Die Fliege

„Hiergeblieben!“, brummte die Fliege und ergriff wagemutig mit ihren winzigen Füßchen die Zügel. Der Ochse glotzte und blieb stehen. Eine Weile saß die Fliege still in Verwunderung über dieses Erleben. Sie, die Fliege hatte diesem gewaltigen Tier Einhalt geboten!

Plötzlich, beflügelt von einem Gefühl der Erhabenheit wurde sie kühn und spornte den Ochsen an. „Hüh!“ rief die Fliege und gemächlich setzte sich das Rindvieh wieder in Bewegung. Seine Hufe stapften schwer durch Schlamm und über Ackerwege einen Karren hinter sich herziehend.

„Bin ich nicht eine wahre Herrscherin?“, sprach die Fliege zu sich selbst. Einer Königin gleich blickte sie wohlwollend nach links und nach rechts. Grüßte flügelschlagend Schmetterling und Biene, die sich jedoch sehr über das Gehabe der Fliege wunderten. Eine Grille zirpte ihr Erstaunen in den Abend. Doch die Fliege meinte; diese bringe ihr zu Ehren ein Ständchen.

Wie fühlte sie sich gehuldigt. Oh, wie schwoll ihr die Brust. Eine Krähe, die von einem Baum herab auf das seltsame Gefährt blickte krähte, ganz nach Krähenart, ihren Unmut in den Himmel und flog davon. Gekrächze der Neider, dachte die Fliege und ignorierte es. Sie sonnte sich weiter in ihrer Herrscherinnenrolle. Ein Fuchs kam des Weges und lief eine Weile neben dem Karren. Er hoffte es würde etwas, was auch immer, für ihn herunterfallen. Die Fliege hingegen glaubte nun gar man würde ihr Geleit gewährt. „Welch eine Ehre! Welch eine Ehre!“, brummte sie in einem fort und fuhr immer weiter der Abendsonne entgegen.

Die Luft wurde kühler. Ein Wind kam auf und der Ochse, sich nach dem heimatlichen Stall sehnend, fiel in eine flottere Gangart. Die Fliege wurde nun heftig durchgerüttelt und geschüttelt und hielt sich nur mehr mit Mühe an den Zügeln fest. Abwechselnd schrie sie „Hüh!“ und „Hott!“ und „Brrr!“ und war alles andere als Herrin der Lage. Der Ochse unterdessen folgte stur seinem Instinkt. Da thronte die Fliege nun wenig königinnengleich auf einem Karren und wurde von einem Ochsen gezogen, der den Weg bestimmte.

Nennen wir es die Moral von der Geschichte:
Würde sie loslassen, könnte sie fliegen.

© Cornelia Stößel 2020 / Juli

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Mord’s-Lyrik

Einen Krimi zu schreiben, das war mein Ziel.
Textend zu morden – ein morbides Spiel –
schreibend ein wenig mein Unwesen treiben,
aber irgendwie wollt sich kein Täter zeigen.
Auch nach Stunden fiel mir einfach nicht ein:
Wer ist verdächtig, wer könnt’ es sein?
Der Gärtner? Nein! Ich hab keinen Schimmer
warum der nette Herr Alfred Wimmer,
den nur Gurken und Lauch interessieren,
plötzlich sollt’ morden und massakrieren.
Die Witwe Patschenka, also die schon eher.
Vielleicht hat sie Übung, ich erklär’ es mal näher.
Ihr Karl-Gustav-Gottlied verstarb vor ’nem Jahr.
Jetzt reist sie, sehr glücklich, ist mal hier, ist mal da.
Hat alles verkauft, auch das Häuschen im Grünen.
Man munkelt von Gift in feinen Pralinen.
„So hat sie das Ableben des Gatten erzwungen!
Da bin ich mir sicher! So ist’s ihr gelungen!“,
behauptet die Frieda vom Bärenschmidt.
Und die weiß alles, kriegt alles mit.

Jetzt hab ich’s! Ich lass die Frieda sterben,
an Arsenvergiftung und ihr Bruno wird erben
und mit der Patschenka auf Weltreise geh’n.
Die im Dorf würden’s wissen und sicher versteh’n.

© Cornelia Stößel 2020 / Mai

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Warum eigentlich nicht?

Zuerst nur ganz leise
sprach eine Stimme in mir,
auf seltsame Weise
und vertraut von „Wir“.

„Wir?“, wollt ich wissen
und war irritiert.
Dacht’ es sei mein Gewissen,
das mich da geniert.

„Nein!“, hört ich’s reden.
„Das bin ich nicht!
Ich bin das Leben,
das heut’ zu dir spricht.

Willst du’s nicht wagen
DU selber zu sein?“
Ich zögert’ zu fragen,
wie das sei gemeint?

Da sagte das Leben:
„Find’ heraus wer du bist!“
Und ich dachte bei mir:
„Warum eigentlich nicht?“

© Cornelia Stößel am 29.4.2020

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