Ein toller Mozartoperntag

Mariame Clément, Peter Tillich und dem gesamten Ensemble gelingt in Nürnberg eine mitreißende „Hochzeit des Figaro“.

Monika Beer
In den lebenden Bildern zu Beginn der Nürnberger „Figaro“-Inszenierung zieht der Titelheld (Nicolai Karnolsky) grimmig mit einer mächtigen Büchse durchs Schloss. Kein Wunder, denn schließlich will der Graf vor Figaros Hochzeit schnell noch die Braut entjungfern. Foto: Ludwig Olah

In den lebenden Bildern zu Beginn der Nürnberger „Figaro“-Inszenierung zieht der Titelheld (Nicolai Karnolsky) grimmig mit einer mächtigen Büchse durchs Schloss. Kein Wunder, denn schließlich will der Graf vor Figaros Hochzeit schnell noch die Braut entjungfern. Foto: Ludwig Olah

Was haben Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“, Brechts episches Theater und der „Dogville“-Film von Lars von Trier miteinander zu tun? Überraschenderweise eine ganze Menge. Zu erleben ist das in der jüngsten Neuproduktion am Opernhaus Nürnberg, wo die Regisseurin Mariame Clément, ihre Ausstatterin Julia Hansen und Peter Tilling als Dirigent und verwegener Rezitativbegleiter am Hammerklavier ihre faszinierende Sicht auf ein Meisterwerk präsentieren, das seit seiner Uraufführung vor fast 230 Jahren nichts von seiner Frische und Brisanz verloren hat.

Mozarts „toller Tag“ – so nannte der Komponist seine opera buffa in vier Akten im kompletten Titel – beginnt nicht etwa wie sonst in jenem noch leeren Zimmer, das Graf Almaviva seinem Kammerdiener und dessen Braut Susanna zugewiesen hat, sondern im ganzen Schloss samt Drumherum. Wenn der Vorhang sich öffnet, herrscht auf der Bühne viel Gewusel. Vorne hängt Susanna Wäsche auf, dahinter sieht man Frau Gräfin noch schlafend in ihrem Bett und die große Dienstbotenschar ihren Geschäften nachgehen, während Graf und Cherubino das tun, was sie immer tun, also jedem Rock nachjagen – alle in historischen Kostümen.

Dass sich das Ganze in verschiedenen Zimmern abspielt, sieht man zunächst nur, weil die Grundrisse – wie in „Dogville“ – minimalistisch auf den Bühnenboden gezeichnet sind. Wände, Fenster und Türen gibt es nicht, sind von Protagonisten und Publikum zu imaginieren. Kann das mit den nicht vorhandenen Fenstern, Türen und Wänden auch funktionieren, wenn sich dahinter ganz reale Figuren verbergen sollen? Die Frage wird in Nürnberg – und in Dortmund, wo die Koproduktion bereits 2013 Premiere feierte und seither ein Renner im Spielplan ist – mit einem klaren Jein beantwortet. Im 2. Akt fahren also von oben in Bühnenbreite Wände des Schlafzimmers der Gräfin herunter, damit Cherubino, ohne die Vorstellungskraft der Zuschauer überzustrapazieren, sich vor dem Grafen in Sicherheit bringen, seinen Kabinettplatz mit Susanna tauschen und schließlich durchs Fenster springen kann.

Dass das weibliche Regieteam in dem Punkt inkonsequent ist, unterstreicht letztlich nur seine Souveränität. Denn in erster Linie geht es Mariame Clément und Julia Hansen, die schon bei ihrem Nürnberg-Debüt 2013 mit Jean-Philippe Rameaus „Platée“ überzeugten, stets darum, präzise zu zeigen, was warum die Komödien-, Liebes- und Intrigenhandlung am Laufen hält und warum die erste Zusammenarbeit Mozarts mit dem kongenialen Librettisten Lorenzo da Ponte auch revolutionären Sprengstoff enthält und somit auch politisch wirkt. Schließlich ist das „jus primae noctis“, die Entjungferung durch den gräflichen Dienstherrn, für die betroffenen weiblichen Untergebenen kein Witz.

Die Personenregie ist frappierend genau, sowohl in Körpersprache, Gestik und Mimik. Man hat das Gefühl, dass jeder auf der Bühne – ob Solist oder Chorsänger – die Rolle tatsächlich durchlebt, so plastisch wirkt die Darstellung. Das Sessel-Versteckspiel von Cherubino und Almaviva im 1. Akt ist atemberaubend authentisch – und eben keine Theaterklamotte. Apropos: Solgerd Isalv aus dem Opernstudio singt und spielt den Pagen hinreißend, geht, steht und bewegt sich nicht wie eine Sängerin in Hosenrolle, sondern wirklich wie ein junger Mann, der sich auch stimmlich viril ins Zeug legt.

Was sich in Herz und Hirn der Protagonisten abspielt, bekommt man nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Vor allem die Rezitative, die von Hammerklavier und einem Cello begleitet werden, aber auch die Arien und Ensemblenummern sind von einer stupenden Natürlichkeit, Direktheit und Selbstverständlichkeit, dass man sich plötzlich nicht mehr im Opernhaus wähnt, sondern in einer Zeitmaschine. Die Inszenierung und die historisch informierte musikalische, durchaus eigenwillige Interpretation ergänzen sich hier so ideal, dass man die eine oder andere gewagte, aber nicht perfekt gelungene Phrase sofort vergisst.

Ein präzise einstudierter „Figaro“, bei dem Graf, Gräfin und Susanna sowie einige kleinere Partien alternierend besetzt sind, bedeutet auch viel Probenarbeit, für die sowohl der zum Saisonende aus Nürnberg scheidende Peter Tilling als auch Mariame Cléments Regieassistent Marcos Darbyshire verantwortlich zeichneten. Bei der besuchten sechsten Vorstellung überzeugten unter den Soliksten vor allem Nicolai Karnolsky in der Titelrolle, die junge Csilla Csövari als Susanna, Leah Gordon als Gräfin, Leila Pfister als Marcellina und die schon erwähnte Solgerd Isalv als Cherubino. Aber auch die weiteren Mitwirkenden sorgten in Gesang und Spiel für eine geschlossene, mitreißende Ensembleleistung, wie sie nicht alltäglich ist. Wenn der Vorhang sich nach gut dreieinhalb Stunden schließt, ist man garantiert frischer als beim Beginn. So schön kann Oper sein!

Premiere am 27. Juni, besuchte Vorstellung am 15. Juli 2015. Weitere Aufführungen in der neuen Saison, dann unter der Leitung von Guido Johannes Rumstadt,  am 21., 27. und 31. Oktober, am 4., 13. und 26. November sowie am 17. Dezember 2015. Karten-Telefon unter 01805/231600.

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