auf den Waldhorizont in der Ferne. Diesen Genuss hat man von keinem anderen der erwähnten Gärten Mitteleuropas.

An der Balustrade des Rosengartens ist eine Galerie von beschnittenen, halbhohen Bäumen angepflanzt, die zu jedem Blick eine Art Rahmen abgibt. Eine ebensolche Galerie findet man an der Balustrade des Klosters Michelsberg, von der man ebenfalls einen grandiosen Blick hat, nämlich auf den Dom. Diese Duplizität ist – im Grunde weltweit – unvergleichlich. E.T.A. Hoffmann hat den Blick vom Klostergarten in seinen „Elixieren des Teufels“ beschrieben und ihn so in die Weltliteratur eingehen lassen.

Michelsberg Ausblick. Foto: Erich Weiß

Michelsberg Ausblick. Foto: Erich Weiß

Die Terrassenfläche auf dem Michelsberg ist noch nicht besonders gestaltet. Zwischen den Klostergebäuden mit der obersten Terrasse, der Mauer und der Balustrade liegt eine größere Rasenfläche mit einem Springbrunnen darin, den auch der Rosengarten an der Residenz aufweist. Ein weiterer kleiner Rosengarten mit Bäumchen um den Springbrunnen herum würde das Zusammenspiel mit dem Residenzgarten auf faszinierende Weise unterstreichen. – Immerhin hat man die Auto-Abstellplätze, die sich unter den Galeriebäumen im vorderen Bereich, zum Galeriebau hin, befanden, aufgelöst. Diese Bäume stammen vielfach noch aus dem 18. Jahrhundert.

Zumindest im Welterbe-Bereich müssen unbedingt die Auto-Abstellplätze, die sich direkt an Kirchgebäuden befinden, aufgehoben werden, insbesondere vor dem Domkapitelhaus, vor dem Chor der Jakobskirche, vor der Stephanskirche und an der Oberen Pfarrkirche, dem bedeutendsten sakralen Bau Bambergs nach Dom und Michelsberg.

Manchmal parken Autos direkt am Hochchor der Oberen Pfarre, der von Karl Baedeker als „in der städtebaulichen Wirkung eine der besten Leistungen des deutschen Mittelalters“ bezeichnet wurde. (37) Manche Forscher sehen Einflüsse der Parler-Schule vom Prager Veitsdom. Auch an der nordwestlichen Außenmauer der Kirche, parallel zum Unteren Kaulberg, standen schon Autos. Der dortige Aufgang wird von der Vorhalle der so genannten Brautpforte unterbrochen. Die Vorhalle ist ein herausragendes gotisches, sakrales Denkmal (um 1380 / 90), eine kleine Loggia, die sich mit antiken Bauten vergleichen lässt. Als exponierter Aussichts- und Blickpunkt sowie durch die Darstellung einer Anzahl von Frauen im Gewände erinnert mich die Brautpforte an die Vorhalle des Erechtheion mit den Karyatiden auf der Athener Akropolis, die dort unter anderem als Wahrzeichen von Athen oder Griechenland insgesamt gesehen werden.

Über die Halle der Brautpforte hinaus findet sich in der Nähe ein reizvolles „Zitat“ bzw. eine Variation dieses Bauwerks, nämlich ein 1502 ähnlich gestalteter, wiederum gotischer Ölberg, gleich links vom Hauptportal der Kirche. Er wirkt wie eine eigene kleine Kapelle, nicht viel kleiner als viele Feldkapellen im Bamberger Umland. Hier sitzen die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes – eingeschlafen – nahe dem betenden Jesus, einer in der Haltung, die für die Darstellung der Melancholie üblich war: den Ellbogen aufs Knie gestützt, das Kinn in die Hand gelegt. So zeigte sich schon Dürers „Melencolia I“ oder Walther von der Vogelweide in seinem berühmten Gedicht, wiedergegeben am Frankoniabrunnen auf dem Würzburger Residenzplatz.

Walter von der Vogelweide Residenzbrunnen Würzburg. Foto: Erich Weiß

Walther von der Vogelweide Residenzbrunnen Würzburg. Foto: Erich Weiß

Über den Schlafenden an der Oberen Pfarre wölbt sich ein feines Kreuzrippengewölbe mit erst jüngst frisch vergoldetem Sternenzelt. Im Sommer wuchsen immer die schönsten Rosen an der Mauer des Ölberg-Kapellchens.

Ein inhaltlich-biographisch und chronologisch geeigneter Weg führt uns von der Brautpforte (14. Jh., Eheschließung, Fernblick über die Stadt) über den Ölberg (16. Jh., Lebensende, Blick auf den Frauenplatz und den Dom) ins Innere, zu Tintorettos „Mariae Himmelfahrt“ (Mitte 16. Jh., Ewiges Leben, Blick ins Kircheninnere): ein einzigartiger Gewinn für Geist und Seele, falls uns nicht die parkenden oder rangierenden Autos alles zerstören. – Gerade die Brautpforte mit ihrer Vorhalle, die den Touristen vielleicht als „Nebensehenswürdigkeit“ gilt, zeigt wieder einmal, dass Bamberg eine Stadt ist, in der man immer wieder etwas „entdecken“ kann.

Von manchen Stellen aus dem Flusstal bzw. aus höher gelegenen Gebäuden, insbesondere im Berggebiet, kann man beide der oben genannten Terrassengärten, sowohl den Rosengarten als auch die Michelsberg-Terrassen, mit ihren Baumreihen an den Balustraden betrachten. Den schönsten Blick, mit der Regnitz im Vordergrund, hat man vom öffentlich zugänglichen Flur der Lehrstühle für Denkmalpflege, Bauforschung und Restaurierungswissenschaften aus. Er befindet sich im Hochzeitshaus am Kranen, also direkt an der Regnitz, im obersten Stockwerk.

Neoromantik

Doch zurück zur Romantik. Spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts baute man auch in Bamberg romantische Häuser mit Fachwerk, Erkern und Skulpturenschmuck, die an die Ritterburgen des von den Romantikern so geliebten Mittelalters erinnern sollten. An einzelnen Stellen wurde sogar der barock wirkende Verputz entfernt, um das mittelalterlich-romantische Fachwerk wieder zum Vorschein kommen zu lassen, zum Beispiel am Rottmeisterhäuschen des Alten Rathauses. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die verfallene Altenburg im romantisch-mittelalterlichen Stil rekonstruiert (38), die neuen Gerichtsgebäude erhielten Türme und das Flair einer Burg. Das Staatsarchiv in der Hainstraße entstand hingegen interessanterweise im reinsten Barock.

Über Jahre hinweg wurde Bamberg in toto ausschließlich als romantisch klassifiziert, und man schrieb als Werbung auf ein Tourismus-Plakat: „Romantisches Bamberg“. Das Plakat zeigte das bekannte Bamberg-Panorama vom Geyerswörth-Turm aus. Die romantischste Perspektive scheint mir jedoch der Blick auf das Wasserschloss Villa Concordia von der Schleuse 100 aus. Wenn davor noch die Bamberger Gondel am Abend dahingleitet – was kann es Romantischeres geben?

Auch die Bestattungskultur wurde romantisiert. Bisher unübertroffener Höhepunkt der Grabkultur war bekanntlich die ägyptische, die auf der Idee beruhte, dass irgendetwas Irdisch-Materielles von einem Pharao übrig bleiben müsste, damit sein Ka, ein Aspekt seiner Seele, im Jenseits ewig weiterleben konnte. Im Idealfall war das Materielle sein mumifizierter Leichnam, für den extra eine Grabkammer in einer Pyramide angelegt wurde, als Ersatz galt eine Statue des Pharao, im Notfall reichte sein Namenszug in Hieroglyphenform (Bilder) auf einem Papyrusblatt (39). Das waren dann Schriftzeichen mit höchster, unersetzlicher Bedeutung für die Ewigkeit. Aber in jedem Zeichen, in jedem materiellen Kunstdenkmal lebt eigentlich die Idee eines Menschen, seine Geschichte und die seiner Gesellschaft, seines Staates fort.

Im 20. Jahrhundert hat allenthalben, auch in Bamberg, die Bedeutung der Grabkultur sehr abgenommen. Das Friedhofsamt berichtet immer wieder, dass viele Steinmetze unter dem Mangel an Aufträgen leiden, weil es manchen Menschen reicht, wenn sie wissen, dass ihre Asche dereinst unter einem Baum in einem „Friedwald“ beigesetzt wird. Ist damit die Denkmalpflege beendet, wenn schon die Bestattungskultur so reduziert werden soll? Es ist schon merkwürdig, dass dieselben Menschen, die einen Friedwald bevorzugen, hartnäckig für eine aufwändige Denkmalpflege kämpfen. Ist das ein Zeichen dafür, dass unsere Kultur – und damit die Denkmalpflege – in eine Krise geraten ist?

Krise der Gedankengebäude

Kultur sah bis ins 20. Jahrhundert so aus, dass es immer einen „ideologischen Überbau“ gab, ein „Gedankengebäude“, das eine Epoche prägte – ein übergeordnetes Zeichensystem, nach dem man sich orientierte. Das scheint spätestens seit 1989, seit dem Ende des alten Ost-West-Konflikts, nicht mehr zu existieren (40). Seither haben wir wohl die von Peter Gross, der in Bamberg Soziologie lehrte, so bezeichnete „Multioptionsgesellschaft“ (41). Demnach existieren durchaus noch diverse Orientierungen, Religionen, Ideologien, Weltanschauungen – aber nur als „Optionen“ auf einer Art „Weltanschauungsmarkt“, ohne diese gewachsene Verbindlichkeit der gemeinsamen Überzeugung einer ganzen Kulturepoche.

Ein Gipfel der Pervertierung der Multioptionsgesellschaft war die Bezeichnung eines Areals auf der Landesgartenschau 2012. Alles und jeder sollte dort irgendwie vertreten sein. Und „Auch Gott hat eine Parzelle“, lautete eine Schlagzeile (42).

Einerseits sind wir froh darüber, dass dieses Zeitalter der vorherrschenden, oft abgrundtief unmenschlichen Ideologien zu Ende gegangen ist (43). Gerade Bamberg, das nahe am „Zonenrandgebiet“ lag, eine US-Militärbasis in der Stadt und atomare Raketenbasen in seiner Nähe hatte, sah den Eisernen Vorhang aus direkter Nähe.

Die Utopien sind gescheitert, und das ist positiv. Wir haben, abgesehen vom Glauben, nun zwar keine von dort kommende „Letztbegründung“ (44) mehr – aber wir leben im Alltag ganz gut ohne diese. Ein Großteil der Gesellschaft scheint wirtschaftlich einigermaßen oder gut gestellt, genießt die „Lebensart“ (45), vor allem im immer wieder gepriesenen Bamberg. Höhepunkte sind hier die Gasthäuser, gerade die alten, deren Einrichtung bewahrt werden müsste. Sogar die amtliche Denkmalpflege hat mit einem eigenen Werk deutlich dafür plädiert. (46) In Bamberg kann man den Genuss eines sakralen Denkmals mit dem Genuss einer Gaststube im ehemaligen Dominikanerkloster vermischen, Künstlertreffs sind die Weinstuben in der Fischerei, in der Sandstraße das Pizzini und, besonders inspirierend, die Weinstube Rückel in der Habergasse.

Man fragt kaum nach letzten Hintergründen für Maßstäbe (47), nur selten nach den sozial Schwachen oder Flüchtlingen. Andererseits leiden an der fehlenden Orientierung, wie es scheint, Psyche, Beziehungen, Kunst, Kultur, Ästhetik, Stadtplanung und auch die Denkmalpflege (48), der die letzten inhaltlich-ideologischen Maßstäbe fehlen.

Die Gesellschaft weiß eben nicht, wonach sie sich letztlich – allein schon ästhetisch – orientieren soll; wie sie restaurieren oder gar rekonstruieren soll und was überhaupt wertvoll ist, wertvoll in jeder Hinsicht. Wenn die Bedeutungssphäre unklar ist, verschwimmt auch der Wert eines Denkmals – siehe Bedeutung als Dimension des Zeichens. Außerdem ist die Kommunikation schon lange brüchig geworden – siehe die Kommunikationsdimension in der Denkmalpflege. „Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht“, bedauert wiederum Goethes Werther.

Wie soll dann kommuniziert werden, dass es sich bei diesem oder jenem Stück organischer oder nicht-organischer Materie um ein Zeichen oder Zeichensystem mit Bedeutung als Denkmal handeln soll, damit es vor weiteren Planungen geschützt werden kann? In der rechtsstaatlichen, repräsentativen Demokratie reicht hier keine absolutistische amtliche Festlegung, irgendein Bescheid ohne Begründung, ohne letztes Geborgensein in einem geistigen Hintergrund.

Inventar – einzigartig

Für Bamberg allerdings hat die amtlich-wissenschaftliche Denkmalpflege, nämlich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege mit diversen Konservatoren ein weltweit wohl einzigartiges Werk begonnen, das gegen die oben angedeutete Kultur- und Kommunikationskrise selbst wie ein Monument dasteht: das Denkmal-Inventar für die Stadt Bamberg in x Bänden (49). Zehn dicke Bände plus ein Schuber mit Karten nehmen in meinem Regal bereits eine Länge von 65 Zentimetern ein, und einige weitere Bände sollen hinzukommen. Die Zählung der Bände oder „Doppelbände“ kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist ja gleichgültig.

Ein ähnliches Werk ist vielleicht nur noch die Denkmaltopographie für Berlin.

Es handelt sich beim Bamberger Inventar um die grandiose Simulation historischer Augenblicke. Alle „Kunstdenkmäler“ werden hier beschrieben, Haus für Haus, Kirche für Kirche, Garten für Garten, Ensembles und Einzeldenkmäler – auch solche, die nicht mehr vorhanden sind. Oft werden zum Beispiel Kirchen über viele Seiten beschrieben, und am Ende heißt es dann, dieser Bau sei im Jahre x durch Abriss „abgegangen“.

Dieses Werk ist hochwissenschaftlich, literarisch und künstlerisch – ein kaum zu überschätzendes Zeitdokument, also im Grunde selbst ein Denkmal. Als wissenschaftliches Werk entspricht es genau dem, was die Wissenschaft heute, in der Zeit der beschriebenen kulturellen Krise, die auch eine Krise der Wissenschaft ist, vorrangig macht: es dokumentiert. In diesem Sinne arbeiten ja alle Zweige der Wissenschaft – aber mit der Interpretation, der Deutung des Dokumentierten, mit der Einordnung in ein (nicht vorhandenes) übergreifendes Gedankengebäude hapert es. Dieses fehlt meist völlig. Nur das Inventar, begründet von Tilman Breuer, ein Geisteswissenschaftler alter Schule, und Reinhard Gutbier, schwingt sich immer wieder zu Bewertungen auf, indem es andere Anlage mit der gerade beschriebenen vergleicht. Auch Kritik an städtischen Planungen und Abrissen kommt darin, wenn auch zurückhaltend, bisweilen zum Ausdruck. Hier gibt es sie noch, die „klare Position“, um die viele politische Parteien mehr oder weniger unglaubwürdig ringen.

Ein weiterer Ort des nach wie vor sinnvoll gültigen Interpretierens und geistigen Ringens ist übrigens das Theater, das in Bamberg nicht zuletzt wieder durch die Gestalt E.T.A. Hoffmanns auf eine große Tradition zurückblicken kann.

Mangel an Interpretation

Ansonsten wird in der Wissenschaft, nicht nur in der Denkmalpflege, sondern allenthalben nur gesammelt, dokumentiert und digitalisiert, und irgendwelche Elemente werden in unserer „Gutachtergesellschaft“ (50) in ein stumpfsinniges Ranking ohne höhere Bedeutung eingefügt. Die wahre Interpretation, die Klärung der geistigen Hintergründe, die Zuordnung zu einem Gedankengebäude oder gar ins „Reich der Ideen“, wie Platon sagen würde, gibt es nicht mehr. Über Kunstwerke – seien es Kunstdenkmäler, Gemälde, Skulpturen, Texte oder Musik – erfährt man nur noch Daten, Äußerlichkeiten.

Ein signifikantes Beispiel war die Behandlung der vor einiger Zeit neu aufgetauchten Sammlung Gurlitt. Über die faszinierenden Gemälde, auf denen auch viele Gesichter zu sehen waren, las man nur Äußerlichkeiten: woher sie (vielleicht) kamen, ob es sich um Nazi-Raubkunst handele oder nicht, wie viel sie auf dem Kunstmarkt wert seien, wo sie sich genau befänden, wem sie rechtlich gehörten, welcher Epoche man sie vielleicht zuordnen könnte usw.

Eine tiefer gehende Interpretation konnte ich nirgendwo finden. Was sie für die „Ewigkeit“ sagten, wie man es früher einmal ausdrücken wollte – daran denkt heute niemand mehr.

Die Kunstdenkmäler und die Denkmalstrukturen drohen zu äußerlichen Daten, austauschbaren Elementen zu werden.

Krisenzeit

Wir sind in der Kulturgeschichte möglicherweise an einem Punkt angelangt, an dem die Bilder in unserem Bewusstsein zu verschwimmen drohen – wie die Gemälde von Gerhard Richter (51). Dargestelltes verschwimmt bei ihm oft irgendwo zwischen Gegenständlichem und Abstraktem, vieles ist inzwischen weich gezeichnet, unscharf, oberflächenbearbeitet, ungenau. Bilder, Sprachen, Zeichensysteme aller Art – Gesichter, Gebäude, die Natur – scheinen uns zu entgleiten. Selten sind Konturen einmal, wie bei Max Beckmann, in frühen Arbeiten schwarz umrandet, um sie gleichsam noch einmal krampfhaft festzuhalten. (52)

Die Zeichensysteme, ursprünglich geschaffen, um unsere inneren Ahnungen von größeren Zusammenhängen, ja vom Jenseitigen auszudrücken, zu materialisieren und mitzuteilen, überschwemmen uns in der heutigen Medienwelt, reißen uns mit und trennen uns ab von der unmittelbaren Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wir sehen diese lange nicht mehr nur durch die Brille der Romantik, sondern überhaupt durch die vielen Brillen alles bisher Vermittelten. Und das digitale Zeitalter hat uns noch einmal eine Stufe über die Wirklichkeit hinausgehoben, noch einmal einen Schirm zwischen Bewusstsein und wirklicher Welt aufgestellt. Unfähig der Interpretation, haben wir doch wieder die Grenzen der Immanenz, wie der Theologe sagen würde, überschritten – aber in eine bedeutungsmäßige Leere hinein.

Schon die griechischen Philosophen haben uns von der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit entfernt, indem sie diese erst bestaunten (53) und dann bezweifelten. Das wahre Sein, so wurde seither immer wieder gesagt, sei nicht die sinnlich wahrnehmbare Welt, sondern das tiefer liegende Wesen der Dinge, die Welt der Ideen (Platon), die letzten Prinzipien (Aristoteles), der biblische Gott (Thomas von Aquin), eine wissenschaftlich erforschbare Gesetzmäßigkeit. (54)

Woran sollen wir uns heute halten, woran sollen wir glauben? Naturwissenschaft, Technik, Industrialisierung und Digitalisierung (gerade erst etabliert) haben inzwischen an Glaubwürdigkeit eingebüßt. In der erwähnten Multioptionsgesellschaft glauben wir im Grunde an gar nichts mehr. Wenn ich allein heute eine gehobene Tageszeitung durchblättere, sehe ich in allen Ressorts Krisenberichte: über Krieg, Bestechung, Misswirtschaft, Doping, Missbrauch, Verrisse, Skandale usw. Der Philosoph Vittorio Hösle stellte unter anderem in einem Gutachten für das Kanzleramt die Krise einprägsam dar. (55)

In dieser zeitgeschichtlichen Situation sind Denkmäler, insbesondere eine Denkmalstadt wie Bamberg, von unschätzbarer Bedeutung: Als „Garten des Menschlichen“ ermöglichen sie uns nichts weniger als Menschen zu bleiben.

Bamberger Denkmal-Bild

Der Homo bambergensis hat eine bestimmte Vorstellung von seiner Stadt, ein gar nicht so undifferenziertes Bild, nach dem er dieses Zeichensystem beurteilt. Dementsprechend lässt er Dinge bestehen, weiter wachsen oder verschwinden.

Das erste bekannte Bamberg-Bild stammt von Kaiser Heinrich, dessen Sicht wiederum wissenschaftlich umstritten ist. Wichtige Arbeiten sind in diesem Zusammenhang diejenigen von international bedeutenden Wissenschaftlern, unter anderen von Achim Hubel (56), Bernd Schneidmüller (57) und Stefan Weinfurter (58). Im ersten Band des oben erwähnten Bamberg-Inventars des Landesamts für Denkmalpflege werden diese Arbeiten gleichsam zusammengelesen.

Demnach ist Heinrich selbst sowie seine Motivation, ein Bistum zu gründen, wissenschaftlich nur in mehr oder weniger belegbaren Theorien fassbar. Heinrichs historisch-politische Bedeutung schien bis vor einiger Zeit recht gering. Auch in größeren Geschichtswerken kam er gar nicht oder nur am Rande vor. In einem Schulbuch für Geschichte am Gymnasium wird Kaiser Heinrich in seiner historisch-politischen Rolle überhaupt nicht erwähnt – sein Herrscherbild ist jedoch abgedruckt (59). Heinrich hat ganz bewusst ein sakralisiertes Bild von sich kreiert und verbreiten lassen, das von der historischen Wirklichkeit, soweit fassbar, weit entfernt ist (siehe Hubel).

Ebenso hat er eine wohl recht genaue Vorstellung davon gehabt, welches Bild seine Gründung Bamberg abgeben soll. Im Vordergrund stand hier die memoria, die Bewahrung der Erinnerung an das Wirken von ihm und seiner Gemahlin Kunigunde, die kinderlos waren.

Diese Zusammenhänge sind für die Fragen der Denkmalpflege hoch signifikant. Von Heinrich her ergibt sich schon einmal ein erster Aspekt in unserem Zusammenhang: Bamberg ist in dieser Form gegründet worden, um eine bestimmte Erinnerung zu bewahren. Die Stadt und ihre Bürger – soweit man die Menschen damals schon so bezeichnen kann – wurden von Anfang an auf Erinnerung, Bewahrung und Kultur getrimmt.

Kaisergrab im Bamberger Dom, Pflugscharprobe Kunigundes. Foto: Erich Weiß

Kaisergrab im Bamberger Dom, Pflugscharprobe Kunigundes. Foto: Erich Weiß

Höhepunkt des Kults ist in Bamberg nach wie vor eine ganz bestimmte Bestattung: Der Kaiserdom ist ein großer Sarkophag für das heilige Stifterpaar. Seine Ausstattung mit Bildern gehört zu den „Sternstunden der Kunstgeschichte der Menschheit“ (60). Allein die Reichenauer Handschriften, die Bücher, die Heinrich zu Beginn des 11. Jahrhunderts stiftete, gehören zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Die Bilder darin sind in ihrem Ausgleich zwischen Sachlichkeit und Verzierung unübertroffen. Alle Figuren bewegen sich gerade noch in einem gerahmten Feld, Welt und Kosmos sind noch in Ordnung, die Welt der Zeichen gibt noch Orientierung, es gibt keinerlei Verschwommenheit, sondern allenthalben eine klare Deutlichkeit auf einem satt leuchtenden Goldgrund (61). Die dargestellten Figuren führen so genannte monumentale Gesten aus, das heißt ihre Bewegungen sind von immerwährender, überzeitlicher Gültigkeit. Und die Domskulpturen des 13. Jahrhunderts (Reiter, Synagoge usw.) gehören zu den bedeutendsten ihrer Zeit.

Nostalgie

Kein Wunder, dass 1. dem homo bambergensis das Bewahren von Kunstdenkmälern wichtig ist, dass er 2. das Bewusstsein besitzt, gerade noch in einer Welt zu leben, in der im Grunde alles „in Ordnung“ ist, dass ihm 3. das Lesen des Zeichensystems Bamberg relativ leicht zu sein scheint, da er nur auf das Bild Kaiser Heinrichs, über das er sich gut informiert fühlt, zurückgreifen muss, indem er die Erinnerung pflegt, und dass er diese Erinnerung 4. in einem romantischen, inzwischen zusätzlich bürgerlich geprägten, Licht sieht. Diese Mischung aus Romantik und Bürgertum könnte man auch als Nostalgie bezeichnen.

Nach Milan Kundera bedeutet Nostalgie der unerfüllte Wunsch nach Rückkehr: „Rückkehr heißt im Griechischen nostos. Algos bedeutet Leiden. Nostalgie ist also das von dem unerfüllten Wunsch zurückzukehren verursachte Leiden.“ (62)

Nostalgie muss nicht grundsätzlich negativ sein. Manche Städte des Alten Europa werben sogar mit dieser Geistes- und Seelenlage. Wiens Tourismus zum Beispiel lebt größtenteils von den Erinnerungen an die 1918 untergegangene Donaumonarchie, und die melancholische Nostalgie wird vom Wiener Künstler André Heller geradezu kultiviert (63). Venedigs Stadtbild hat sich erfolgreich vielen modernen Veränderungen verschlossen und lebt der Erinnerung. Und auch ein Pariser Boulevard kann an einem angesprochenen Sonntagmorgen im Frühling farbenflimmernde impressionistische Gemälde früherer Tage vor unserem geistigen Auge erstehen lassen (64). In Bamberg hat man ein déja-vue-Erlebnis, man bewegt sich, auch wenn man vorher noch nie da war, in Vertrautem.

Man hat, wie bereits erwähnt, das untrügliche und immer wieder sich erfüllende Gefühl – und zwar der Einheimische genauso wie der Tourist – in Bamberg könne man etwas entdecken; aber nicht „etwas Neues“, sondern ein Geheimnis aus der Vergangenheit – um dann Nostalgie zu empfinden. Zuletzt geschah mir das beispielsweise beim Besuch einer der „Lichthöfe“ der Initiative „Aktive Mitte“.

Der Philosophiehistoriker Rémi Brague verknüpfte die Nostalgie untrennbar mit dem Bewusstsein Europas; denn „[…] Europa mußte mit dem Bewußtsein leben, von einer Quelle geliehen zu haben [der griechisch-antiken Kultur], ohne Hoffnung darauf, jemals zur Rückzahlung imstande zu sein […] Die europäische Kultur ist somit von einem Gefühl der Entfremdung und der Minderwertigkeit gegenüber seinem Ursprung geprägt; dies ruft eine Sehnsucht nach dem Ursprung, eine Nostalgie hervor.“ (65) Daher sind Entfremdung und Nostalgie Schlüsselgefühle gerade des städtischen Lebens in Europa.

Leider hat die Nostalgie in Bamberg einen allzu bitteren Beigeschmack. Viele Bürger haben – bei allem Mythos der Unversehrtheit, vor allem durch den Zweiten Weltkrieg – Angst davor, dass ihnen die aus der Geschichte überkommenen Güter, nämlich die alte Bausubstanz und die gesamte Stadtlandschaft, auf unverantwortliche Weise entzogen werden, um sie gedankenlos kurzfristigen, wirtschaftlichen Interessen zu opfern. Das erkennt man an den zahlreichen Bürgerinitiativen und Vereinen, die immer wieder entstanden sind, um – teilweise erbittert – für die Bewahrung der Bamberger Altstadt zu kämpfen (66). Der in Bamberg populäre Schriftsteller Gerhard C. Krischker hat im einheimischen Dialekt über die Altstadt das formuliert, was im Grunde „alle“ denken: „fom griich / fäschoond // vom schdoddrod / ned.“ (67) Bamberg sei vom Krieg verschont worden (68), nicht aber vom Stadtrat.

Der Bamberger erinnert sich gern. Er betrachtet gern seine Stadt. Er findet sie grundsätzlich schön, liebt sie und möchte diese Schönheit bewahren. Diese Tendenzen sind so stark, dass er zumindest im Moment noch über mehr oder weniger deutliche Beeinträchtigungen (Autoverkehr, moderne Architektur und Stadtplanung) – mit manchen nostalgischen Schmerzen und Ängsten – hinwegsieht.

Hinzu kommt für das Bewusstsein des Bambergers 5. eine uralte Struktur, die auf die Zeit noch vor Kaiser Heinrich zurückgeht. Damals gab es im heutigen Stadtbereich neben einer dominierenden Burganlage auf dem heutigen Domberg nur eine Vielzahl von Siedlungskernen, ohne einen städtischen Zusammenhang (69). Daher lebt der Bamberger bis heute in seinen Vierteln, am Laurentiusberg, in der Wunderburg, im Gärtnerviertel, in der Gereuth, in Bamberg-Ost, in Gaustadt, im Berggebiet, im Haingebiet, in der Theuerstadt, in der Königstraße, am Maxplatz usw.

Suche nach der Mitte

Und wo ist die Mitte? Die Frage, wo sich unter diesen Umständen eigentlich Bambergs „Mitte“ oder Zentrum befindet, ist nicht einfach zu klären. Ein Bereich in der Gärtnerstadt heißt „Bamberg-Mitte“, dort ist aber in keiner Hinsicht Bambergs Mitte. Nach Benevolo hat die Stadt unter anderem die Aufgabe, „die Stabilität eines ‚Zentrums‘“ zu geben, einen „Mittelpunkt also, in dem ein Teil der Erinnerungen, die die Fassungskraft eines Einzelnen übersteigen, gesammelt wird.“ (70) Die Mitglieder des „Bürgervereins Mitte“ bezeichnen sich als „Inselbewohner“, um sich von der Bergstadt abzuheben, die auf diese Weise wie eine eigene Stadt erscheint. Und wo ist dort das Zentrum? Der Dom auf dem Berg ist das alte Zentrum, das geistliche Zentrum des Bistums zwar, nicht aber das der bürgerlichen Stadt. Der „Nabel der Welt“, früher eine Säule vor dem Dom, jetzt ein in das Pflaster eingelassenes Kunstwerk, bildet einen Nabel-Mythos ab.

Wie verhält es sich mit dem Maximiliansplatz und seinem Markt im Bereich der Inselstadt, an dem sich das Rathaus erhebt? Dieser wird als Mitte nicht angenommen. Er hat ja auch ein trauriges Schicksal hinter sich; denn der Platz und alle Häuser wurden gleichsam sich selbst entfremdet: Das Rathaus, eine Art prächtiger Schlossbau von Balthasar Neumann, war ursprünglich Priesterseminar. Der heutige Behördentempel ist der sakralen Atmosphäre vollkommen entkleidet. Auf dem Platz selbst stand die in der Säkularisation abgerissene Stadtpfarrkirche Alt-Sankt Martin. Seit dem Abriss konnte sich kein alteingesessenes Gasthaus mehr an diesem Platz halten, das in Franken immer zur Pfarrkirche gehört, auch nicht der „Eckenbüttner“, der bis auf das Jahr 1371 zurückging. 1969 wurden sogar die Grundmauern und Friedhofreste von Alt-Sankt Martin allzu hektisch und ignorant aus der Erde entfernt (71) und eine Tiefgarage wurde eingebaut. Im selben Jahr verrutschte man den zentralen Brunnen von 1888, um dem Marktgeschehen Platz zu machen und eine Tiefgarageneinfahrt zu errichten. 1981 wurde der Großteil des Gebäudes Maxplatz 8 abgerissen, nur die Fassade blieb stehen. Für den Einbau eines Kaufhauses hat man also eines der wertvollsten barocken Bürgerhäuser der Stadt zerstört, das 1709 Johann, der bedeutendste Künstler der Dientzenhofer-Familie, für sich selbst gebaut hatte. Hier hätte man studieren können, wie dieser geniale Architekt einmal ein Gebäude ohne externen Auftrag nach seinen höchsteigenen, epochemachenden Ideen gestaltete bzw. gestalten ließ (wohl durch Balthasar Neumann).

Maxplatz. Foto: Erich Weiß

Maxplatz, 2003. Foto: Erich Weiß

Hinter dem Haus Maxplatz 8 erstreckte sich noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein anmutiger Garten – heute ist es ein trostloser Autoabstellplatz. Man erinnere sich: Das Wesen des Menschen besteht darin, was er mit seinen Gärten gemacht hat.

Man hatte zudem begonnen, sich eine kurzsichtige „Philosophie“ über Vorder- und Rückgebäude anzueignen. Nach einer so definierten „Vorderseite“ hin siegte das Repräsentationsdenken: Man gestaltete die Fassade entsprechend dieser Ästhetik. Nach „hinten“ hinaus scherte man sich weniger um das Optische: Autoabstellflächen und denkbar hässliche Ladezonen entstanden. Der Charme der Bamberger Gassen und Gässchen wurde nicht gepflegt (72).

Frauenstraße. Foto: Erich Weiß

Frauenstraße. Foto: Erich Weiß

Vor 1989 wurde die gesamte Maxplatz-Westseite abgerissen und durch Pseudo-Barockgebäude im Supermarktstil ersetzt (vorne „schön“, „hinten“ Ladezonen). 1999 wurde am Maxplatz 14 verbliebene mittelalterliche Bausubstanz aus dem 14. Jahrhundert, möglicherweise älter, unter anderem auch wertvolle „Rückgebäude“, abgerissen. Wiederum für den Einbau eines Kaufhauses hat man dabei steinerne Dokumente für immer vernichtet, die einen tieferen Aufschluss über die Siedlungs- und Straßenstruktur Bambergs bzw. ganz Frankens erlaubt hätten. Das entsprechende Kaufhaus schloss wenige Jahre später wieder seine Pforten, einzelne Supermärkte auf der Westseite standen lange leer. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts weigern sich zudem die Marktkaufleute, ihren Markt auf diesem Platz abzuhalten. Andere Geschäftsinhaber am Rande des Platzes streiten sich untereinander – auch hier fehlt ein „Konzept“, eine Philosophie gleich gar.

Es wird Zeit, unter anderem von dieser Vorstellung der Vorder- und Rückseiten Abschied zu nehmen, um das Bild der Stadt nicht weiter zu beschädigen und das Stadtdenkmal zu erhalten.

Eine seelen- und geistlose Geschäftigkeit hat den Maxplatz seiner „inneren Mitte“ beraubt. Wie heißt es doch so treffend im Denkmalinventar von Breuer/Gutbier über die Dreifaltigkeitsgruppe an der Fassade des Hauses Maxplatz 8: „[…] die ehemals applizierte Taube des hl. Geistes ist abgegangen.“ (73)

Aber zurück nach Bamberg selbst. Ohne das heutige Erscheinungsbild des Maximiliansplatzes gutzuheißen, können wir also getrost von der Suche nach der „Mitte“ Bambergs Abstand nehmen. In der Alten Welt, so las ich einst in einem Schulbuch, lebte man in dem Bewusststein, dass die Welt einen Mittelpunkt habe, und der sei in den Jahrhunderten nach Christi Geburt lange Zeit eine Stadt gewesen, nämlich Jerusalem. Ich glaube, nirgendwo in der Welt, ja nicht einmal im „Reich der Mitte“, lebt man heute in diesem Bewusstsein von einer Weltmitte.

Mythen

Im Bamberger Bewusstsein lebt ein solcher Mythos noch am ehesten fort. Neben diesem Mythos pflegt der Bamberger etwas, das ich einmal den „Mythos der Unversehrtheit“ genannt habe (74) sowie das Bewusstsein, von den großen Strömungen der Zeit und der Welt erst später oder gar nicht tangiert zu werden. Interessant ist wiederum, dass in diesem Zusammenhang Mythen, Legenden oder Sagen so liebevoll gepflegt werden, als handle es sich um historische Wahrheiten. Wenn an anderer Stelle geradezu wütend nach mehr Sachlichkeit und Ernüchterung gerufen wird (75), dann pflegt man bezüglich der Geschichte der Stadt unhistorische Legenden nur allzu gerne. Gerade die Legenden um Heinrich und Kunigunde (Gottesurteil mit Pflugscharenprobe usw.) werden von vielen als historische Wahrheit erachtet.

Ich finde gleichwohl es sehr wichtig, dass Menschen in unserer heutigen Ausbildungs- und Medienwelt die Geschichte noch mythisch sehen können. Man sollte diese Menschen direkt als „Bewusstseins-Biotope“ unter Schutz stellen. Freilich muss man aufpassen, denn auch die Nazis haben sich der Mythen und ihrer Bildkraft nur allzu gerne bedient (76). Viele Mythen, Sagen und Legenden sind gar nichts „Weiches“, sie sind in der Sprache und bildlichen Ausdruckskraft noch präsenter als viele heutige Bilder.

Alle Bilder und Zeichen hängen gleichsam in der Luft und entschwinden uns wie bei Gerhard Richter nicht nur dann, wenn ihre Bedeutungsdimension unklar wird; sie verschwimmen auch, wenn ganz schlicht das Materielle angegriffen wird.

Ein Paradebeispiel hierfür ist der Sparkassen-Bau in der Langen Straße. Hier findet sich nur noch ein kleines Zeichen, eine Gedenktafel, als Hinweis auf den Arzt, Denkmalpfleger und Freund E.T.A. Hoffmanns, auf Dr. Adalbert Friedrich Marcus. Er hatte hier ein prächtiges Haus im Barockstil, das 1970 dieser gesichtslosen Sparkassen-Architektur weichen musste. Dahinter lag ein wunderbarer Garten mit Gartenhäuschen, wo sich jetzt ein deprimierender Auto-Abstellplatz befindet. In dem Gartenhäuschen haben sich Wandmalereien von E.T.A. Hoffmann befunden, Bilder, welche eine entscheidende materielle Dimension für den großen kulturgeschichtlichen Schritt der Menschheit – die Romantik – sichtbar gemacht hätten. (77)

Franz Marc-Gedenktafel Sparkasse in der Langen Straße. Foto: Erich Weiß

Marcus-Gedenktafel Sparkasse in der Langen Straße. Foto: Erich Weiß

Voraussetzung für die damalige Abbruchgenehmigung war, dass das Treppenhaus und die Bauzier eingelagert würden. Wo befinden sich diese Denkmäler des Weltkulturerbes nun? Auf Anfrage wurde auf die Siechenscheune verwiesen, die man an einem „Tag des offenen Denkmals“ einmal besichtigen müsste, um die vielen Einlagerungen zu besichtigen.

Träumereien

Und wofür dieser Abriss von 1970? Schon wenige Jahrzehnte später plante man den Abriss des Neubaus. Genau an dieser Stelle ist nämlich die Zufahrt für ein Ladenzentrum geplant, eine Einfahrt, die das sowieso schon schwer geschundene Bild der Langen Straße in eine Lkw-Passform brächte, womit die Träumerei von der ehemals hier vorhandenen Barock-Herrlichkeit vollends unmöglich gemacht würde.

Träumereien müssen möglich sein, wie sie auch schon die Höhlenmenschen ausdrücken mussten, sie sind etwas zutiefst Menschliches – versteht das denn niemand? Träumereien eines einsamen Spaziergängers wie bei Rousseau (78), bei Robert Schumann oder in den Nocturnes von Chopin. In der Literatur kommt das vor und im Bamberger Musikleben, aber die materielle Dimension dieser Zeichen in Stein zerstört man.

Das köstliche Küchel-Haus in der Langen Straße, das benachbarte Messerschmitt-Haus mit der angrenzenden freien Natur – all das ist wie ein Traum vom Nachmittag eines Fauns …

In der Musik, Literatur und Kunst akzeptiert der Mensch des 21. Jahrhunderts langsam wieder das Transzendente, ja Übersinnliche. Die grandiose Erzählung des Iren Colm Tóibín setzt sich beispielsweise genauso mit dem Wunder der Auferstehung des Lazarus auseinander wie der junge deutsche Lyriker und Preisträger Jan Wagner. (79) Und dieselben Leute, die von der Bibel nicht mehr viel halten, finden in alten Märchen, Sagen und Legenden tiefe Wahrheiten über Götter, Menschen und die Welt. Man sage jedenfalls nicht, der Traum vom Jenseits sei nicht mehr zeitgemäß.

Heutige StadtplanerInnen und ArchitektInnen sehen zu sehr das Strenge, Formale und Berechnend-Konstruierende, zu wenig das Lyrische. Wie beides zusammenspielen kann, hat Conrad Ferdinand Meyer genial in seinem formenstrengen, aber lyrischen Poem über einen „Römischen Brunnen“ gezeigt. Aber das ist lange her.

Viele Bürgerhäuser, Ackerbürgerhäuser und Gärtnerhäuser hatte man seit der Schönbornzeit mit heiteren Barockfassaden versehen und dabei immer wieder die fürstbischöfliche Residenz zitiert. Jeder Bürger wollte seine kleine Residenz oder wenigstens einen Anklang davon – ebenso wie das Neue und das Alte Rathaus und alle anderen sakralen und öffentlichen Gebäude. Bamberg war – und ist es noch – ein Zusammenklang, eine Symphonie des Barock, freilich vor mittelalterlichem Hintergrund. Manchmal reichten den Bürgern oder Gärtnern schon geohrte Fensterrahmen oder ein Stuckkringel in einem Rückgebäude, um den Zusammenklang zu ermöglichen, genauso wie ein Akzent genügt, um ein Wort zu verwandeln. Genau dieser Zusammenhang Barock vor Mittelalter weckt unsere romantischen und nostalgisch-melancholischen Gefühle im Altstadtbereich.

Literaturhaus

Noch weiter im Hintergrund der Langen Straße entstand in einer historischen Druckerei in der Hellerstraße eines der bedeutendsten Werke der Philosophiegeschichte, Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Hier ist nicht einmal eine Gedenktafel angebracht, man will das Haus wiederum für das oben genannte Einkaufszentrum abreißen. Hier müsste ein Literaturhaus entstehen, in dem ständig die Werke Hoffmanns, Hegels und mit ihnen verbundener Dichter und Denker des Deutschen Idealismus in guten Ausgaben vorhanden sein müssten. Außerdem müssten hier die weltgeschichtlich bedeutsamen Stationen Bambergs als Stadt des Buches präsentiert werden, seine Geschichte von den wertvollen Handschriften (UNESCO-Weltdokumentenerbe) bis zum Buchdruck. Überhaupt könnte darin, wie in anderen Städten, das literarische Leben der Gegenwart institutionalisiert werden.

Die Zusammenhänge Bambergs mit der Schrift, der Buchmalerei und dem gedruckten Buch sind bei weitem noch nicht geistig ausgeschöpft und im Grunde unübersehbar; hier steigert sich fortwährend eine Art übersinnliches Zeichenspiel, in dem sich die Komponenten ihre Signale hin- und herwerfen, gegenseitig befruchten.

An Bamberg musste ich beispielsweise denken, als ich mich im Zusammenhang mit der Denkmalpflege in die Forschungen von Jan Assmann über „Das kulturelle Gedächtnis“ vertiefte (80). Assmann ist ein weltweit führender Ägyptologe. Man muss auch als Bamberger so etwas lesen; denn man kann die Dinge bekanntlich nur verstehen, nur lernen, wenn man von verschiedenen Seiten an sie herangeht.

Assmann schreibt (81), die Hieroglyphenschrift sei eine Gattung der Bildkunst geblieben und als „die Schrift der Gottesworte … den Aufzeichnungen im götterwelt-öffentlichen heiligen Raum der Dauer vorbehalten“ gewesen. Und weiter: „So entsteht der ‚monumentale Diskurs‘ als das Medium, in dem der Staat zugleich sich selbst und eine ewige Ordnung sichtbar macht.“ Schon mit dem Begriff „monumental“ sind wir der Denkmalpflege sehr nahe.

Weiter schreibt Assmann an dieser Stelle: „Dieser Doppelbezug der Schrift, der Kunst und der Architektur erklärt sich aus der besonderen Beziehung, in der die Größen ‚Staat‘ und ‚Ewigkeit‘ (oder: Unsterblichkeit) in Ägypten zueinander stehen. Der Staat ist nicht nur eine Institution zur Sicherung von Frieden, Ordnung und Gerechtigkeit, sondern zugleich damit auch eine Institution zur Ermöglichung von Unsterblichkeit, oder zumindest der Fortdauer über den Tod hinaus. Jedes hieroglyphische Denkmal verweist auf diesen Zusammenhang. Es dient der Verewigung eines Individuums und verdankt sich einer staatlichen Lizenz.“

Außerdem lagen in Ägypten die „Konzepte ‚Buch‘ und ‚Tempel‘“ gar nicht weit auseinander. „Der Tempel ist nichts anderen als die dreidimensionale und monumentale Umsetzung eines Buches …“ (82)

Genau diese geistige Verbindung findet man auch in Bamberg, genauer gesagt im fürstbischöflichen Bamberg: Die Schrift der Gottesworte, die prächtig „illuminierten“ Bibel-Handschriften, heute UNESCO-Weltdokumentenerbe und zu den „Sternstunden der Kunst“ zählend, wurde in diesen götterwelt-öffentlichen heiligen Raum, die Schatzkammer der Kaiserdoms, hineingestellt. Sie befand sich in dem Raum hinter dem nordwestlichen Domturm. Der Raum war als sakraler „Tempel“ auf Gott ausgerichtet, aber – als kaiserliche und fürstbischöfliche Schatzkammer – auch mit einer Art öffentlichen, staatlichen Dimension ausgestattet.

Und es fand insofern ein „monumentaler Diskurs“ statt, als dass man die biblischen Szenen, die in den Handschriften dargestellt sind, als „monumental“ bezeichnet – sie enthalten Gesten, Handlungen und Zeichensysteme von immerwährender Gültigkeit.

Auch in der fürstbischöflichen Zeit Bambergs war der Staat zugleich die Institution für die Ermöglichung von Unsterblichkeit.

Man sage nicht, die Kultur des Alten Ägypten habe nichts mit dem christlichen Abendland und insbesondere mit Bamberg zu tun; Heinrich August Winkler zeigt in seiner vierbändigen, wegweisenden „Geschichte des Westens“ die großen Linien, die uns verbinden. (83) Er geht mit Carl Schmitt und Jan Assmann sogar noch einen Schritt über die Säkularisierung hinaus, indem er schreibt: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“

Die Konsequenzen, die sich daraus für unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Denkmälern ergeben, sind im Grunde unabsehbar. – Vielleicht ist auch der noch spürbare sakrale Hintergrund der Stadt ein Grund dafür, dass sich ein außergewöhnlich großer Teil der Bevölkerung für alles Kulturelle interessiert – für die Konzerte der Symphoniker, das Theater, Ausstellungen, Vorträge oder literarische Lesungen. Man geht in Bamberg vielleicht noch dorthin wie ehemals in die Kirche.

Eine weitere kulturgeschichtlich bedeutsame Situation wurde leider ihrer materiellen Grundlage entkleidet, und zwar im Bereich des Theaters. Hier existierte bis vor wenigen Jahren noch der Durchgang, den einst E.T.A. Hoffmanns „Don Juan“ genommen hatte, um von seinem Hotelzimmer direkt in eine Theaterloge zu gelangen. In dieser verschwammen Schein und Sein, die Abgründe von Kunst und menschlicher Existenz taten sich auf. Inzwischen ist der Zugang zubetoniert. (84)

Nachdem das geschehen ist, wäre ein Literaturhaus umso wichtiger.

Roms Maßstab

Freilich muss die Stadt nicht überall im Rokoko-Stil oder romantisch bewahrt werden; aber gewisse herausragende Stellen, wie die in der Innenstadt oder im Theater, sind absolut bewahrungswürdig.

Wenn man über Geschichte und Geschichten, über die Denkmalpflege in Bamberg nachdenkt, dann muss man nicht unbedingt auf Mythen, Sagen und Legenden – die wir Bamberger so lieben – zurückgreifen. Jede Stadt des Alten Europa ist bei aller Modernität eingebunden in eine unendlich große Zahl an Zusammenhängen, Philosophien und Gedankengebäuden aller Art, die man auch rein wissenschaftlich aufgreifen kann.

Auch wenn Bamberg erst im Mittelalter, nach dem Jahr 1000 von Kaiser Heinrich „gegründet“ wurde – wann Bamberg wirklich Stadt wurde, darüber streitet sich wieder mal die Forschung –, gibt es doch deutliche Verbindungsfäden zur Antike, zu diesem faszinierenden, prägenden und wohl unübertroffenen Maßstab, der dort gesetzt wurde.

Kaiser Heinrich stammte ja bekanntlich aus Regensburg, einer im Ursprung klar römisch-antiken Stadt, die ihm sicherlich bis zu einem gewissen Grad als Vorbild für Bamberg gedient hatte. (85) Das „Zeichensystem Regensburg“ trug er in sich, als er daran ging, Bamberg zum Zentrum eines neuen Bistums und seines ganzen Reiches zu machen. Wie das „Stadtleben im römischen Deutschland“ allgemein aussah, wurde 2014 in einer Epoche machenden Ausstellung – freilich mit Schwerpunkten auf Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – eingehend erforscht. (86)

Eine Stadt mit all ihren Komponenten – militärische Sicherung, Struktur-Topographie, Repräsentation, Regierung, Rechtssystem, Wohnen, Kultur, Fortbewegung, Handel – war einer ganz anderen Orientierung unterworfen, als wir sie heute kennen. Unter anderem war wieder das Jenseits ein wichtiger Aspekt (87), selbst im ansonsten recht pragmatischen Denken der Römer.

Vor allem war es das Maß, das die Römer vorgaben, für Gedankengebäude und für konkrete Gebäude. Die Römer bauten sehr viel aus Stein, sogar ihre Straßen. In den nicht von Römern besetzten Gebieten Germaniens war Holz verbreiteter, sogar zur Befestigung von Wegen. In der Lugbank, zu Füßen des Bamberger Dombergs, fand man Reste einer frühen, schmalen Trasse aus Holzbohlen. Das waren die Maßstäbe für Verkehrswege. Warum sollte man sie ändern? Etwa für das Auto, dieses maßlose Dinge des 20. Jahrhunderts?

Es wird sich durch seine Vermehrung und seinen Verbrauch, unter anderem an Platz, dereinst selbst ad absurdum führen. Hoffentlich hat man ihm bis dahin nicht die Denkmäler, die das Menschsein bedeuten, geopfert.

Die Römer verbreiteten ihre Philosophie, Religion und ihre Maßstäbe überall. Die erste römische Kolonie außerhalb Italiens war das südfranzösische Narbonne. Wer durch die Straßen der dortigen Altstadt schreitet, merkt heute noch, wie sich der Maßstab Roms auf das europäische Mittelalter übertragen hat: Das freigelegte Stück der via domitia mit den in Stein eingravierten Wagenspuren setzt sich in der mittelalterlichen Gasse unter der Erde fort und führt zur Kathedrale hin. Dieser Weg, diese Gassenbreite, dieses Maß für die am Rand stehenden Gebäude und auch die Kathedrale, den Bischofspalast, das Rathaus und für den Kanal ist das Grundmaß für die mitteleuropäischen Städte bis zum heutigen Tag. Ein sehr menschliches Maß.

In Bamberg sollte zumindest der Welterbe-Bereich verkehrsberuhigt werden. Niemand sollte in diese Zone, die in weltweiter Vereinbarung als „götterwelt-öffentlicher heiliger Raum“ bezeichnet und in monumentalen Schriften abgebildet wurde, einfach so mit dem Auto hineinfahren dürfen, wie er es überall tut. Eine Möglichkeit wäre die Spielstraßen-Regelung für das ganze Welterbe, wodurch alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt wären.

Ihr Götter, wie habt ihr Bamberg beschenkt! Die Apotheose des Genius Bamberg-Regensburg ist die Alte Kapelle der Ratisbona, (88) die Heinrich an Bamberg schenkte. Es handelt sich um das älteste noch bestehende karolingische Kollegiatstift überhaupt. Die Gottesmuter Maria sowie die Heiligen Heinrich und Kunigunde werden darin zentral verherrlicht, eine Seitenkapelle bewahrt das dem Evangelisten Lukas zugeschriebene Gnadenbild. (89) Adolph Menzel hat das Kircheninnere in einem Aquarell wiedergegeben. Der Komplex ist ein Sinnbild für Bamberg: im Kern romanisch-gotisch, später in einen Rausch von Barock und Rokoko getaucht.

„Nutzungskonzepte“

Menzel deutet einige Personen an. Es ist aber keineswegs nötig, die Kirche in Begleitung zu besichtigen. Man könnte sie auch allein, kontemplativ betrachten – im Unterschied zu so manchen modernen Gebäuden, zum Beispiel der Regensburger Universität.

Der Gegensatz zur Kontemplation wäre der Pragmatismus, die Nutzung eines Bau- oder Kunstdenkmals. Bei jeder Diskussion um die Erhaltung wird immer sofort die Frage nach der Nutzung gestellt. „Ja, ohne Nutzungskonzept können wir da gar nichts machen!“, heißt es im Stadtrat recht oft. Hierbei vergisst man, dass Kunst mit dem Nutzen nicht unbedingt etwas zu tun hat. Eine Kunstströmung hieß bekanntlich sogar l’art pour l’art – Kunst nur um der Kunst willen.

Die Villa Concordia zum Beispiel war von ihrem Bauherrn nicht unbedingt als Nutzgebäude gedacht. Sie sollte einfach da sein, wirken, sich selbst ausstellen. Nur durch einige Um- und Einbauten ist es vor Jahren gelungen, sie als Internationales Künstlerhaus einzurichten.

Villa Concordia. Foto: Erich Weiß

Villa Concordia. Foto: Erich Weiß

Mit der Villa Concordia hat Johann Dientzenhofer, der Genialste aus der gleichnamigen Architektenfamilie, zum Teil sich selbst zitiert, indem er – nach dem Rosengarten und den Michelsberg-Terrassen – eine dritte Terrasse an der Stadtgrenze anlegte, wie er schon am Michelsberg eine Schlüsselstellung zur Landschaft hin eingerichtet hatte. Bamberg wurde, wie gesagt, als eine Variation von Zitaten und Anklängen errichtet, die man nicht durch Missklänge trüben darf.

Die Concordia gehört zum Typ der ästhetisch-romantischen im Unterschied zur historisch-politisch wichtigen Villa. Am Berliner Wannsee finden sich beide Typen in unmittelbarer Nähe: Die „Wannsee-Villa“, in der die Organisation des Holocaust verhandelt wurde, und die Villa Liebermann, in welcher der gleichnamige Maler wichtige Werke schuf.

Ändern und Bewahren

Was und wie viel darf man überhaupt verändern? Man ist in der oben beschriebenen Krise der Maßstäbe verunsichert. Sehr leicht kann es da vorkommen, dass etwas zerstört wird, was hätte bewahrt werden müssen, aber man hat es vorher nicht „richtig“ bedacht. Es geschah alles nach Recht und Gesetz – und trotzdem … Oder war es vielleicht doch nicht so schlimm? Kommt alles bald wieder ins Lot?

Wurde nicht durch das Anlegen von neuen Wegen an der Regnitz im Zuge der Landesgartenschau 2012 die eine oder andere Perspektive eröffnet? Hat man nicht durch den Bau einer als überteuert empfundenen Kettenbrücke ein Kunstwerk hinzugewonnen? Ist nicht zwischen der Straße „An der Universität“ und der Kapuzinerstraße ein bewundernswertes, winziges Campus entstanden? Vollendete der Weingarten am Michelsberg nicht ein neues kleines Paradies in der Klosterlandschaft?

Man ist in Zeiten der Orientierungskrise verunsichert, wenn das Zusammenspiel zwischen den konkreten Anforderungen nicht mehr funktioniert und alles auf so genannte „Interessenskonflikte“ hinausläuft. Häufig siegt am Ende doch das Kapital, weil das einzig noch verbliebene übergreifende Gedankengebäude, die Religion, dem modernen Menschen – zumindest in Gestalt der Institution Kirche – so fern ist wie nie. In einzelnen Bereichen hat sich ihr Personal ja auch diskreditiert.

Heute scheinen sich die Ereignisse denn doch zu überschlagen, alles scheint schneller zu gehen, vor allem was der Wechsel in der Orientierung, in den Parametern betrifft. Man könne sich auf nichts mehr verlassen, lautet ein Sprichwort. Selbst Institutionen wie der Vatikan oder das Bundesverfassungsgericht korrigieren sich neuerdings selbst.

Und all das kommt wie über Nacht. Über Nacht fiel die Mauer. Ist das für den Lauf der Geschichte neu und außergewöhnlich? „Tempus fugit“, hieß es schon in der Antike, „Diß Leben kommt mir vor als eine Renne-Bahn“, schrieb Andreas Gryphius in der Barockzeit, und zu Beginn der Industrialisierung glaubte man, der Mensch könne mit der neuen Dampfeisenbahn 1835 Nürnberg-Fürth maximal 30 Kilometer pro Stunde verkraften.

Wenig später als ein Jahrzehnt kam die Eisenbahn nach Bamberg – heute sind die entsprechenden Gebäude bewundernswerte technische Denkmäler. Leider hat man die alten Lokschuppen verfallen lassen. Rosenheim hatte bloß einen davon und installierte darin eine sehr beachtenswerte Ausstellungshalle. Der Bamberger Bahnhof stammt sogar von Friedrich Bürklein.

Lokschuppen. Foto: Erich Weiß

Lokschuppen, 2003. Foto: Erich Weiß

Wie ideal man „technische Denkmäler“ nutzen kann zeigt Bernd Wagenhäuser, der sein Kunstatelier in einer ehemaligen Schreinerei in der Gärtnerstadt eingerichtet hat und darin auch Theater spielen lässt. Hier vervielfachen sich die Zeichenwelten für den Besucher. Dennoch reicht es nicht, wenn Kunst und Theater in Ausweichquartieren stattfinden; Gegenwartskunst benötigt Museen, kleine Theater Bühnen, Bücher Bibliotheken, die Literatur ihr Haus. Im Konversionsgebiet könnte viel davon verwirklicht werden, die Altstadt verlangt, wie beschrieben, nach einem Literaturhaus – zusätzlich zu allen Bibliotheken und Büchereien.

Und bevor man ein Museum zur Geschichte des Bamberger Militärwesens einrichtet, das auch seine Berechtigung hat, sollte man sich allgemein der Erinnerungskultur widmen. (90) Nur so kann die Gesamtthematik Reichswehr – Wehrmacht – Bundeswehr – Widerstand in einen nötigen „monumentalen Diskurs“ Eingang finden. Hier reichen keine Einzeldenkmäler, keine Gedenktafeln, sondern eine möglichst zentrale, größere Gedenkstätte für Bamberg wäre vonnöten – Bamberg, das bekanntlich in der Nazi-Zeit eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. (91) Am besten geeignet wäre hierfür – wie bereits in einem Antrag vorgeschlagen – der Raum hinter den Gedenktafeln an der Unteren Brücke. Er wäre von der Unteren Brücke aus erreichbar und könnte schon räumlich auf die geistigen Hintergründe von Krieg, Terror und Gewalt verweisen.

Manche Dinge muss man gerade im Denkmalbereich nur leben lassen; wie in einem Garten wachsen lassen. Menschen, die ins Grüne schauen, sollen schneller gesund werden und weniger Medikamente gegen Schmerzen benötigen. Insofern hat das Bamberger Klinikum eine gute Lage – wie auch schon das Alte Krankenhaus an der Regnitz, zur Zeit seiner Entstehung bekanntlich das fortschrittlichste seiner Zeit.

Die Verbindung von Kultur und Natur ist in Bamberg auch eindrucksvoll versinnbildlicht im Nebeneinander des Naturkundemuseums und der Theologischen Universitätsbibliothek, zwischen denen ein Durchgang möglich war. Auch dieser Durchgang ist heute – wie der Durchgang in E.T.A. Hoffmanns Theaterloge – versperrt.

Genau in dieser Art, in der Anlehnung an die Natur, hat sich von alters her auch die Architektur gebildet – nach dem Vorbild der Pflanzen. Die Gotik stellte Äste dar, die sich in einem Gewölbe einander zuneigen. Die Säulenkapitelle waren häufig Knospenkapitelle in Nachahmung pflanzlicher Formen. Nur die heutige Architektur geht von der Natur entfremdete und entfremdende Wege. Dabei wäre sie, das organisch Wachsende, der allerletzte, für das Humanum verbliebene Maßstab unserer Zeit.

Andreas Reuß

Von dem Bamberger Autor erscheinen seit Jahren – neben zahlreichen Artikeln, Gedichten und drei Romanen – Kultur- und Reiseführer sowie Biographien über Philosophen, Theologen und Künstler, meist mit Stefan Fröhling. Zuletzt kamen seine „Urbanen Plaudereien“ über Bamberger Themen im Erich-Weiß-Verlag in Bamberg heraus. 1989 war er Mitbegründer des Vereins „Bewahrt die Bergstadt“, 2008 wurde er in den Bamberger Stadtrat gewählt.


 

Anmerkungen:

1 Helmut Pape: Erfahrung und Wirklichkeit als Zeichenprozeß, Frankfurt: Suhrkamp 1989.

2 Zum Teil nach I.M. Bochénski: Die zeitgenössischen Denkmethoden, 5. Aufl., München 1971, S. 39 ff. Bochénski sieht nicht die materielle, sondern nur die von ihm so genannte „pragmatische“ Dimension des Zeichens, den Bezug zum Menschen.

3 In der Ludwigstraße: Ein verbliebener Hinweis aus dem 2. Weltkrieg auf den Eingang zu einem Luftschutzkeller.

4 Denkmalkunde in Bamberg. Eine Ausstellung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalspflege in München / Seehof und des Historischen Museums Bamberg 4.4. – 16.4. 1990, mit einer Einführung von Tilmann Breuer, S. 11-16 (= Schriften des Historischen Museums Bamberg Ausstellungen – Berichte – Führer, Nr. 15), Seite 11.

5 Einen sehr wichtigen Überblick über das Fach Denkmalpflege schrieb Achim Hubel: Denkmalpflege: Geschichte, Themen, Aufgaben. Eine Einführung, Stuttgart 2006.

6 Marlies Heinz: Vollständige Vernichtung als Ziel. Mossul, Nimrud, Hatra: Warum archäologisches Erbe für den Islamischen Staat bedrohlich ist, FAZ Nr. 58, 10.3.2015, S. 13.

7 Die Autorin beschäftigt sich in dem genannten Artikel aktuell mit den Zerstörungen von Denkmalen aus einer bestimmten politischen Motivation heraus.

8 Berühmt wurde der Beitrag von T.S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962 / 1970. Kuhn sprach bekanntlich von Paradigmenwechseln statt Fortschritten oder gar Revolutionen in der Wissenschaft.

9 Am 26. März 2015, im Dienstsitz des Präsidenten in der Von-der-Heydt-Straße in Berlin.

10 Stefan Fröhling, Andreas Reuß: Die Humboldts. Lebenslinien einer gelehrten Familie, Berlin 1999 (Erschienen zur Ausstellung „Netzwerke des Wissens“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, anlässlich der Forschungsreise Alexanders 1799 nach Amerika [Jubiläum 1999]).

11 Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird vom Bund und den Ländern finanziert, der Haushalt ist transparent. Ein Überblick ist im Internet einsehbar.

12 Das unterirdische Bayern. 7000 Jahre Geschichte und Archäologie im Luftbild, hg. v. Rainer Christlein und Otto Braasch, 2, unveränd. Aufl., Stuttgart 1990, S. 160 f.

13 Übersetzt von A. R.

14 Die Vereinbarung gehört ja auch in den Bereich der Philosophie, der sich, wie gesagt, keiner, der irgendwie in Stadtplanung oder Denkmalpflege mitreden will, entziehen kann – auch wenn viele denken, sie könnten sich der Philosophie entziehen. Aber diese Gedanken sind bereits eine Philosophie, wenn auch eine schlechte.

15 Psalm 8, 4: „[…] was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und das Menschenkind, dass du sich seiner annimmst?“

16 Aurelius Augustinus: Über den Wortlaut der Genesis. Der große Genesiskommentar in zwölf Büchern, hg. Und übers. Von Carl Johann Perl, 2 Bde., Paderborn 1961 (I) und 1964 (II), S. 225.

17 Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, 3., durchgesehene Aufl., München 2015. Parzinger sieht die Geschichte des Menschen umfassender und plädiert weniger für eine Anbindung an die Entstehung der Schrift.

18 Andreas Reuß: Wie die Commode einer alten Großmama. Stadt der Bücher: ein Rundgang durch Bambergs Literaturepochen. In: Unser Bayern, Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, Jahrg.46, Nr.8, 8/1997, Text und sechs Fotos von A.R., S.60-62.

19 Hans Morper genannt Haanzlesgörch: Lachendes Bamberg. Heitere und besinnliche Gedichte, Lieber usw. Bamberg.

20 Wien 2014, S. 13.

21 Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, 3., durchgesehene Aufl., München 2015.

22 Björn-Uwe Abels: Frühe Kulturen in Oberfranken von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter. Ausgewählte Objekte …, Bamberg 1986 (Schriften des Historischen Museums Bamberg, Nr. 1). Siehe auch im Internet: Bayerischer Denkmal-Atlas des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

23 Bayerischer Denkmal-Atlas des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

24 Stefan Fröhling, Andreas Reuß: Zu den Quellen Frankens. Flüsse, Kurbäder, Brunnen, Bamberg 1993.

25 Selbst Bahnhöfe, Postgebäude und Umspannwerke können Denkmäler sein. Bamberger Expertengespräch über die aktuellen Herausforderungen der Denkmalpflege. In: Bayerische Staatszeitung, Nr.8, 23.2.2001, S.1 und 4 (Text und Foto von A.R. mit S.Fröhling).

26 Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, 3., durchgesehene Aufl., München 2015, Seite 76.

27 Christ in der Gegenwart, Verlag Herder, Freiburg, 67. Jg., Nr. 11, 15.3.2015, S. 1.

28 I.M. Bochénski: Die zeitgenössischen Denkmethoden, München 1954.

29 Denkmalkunde in Bamberg. Eine Ausstellung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalspflege in München / Seehof und des Historischen Museums Bamberg 4.4. – 16.4. 1990, mit einer Einführung von Tilmann Breuer, S. 11-16 (= Schriften des Historischen Museums Bamberg Ausstellungen – Berichte – Führer, Nr. 15).

30 Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, München 1977. Von ihm wieder aufgegriffen in seinem Werk „Zeit und Wissen“, München 1992, S. 377 ff.

31 Robert Harrison: Gärten. Ein Versuch über das Wesen des Menschen. Paris 2007, London und Chicago 2008, München 2010.

32 Wilhelmine von Bayreuth. Eine preußische Königstocher, aus dem Französischen von Annette Kolb, neu hg. v. Ingeborg Weber-Kellermann, Frankfurt 1981.

33 Tilmann Breuer, Christine Kippes-Bösche und Peter Ruderich u. a.: Die Kunstdenkmäler von Bayern. Im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst herausgegeben vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Regierungsbezirk Oberfranken V, Stadt Bamberg 3 – Immunitäten der Bergstadt, 4. Viertelband: Michelsberg und Abtsberg, S. 20, 25, 28, 46, 68, 698, 709, 722, 866, 873, 893, 899.

34 Stefan Fröhling, Andreas Reuß: Natur als lyrische Metapher. Ein Streifzug durch literarische Gärten in Franken. In: Unser Bayern, Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, Sept. 1995, Jg.44, Nr.9, S.67-69 (Text und Fotos von A.R. mit S. Fröhling).

35 Stefan Fröhling, Markus Huck: Franz Marc. Prophet der Moderne, Regensburg 2015 (angekündigt).

36 Hugh Honour: Venedig. Ein Führer, 5. bearb. aktualisierte Aufl. München 1995, S. 33.

37 Karl Baedeker: Bamberg. Kurzer Stadtführer, 5. Aufl., Freiburg 1980, Seite 24 f.

38 Wahrer der Burgenromantik. Der Bamberger Altenburgverein ist 180 Jahre alt, Bayerische Staatszeitung, Heimatbeilage „Unser Bayern“, Jg.47, Nr.10, Okt.1998, Seite 80 (Text von A.R. mit S.Fröhling).

39 Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 7. Aufl., München 2013.

40 Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart, München 2015. Danach sei die Welt nach dem bipolaren Ost-West-Konflikt ideologisch unübersichtlicher geworden. Siehe auch: Jaspers, Karl: Die geistige Situation der Zeit. Berlin 1931 sowie Stefan Fröhling und Andreas Reuß: Schicksalsmomente, Moers 2014.

41 Peter Gross: die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt 1994.

42 Fränkischer Tag, Bamberg, 24.4.2012.

43 Joachim Fest: Nach dem Scheitern der Utopien. Gesammelte Essays zu Politik und Geschichte, Reinbek bei Hamburg 2007. Hannah Arendt beschrieb die linken und rechten Ideologien bekanntlich gleichermaßen als totalitär (Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, 14. Auflage 2011).

44 Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. Transzendentalpragmatik, Letztbegründung, Ethik, 3., um ein Nachwort für diese Ausg. Erw. Aufl. München 1997.

45 Lebensart genießen in und um Bamberg. Hg. v. Oliver van Essenberg, Bamberg 2010. Mit einem Beitrag von Andreas Reuß: E.T.A. Hoffmann und der Wein, S. 44-47.

46 Genuss mit Geschichte. Einkehr in bayerischen Denkmälern – Gasthöfe, Wirtshäuser und Weinstuben, ausgewählt und zusammengestellt von Karl Gattinger, 3. Aufl., München 2010.

47 Andererseits ist das Interesse speziell der Bamberger an Kultur ungebrochen.

48 Auch das Bewusstsein von Schuld und Unschuld leidet darunter, siehe das Buch über Sünde in der heutigen Zeit von Gerhard Schulze: Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde, Hanser Verlag, München 2003. Was ist Betrug? Zum Beispiel in der Partnerschaft? Oder gegenüber dem Gemeinwesen?

49 Die Kunstdenkmäler von Bayern. Im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst herausgegeben vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Regierungsbezirk Oberfranken. V Stadt Bamberg.

50 Stefan Fröhling / Andreas Reuß: Schicksalsmomente, Moers 2014 und Andreas Reuß: Urbane Plaudereien, Bamberg 2014.

51 Vgl. seine große Nürnberger Ausstellung bis 22. Februar 2015. Siehe auch Dietmar Elger: Gerhard Richter, Maler, Köln 2008.

52 Zum Motiv des „Verschwimmens“ siehe auch die oben zitierte Passage in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“.

53 Albert von Schirnding: Am Anfang war das Staunen. Über den Ursprung der Philosophie bei den Griechen, Ebenhausen bei München 2008. Das altgriechische Staunen war sicherlich auch ein vertieftes Annähern an die sinnlich wahrnehmbare Welt.

54 Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 3. Aufl., München Zürich 1965.

55 Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. Transzendentalpragmatik, Letztbegründung, Ethik, 3., um ein Nachwort für diese Ausg. Erw. Aufl. München 1997.

56 Hubel, A.: Kaiser Heinrich II., die Idee einer Roma secunda und die Konkurrenz zwischen Regensburg und Bamberg im 11. Jahrhundert. In: Das Bistum Bamberg in der Welt des Mittelalters, hg. V. Ch. und K. v. Eickels, Bamberg 2007 (Bamberger interdisziplinäre Mittelalterstudien, Band 1).

57 Schneidmüller, B. / Weinfurter, S. (Hg.): Otto III. – Heinrich II. Eine Wende? Sigmaringen 1977 (Mittelalter-Forschungen; Bd. I).

58 Weinfurter, S.: Heinrich II. Herrscher am Ende der Zeiten, 2. Aufl., Regensburg 2000. Kirmeier, J., Schneidmüller, B., Weinfurter, S. (Hg.): Kaiser Heinrich II. 1002-1024, Stuttgart 2002 (Begleitband zur Bayerischen Landesausstellung in Bamberg 2002).

59 Geschichte für Gymnasien, Hg. v. Heinloth, B., München 1992. S. 35.

60 Partsch, S.: Sternstunden der Kunst. Von Nofretete bis Andy Warhol, 2. Aufl., München 2003. Unter anderem über das Perikopenbuch Heinrichs II.

61 Der Goldgrund spielt auch für die russische Kunst eine entscheidende Rolle.

62 Milan Kundera: Die Unwissenheit. München Wien 2001, S. 7. Der hoffmanneske Roman „Herzgewächse oder der Fall Adams“ von Hans Wollschläger (lebte lange Jahre in Bamberg) handelt von einem Mann, der nach Bamberg zurückkehrt.

63 Zum Beispiel in seinem berühmten Jean-Harlow-Lied vom 4. Oktober 1970, also fast noch in der Zeit der „Achtundsechziger“.

64 Seit 1978 lebt Milan Kundera in Paris. Sein Roman „Die Unwissenheit“ (siehe oben zur Nostalgie) heißt im Original „L’ignorance“. Vgl. auch das Gemälde „Boulevard Montmartre, Frühling“, von Camille Pissarro, 1897, Öl auf Leinwand, New York, Sammlung Loeb. Sehr ähnlich zu einer Partie in Bamberg-Bug ist das Gemälde von Claude Monet, „Felder im Frühling“, 1887, Öl auf Leinwand, Staatsgalerie Stuttgart. Das Gemälde „Mohnblumen“ von Monet hat mich immer an das Boveri-Schlößchen in Höfen erinnert (Claude Monet, Mohnblumen, 1873, Öl auf Leinwand, Paris, Musée d’Orsay).

65 Zitiert nach Heinrich August Winkler: Die Geschichte des Westens. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 2010, S. 41.

66 1968 gründete sich die „Schutzgemeinschaft Alt-Bamberg“, als das „Haus zum Marienbild“ am Kaulberg abgerissen wurde. 1989 entstand der Verein „Bewahrt die Bergstadt“. Hausbesetzer sorgten für den Erhalt des Alten Wasserwerks und die Bewahrung des „Erlwein-Baus“ des ehemaligen Krankenhauses (jetzt Stadtarchiv), 2004/05 verhinderte eine Bürgerinitiative die „City-Passage“, welche Baudenkmäler in der Innenstadt zerstört hätte, 2007 gründete sich die Initiative „Rettet den Michelsberg“ (für das ehemalige Kloster Sankt Michael). Die Liste ließe sich fortsetzen.

67 Krischker, G. C.: fai obbochd [übersetzt: Gib Obacht]. gesammelte dialektgedichte. Bamberg 1986.

68 Im 2. Weltkrieg blieb die Altstadt weitgehend erhalten.

69 Stefan Pfaffenberger.: Bambergs Wurzeln. Archäologische Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung im frühen Mittelalter. In: Uni.vers 14 (2008), Magazin der Universität Bamberg, S. 3 ff. Siehe auch Bergmann, R., Dippold, G., Haberstroh, J., Lange, Ch., Weiß, W. (Hg.): Missionierung und Christianisierung im Regnitz- und Obermaingebiet, Bamberg 2007 (Schriftenreihe des Historischen Vereins Bamberg, Band 41).

70 Benevolo, L., Die Stadt in der europäischen Geschichte, München 1993, S. 14.

71 Pfaffenberger, S.: Bambergs Wurzeln. Archäologische Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung im frühen Mittelalter. In: Uni.vers 14 (2008), Magazin der Universität Bamberg, S. 3 ff.

72 In der Kleberstraße zum Beispiel machen viele Gebäude den Eindruck von Rückgebäuden. Hier wirken sämtliche Neubauten hässlich, vor allem wenn sie Garageneinfahrten aufweisen. Ganz besonders hässlich ist der Neubau-Block in der Kleberstraße zwischen Markusplatz und der Einmündung Hornthalstraße. Auch die neu errichteten Rückgebäude in der Fleischstraße und in der Tränkgasse sind unerträglich – und das mitten im „Weltkulturerbe“.

73 Breuer, T., Gutbier, R.: Stadt Bamberg. Innere Inselstadt, 2. Halbband des beschriebenen Denkmalinventars, S.1010. Von diesen Seiten stammen die meisten Angaben über den Maxplatz.

74 Andreas Reuß: Gespräche über eine ewige Stadt. Eine Sprecherin und zwei Sprecher rekapitulieren poetisch-philosophisch das Leben des ehemaligen Bamberger Weihbischofs Artur Landgraf. Geschrieben für die Bamberger Calderón-Festspiele 2007, im Auftrag des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg und des Metropolitankapitels, aufgeführt im Rahmen des Bamberger Bistumsjubiläums „1000 Jahre Bistum Bamberg“ am Westchor des Bamberger Kaiserdoms.

75 Eine Stadtrats-Partei nennt sich „Bamberger Realisten“.

76 Insbesondere des Bamberger Reiters.

77 Breuer, T., Gutbier, R.: Stadt Bamberg. Innere Inselstadt, S. 955 ff., mit Bildern.

78 Les rêveries du promeneur solitaire, Lausanne 1782.

79 Colm Tóibín: Marias Testament, München 2014; Jan Wagner: Regentonnenvariationen. Gedichte, Berlin 2014.

80 Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 7. Aufl., München 2013.

81 Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 169 ff.

82 Assmann, S. 177.

83 H.A. Winkler: Geschichte des Westens, Band I, S. 25 ff.

84 Karin Dengler-Schreiber: So ein Theater. Geschichten aus 200 und einem Jahr Bamberger Stadttheater, Bamberg 2003. Andreas Reuß: Urbane Plaudereien, Bamberg 2014.

85 Hubel, A.: Kaiser Heinrich II., die Idee einer Roma secunda und die Konkurrenz zwischen Regensburg und Bamberg im 11. Jahrhundert. In: Das Bistum Bamberg in der Welt des Mittelalters, hg. V. Ch. und K. v. Eickels, Bamberg 2007 (Bamberger interdisziplinäre Mittelalterstudien, Band 1).

86 Reuter, Marcus [Hrsg.]: Ein Traum von Rom: Stadtleben im römischen Deutschland; [zur Ausstellung „Ein Traum von Rom. Römisches Stadtleben in Südwestdeutschland“, Rheinisches Landesmuseum Trier, 15. März bis 28. September 2014; Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, 25. Oktober 2014 bis 12. April 2015], Darmstadt, Theiss 2014.

87 Siehe „Ein Traum von Rom“, Beitrag von Katharina Ackenheil: Für das Jenseits – Gräber und Grabbauten im römischen Trier, S. 219-229.

88 Die Alte Kapelle in Regensburg, hg. von Werner Schiedermair, Regensburg 2002.

89 Beitrag von Achim Hubel in „Die Alte Kapelle in Regensburg“, S. 219-244.

90 Zeichensetzung für das Unsagbare und Unbeschreibliche. Eine Sammlung informiert kulturkritisch über die ,Mahnmale des Holocaust. Motive, Rituale und Stätten des Gedenkens‘, Fränkischer Sonntag, Beilage des FT Nr.138, 49. Jg., 18.6.1994, Text von A.R. S. 2. Veränderter Nachdruck in den Israel-Nachrichten, Tel Aviv, 8.7.1994, S. 7.

91 Bamberger Dichterkreis (verherrlichte den „Führer“), Messerschmitt, „des Teufels Flugzeugbauer“, lebte hier, in Bamberg waren mehrere Reichs-Treffen des BDM, in der Entstehungsphase des NS-Partei spielte es eine nicht unbedeutende Rolle usw.

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