Eiszeit

Der kalten Ostwind – hundsgemein!
lässt elend bibbern mein Gebein.
Ich fröstel und muss schlottern.
Hör’ Zähneklappern mich und stottern.
Die Finger klamm, die Zehen taub.
Hab’ mir die Nase rot geschnaubt.
Die Beine scheinen tiefgefroren
und abgestorben meine Ohren.
Angeblich soll’n Gedanken wärmen.
Ich blick verzweifelt zu den Sternen.
Ihr kaltes Funkeln deucht’ mir höhnisch.
Und auch der Mond scheint wie gewöhnlich
silbergrau und ohne Wärme
herab aus weiter Himmelsferne.
Ach hätt’ der alte Erdtrabant
doch Hitze, die er losgesandt
zu mir hier auf die Erde nieder.
Schon wieder zittern meine Glieder.
Doch wird ihr Zittern immer feiner.
Ich selbst werd’ noch ein bisschen kleiner.
Und endlich bin ich ganz erstarrt
zur Eisskulptur im Winterpark.

© Cornelia Stößel 2019/Januar

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Neues wagen

„Der ewige Trott ist nur schwer zu ertragen.
Komm, es wird Zeit, lass uns Neues wagen!“
Mein munteres Selbst lockt die Träge in mir.
Doch die ist nun mal ein Gewohnheitstier.
Äußert Bedenken unterschiedlicher Art
und möchte, dass alles so bleibt – akkurat –
wie es war und schon immer gewesen ist.
Die Muntere spricht von verstreichender Frist.
Auch, dass das Alter erste Spuren zeige
und nicht mehr viel Zeit für Neues bleibe.
Die Träge meint, alles sei doch zum Besten.
„Gewohntes erleichtert selbst den Ablauf von Festen.“
In mir ein Aufruhr. Ein wahres Gefecht,
denn die Träge besteht auf Gewohnheitsrecht.
Die Muntere droht alles hin zu schmeißen
und letztlich die Flucht nach vorn zu ergreifen.
So zanken die beiden – ich streck meine Glieder
und hoffe im Stillen, die beruhigen sich wieder.

© Cornelia Stößel 2020/Januar

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Termine

Termine, Termine, Termine …
Und wenn ich zu einem nicht erschiene?
Wenn ich ihn schlichtweg schwänzte
und einmal durch Abwesenheit glänzte?
Wenn ich ganz bewusst „ach so Wichtiges“ säumte
und stattdessen die Zeit verträumte?

Im Stadtpark in der Sonne spazierte …
oder über den Marktplatz flanierte …
Zeitung lesend in der Teestube säße …
und dabei einfach die Zeit vergäße …

Das täte mir gut! Ich will es wagen
und für morgen alle Termine absagen.

© Cornelia Stößel 2019/Dezember

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Sankt Nikolaus

Sankt Nikolaus und Rupprecht Knecht
– nur die mit Bart sind wirklich echt –
beschenken Kinder heut’ mit Süßem
zum Beispiel weißen Pfeffernüssen,
Orangen, Mandeln, Marzipan
und so manchem Schokokram.
Befüllen Stiefel vor den Türen
und mahnen: sich gut aufzuführen.
Doch …
bösen Mädchen oder Buben
droht Rupprecht mit der Reisigruten.
Und mahnt: fortan recht brav zu sein.
Die Eltern, Lehrer zu erfreu’n.
Dann geht die Rentierschlitten-Reise
der beiden wieder – still und leise –
zurück in Himmelsherrlichkeit,
bis zur nächsten Weihnachtszeit.

© Cornelia Stößel 2019/Dezember

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Zur guten Nacht

Mein Schatz jetzt mach die Augen zu …

Ach Mama,
nur noch etwas, du …
Warum ist Weihnachten noch weit
und warum hat Papa keine Zeit?
Warum steh’n Sterne dort am Himmel
und im Stall der alte Schimmel?
Warum nur tragen Bräute weiß
und ’nen Ziegenbart die Geiß?
Warum hat Oma keine Zähne
und warum tropfen Wasserhähne?
Warum hat Tante Klara Locken
und wohin verschwinden meine Socken?
Warum muss ich so früh ins Bett?
Sag Mama, das ist gar nicht nett!

Ach Kind,
der Schimmel steht im Stall doch besser
und die Stern’ am Himmel, das sind Löcher,
da scheint hindurch die Ewigkeit.
Und jetzt ist Kinderschlafenszeit.
Die Braut in Weiß, das ist doch schön!
und Ziegenbärte lässt man steh’n.
Der Wasserhahn erzählt Geschichten
und Oma’s Zähne sind beim Richten.
In Tante Klaras großem Kopf
da blubberts wie in einem Topf.
Ja, davon kriegt man krause Haare.
Und deine Socken Anne-Marle,
die frisst der Waschmaschinentroll.
Der Weihnachtsmann ihn holen soll!
Nun wird das Licht noch ausgemacht.
Und Papa wünscht auch gute Nacht.

© Cornelia Stößel 2019

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