Das Phantom oder: der mysteriöse Maler

Von Philosphinx

Der Monat August neigte sich dem Ende zu und mit ihm der Sommer. Ihr graute vor den trüben grauen Herbsttagen, und wenn sie an den Winter dachte, türmten sich vor ihrem geistigen Auge riesige Berge von Schnee, sie hörte das monotone Schaben und Kratzen der Schneeschaufeln, spürte den ziehenden Muskelschmerz in ihren Armen, und die gefühlte Kälte kroch von den Zehenspitzen bis hinauf in ihre aschblonden Haarspitzen. Sie stöhnte laut auf und schüttelte sich. Noch war es warm, noch schien die Sonne, und sie wollte diese laue Sommerwärme mit beiden Händen festhalten. Sie wollte doch leben! Und sie wollte nicht länger alleine sein. Irgendwo da draußen gab es bestimmt einen Menschen, einen Mann, der sich in sie verlieben könnte, der ihre natürliche Schönheit wahrnehmen und ihr tiefsinniges Wesen verstehen und schätzen würde. Sie griff gedankenverloren nach ihrer Zeitung und blätterte die Seiten durch. Schließlich studierte sie konzentriert und entschlossen den Anzeigenteil. Wie jeden Samstag gaben sich hier die schönsten und besten Singles ein Stelldichein. Ihr wurde ganz schwindlig von dieser zur Schau gestellten Perfektion, von Charakter-, Körper- und Körbchengröße, von all den Superlativen, die durch die Texte schwirrten und sowohl die eigenen als auch die gewünschten Eigenschaften hervorhoben. Doch so unterschiedlich die beschriebenen Hobbys und Leidenschaften in den Annoncen auch waren, es einte sie die Sehnsucht nach Liebe und Zweisamkeit, nach einem beständigen, vertrauten Partner. Und dann las sie die Zeilen, die sie sofort berührten, sie sofort aufmerken ließen: Warmherziger, einfühlsamer Witwer, kultur- und kunstliebend, attraktiv … sucht sensible schlanke Partnerin, gerne verwitwet, nicht allzu sportlich, aber naturverbunden und liebevoll. Sie zögerte keine Sekunde, nahm Stift und Papier und erzählte in einem langen persönlichen Brief von ihren Träumen und Hoffnungen, von ihren Stärken und Schwächen. Sie war zierlich, feinfühlig und dennoch eine sinnliche Mädchenfrau, durchaus fähig, einen Mann in mehrfacher Hinsicht glücklich zu machen.

Eine Woche später läutete ihr Telefon. Ihr Brief habe großes Interesse geweckt. Die meisten Zuschriften seien banal, zu profan gewesen und rasch im Papierkorb entsorgt worden. Aber ihre Zeilen, ihre Erzählweise zeugten von Verletzlichkeit und außergewöhnlicher Sensibilität. Der Mann hatte eine leise, leicht heisere Stimme. Er sprach langsam, wählte seine Worte mit Bedacht. Er werde sich wieder melden, denn sie sei eindeutig seine Favoritin, und auch das Telefongespräch mit ihr habe ihm gutgetan. Nach circa zehn Tagen das nächste Telefonat, schon ein wenig länger, vertrauter. Er offenbarte ihr sein Leiden: von frühester Kindheit an plagten ihn unerträgliche Kopfschmerzattacken, ohne Tabletten könne er nicht leben, er habe sogar Morphium in seinem Sortiment. Er vermeide jeden psychischen Druck, könne sich nur spontan verabreden, je nach körperlicher Verfassung. Er habe jedoch im Malen einen wunderbaren Ausgleich gefunden, seine Bilder weltweit verkauft und so gut damit verdient, dass er ein traumhaftes Anwesen direkt am Starnberger See besitze und bewohne. Ende September wolle er sie nun endlich treffen. Sie verabredeten Zeit und Ort, und er diktierte ihr seine Handynummer. Am Morgen des festgelegten Tages rief er sie an, es sei ihm beim besten Willen nicht möglich, so weit zu fahren, er habe offenbar das falsche Medikament erwischt, sein Herz mache Probleme, sei vollkommen aus dem Takt geraten. Sie reagierte ruhig und verständnisvoll, tröstete ihn und nahm ihm somit seine diffusen Ängste und Zweifel. Nach einem etwa viertelstündigen Gespräch sagte er das Treffen wieder zu. Sie machte sich jetzt schnell fertig, setzte sich in ihr Auto und fuhr los. Landshut. Wie lange war sie nicht mehr dort gewesen. Sie fühlte sich wach und lebendig und hatte keine Angst vor der weiten, ungewohnten Strecke. Es war ein warmer Septembertag, und sie genoss die sich verfärbende, herbstliche Landschaft, das milde Spätsommerlicht. Landshut. Dort hatte sie mit ihrem Mann gelebt. Dort waren ihre beiden Kinder geboren worden. Und dort befand sich das Grab ihres Mannes. Ihr altes Leben – es schien eine Ewigkeit her zu sein.

Nach knapp drei Stunden Autofahrt sah sie die mächtige Burg Trausnitz, den hohen gotischen Backsteinturm der Martinskirche, und von einer Sekunde auf die andere überfielen sie die Erinnerungen, schleuderten sie zurück in die Vergangenheit, mit einer solchen Wucht, mit einer solchen Präzision, dass sie keine Luft mehr bekam. Für einen endlosen Augenblick loderte der altbekannte Schmerz in ihrem Körper auf, und die aktuelle Gegenwart, die momentane Realität verschwammen vor ihren Augen, sodass sie eine Zeitlang blind und völlig orientierungslos durch die Straßen fuhr, hineingeworfen in eine alptraumhafte Verwirrtheit. Benommen steuerte sie den Seitenstreifen an, und nach einigen Minuten hatte sie sich wieder im Griff. Der Maler wartete bereits auf sie und mit ihm vielleicht eine hellere Zukunft – oder zumindest ein angenehmer Nachmittag. Er stand vor seinem silbergrauen Mercedes und winkte ihr entgegen, als er ihr Kennzeichen erkannte. Sie stieg aus, nun wieder ruhig und erwartungsvoll, und sie betrachteten sich gegenseitig, nahmen sich in den Arm. Ein großer, ausgesprochen schöner Mann, elegant gekleidet. Sie setzten sich auf die Terrasse des ausgewählten Restaurants, blickten sich an, plauderten, schwiegen, tranken eine Tasse Kaffee, gingen ein wenig spazieren, besuchten gemeinsam den Friedhof. Sie zeigte ihm ihr früheres Haus, das verlorene Paradies, und er war beeindruckt, schien für einen Moment ihren bitteren Verlust zu erahnen. Doch um 17 Uhr wollte er bereits wieder zurückfahren, sein Nachbar sei überraschend gestorben, und er müsse an der Aussegnung teilnehmen.

ENDE I)

Also kein gemeinsames Abendessen in dem an einem kleinen See gelegenen Lokal, das ihnen beiden so gut gefiel. Er ließ sie alleine zurück, denn sie wollte die lange Strecke an diesem Tag nicht mehr fahren, sondern erst am nächsten Morgen die Heimreise antreten. Zwei Tage später schrieb sie ihm einen Brief, worin sie ihm ihre Eindrücke und Empfindungen schilderte. Sie rief an, um ihn nach seiner Adresse zu fragen, doch sein Handy war ausgeschaltet. Sie hinterließ eine Nachricht auf seiner Mailbox, und ihr wurde schlagartig klar, dass sie eigentlich nichts von ihm wusste. Johann Meier. Stimmte der Name denn überhaupt? Das Internet, in dem sie nun recherchierte, kannte keinen berühmten Maler mit diesem Namen aus dem Kreis Starnberg. Die Tage vergingen, Kein Anruf, nichts. Der feinfühlige Kunstmaler, der auf der Suche nach einer Partnerin war, der sich so sehr nach Zuneigung und Zuwendung sehnte, blieb merkwürdig stumm und unauffindbar. Er gestand es ihr nicht zu, ihn zu kontaktieren, wenn er es nicht wollte, und so war sie zum Warten verurteilt und gleichzeitig zum Grübeln, denn sie verstand dieses Misstrauen, dieses Versteckspiel nicht. Wie sollten Nähe und Vertrauen entstehen, wenn er eine solche Distanz dazwischen legte, wenn er die räumliche Entfernung durch die Unmöglichkeit einer Kontaktaufnahme zu einer geistig seelischen aufbaute. Nach fünfzehn Tagen rief er endlich an. Sie erkannte seine heisere Stimme sofort und legte den Hörer wieder auf. Mit einem Phantom wollte sie nicht sprechen, und was sie nach all den Jahren der flüchtigen Bekanntschaften und zweifelhaften Freundschaften wirklich verabscheute, waren Unverbindlichkeit, Hinhaltetaktik und Lügen.

ENDE II)

Sie begleitete ihn zu seinem Auto. Der weite Parkplatz lag menschenleer und verlassen da. Er öffnete den Kofferraum seines Kombis –er wollte ihr noch seine Bilder zeigen – und sie beugte sich ahnungslos hinein. Sie registrierte noch die große leere Ladefläche und die dunkelbraune Wolldecke. Dann spürte sie einen kurzen stechenden Schmerz in ihrem Nacken – und sie versank in einer weichen, raum- und zeitlosen Dunkelheit.

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