Die Ukraine-Krise im Spiegel der Medien

Psychologische Studie der Universität Bamberg untersucht Auswirkungen der Medienberichterstattung

Im Jahr 2014 annektierte Russland die Krim und der Westen war sich einig: Gemeinsam sollte ein energisches Zeichen gen Moskau geschickt werden – doch welcher Art? Erhöhter diplomatischer Druck oder militärische Präsenz? Ein Großteil der deutschen Bevölkerung sprach sich zu diesem Zeitpunkt deutlich gegen einen Einsatz von militärischen Mitteln aus. Dass die Medienberichterstattung solche Einstellungen stark beeinflussen kann, legt eine soeben erschienene Studie der Bamberger Psychologen Fabian Gebauer, Marius Raab und Prof. Dr. Claus-Christian Carbon vom Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie der Universität Bamberg nahe. „Wir waren erstaunt über die dramatischen Effekte, die eine konfrontative und bedrohlich wirkende Medienberichterstattung haben kann“, erklärt Erstautor Fabian Gebauer.

Ausgangspunkt ihrer Studie war der Artikel „Nato-Alarm“ aus der Ausgabe 14/2014 des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Darin wurden die militärischen Manöver des westlichen Verteidigungsbündnisses und Russlands ausführlich erläutert. Begleitet von einer politischen Kartendarstellung wurden die jeweiligen Stärken des Militärs mit ihrer Truppenstärke, Geschützen, Kampfpanzern und Kampfflugzeugen für einen Teil der Nato-Mitglieder und für Russland detailliert mit Zahlen abgebildet.

Ein Teil der insgesamt 112 Studienteilnehmer erhielt diesen Artikel in der Originalversion. Eine zweite Versuchsgruppe erhielt einen gekürzten Artikel, in dem Passagen, die militärisches Vokabular enthielten, entfernt worden waren. Stattdessen wurde dort verstärkt auf diplomatische Bemühungen der NATO-Mitglieder verwiesen. Aus der politischen Kartendarstellung entfernten die Forscher zudem alle Truppenstärken und Militärsymbole. Anschließend beantworteten die Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer einen Fragebogen. Dort wurden sie unter anderem gefragt, ob und wie viele Truppen Deutschland an die Nato-Ostgrenze entsenden sollte.

Im Vergleich der Gruppen zeigt sich: Rund 70 Prozent der Leser der Originalversion waren der Meinung, dass Deutschland sich aktiv beteiligen sollte. Im Schnitt schätzten sie dabei eine Anzahl von 15000 Soldaten mit Panzern, Geschützen und Flugzeugen als ideal ein. Wer in der Kontrollgruppe die gekürzte Version mit Schwerpunkt auf den diplomatischen Bemühungen gelesen hatte, kam zu einer ganz anderen Einschätzung: Gerade einmal 30 Prozent von ihnen waren bereit, Truppen an die östliche Grenze der Nato zu schicken. Diejenigen Personen, die überhaupt bereit waren, deutsche Streitkräfte zu entsenden, hielten ein Kontingent von wenigen hundert Soldaten für angemessen. „30 Prozent versus 70 Prozent Zustimmung für eine militärische Zuspitzung unter deutscher Beteiligung – dass der Effekt so drastisch ist, das hätten wir nicht erwartet“, sagt Fabian Gebauer.

Solch starke Effekte in Bezug auf die Radikalisierung von psychologischen Verteidigungsstrategien treten üblicherweise nur auf, wenn Menschen sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Daher prüften die Bamberger Psychologen ihre Ergebnisse in weiteren Versuchsanordnungen. Diese bestätigen die Ergebnisse der ersten Studie. Gebauer sagt: „Der originale Artikel aus dem SPIEGEL erzeugt somit Effekte, die in der Größenordnung mit expliziten, existentielle Bedrohungen wie der Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit vergleichbar sind.“

Claus-Christian Carbon, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie an der Universität Bamberg, betont, wie wichtig es ist, dass Medien sich dieses Einflusses bewusst sind. „Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie groß die Verantwortung der Medien ist. Einerseits muss zwar über die Brisanz solcher Konflikte gesprochen werden, aber vor allem müssen Alternativlösungen vorgestellt und diskutiert werden – genau das sollte das Ziel von informativem Journalismus sein!“

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