Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen. Ein Einspringer versetzt mit Mahler und Bach das Publikum im Joseph-Keilberth-Saal in Verzückung.

Von Musicouskuß

Über das Einspringen hat schon so mancher Dirigent, so mancher Solist (ob nun Sänger oder auf einem Instrument) eine plötzliche Karriere gestartet. Leonard Bernstein beispielsweise sprang, am 14. November 1943, in der Carnegie Hall am Pult des New York Philharmonic Orchestra für den indisponierten Bruno Walter ein und wurde für sein Dirigat von Presse wie Publikum (auch von den Hörern vor dem Radio) sofort in den Himmel gehoben. Gegen neun am Morgen hatte Bernstein einen Anruf erhalten: „Also es geht nicht anders. Sie müssen heute nachmittag um drei dirigieren. Keine Zeit für eine Probe. Bruno Walter liegt in Decken gehüllt in seinem Hotelzimmer und sagt, er werde gern mit Ihnen die Partituren durchgehen.“ Damit schaffte, völlig unvorbereitet, Bernstein seinen Durchbruch. Einfach war das Programm nicht: das Vorspiel zu den Meistersingern, Thema, Variationen und Finale des aus Ungarn gebürtigen Miklós Rózsa, und nach der Pause Don Quixote von Richard Strauss.

Das Sonderkonzert der Bamberger Symphoniker am Mittwoch (und am Samstag; dazwischen, am Donnerstag, ein Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt) sollte eigentlich Gustavo Dudamel leiten, doch der mußte kurzfristig passen. So stand statt des Gewinners des ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs 2004 der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs am Pult der Bayerischen Staatsphilharmonie. Mit dem Orchester also war Lahav Shani, der junge Israeli, Jahrgang 1988, der inzwischen sein Zuhause in Berlin gefunden hat (wo er Daniel Barenboim nahe sein kann, dem er vieles verdankt), bereits vertraut, und auch mit Gustav Mahlers in Leipzig vollendeter, am 20. November 1889 in Budapest uraufgeführter Erster Symphonie. Denn die war Teil des für den Wettbewerb einzustudierenden Repertoires, neben Mahler-Liedern, neben einer Haydn-Symphonie, neben Bergs Lyrischer Suite.

Statt der letzten Symphonie Tschaikowskys, der „Pathétique“, die Dudamel angesetzt hatte, nun also Mahlers Erste, D-Dur mithin statt h-Moll, fast noch jugendlich-heitere Frische statt tiefmelancholische Altersabschiedsmusik. Shani setzte auf eher zügige Tempi und einen transparenten, wunderbar lichten Klang, der bisweilen fast kammermusikalische Qualitäten zeitigte. Musterhaft gelang der „Bruder-Jakob“-Kanon im feierlichen dritten Satz, bei welchem über der gedämpften Pauke nacheinander der Solo-Kontrabaß, das Solo-Fagott, das Cello, die Basstuba (an Heiko Triebener, den Mann mit der Schierendlosluftsäule, geht am heutigen Sonntag ein Geburtstagsgruß zum Fastfünfzigsten; in einem Soloprogramm wird er am kommenden Dienstag gemeinsam mit Martin Neubauer in der Bamberger Galerie am Stephansberg bei „Lideradurzeusch und Duba“, Teil III, zu erleben sein), Bratsche, Horn, die vier Flöten, das Englischhorn und die Baßklarinette das bekannte Thema intonieren. Barbara Bodes kecke, etwas hervortretende Oboe machte den Hörgenuß komplett (man wird Bode zu loben so schnell nicht müde; sie hatte erst vor Wochenfrist unter Herbert Blomstedt bei Beethoven und Wilhelm Stenhammar großartig aufgespielt).

Nach dem attaca genommenen, mitreißend stürmisch bewegten Finalsatz wurde Lahav Shani gefeiert (auch vom Orchester selbst): lange, lautstark und alsbald mit stehenden Ovationen. So ist man denn fürwahr gespannt, wohin seine exorbitante Musikalität und seine große Begabung den Mahler-Preisträger noch führen werden. Beifall im Fortefortissimobereich hatte es für den Israeli bereits vor der Pause gegeben. Shani ist nämlich auch ein feinsinniger, virtuoser Pianist. Vom völlig offenen Flügel aus leitete er Bachs erstes Konzert für (ursprünglich) Cembalo, Streicher und Basso continuo in d-Moll. Pure Musizierlust war das, die sich auf die Musiker und den Saal übertrug.

Der Reinerlös der beiden Bamberger Sonderkonzerte kommt der Förderung des musikalischen Nachwuchses und der Jugendarbeit der Bamberger Symphoniker zugute. Das ist ein schöner Zug. Und Dudamel, der international Karriere macht seit seinem Triumph an der Regnitz 2004 – inzwischen ist er Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra – war ja dann doch noch zu Gast im Keilberth-Saal. Wenn auch nur auf der Leinwand. Am Freitag nämlich wurde bei freiem Eintritt „El Sistema“ gezeigt, ein Dokumentarfilm von Paul Smaczny (der Regisseur war anwesend) und Maria Stodtmeier über das nationale Musikschulsystem Venezuelas, das der Politiker und Musiker José Antonio Abreu vor drei Jahrzehnten ins Leben gerufen hatte. In der bewegenden Dokumentation leitete Dudamel das Simón-Bolivar-Jugendorchester in Caracas und gab Auskunft über seine eigenen Erfahrungen in „El Sistema“. Ein sehr schöner Zug ist es, daß der Reinerlös der beiden Bamberger Sonderkonzerte der Förderung des musikalischen Nachwuchses und der Jugendarbeit der Bamberger Symphoniker zugute kommt.

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