Schreiben als Erinnerung. Zu Gast auf dem Lande in Schleswig-Holstein, bei dem Lyriker, bei dem Maler und Zeichner Günter Kunert.

Wohnen auf dem Lande

Über die Natur gibt es ja
nicht mehr viel zu sagen:
Jeden Morgen um neun
erscheinen drei Rehe
in Blickweite: Eine Weile
sehe ich ihnen durchs Fenster zu
bevor ich abschalte

Günter Kunert

Von Chrysostomos

Schreiben heiße, immer und unausweichlich, sich erinnern, hat Günter Kunert einmal gesagt. Selbst die Utopie, die Imagination von Zukunft, von künftiger Wunscherfüllung, entfalte sich nur aufgrund des erinnerten Gestern, des tief ins Gedächtnis geschlagenen Heute. Und weiter heißt es: „Der Schriftsteller lebt aus dem Fundus seiner Biographie und aus dem recht fragwürdigen Schatz historischer Erfahrung, die er entweder selber erlitten hat oder deren mittelbarer Teilhaber er ist.“

Kunerts eigene Biographie nahm ihren Anfang im März 1929 in Berlin, wo der ungemein produktive Autor, Zeichner und Maler als Sohn einer jüdischen Mutter geboren wurde. Eine höhere Schule durfte er nicht besuchen. Einige Zeit arbeitete Kunert in einer Tuchwarenhandlung, studierte dann Graphik, begann 1947 mit der Veröffentlichung von Glossen und Gedichten in verschiedenen Blättern. Ein Jahr hernach trat er, den Brecht und Johannes R. Becher förderten, der SED bei. 1979 ging Kunert in den Westen und lebt seither in Kaisborstel bei Itzehoe, also auf dem Lande. Die Gemeinde zählt keine hundert Einwohner.

Neben Lyrik (er debütierte 1950 im Aufbau-Verlag mit dem Band Wegschilder und Mauerinschriften) und Kurzprosa, seinen beiden Hauptarbeitsgebieten, schreibt Kunert Essays (etwa Berliner Wände. Bilder aus einer verschwundenen Stadt, München: Hanser, 1976), Hörspiele – beispielsweise die vor bald zwei Jahrzehnten für den MDR produzierten Fantasien über das Verbrechen – Drehbücher, Notate und Aphorismen wie seine bislang letzte Veröffentlichung, Tröstliche Katastrophen (München: Hanser, 2013; das Buch versammelt Aufzeichnungen aus den Jahren 1999 bis 2011). Auch Kunerts Zeichnungen, Radierungen und Bronzen finden große Beachtung.

Auf die Frage, welche Hoffnungen sich ein junger Lyriker auf die Veröffentlichung in einem renommierten Verlag machen dürfe, antwortete Kunert bereits 2002: „Praktisch keine, denn Lyrik bedeutet ein Verlustgeschäft für die Verlage. Außerdem spielt sich der hektische Betrieb der Großverlage hauptsächlich zwischen Frühjahrs- und Herbstmesse ab. Diese Ereignisse, sowie die eigenen verpflichteten Autoren, nehmen die Verlage so in Anspruch, dass keine Zeit mehr bleibt, um sich wirklich mit unverlangt eingesandten Manuskripten auseinandersetzen zu können. Wie überall im Leben ergibt sich die Chance, tatsächlich bei einem großen Verlag angenommen zu werden, eher über Verbindungen und Beziehungen. Aber die Kleinverlage zeigen im Bereich Lyrik immer noch sehr viel Engagement.“

Kunert selbst zählt freilich längst zu den bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikern hierzulande. Gedichte, sagt er, der die ersten Fassungen mit Füller notiert, ehe er zur Schreibmaschine übergeht, bekomme man geschenkt, und das könne jederzeit passieren, auch in der Nacht. Kunert ist derartig präsent, daß er sogar parodiert wird, etwa von Kurt Bartsch:

Endgültig für Marianne

1
Wieder und wieder
fangen wir an
aufzuhören.
Das hört und hört
nicht auf.

2
Als Engel dann
wachsen uns Flügel
zu keinem als
diesem Zweck:
Federn zu lassen
auch nach dem Tod.

3
An was
soll man noch glauben
wenn nicht an
nichts.

Marianne, das ist Kunerts Ehefrau. Ein ihr zugedachtes Gedicht leitet die unter dem Titel Stilleben 1983 bei Hanser erstveröffentlichten Gedichte ein, die seit April 1992 in einer preisgünstigen Ausgabe auch im Deutschen Taschenbuch Verlag vorliegen. Karl Riha, der Siegener Literaturwissenschaftler und Lyriker – von ihm stammt unter anderem, das dürfte Bamberger interessieren, der BandGOMRINGER oder die anwendung der konstellation auf ihren erfinder von 1989 – hat dazu ein Nachwort verfasst.

Widmungsgedicht für M.

Die Nächte dunkeln und die Schatten
vermischen sich und geben endlich Ruh.
Nach manchen Träumen, die wir früher hatten
nur Finsternis und ich und du.

Zweieinigkeit steht über uns geschrieben –
dabei ist keine Spur von Blasphemie:
Mehr ist von allem andern nicht geblieben
und schließlich überdauert auch bloß sie.

Sich dem lakonischen Sprachton Günter Kunerts auszusetzen: dazu kann nur geraten werden.

NB: Noch zwei Literaturhinweise. Der Band Die Hölderlinie von Kurt Bartsch, 1983 im Rotbuch Verlag Berlin erschienen, bringt deutschdeutsche Parodien, unter anderem auf Peter Huchel, auf Ulla Hahn, auf Heiner Müller, Peter Schneider und Günter Grass. Äußerungen von Dichtern über ihre Gedichte sind zu finden in Die Pausen zwischen den Worten, herausgegeben von Rudolf Riedler, herausgekommen bei Piper in München, und zwar 1986.

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