Gestern Martini, heute Moët. Wie Dichter sich zum Schreiben bringen. Ohne Champagner schafft Arne Rautenberg nichtmal siebzehn Silben.

Haikukränzchen im Café Kranzler

Hier sitz ich halt rum
Quäl mich mit meinen Versen
Überm Schuttkuchen.

Überm Schuttkuchen
Zähl ich fünffingrig Silben
Und trinke Moët.

Und trinke Moët.
Als gäbe es Besseres
Als Moëttrinken.

Hier sitz ich halt rum
Überm Schuttkuchen (Mein Gott!!)
Und trinke Moët.

Arne Rautenberg

Von Chrysostomos

Stimulanzien sind zahlreich. Und nicht selten greifen gerade Autorinnen und Schriftsteller zu diesen, um sich in Schwung zu bringen, um eine Schreibblockade zu lösen, um überhaupt zum Schreiben zu finden, zu kommen. Um das treffend Wort endlich aufs Papier setzen zu können. Das kann, wie beispielsweise bei Jean Paul, bevorzugt der Gerstensaft sein, der dem Autor des Titan, des Siebenkäs und vieler anderer großartiger Romane, zum „Seelenbier“ wird, zur „letzen Ölung“ auch, zum „Herbst-Trost“, ja zum „Palliativ gegen Meiningen“. Weitaus wohler als in Meiningen fühlt Jean Paul Friedrich Richter sich in Bayreuth, denn dort braut ihm Emanuel Osmund das einzig trinkbare Bier.

Im Februar 1804 schreibt Karoline Richter an den Braumeister über ihren vorfreudig erregten Mann: „Bei der Einfahrt eines Bierfasses in Koburg läuft er seliger umher als bei dem Eintritt eines Kindes in die Welt.“ Apropos Nachwuchs: Richter mundete auch der Wein, wie aus diesem Schreiben vom Dezember 1806, wiederum an Emanuel Osmund gerichtet, hervorgeht: „Guten Morgen! Darf ich denn das, ungezwungene Wein-Anleihen machen, um über das Abc nicht als Abc-Schüler zu schreiben? – Sie glauben kaum, wie viel meine Nachkommenschaft Wein säuft; ich bekomme das Wenigste. Auf Moses Mendelssohn!“

Jean Paul nimmt das Bayreuther Bier als „Kur- und Esmittel“ ein. Von dessen Bamberger Pendant ist er nicht angetan: „[…] denn Nachmittags war ich längst vor 8 Tagen ans Bamberger zu starke Likörbier gebant u. schlief darum schlechter“. Die Exzesse E.T.A. Hoffmanns, der vor bald zwei Jahrhunderten nach einem fünfjährigen Intermezzo Bamberg verließ, sind bekannt. Den Kapellmeister Johannes Kreisler, Hoffmanns alter ego, läßt er in Fantasiestücke in Callot’s Manier (Bamberg: Neues Leseinstitut von C.F. Kunz, 1814) sagen: „Man spricht so viel von der Begeisterung, die die Künstler durch den Genuß starker Getränke erzwingen – man nennt Musiker und Dichter, die nur so arbeiten können (die Mahler sind von dem Vorwurfe, so viel ich weiß, frey geblieben).“ Es sei gewiß, daß „in der glücklichen Stimmung“ […] das „geistige Getränk den regeren Umschwung der Ideen befördert“; der „Mensch gießt Wein auf, und das Getriebe im Innern dreht sich rascher!“

Hoffmann, der ja auch komponierte, geht sogar so weit, musikalischen Gattungen das entsprechende Getränk zuzuordnen, und in dieser Liste findet sich auch der Champagner, womit wir endlich wieder zurück wären bei Arne Rautenberg und seinem Café-Kranzler- Moët-und-Haiku-Kränzchen: „So würde ich z.B. bey der Kirchenmusik alte Rhein- und Franzweine, bey der ernsten Oper sehr feinen Burgunder, bey der komischen Oper Champagner, bey Canzonetten italiänische feurige Weine, bei einer höchst romantischen Composition, wie die des ‚Don Juan‘ ist, aber ein mäßiges Glas von eben dem von Salamander und Erdgeist erzeugten Getränk [E.T.A. meint hier den Punsch] anrathen!“

Arne Rautenberg, 1967 in Kiel geboren, hat an der dortigen Christian-Albrecht-Universität Kunstgeschichte, Neuere Deutsche Literatur und Volkskunde studiert und ist seiner Geburtsstadt immer treu geblieben. Er arbeitet als Schriftsteller, der in vielen Genres zuhause ist, als Künstler (Papierarbeiten, Collagen, auch konkrete Lyrik und das, was man „Found Poetry“ nennt; erst im vergangen Jahr hat Rautenberg im Ansbacher Loft-Raum für Kunst & Gegenwart ausgestellt, etwa sein Aquarell auf Seidenpapier über BILD-Zeitung, „wenn ich nicht mehr weiter weiß lacht kaspar hauser mit“), als Feuilletonist und zuvörderst eben als Lyriker.

Der gern mit Sprache spielt, mit dem Wort, mit Formen und Form. Beispielsweise der des Haiku. Dem er, wie man es von Sonetten her kennt, einen veritablen Kranz widmet, zu Papier gebracht im inzwischen extinkten Berliner Café Kranzler. Schuttkuchen und ein Moët? Offensichtlich eine den lyrischen Esprit beflügelnde Kombination. Es sei noch gesagt, daß auch Jan Wagner, Rautenbergs um vier Jahre jüngerer Kollege, dem Champagner und dessen Erfinder, also Dom Perignon (1638 bis 1715), ein Gedicht gewidmet hat, zu finden in Wagners Debütband Probebohrung im Himmel (Berlin: Berlin Verlag, 2001), auf den wir innerhalb dieser Kolumne und in dieser Zeitung bereits am 30. Januar hingewiesen haben.

Gestern wäre Ernst Jandl palindromische 88 Jahre alt geworden. Auch Jandl stellten wir bereits vor, mit einem für ihn recht untypischen Liebesgedicht, gleich zum Auftakt dieser Reihe, am 2. Januar. Arne Rautenberg – und auch Jan Wagner – werden sicherlich einverstanden sein damit, nun, quasi post festum, auf Jandl anzustoßen. Mit einem Dom Perignon. Oder doch einem Moët? Wie und was immer auch – Hauptsache gut gekühlt. Salute, auf das Wohl der Dichterinnen und Dichter, ohne die diese Kolumne nicht zu denken wäre. Und auf das der Dichtung!

Und, sowieso, auf das Wohl der Nagetiere. Rautenberg macht es möglich:

auf nagetierchens wohl

gib der maus gin-cola
gib der ratte rum
auf nagetierchens wohl ja
heut saufen wir uns krumm

gib dem hamster altbier
meerschweinchen will korn
auf nagetierchens wohl hier
bringt jeder sich nach vorn

gib dem biber branntwein
und eichhörnchen kriegt sekt
auf nagetierchens wohl fein
ist unser saufprojekt

NB: Arne Rautenbergs „Haikukränzchen“ kann man nachlesen in der von Björn Kuhligk und unserem Dom-Perignon-Mann Jan Wagner edierten, bei DuMont in Köln 2003 erschienenen, von dem gebürtigen Schwabacher Gerhard Falkner mit einem Vorwort versehenen Anthologie Lyrik von Jetzt.

NBB: Wem nach mehr Rautenberg ist, diesem „Talent von Morgensternscher Art“ (Harald Hartung) wird fündig in Wiesbaden, bei luxbooks, in Rautenbergs Band gebrochene naturen (2009). Zuletzt erschienen von ihm sind supermann im supermarkt (Wuppertal: Peter Hammer, 2012; mit Illustrationen) und mundfauler staub (Berlin und Leipzig: Horlemann, 2012).

NBBB: Mozarts via Hoffmann erwähnten Don Giovanni bringt die Sommer Oper Bamberg in diesem Oktober auf die Bühne des nach Hoffmann benannten Theaters. Deren künstlerischer Leiter und Dirigent, Till Fabian Weser, meint, daß zu dieser „Oper aller Opern“, wie Hoffmann sie nennt, keinesfalls Punsch passe: „Hier scheiden sich die Geister [und wohl auch die geistigen Getränke, die Spirituosen]. Don Giovanni ist laut Mozart ein dramma giocoso und erfordert daher eher Champagner als Punsch. Nur mochte E.T.A. dies doch ausschließlich als Drama sehen, so wie in der Wiener Fassung, wo die scena ultima, das lieto fine, das happy ending [sehr schön, endlich mal jemand, der Englisch kann und nicht von einem unseligen und falschen „happy end“ spricht; das wundert nicht, denn Weser ist in Bloomington, Indiana, geboren] gestrichen wurde. Wir führen es aber auf und trinken daher lieber Champus! Oder Marzemino frizzante.“

NBBBB: Wie Birgit Dietz, die Bamberger Architektin mit Lehrauftrag an der TU München und stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins der Sommer Oper Bamberg seit gestern weiß, hat eine Wandtafel bei Dallmayr in der Dienerstraße am Münchner Marienhof folgenden Rat parat: „Save Water. Drink Champagne.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.