Arbeitsteilung und glückliche Ehe. Über die Vorteile der Zeitungslektüre am (gemeinsamen) Frühstückstisch.

Die Liebe war nicht geringe

Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blaß;
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wußten noch immer was.

Sie mußten sich lange quälen.
Doch schließlich kam’s dazu,
Daß sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und teilt ihr das Nötige mit.

Wilhelm Busch

Von Chrysostomos

Die ersten Gedichte, die mir – Gebete zur guten Nacht einmal ausgenommen, und auch Kinderlieder („Hoppe hoppe Reiter“) nicht gezählt, oder Volkstümliches, in das ich auf Aufforderung des Vaters einzustimmen hatte, es gerade deshalb aber nicht tat (etwa das in der Nazischreckenszeit arg populäre „Im Frühtau zu Berge“, auch der bei Sängerfesten, jedenfalls in den Siebzigern, allgegenwärtige Gassen-Schoppenhauer „Aus der Traube in die Tonne / aus der Tonne in das Faß“ von dem „ausgesprochen vielseitigen Meister der Vokalmusik“, wie es auf der Seite seines Karlsruher Verlages heißt, Kurt Lissmann, 1902 bis 1983, gehört dazu) – die ersten Gedichte also, die mir unter die Augen kamen, waren jene von Wilhelm Busch. Was unter anderem auch daran lag, daß die zweibändige Busch-Ausgabe, die auch auf den leider vernachlässigten Landschaftsmaler aufmerksam machte, eben die einzigen im Elternhaus zu findenden Gedichte enthielt.

Busch braucht man weiter ja nicht vorzustellen; in so gut wie allen etwas größer angelegten Anthologien deutschsprachiger Lyrik, und auch in zahlreichen eher schmalen Auswahlbänden – beispielsweise in den von Günter Berg 2002 für Insel ausgesuchten Schönsten Liebesgedichten – trifft man auf Kostproben aus seiner der Welt des kleinbürgerlichen Dorflebens zugetaner Feder. Zu finden ist der Meister aus Niedersachsen (knapp dreieinhalb Wochen nach Goethes Tod in dem Flecken Wiedensahl geboren, nicht ganz sechsundsiebzig Jahre später am Geburtstag von Simone de Beauvoir im am Harzrand gelegenen Kaff Mechtshausen verstorben) weiters in Steffen Jacobs’ Lyrik-TÜV, der im Mai 2007 als zweihundertachtundsechzigster Band der von Hans Magnus Enzensberger begründeten Anderen Bibliothek im Eichborn Verlag erschienen ist. Jacobs stellt darin „ein Jahrhundert deutscher Dichtung“ auf seinen eminent kritischen Prüfstein.

Busch, der ewige Junggeselle, der erst bei seiner verwitweten Schwester Fanny und dann bei dem Neffen Otto Nöldeke, im Mechtshausener Pfarrhaus, ein Zuhause nebst einer Ersatzfamilie gefunden hatte, gelingt es, den Alltag einer glücklichen Ehe, in welcher die Liebe „nicht geringe“ war (und jetzt vielleicht doch, nach Jahren, ein klein wenig ist, jedenfalls die körperliche), zu beschreiben. Sie also strickt, noch im Morgenhabit, zufrieden einen Strumpf, und er teilt ihr, die Kölnische Zeitung lesend, über den Tisch hinweg das Neuste, „das Nötige“, mit. Die Kölnische war in den Tagen Buschs eine der drei führenden überregionalen Tageszeitungen hierzulande. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging aus ihr der Kölner Stadt-Anzeiger hervor.

Für Steffen Jacobs, der Essays, Literaturkritiken, Gedichte und Übersetzungen (unter anderem der beiden einzigen Romane von Philip Larkin) publiziert hat, ist Wilhelm Busch „in vieler Hinsicht ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts“. Wenn es aber, konstatiert der versierte Lyrik-TÜV-Abnehmer, „darum geht, aus der Scheiße des täglichen Lebens ein document humain zu formen, das alle Schlacken komisch transzendiert und allerlei Zeitläufe in aller Frische überdauert, dann findet man wenige, die an ihn heranreichen.“ Und daran, schließt Jacobs 2007, habe sich in den letzten hundert Jahren kaum etwas geändert.

NB: Die Bambergerin Gudrun Schury hat vor sechs Jahren im Aufbau Verlag Berlin eine brauchbare Busch-Biographie vorgelegt: „Ich wollt, ich wär ein Eskimo“. Das Leben des Wilhelm Busch. Außerdem hat Schury, gleichfalls bei Aufbau, Hundert Gedichte Buschs, der sich auch intensiv mit Bienen und der Imkerei beschäftigt hat, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen.

Ein Gedanke zu „Arbeitsteilung und glückliche Ehe. Über die Vorteile der Zeitungslektüre am (gemeinsamen) Frühstückstisch.

  1. Ist das die Zeichnung mit dem Jungen, der über und über mit Bienen bedeckt ins Wasser springt? Chrysostomos berichte … bitte

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