Tag des offenen Denkmals der Deutschen Stiftung Denkmalschutz / Unbequeme Denkmale?

Andreas Reuß

Führung durch die Klosterlandschaft Sankt Michael

Cornus mas, Kornelkirsche, Michelsberg. Foto: Andreas Reuß

Vor genau 20 Jahren, im Jahre 1993, wurde Bamberg von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Entscheidend war dafür die einzigartige Symbiose der ursprünglich mittelalterlichen Stadt – als vielfältig bewahrte Bausubstanz – mit der Natur. Bis zum heutigen Tag ergibt sich dadurch eine unvergleichliche Kulturlandschaft, besonders geprägt durch das Bamberger Gärtnerviertel und die Flusslandschaften.

Aber auch der „sanfte Übergang“ von der Bebauungsgrenze im Westen Bambergs in die Natur ist in dieser Form in Europa nach Meinung vieler Experten einzigartig. Im Gegensatz zu anderen europäischen Städten hat hier keine Ummauerung die Themen „Stadt“ und „Landschaft“ in abgetrennter Weise formuliert. Das ist in Franken ganz besonders singulär, weil es hier viele kleine Städtchen gibt, die heute noch über eine geschlossene Ummauerung verfügen.

Bei der relativ großen Stadt Bamberg ist das nicht der Fall. Wie in einem Dorf tritt man im Westen der Stadt unwillkürlich in die umgebende Landschaft, die noch bäuerlich (Schafweiden, Streuobstwiesen, Holznutzung, Weinbau usw.), zur Erholung (u. a. von verschiedenen anliegenden Pflegeeinrichtungen), zu Lehr- sowie Forschungszwecken (kirchlicher Schöpfungsweg) und künstlerisch sowie für Vereinsveranstaltungen genutzt wird.

Die meiste Zeit ist es jedoch still hier.

Und das, obwohl die Entfernung zum Stadtzentrum nur ca. dreihundert Meter Luftlinie beträgt.

Innerhalb dieser genannten westlichen Stadtlandschaft gibt es allerdings doch noch eine geschlossene Ummauerung, nämlich diejenige des ehemaligen Klosterbezirks von Sankt Michael. Nach neuesten – sozusagen „unbequemen“ – Regelungen (Pkw-Verkehr wird durch eine Schranke aufgehalten) des jetzigen Eigentümers (Bürgerspitalstiftung bei der Stadtverwaltung) ist die Ruhe innerhalb dieser Ummauerung wieder hergestellt worden und kann ab diesem Jahr wieder, wie seit dem Mittelalter, nachvollzogen werden. Die für das Wesen des Menschen entscheidende Funktion von Kloster- und Akademiebereichen wurde neuerdings wieder durch das sehr bekannt gewordene Werk von Robert Harrison hervorgehoben (Gärten. Ein Versuch über das Wesen des Menschen, München 2010).

Der Michelsberg Bamberg bildet ein geistiges Netz zusammen mit einer großen Anzahl europäischer Michelsberge, und er hat darin eine herausragende Stellung. Der erste Berg dieser Art war der Monte Gargano in Apulien (Italien), auf dem im Jahre 490 der Erzengel Michael erschienen sein soll. Die Kirche San Michele in dem dortigen Ort Monte Sant’Angelo ist der älteste Pilgerort des Abendlandes. Auch Kaiser Heinrich II., der Heilige, Gründer des Bistums Bamberg, hatte dort eine Erscheinung des Erzengels (Thietmar von Merseburg, Biographie), woraufhin er die Gründung des Bamberger Klosters Michelsbergs 1015 mit angeregt hat. Ein großer Förderer des Klosters war dann der heilige Bischof Otto von Bamberg, der noch heute in der Klosterkirche begraben liegt. Otto von Bamberg wird derzeit (bis Anfang November) in der großen Credo-Ausstellung zur Ausbreitung des Christentums in Paderborn in einem eigenen Raum gewürdigt und als einzigartig hervorgehoben.

Weitere bedeutende europäische Michelsberge sind der Mont Saint Michel (Frankreich), der Saint Michael’s Mount (Südengland) und Skellig Michael (Irland, einer der westlichsten Punkte Europas im Atlantik). Der italienische, irische und französische Michaelsberg zählen ebenfalls zum Weltkulturerbe der Menschheit. In Bamberg gehört zum Klosterensemble noch die Probstei Sankt Getreu, die nach Expertenmeinung schon allein ein Objekt wäre, das man zum Weltkulturerbe ernennen könnte. Eine weitere Besonderheit sind die zur Regnitz hin abfallenden Terrassengärten des Klosters, die schon mit Sanssouci in Potsdam verglichen wurden. Sie bilden eine Art Philosophie in der Natur ab, durch welche der regierende Abt Anselm Geisendorfer in der Mitte des 18. Jh. seine Verehrung der Heiligen Dreifaltigkeit (Dreiteilung in Streuobstwiese, Kornelkirschterrassen und Weinberg) versinnbildlichen wollte.

So bildet die Klosterlandschaft von Sankt Michael in unserer orientierungslosen Zeit eine Art „begehbare Philosophie“ der Versöhnung vom Menschen mit der Natur, in der er sonst so aggressiv agiert. Viele Menschen suchen heute auf historischen Pilgerwegen nach Orientierung und Selbstverwirklichung. Der Michaelsberg stellt einen Zusammenhang her zu den Missionsreisen des heiligen Otto (in der Klosterkirche dargestellt), dem Jakobsweg (beginnend in der nahe gelegenen Jakobskirche), dem Kunigundenweg (heute beginnend in der Sankt-Getreu-Straße), zu den über vierhundert Besitzungen des Klosters im Mittelalter in Süddeutschland und den anderen europäischen Michelsbergen.

Viele weitere Zusammenhänge (Schreibschule, Himmelsgarten, Literatur, Geologie, Petrarca, Architektur, Denkmalinventar, Bild-Kunst, Wissenschaftsgeschichte, GEO-Tag der Artenvielfalt 2003), insbesondere mit der aktuellen Situation, wären zu nennen und werden bei der Führung am Tag des offenen Denkmals angesprochen.

Waldwiese Mai 2003, mit Schafen. Foto: Andreas Reuß

Die Führung soll insbesondere auch die Tausendjahrfeier des Klosters 2015 mit anstoßen helfen.

Beginn der Führung: 8.9.2013, 10.30 Uhr
Treffpunkt: An der Freitreppe vor der Kirchenfassade der Klosterkirche.
Besonderheit: Bei schönem Wetter kann man sich auf einer Wiese zum Picknick niederlassen, Versorgung ist selbst mitzubringen.
Andreas Reuß ist u. a. Stadtrat und Autor von Franken-Büchern (u.a. DuMont-Kunstreiseführer Franken, das seit 1974 bestehende Standardwerk, mit Stefan Fröhling). 2003 führte er die UNO-Botschafterin Jane Goodall durch die Klosterlandschaft.

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