Bravo, bravissimo! Die Sommer Oper Bamberg wagt sich an Don Giovanni, mit Erfolg: Ein fabelhaftes Ereignis.

Von Musicouskuß

Ein Läuten – so durchdringend war es, daß es nahezu schon draußen vor der Tür auf dem Schillerplatz zu vernehmen war, wo man an der E.T.A.-Hoffmann-Skulptur auf Donna Catrina wartete (denn sie hatte sich, wenn auch nur nur leicht, verspätet) – ein durchdringendes Läuten also und, kaum daß wir unsere Plätze im Großen Haus, Parkett, fünfte Reihe, eingenommen hatten, der gellende Ruf: „Das Theater fängt an!“ Freilich mit eindeutig fränkischem Einschlag, was paßte. Schließlich stand bei der Sommer Oper Bamberg im E.T.A.-Hoffmann-Theater die Premiere des Don Giovanni „von dem berühmten Herrn Mozart aus Wien“ an. Die musikalische Gesamtleitung lag in den längst bewährten Händen Till Fabian Wesers, die Inszenierung stammte vom Hausherren Rainer Lewandowski, für die Ausstattung (sehr schön vor allem die üppigen Kostüme) sorgte Jens Hübner.

Lewandowski bediente sich des sehr naheliegenden Schachzuges, E.T.A Hoffmann auf die Bühne zu holen, der in der Fremdenloge zur Rechten Platz nahm. Severin Spies war mehr als ein bloßer Statist, füllte die Rolle lebendig aus, nippte am Wein, dirigierte bisweilen Mozarts Musik mit, spendete Beifall, machte Donna Anna, beiden Donna Annas schöne Augen (Anna-Lena Wurm, die neben Spies in der Loge saß, und Valda Wilson, der bezaubernden Sopranistin). „Die ersten Akkorde der Ouvertüre überzeugten mich“, heißt es in Hoffmanns „Don Juan“-Erzählung von 1812/13, veröffentlicht wenige Wochen bevor ihr Autor aus Bamberg flüchtete, „daß ein ganz vortreffliches Orchester, sollten die Sänger auch nur im mindesten etwas leisten, mir den herrlichsten Genuß des Meisterwerks verschaffen würde.“ Ganz so war es denn auch am Premierenabend.

Till Fabian Weser setzte auf eher flotte Tempi, auf einen eher schlanken Klang, der sich an der historischen Aufführungspraxis orientierte (tatsächlich wurden etwa Naturtrompeten gespielt, und das Blech hatte unter anderen ein so erfahrener Barockposaunist, wie es der Kölner Harry Ries ist, vorbereitet). Weser modellierte Mozarts Partitur mit den Händen nach, hielt wachen Blickkontakt zu den Sängern und schaffte so einen feinen Zusammenhalt zwischen Ensemble und Orchester. Daß dann doch einmal ein Ton daneben ging, daß für einen Moment die Intonation nicht ganz lupenrein war, das sind Quisquilien. Vor allem das Holz ließ immer wieder aufhorchen. Auch die Bühnenmusik, die muntere Bläserenade im „Già la mensa è preparata“-Finale gefiel, und die Posaunen bei der Friedhofsszene weit hinten auf der Bühne zu positionieren, fast als eine Art Fernmusik, wie man sie von Mahler kennt, war ein glänzender Einfall. Ein Gruß aus der höllischen Unterwelt: diesem düsteren d-Moll war das lodernde Feuer der Hölle eingeschrieben, einer Hölle, in die Don Giovanni bald versinken sollte.

Den Titelhelden, diesen zügellosen Bonvivant und Schürzenjäger, der „vom schönen Weibe zum schönern rastlos“ flieht, der „Wein und Mädchen über die Maßen liebt“, diesen Don Giovanni, von dem die „Weiber, von ihm angeblickt, nicht mehr lassen“ können, füllte Jirí Rajniš mit springlebendiger Bühnenpräsenz und einem wandlungsfähigen kräftig-charaktervollen Bariton aus. Für den Part seines Dieners Leporello verfügte Kwangmin Seo über eine „regelrechte Röhre, wie man sie sich von einem Baß wünscht“ (das jedenfalls meinte Donna Catrina an unserer Seite). Seo zeigte sich auch als begnadeter Komiker und Pantomime, als er mit seinem Herrn die Kleider tauschte. Valda Wilson verkörperte die Trauer tragende Donna Anna mit einem geschmeidigen, facettenreichen Sopran, Oksana Pollani, die die Donna Elvira gab, verstand sich auf feine Phrasierungen, Ralitsa Ralinova (Zerlina) brachte einen anmutigen Sopran ins Spiel (etwa in „Batti, batti, o bel Masetto“ und im tänzelnden Duett mit Don Giovanni, „Là ci darem la mano“), Hongyu Chen sang den Bauertölpel Masetto mit solider Baßstimme. Francisco Fernández-Rueda überzeugte, auf die lyrische Linie bedacht, als Donna Annas Verlobter Don Ottavio mit seinem sonoren Tenor.

Einzig die Partie des Commendatore ist bei der Sommer Oper nicht doppelt besetzt (am Freitag war das Ensemble „Casanova“ zu erleben, am Sonntag das Ensemble „Don Juan“). Daniel Mauerhofers Komtur klang stimmgewaltig, ja markerschütternd, vor allem als Donna Annas Vater als lebendig gewordene Statue wiederkehrte.

In Mozarts Oper machte E.T.A. Hoffmann einst „viele neue Schönheiten“ aus. Im März 1795 schrieb er an Theodor Gottlieb von Hippel: „Das Anschwellen von sanfter Melodie bis zum Rauschenden, bis zum erschütternden des Donners, die sanften Klagetöne, der Ausbruch der wütendsten Verzweiflung, das Majestätische, das edle des Helden, die Angst des Verbrechers, das Abwechseln der Leidenschaften in seiner Seele, alles dieses findest Du in dieser einzigen Musik – sie ist allumfassend, und zeigt Dir den Geist des Componisten in allen möglichen Modifikationen.“

Diese „einzige Musik“ in all ihren Farben machten das Orchester, das Sängerensemble (das in den Rezitativen Clemens Mohr am Hammerflügel sicher begleitete), der Chor der Sommer Oper Bamberg aufs Schönste lebendig. Die völlig zu Recht umjubelte Premiere geriet zu einer wahrlich „fabelhaften Begebenheit“, zumal dann, wenn man bedenkt, daß hier ja keine gestandenen Profis, die auf jahrelange Erfahrung zurückblicken können, auf der Bühne standen und im Graben saßen, sondern junge Sänger und Instrumentalisten, die zum allergrößten Teil noch an (europäischen) Musikhochschulen studieren. Ihren Weg werden sie gewiß noch machen. Die Sommer Oper Bamberg war bereits Sprungbrett für die ein oder andere Karriere. Am 7., am 9., 10. und 12. Oktober folgen weitere Aufführungen. Und am 11. Oktober lädt das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia um 19 Uhr bei freiem Eintritt zu einem Kammerkonzert. Mitglieder der Sommer Oper werden unter anderem das Auftragswerk „Nachtmusik – Fantasie 1787“ (in jenem Jahr wurde der Don Giovanni in Prag erstmals gegeben) von Arash Safaian zur Uraufführung bringen.

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