Soll das alles gewesen sein?

Sie suchte nach Worten, nach Sinn und Versteh’n.
Wie konnte er jetzt, einfach so geh’n?
Die Töchter erwachsen, beinah’ jedenfalls.
Das Häuschen bezahlt, die Schulden vom Hals.
Was war es, das ihn zu der anderen trieb?
Fehlende Hoffnung, fehlende Lieb’?
War’n es die Falten, die rinnende Jugend?
Sie weinte und fluchte, pfiff fortan auf Tugend.
Tätowierte die Brüste und schnitt sich das Haar
und trug nur noch Kleidung, na ja sonderbar.
Sie führte jetzt Buch – ihre Männergeschichten.
Am Ende von jeder wusst’ sie nur zu berichten:
Das soll mal wieder alles gewesen sein?
Und am Abend ertränkt sie den Kummer mit Wein.
Später kamen Cognac und Whiskey dazu.
Und als man sie trug zur ewigen Ruh
war keiner dabei, der in dem Buche stand
nur ihre Kinder, Hand in Hand.

© Cornelia Stößel 2014/2019

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Wegwerfgesellschaft

„Das lohnt sich nicht zu reparieren.
Das müssen sie jetzt ausrangieren!“
Wie oft hört’ man grad diese Worte
von Handwerkern, ja aller Sorte.
Dann wirft man weg was lieb und teuer,
ersetzt’s durch and’res, das halt neuer.

Ich spinn jetzt mal den Faden weiter …
Wenn man selbst älter, nicht mehr heiter,
mit Schäden, die irreparabel.
Ist man der Welt noch akzeptabel?
Wird festgestellt: du musst jetzt geh’n?
(Ich wär gern mit dem Sakrament versehn!)
Dann aber hurtig, bitte flott
und auf zum Friedhof, Menschenschrott.
Wo könnte ich Asyl erbitten?
Wo wär ein Platz, an dem gelitten
mein altes klappriges Gestell?
Noch auswandern, sofort und schnell?
Doch schwindet rund um uns’re Erde,
Ozon und leider auch die Werte.
Erfahrung woll’n die Jungen sammeln.
Die Alten lässt man still vergammeln.
Und, weil die Heime übervoll
denk ich; das wird nicht wirklich toll.
Man plant bereits das Aussortieren.
Ich hör’ für Sterbehilfe propagieren …

© Cornelia Stößel 2015/2019

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Nur noch einen!

„Bitte, bitte nur noch einen!
Einen winzig, winzig kleinen!“,
bettelt Kurt ohn’ Unterlass
und schielt nach dem Bonbonglas.

„Nein! Du hast den Mund noch voll!“,
entscheidet Frau von Hammerzoll.
„Gar nicht!“, lügt der freche Bube
und verschluckt im Übermute
sein cremig braunes Karamell.
Dann stutzt er, hustet auf der Stell’.
Würgt und keucht und ringt nach Atem.
Die Dame seufzt: „Wie ungeraten
dieses Kind sich heut’ gebärdet!“
Ahnt sie nicht, dass Kurt gefährdet?
Dessen Lippen werden bläulich.
Seine Augen – sehr abscheulich –
treten ihm fast aus dem Kopf.
Dann fällt er um, der arme Tropf.

An seinem Grab steht sie in Trauer.
Scheint’s schüttelt sie ein kalter Schauer.
Dabei ist es ein hämisch’ Grinsen.
Und heimlich zählt sie schon die Zinsen
vom Erbe, das jetzt ihr zufällt,
der Stiefmutter, samt Witwengeld.

© Cornelia Stößel Januar/2019

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Närrische Viecher

Was macht die Gans auf dem Sofa
und die Kuh mit dem Mofa?
Was macht der Hund dort im Schrank
und das Reh auf der Bank?
Warum trägt’s Schwein ein Korsett
und der Hahn ein Barett?
Dazu singt die Marie.
und tanzt närrisch wie nie!

Liegt’s am köstlichen Wein,
den die Magd sich goss ein?
Oder sind es die Pillen,
die der Bauer im Stillen
mit dem Hafer vermengt?
Jetzt hat sich gezwängt
zwischen Kühlschrank und Herd
das wiehernde Pferd.
Hinter’m Deich liegt der Knecht.
Ihm ist elend, ist schlecht.
Im Stall gibt’s Tumult,
eine Sau sich dort suhlt
wo die Kälber sonst trinken.
Man sieht Großmutter winken.
und hört Großvater schrei’n.
Es muss Fasenacht sein.

© Cornelia Stößel 2019/Februar
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Casanova

Was er erlebt in fremden Betten,
mit Frauen, kecken … süßen … netten,
die allesamt vergeben waren,
Man(n) liest’s in seinen Memoiren.
Ob freilich diese Liebestaten
nun alle wahr? Man(n) kann nur raten.
Doch wurden sie, von Stunde an,
ein Beispiel dafür; was Mann kann.
Wie er, so träumt der fesche Jüngling,
und einer, der im zweiten Frühling,
würd’ Man(n) Frauenherzen schmelzen
und sich in fremden Betten wälzen.
Dann kühn aus einem Fenster klettern.
Sich vom Balkon – aus Eichenbrettern –
hinab ins Rosenbeet frech flüchten.
Zertreten was die Gärtner züchten.
Und eine Blüte ganz verwegen
der nächsten an den Busen legen.

© Cornelia Stößel 2018/November

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Froschkönig und Kleopatra

Die Königin Kleopatra

sitzt ganz allein in Mäxchens Bar

und nippt an einem trocknen Gin.

Ihr Blick schweift her, ihr Blick schweift hin.

Fixiert – in grünem Neopren –
den Clemens-Adolf-Gustav Brehm.

Seines Zeichens Unternehmer.

Jetzt trunken und weil’s ihm bequemer

öffnet er die grüne Haut.

Brustbehaarung sich aufbaut.


…


Die Königin, sie lächelt milde

und führt wohl Schabernack im Schilde.

Lockt keck mit ihren üpp’gen Reizen.

Das scheint dem Brehm sehr einzuheizen.

Sein eh schon dicker runder Kopf

schwillt an, wird rot und schweißt und tropft.


…


Die Königin nimmt ihn vom Pfade

der Tugend weg, hinein ins Bade.

Mit Dampf und Sprudel – Thermenglück.

Der Brehm lässt’s Neopren zurück.


…


Die Königin zufrieden lächelt.

Der Brehm sich eifrig Luft zufächelt.

Kühlung finden dann die beiden

am Bach, der plätschert ganz bescheiden,

als sie allein nach Hause geh’n.


Alaaf, Helau auf Wiedersehn.© Cornelia Stößel 2019/Februar

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