Bamberg

Geschickt verbirgst du unter’m Kleid,
das schwer barock, ’ne and’re Zeit.
Die fließt durch deine engen Gassen.
Verliert sich dann in breiten Straßen.
Ich bin gebannt, lass mich verführen.
Will Bamberg, deinen Atem spüren,
der über sieben Hügel weht –
was nur noch einem Rom zusteht.
So lockst du mich auf enge Stege
und neu erschloss’ne Uferwege.
Führst mich vorbei an Fachwerkhäusern,
an Sandsteinbauten, Wasserschleusern.
Lenkst meine Schritte hoch zum Dom,
der viertürmig, mit Bischofsthron.
Und einem Grab, es ist bebildert.
Von Kunigund die Mär es schildert.
Die um dem Heinrich Treu zu weisen
einst ging auf glühend heißen Eisen.
Ein Pferd mit Reiter, unbekannt
Hängt unauffällig an der Wand.
Still setz ich mich zum Beten nieder

(Die Fortsetzung: am Freitag wieder!)

© Cornelia Stößel 2016/April
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Mein Dichter Weg

Ich schritt schon eine ganze Weile
ziellos vor mich hin.

Da lag er plötzlich vor mir,
dieser Weg.

Ich wusste nicht zu sagen,
wie ich dort hin gekommen bin.

Und eh ich es verhindern konnte,
drängten die Gedanken

mich hinein in diesen Weg.
Und Worte gaben mir die Richtung vor.

Noch seh’n ich nicht wohin er führt, der Weg.
Doch scheint es mir,
zur Umkehr ist es längst zu spät.

© Cornelia Stößel
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Herr Schmidt

Es war ein Herr mit Namen Schmidt,
der plante wirklich jeden Schritt.
Sein Tagessoll war fein vermerkt
in einem Buch, darauf ein Zwerg.
Der wachte über Schmidts Termine,
verzog dabei nie eine Miene.
Am Sonntag stand für neun Uhr dreißig:
Besuch bei Lenchen Siebeneisig.
Sonnabend, kurz nach viertel zehn,
sieht man den Schmidt zu Lenchen geh’n,
die Unkraut jätend, eben noch,
durch Rhododendronbüsche kroch.
Das Haar zerzaust, die Wangen schmutzig,
das Kleid verrutscht – Schmidt fand das putzig.
Dann räuspert er sich laut und deutlich.
Das Lenchen kommt hervor und freut sich.
Wischt sich die Stirn und lacht ihn an:
„Welch’ Überraschung Fabian!
Wolltest du nicht morgen kommen?“
Der Schmidt nimmt’s Buch, blickt rein versonnen.
Gesteht errötend schließlich ein
Das Treffen sollt am Sonntag sein.

© Cornelia Stößel 2016/Juli
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Wirtshausgeschichte

Wie geht denn die Geschichte weiter?“

„Meinst du die vom Blitzableiter?“

Blitzableiter? Red’ nicht wirr!
Ich meine die, vom wilden Stier.“

„Wilder Stier? Ich weiß fei nicht
von welcher G’schicht du da jetzt sprichst.“

Na die, da wo der Habermann
über’n Zaun der Koppel sprang.
Recht viel gebechert hatten’s wieder,
er und seine Stammtischbrüder.
Und dann hams g’wettet um ein Bier
für den, der reitet auf dem Stier.“

„Und wer hat das sich zugetraut?“

Der Alfred von der Edeltraut.“

„Da siehst, dass Alter blöder macht.
Der Stier hat ihn davon gejagt?“

Der Stier doch nicht, der war ganz zahm.
Doch Edeltraut zur Koppel kam.
Das Nudelholz in einer Hand
die and’re rafft das Nachtgewand.
Mei, ist der Alfred plötzlich g’sprungen!
Weiter, höher als die Jungen –
ich hab ihn wochenlang nicht g’sehn!“

„Er tut noch recht gebuckelt geh’n.“

Was zeigt, dass wilder als ein Stier
ein Weib das wütend hinter dir.
Prost!“

„Prost!“

© Cornelia Stößel 2016/Juni
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Interruptio

Kein Kindessarg in schwarzer Erde.
Kein Name eingraviert in Stein.
Dein Leben, das man dir verwehrte,
wird nicht erwähnt. Du warst zu klein.

Totenstille herrscht und Leere
dort wo dein Platz wär in der Welt.
Und nur manchmal eine Träne
ungeweint ins Dunkel fällt.

Doch in der Ewigkeit hallt wieder
dein stummer Schrei vom Zeitenraum.
Es blüht für dich ein schwarzer Flieder
in Trauer, er dein Lebensbaum.

© Cornelia Stößel, 2018/Mai
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Die Tätowierung

Was einst seemännisch verwegen
oder zeugt’ vom Gangsterleben
wird heut auf jeder Haut getragen.
Ich begann mich nun zu fragen:
Warum lässt man sich tätowieren,
wie ein Rindvieh durch markieren?
Ja, ich nenn’ es Herdentrieb,
wenn tausend Mal „Ich hab dich lieb!“
auf Po und Unterarmen steht.
Doch, wenn die Lieb’ vorüber geht?
Und man einander abserviert,
wie wird „I LOVE …“ dann ausradiert?
Und wenn die Buchstaben verpurzelt,
weil der Rechtschrift fern – entwurzelt –
die Nadel in das Fleisch sich stach?
Ich frag jetzt nicht wer das verbrach …
Dann gibt es noch das Arschgeweih.
Der Trend ist out, nun schlicht – vorbei!
Versteckt es Frau jetzt unter’m Schlüpfer,
was sie entzückt als junger Hüpfer?
Auch können Falten dort entsteh’n
wo einst ein Adler war zu seh’n,
den man dann für ein Hühnchen hält.
Ob’s dem Betrachter noch gefällt?
Vielleicht lässt sich das Bild abkleben,
oder Schicht für Schicht die Haut abheben.
Wahrscheinlich würden Narben bleiben.
Erfahrung könnt’ man d’runter schreiben.

© Cornelia Stößel 2018/Februar
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Der See

Ich steh am Ufer dieses Sees,
der wellend, blau den Himmel spiegelt.
Seh’ Schwäne stolz und wohl geformt
und weiß und engelsgleich beflügelt,
hingleiten durch der Sonnenstrahlen Glitzertanz.

Ich geh den Pfad vorbei am Schilf,
das Halm für Halm im Winde schwingt.
Hör’ Rohrspatzen energisch zwitschern
und wie die Drossel mir vom Wald her singt,
nimmer müd’ den Abendgruß, der hell erklingt.

Ich lauf entlang der Uferböschung,
die grasbewachsen sich dem Wasser neigt.
Seh’ die Froschkönigin auf ihrem Throne,
und wie sie huldvoll mir ein Lächeln zeigt,
als ihr Teichrosenblatt an mir vorüber treibt.

Ich steig hinab in diesen See,
der kühl und nass und voller Schwärze.
Hör Fischlein flüstern, Wellen strudeln
und lass hintreiben meiner Seele Schmerzen,
bis sie gestillt im Mondscheinglanz.

© Cornelia Stößel 2018/Mai
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Klostertage

Klostertage ganz im Schweigen –
Das heißt Einhalt gebieten dem Gedankenreigen,
den sich wichtig nehmenden Geistesblitzen,
die doch nur Kopf und Gemüt erhitzen.

Und die Kometen gleichen Ideen-Funken,
die von der eigenen Wichtigkeit taumelnd, trunken,
erst mal auf ihren Platz verweisen.
Dann hört man die freundlichen, stillen leisen.

Man spürt wie im Herzen Ruhe einkehrt.
Die Seele baumelt, denn der Kopf ist entleert
von all dem Ballast, der kleinlich und nichtig,
und plötzlich erkennt man was wirklich wichtig.

© Cornelia Stößel 2018/April

https://schreibwerkstatt-wortwerke.org