Die blaue Dolde des Worts in Pfützen gestrigen Regens. Zu einer Farbe im Gedicht.

Heimweg

Inseln aus Gräsern säumen den weißen Weg;
zögernde Heimkehr zu Lampe und Buch, stillen Zeugen.
Schon fällt des Himmels Abendröte
in Pfützen gestrigen Regens, spiegelnde Wasser.
Der farbigen Dinge Zwiesprach störe ich so,
schreitend durch kalte und warme Luft.
Der Dinge Zwiesprach, wie oft gestört.

Klärt sich die Welt?
Des Atems sanft bewegter Baum
ersteht in der Brust.
Fremd überm Zaun
ist das Abendlos des duftenden Flieders
in verlassenem Garten.

Langsam reift die blaue Dolde des Worts.

Auf die metallene Scheibe der Nacht
schreib ich die Schrift meines Schweigens:
daß ich gewartet auf dich.

Rudolf Hartung

Von Chrysostomos

Blau ist, im Verbund mit weiß, die bayerische Flagge, blau ist, bei schönem Wetter, der Himmel nicht nur über Berlin, Bratislava und Bexbach, blau blüht der Enzian und blau ist die Blume der Romantik (Novalis, Heinrich von Ofterdingen), die für Sehnsucht steht, blau ist die Nacht Mitte Mai in Nürnberg, in der die Museen geöffnet haben, blau Else Lasker-Schülers Klavier, auf welchem Sternenhände spielen, blau das Sofa, auf dem Schriftstellerinnen und Autoren auf der Leipziger Buchmesse Platz nehmen dürfen, um über ihre jüngsten Werke zu sprechen, in Blau gehalten ist die Rhapsody von George Gershwin, die mit einem Klarinettensolo anhebt und die Woody Allen, der Klarinettist, eingangs von Manhattan (1979) einsetzt, blau sind die Trikots von Schalke 04, die monochromen Bilder von Yves Klein sind ultramarinblau; auch Matisse mochte die Farbe, der die Kanadierin Joni Mitchell, die auch als Malerin hervorgetreten ist, den Titelsong ihres vierten Albums von 1971 gewidmet hat, das durchaus auch vom Jazz (Miles Davis, Kind of Blue, veröffentlicht im Sommer 1959, just, wie ich gerade sehe, einen Tag nachdem mein Bruder, vermutlich bei blauem Himmel, das Licht dieser Welt erblickte) inspiriert ist, der Mond, der im wunderbar entspannten Standard – gecovert, unter vielen anderen, von Frank Sinatra, Elvis Presley, von Bob Dylan und, 1961, von der hinreißenden Julie London – von Richard Rodgers und Lorenz Hart figuriert, ist blau, und auch Joe Hendersons „Blue Bossa“ (1963) ist zu einem Standard geworden; von den blue notes im Jazz und von dem arg bedeutenden Label Blue Note wollen wir, vorerst, schweigen, anders als von Lisas Augen, die, logo, so richtig schön himmelblau leuchten, wohingegen schwarz „the colour of my true love’s hair“ ist, jedenfalls in dem Folksong, den Luciano Berio 1964, in Lisas Geburtsjahr also, für Mezzosporan und sieben Instrumente gesetzt hat (ihr Haar, Lisas, ist hingegen und selbstvrständlich blond).

Die Farbe Blau haben Legionen von Lyrikerinnen und Lyriker im Gedicht bedacht, die an der Bergischen Universität Wuppertal lehrende Literaturwissenschaftlerin Gabriele Sander hat daraus vor zwölf Jahren für Reclam einen Anthologie zusammengestellt. Das Büchlein bringt „ein Meer von blauen Gedanken“ (Heinrich Heine), gehalten in blauer Schrift. Goethe ist vertreten mit „Schwebender Genius über der Erdkugel“: „Ich ergötze mich am Bunten, / Ich erquicke mich im Blau.“ In seiner Farbenlehre (1810) versucht Goethe die „sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung“ der Farbe Blau so zu fassen: „Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.“

Die Lyrik Rudolf Hartungs, 1914 in München geboren, in Berlin 1985 gestorben, ist dem Vergessen anheimgefallen, selbst wenn sie in Aachen beim Rimbaud Verlag in schönen Ausgaben noch lieferbar ist. Am ehesten kennt man vielleicht seine kritischen Dialoge und Essays mit und zu Johannes Bobrowski beispielsweise, Henry James und James Joyce, Thomas Mann, Celan, Kafka, Benn und, vor allem, Elias Canetti. Canettis mit dem Nobelpreis ausgezeichnetes Werk hat Hartung wohlmeinend begleitet und als Lektor im Weismann Verlag 1948 die Wiederveröffentlichung von dessen Roman Die Blendung in die Wege geleitet.

Lange Jahre, schreibt Canetti in einer Erinnerung, sei es Rudolf Hartung gewesen, der sich „als Einziger“ für sein Werk eingesetzt habe, und das, obgleich „ihm mein Werk nicht eigentlich liegt. Seine wahren Götter sind Thomas Mann und Henry James, mit denen ich überhaupt nichts, wirklich nicht das Geringste gemein habe.“ Hartungs Art, „das Tastende, Empfindliche, Balancierende seiner Natur, seine Schwermut, […] die Schwierigkeit seines Lebens“, schätzt Canetti, gerade „weil sie meiner so entgegengesetzt“ ist.

Einiges von diesem von Elias Canetti beschriebenen behutsamen Tasten, von dieser Schwermut auch, spricht aus den Versen des „Heimweg“. Lampe und Buch als „stille Zeugen“ bei der schweigenden Verrichtung des Handwerks vom Schreiben, der verlassene Garten, der nur sanft bewegte Baum, der Fliederduft, die lediglich langsam reifende „blaue Dolde des Worts“: daß ich gewartet habe – auf Dich.

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