Zur guten Nacht

Mein Schatz jetzt mach die Augen zu …

Ach Mama,
nur noch etwas, du …
Warum ist Weihnachten noch weit
und warum hat Papa keine Zeit?
Warum steh’n Sterne dort am Himmel
und im Stall der alte Schimmel?
Warum nur tragen Bräute weiß
und ’nen Ziegenbart die Geiß?
Warum hat Oma keine Zähne
und warum tropfen Wasserhähne?
Warum hat Tante Klara Locken
und wohin verschwinden meine Socken?
Warum muss ich so früh ins Bett?
Sag Mama, das ist gar nicht nett!

Ach Kind,
der Schimmel steht im Stall doch besser
und die Stern’ am Himmel, das sind Löcher,
da scheint hindurch die Ewigkeit.
Und jetzt ist Kinderschlafenszeit.
Die Braut in Weiß, das ist doch schön!
und Ziegenbärte lässt man steh’n.
Der Wasserhahn erzählt Geschichten
und Oma’s Zähne sind beim Richten.
In Tante Klaras großem Kopf
da blubberts wie in einem Topf.
Ja, davon kriegt man krause Haare.
Und deine Socken Anne-Marle,
die frisst der Waschmaschinentroll.
Der Weihnachtsmann ihn holen soll!
Nun wird das Licht noch ausgemacht.
Und Papa wünscht auch gute Nacht.

© Cornelia Stößel 2019

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Geschenkt

Ach ja, was bekommt man nicht alles geschenkt …
Manches wird regelrecht aufgedrängt.
All der Krempel, der anderswo stört.
Über den man sich selbst peinlich empört.
Nur nicht laut, nicht sofort,
erst, wenn der Schenkende fort.
Dann weicht geheuchelte Freude der trüben Erkenntnis:
wieder ein Teil, das mir ein Leben lang fremd ist.

Nun, wohin mit dem Bildnis von Tante Agathe?
In den Speicher, zum Buch von Cousine Beate?
Es stapeln sich dort auch die Sammeltassen.
Ach würde Julia das mit den Tassen doch lassen!
In Kellerregalen gibt’s alle Sorten
Eingemachtes. Ich muss es dort horten.
Es sind Kreationen,
zum Beispiel Erdbeer’n mit Bohnen,
von Fräulein Susanne.
Sie lebt ohne Manne
und kocht alles ein.
Auch Hirn in Weißwein.

Ich will keinen kränken.
Doch zwischen all den Geschenken,
die nicht zu mir passen,
Bitt’ ich: könntet ihr das
mit dem Schenken lassen.

© Cornelia Stößel 2017/2019

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Nachtfahrt

Ich fahr’ mit mir und meinem Denken
allein verträumt durch Wald und Flur.
Dabei vergesse ich zu lenken
und komm prompt ab von meiner Spur.

Erwach’ dann fröstelnd in ’nem Graben,
der eng und feucht und grasig grün.
Erkenn’ den umgestürzten Wagen
an dem die Blinker rhythmisch glüh’n.

Und kältesteife Motten taumeln
vor dem dampfend lecken Kühler.
In den offenen Türen baumeln
Spinnentiere ohne Fühler.

Ich blick’ zum Mond, der altersweise
mir milde lächelt, voll und rund.
Das Radio dudelt eine Weise
und in der Ferne bellt ein Hund.

© Cornelia Stößel 2019/April

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