„Nights in White Satin“: Im neuen Nachthemd aus Batist. Wie war das noch, beim allerersten Mal?

Erste Nacht

meine Mutter wußte früher als ich
worauf sie mich einließ
als sie mich zum Bahnhof brachte
meine Tasche trug
mit dem neuen Nachthemd
(weißer Batist!)
ich legte mich auf den Altar
das Hochbett dem Himmel so fern
ich suchte nach den Geigen
aber es waren reißende
Saiten ein Engel fiel
von der quietschenden Wolke
du warst vorsichtig du
hattest dir am Tag zuvor
die Rippe gebrochen
(war ich wie geschaffen daraus?)
ich fügte mich
in meinen Willen ich blieb
so geduldig bewußt
du sagtest mir du
wirst schon kommen
mit der Zeit

Eva Corino

Von Chrysostomos

Die nordfranzösische, südlich von Roubaix gelegene Stadt Cambrai war vor 1914 ein Zentrum der Textilindustrie und ist es, cum grano salis, noch immer. Von dort kommt das Kammertuch, ein feinfädiger, ein dichter Kattun für Hemden, dessen Name von Kamerijk rührt, wie die Niederländer Cambrai nennen und von wo der Stoff zuerst dinausging in die Welt, so wie auch Kambrik (ein „Cambrian shirt“ wird besungen in „Scarborough Fair“). Oder Batist. Das feine, leinwandartige Gewebe heißt so nach einem Leinwandweber Baptiste, der im 13. Jahrhundert in Cambrai gelebt haben soll. Und der Meyer von 1906 präzisiert: „Batist (Battist), die feinste weiße Leinwand; auch (Battistmusselin) sehr feinfädeniges Baumwollengewebe, häufig streifig und bestickt, z. B. 16 Fäden Nr. 70 englisches Garn einfach, 3 gleichbindende Fäden Nr. 16, 16 Fäden Nr. 70 Garn doppelt, 8 gleichbindende Fäden Nr. 16, Schuß Nr. 84 englisches Baumwollengarn, 26 Fäden auf 1 cm.“

Folgt man dem Meyer, so handelt es sich bei der Fügung „(weißer Batist!)“, derer sich Eva Corino in ihrer „Ersten Nacht“ bedient, also um einen Pleonasmus, denn Batist ist ja, qua meyerscher Definition, bereits weiß. Die Farbe Weiß steht für Diana oder den Mond, repräsentiert die Perle und das Silber, verheißt Hoffnung. In weiße Gewänder hüllten sich die Druiden, den Kopf von Osiris, im alten Ägypten, schmückte eine weiße Tiara, Jupiters Priester, und die Opfer, die man ihm darbrachte, waren in Weiß gekleidet. Festtage in Rom markierte man mit weißer Kreide, und wenn ein Kaiser starb, war Weiß die Trauerfarbe. Die Druiden opferten weiße Ochsen, Schimmel brachte man der Sonne zum Opfer, weiße Elefanten galten in Siam, wie Thailand ehemals hieß, als heilig, und bei den Persern tragen Gottheiten Weiß. (Derlei nützliches Wissen findet man unter anderem in dem fabelhaften Dictionary of Phrase and Fable von Ebenezer Cobham Brewer, erstmals erschienen 1870.)

Weiß ist natürlich auch die Farbe der Wahrheit, die der Hoffnung und: der Unschuld, die Eva Corino (oder deren lyrisches Pendant) mit dem Wissen, mit der Billigung der Mutter zu verlieren drauf und dran ist. Denn schließlich ist es ja die Mutter gewesen, die sie, die Tochter, zum Bahnhof brachte – wirklich erstaunlich, welche Unmenge an Gedichten sich der Eisenbahn verdanken – die ihr das „neue Nachthemd“, aus Batist eben, der, siehe Meyer, weiß ist, in die Tasche packte. Da wird dann, später, nach der Ankunft, das dem Himmel alliterierend so ferne Hochbett fast zum Hochaltar. Ein Himmel übrigens der, für das eine, für das erste Mal, eben nicht voller Geigen hängt. Stattdessen reißt die G-Saite, stürzt ein Engel herab, hat sich – ave Eva! – womöglich Adam tags zuvor die Rippe gebrochen, der sich jetzt, wie behutsam auch immer („du warst vorsichtig du“), da sie sich fügte „in meinen“, also doch wohl auch in seinen, Willen, zu schaffen macht an ihr und der ihr dann, nachdem er, wie zu vermuten steht, seinen Spaß schon hatte, (zum Abschied?) leise flüstert („du sagtest mir du“; wieder dieses zweimal exponierte „du“): „du / wirst schon kommen / mit der Zeit“.

Eva Corino – vielleicht die Tochter des gleichnamigen Musil-Forschers – ist 1972 in Frankfurt am Main geboren, hat Romanistik, Germanistik und Philosophie in Tübingen studiert sowie an der École Supérieure in Paris. Ihr Magisterstudium schloß sie mit einer Arbeit zu den (späten) Hymnen Hölderlins ab. Hölderlin und Paris? Wir packen die Gelegenheit, diese Vorlage beim Schopf und reichen noch eine Erhellung zum gestrigen Brinkmann-Hölderlin-Strumpfhosen-Gruenter-Kommentar nach.

Undine Gruenter, gebürtig (1952) aus Köln, aufgewachsen in Wuppertal, Studium ebendort und in Heidelberg und in Bonn, lebte von 1986 an gemeinsam mit ihrem Mann, dem Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer, an der Seine. Gruenters Romanen, ihren Erzählungen, ist die Nähe zum Französischen anzumerken. Tatsächlich erweisen sie sich häufig als eine „Hommage an Paris“ (Volker Meid). Man lese, beispielsweise, die Pariser Libertinagen (2005, postum). Und wer Gruenters Sommergäste in Trouville von 2003 noch nicht kennt, darf sich glücklich schätzen. Man kann sie auch im Winter lesen.

NB: Eva Corinos „Erste Nacht“ ist entnommen der von Björn Kuhligk im Konzert mit Jan Wagner edierten Anthologie Lyrik von Jetzt (Köln: DuMont, 2003), die der aus Schwabach bei Nürnberg stammende Gerhard Falkner mit einem Vorwort versehen hat. Wagner und Kuhligk wiederum haben es entnommen Corinos vor zwölf Jahren im Berlin Verlag erschienenen Band Keine Zeit für Tragödien.

NBB: Satin ist natürlich nicht gleichzusetzen mit Batist. Dieser atlasartige Stoff kommt ja auch nicht aus Cambrai, sondern aus China. Er trägt seinen Namen nach dem arabischen „atlas zaituni“, wie die Araber den chinesischen Exporthafen Tsau-tung nennen. Ohnehin ist uns ja, wenn wir uns schon entscheiden müssen, unter den Liedern von Procul Harum nicht „Nights in White Satin“, sondern bei weitem „Salty Dog“ (diese wunderbare Einleitung!, diese kreischenden Möwen!!, dieses perfekte Tempo!!!) das liebste. Mit salzigen Hunden hat das nichts zu tun. Ein „salty dog“ ist ein alter, mit allen Meerwassern gewaschener Seebär.

NBBB: Ach ja, und wie peinlich, als Musikkritiker zumal – „Nights in White Satin“ ist naturgemäß nicht von Procul Harum. Das haben „Moody Blues“ gemacht. Zu dumm, wenn man „Satin“ mit „ A Whiter Shade of Pale“ verwechselt.

Ein Gedanke zu „„Nights in White Satin“: Im neuen Nachthemd aus Batist. Wie war das noch, beim allerersten Mal?

  1. Hallo.

    Habe mich soeben durch den Beitrag gelesen, wobei ich eine andere Formatierung vorschlagen würde, da ich – aber das mag am Alter liegen – ständig in den Zeilen verrutscht bin und irgendwie das Lesen nicht so einfach war.

    Ich fand das Ganze recht interessant und habe meine Nase gern in den Bildschirm gesteckt. Allerdings gehe ich nicht mit der Bezeichnung Pleonasmus konform. Denn dieser kann ja nur gelten, wenn dem Leser klar ist, dass das Bezugsobjekt diese Eigenschaften aufweist. Wenn das Wort allerdings unbekannt oder sogar „ausgestorben“ scheint, ist so ein Adjektiv eine Bereicherung und nicht unbedingt als Pleonasmus zu kennzeichnen (vgl. https://wortwuchs.net/stilmittel/pleonasmus/ ), wobei das vielleicht auch einfach „Geschmackssache“ ist. Mir jedenfalls war nicht klar, dass das Ding per Definition „weiß“ ist und lediglich durch das vorangestellte Farbadjektiv konnte ich mir überhaupt etwas vorstellen.

    Liebe Grüße
    Holger

Kommentare sind geschlossen.