Unterstützt unsere Brauereien! Kommt zum Oktoberfest! Urwüchsig, frei und international gesinnt: Un, zwo, trois, gsuffa!

Schneiderhüpfl vor dem Ochsen am Spieß

Ein Maß Bier und zwei Maß Bier
und hundert Maß Bier und tausend Maß Bier.
So leben wir, so leben wir
an der Isar.

Und Kalbshaxn und Kalbshaxn.
Wir sind keine Preußen, wir sind keine Sachsen.
Wir sind keine Spießer.
Wir sind Genießer.

Oktoberfest im Mai, im August,
Oktober zu jeder Zeit.
Wir sind uns unserer selbst bewußt
und jodeln aus herziger Brust:
„Immer kampfbereit!“

Wir sind urwüchsig und frei.
Wir sind international gesinnt.
Un, zwo, trois, gsuffa!
Es lebe unsere Polizei!
Wer unsere Behörden nicht liebt,
der spinnt.
Wir sind tolerant.
Die preußischen Sauereien
sind uns bekannt.
Kommt zum Oktoberfest!
Unterstützt unsere Brauereien!
Himmel Herrgott Sakrament!

Joachim Ringelnatz

Von Chrysostomos

Oktober, das ist für die Bamberger, für die Franken – denn sie wollen ja „unsere Brauereien“ unterstützen und tun das auch nicht wenig – die Zeit des Bockbieranstichs. Was den Bambergern ihr Bockbieranstich, ist den Münchnern ihr Oktoberfest. Davon handelt „Schneiderhüpfl vor dem Ochsen am Spieß“. Man sollte nicht meinen, daß es von einem gebürtigen Sachsen geschrieben worden ist. Nicht nur, weil das lyrische Sprecher-Wir behauptet: „Wir sind keine Preußen, wir sind keine“ sich wunderbar auf „Kalbshaxn“ reimende „Sachsen“. Denn Joachim Ringelnatz, der sich wie so viele andere Schriftsteller, zumal Lyriker (Edward Lear, Wilhelm Busch, Charles Tomlinson, Sarah Kirsch, Beat Brechbühl), auch als – „unterschätzter“, wie Heinrich Detering es nennt – Maler versuchte, hörte eigentlich auf den Namen Hans Bötticher und stammte aus Wurzen bei Bennewitz oder, sagen wir, weil das schöne Bennewitz ja kaum jemand kennt, Leipzig. Ehe es Bötticher-Ringelnatz als Schiffsjunge und Matrose auf Dampfer und Segelschiffe verschlug, ist er dort auch, in Sachsen, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sofern der Sohn eines obskuren Jugendbuchautors und Tapetenentwerfers, wie geschehen, nicht des Gymnasiums verwiesen wurde, sodaß er bis zur Obersekunda in Leipzig eine Privatschule besuchen mußte.

Der Sachse Ringelnatz (1883, des Leipzigers Wagner Todesjahr, bis 1934) kannte freilich auch München, auch, so hat es den Anschein, das Oktoberfest und alles, was damit einhergeht. Noch vor dem Ersten Weltkrieg, den er in Diensten der Marine zubrachte, konnte er als Kabarettist in der Schwabinger Künstlerkneipe „Simplicissimus“, zu deren Hausautor er wurde, erste Erfolge verbuchen; nach dem Krieg setzte er seine Laufbahn in Berlin fort, in Hans von Wolzogens „Schall und Rauch“, sowie auf zahlreichen Tourneen. Im unsäglichen Jahr 1933 wurde er mit einem Auftrittsverbot belegt. Nicht lange danach starb Ringelnatz, völlig verarmt, an Tuberkulose.

Populär gemacht hat ihn seine Vortragskunst. Auch hat Ringelnatz, dem sein Geburtsort längst ein Museum geschenkt hat, der deutschsprachigen Lyrik neue Themenfelder eröffnet: die der Turnkunst (Turngedichte, 1920), die des Lebens als Seemann. „Kuttel Daddeldu“ läßt grüßen. Eine gewisse Akrobatik und viel Sprachwitz haften auch seinen Versen an.

Apropos in Armut sterben: Harry Rowohlt schreibt, anläßlich der Verleihung des Brüder-Grimm-Preises der Stadt Hanau, im Juli 2001 an die „Frau Oberbürgermeisterin, meine Damen und Herren, geliebte Jury!“ unter anderem dies: „Im Zusammenhang mit dem geliebten Ringelnatz freut mich die Ehrung besonders, weil er – immerhin der erfolgreichste deutschsprachige Lyriker seiner Zeit – vom panchaotischen Ernst Rowohlt so sporadisch bezahlt wurde, daß er eigentlich verhungert ist. So mästet sich ein Rowohlt nach dem anderen an ihm.“

Die Auszeichnung war Rowohlt (Harry, also des Verlegers Ernst Sohn) zuerkannt worden für die CD „Ich hatte leider Zeit“, auf der er ein halbes Hundert eher unbekannte Ringelnatz-Gedichte vorstellte. In ihrer Rezension sprach die FAZ von einer Wahlverwandtschaft zwischen den beiden, und stellte fest: „Was auch immer Rowohlt mit seebärenrollender Stimme liest, man merkt sofort: Hier haben sich zwei gefunden.“

Und ein weiteres, ein letztes Harry-Rowohlt-Zitat, der an Eske Nannen von der Emdener Kunsthalle im Oktober 2004 schreibt, seine Lesung dort, in der Kunsthalle, am 11. Dezember, werde der „krönende Abschluß einer Kurztour Leipzig (Solidaritäts- & Benefizlesung für das Netzwerk für demokratische Kultur in Wurzen an der Mulde, wo Ringelnatz geboren wurde und wo gleichwohl die NPD mit 13.9% im Stadtrat sitzt)/Greven/Emden sein, und wenn die Kunsthalle sonntags geöffnet hat, sehe ich mir sehr gern die Munch-Ausstellung an (oder was es sonst so gibt).

Schönen Gruß einstweilen,

Ihr Harry Rowohlt“.

NB: Ringelnatz’ „Ochsen am Spieß“ ist unter anderem zu finden in dem von Hans Magnus Enzensberger edierten und erstmals bereits 1960 vorgelegten Museum der modernen Poesie. Die Briefzitate Harry Rowohlts entstammen dessen von Anna Mikula herausgegebener Sammlung Der Kampf geht weiter! Nicht weggeschmissene Briefe (Zürich: Kein & Aber, 2005). Auch wenige Jahre, nachdem Harry den Oktober-Brief gen Emden richtete, war die Präsenz der NPD in Wurzen erdrückend spürbar. Auch A. und man selbst konnte dagegen kaum etwas ausrichten, obgleich wir es versuchten.

NBB: Ohne die Bekanntfreundliebschaft, ohne die leider nicht allzu lange währende Amour fou mit A., die, zwar aus der Nähe von Schweinfurt gebürtig, seit Jahrzehnten aber, da sie ihrem (damals Immernochnochimmer-)Mann folgte, bei Leipzig lebte, hätte ich diesen Essay so nicht schreiben können. Nicht nur deshalb sei er ihr, die mich immerhin dazu brachte, beim gemeinsamen Besteigen ihres Hochbettes (mehrmals) von der Lektüre von Friedhelm Rathjens wunderbarer rororo-Monographie über James Joyce abzusehen, und die mir (mehrmals) zeigte, daß es da ja, außerhalb der Literatur (und, womöglich, der Musik; hatte Mahler in seiner Leipziger Zeit nicht die Erste geschrieben, wie ein Naturlaut?), noch etwas gab, dem man sich mit Lust und – sogar gegenseitigem – Gewinn hingeben konnte, nicht nur deshalb also sei er, dieser Essay, ihr, A. Z., zugedacht. So schön, schön war die Zeit. Und auch sie. Black was, and probably still is, the colour of my true love’s hair.

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