Revolution No. 9? Die Junge Deutsche Philharmonie begeistert in Berlin mit Mahlers Neunter. Am Pult: Jonathan Nott.

Von Musicouskuß

Lautstarke Bravi in der Berliner Philharmonie, fünf Minuten Beifall und hernach noch lange, noch viele, und noch viele lange, herzliche Umarmungen der Musiker untereinander standen am Ende der so bewegten wie bewegenden Aufführung von Gustav Mahlers Neunter Symphonie. Es spielte die Junge Deutsche Philharmonie, an deren Pult stand Jonathan Nott, den man ja an der Regnitz, aber auch an Spree und Havel, an Themse und Hudson River lange schon nicht mehr vorstellen muß, und die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker machte es möglich, daß man diesem Konzertabend live am heimischen Bildschirm beiwohnen konnte. Noch dazu kostenfrei.

„Lautma(h)lerei“ lautet das wortspielerische, freilich auf der Hand liegende Motto der Frühjahrstournee der Jungen Deutschen Philharmonie. Man gastiert(e) unter anderem in Celle und Suhl, in der Kölner Philharmonie und in der Frankfurter Alten Oper, am heutigen Mittwochabend in der Münchner Philharmonie im Gasteig, beim Heidelberger Frühling und in Interlaken. Auf dem Programm, neben Mahlers Spätwerk, Dimitrij Schostakowitschs Erstes Violinkonzert mit dem Solisten Christian Tetzlaff. Schostakowitsch und Mahler gehen gut zusammen, die Spuren, die der Ältere im Œuvre des Jüngeren hinterlassen hat, sind zahlreich, sind ohrenfällig.

In Berlin allerdings konzentrierte man sich ganz auf Mahler. Und da sich derzeit kaum jemand besser auf die Neunte versteht als Jonathan Nott – das belegt, beispielsweise, eine hochgelobte, bei Tudor in Zürich erschienene Einspielung – war die Entscheidung, den Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie ans Pult der Jungen Deutschen Philharmonie zu holen, absolut richtig. Ohnehin arbeitet der Engländer häufiger mit Nachwuchsensembles zusammen, etwa mit dem Gustav Mahler Jugendorchester. Die Registerproben übernahmen, nebenbei sei’s gesagt, Mitglieder der Bamberger Symphoniker, von denen so manche selbst einmal in den Reihen der Jungen Deutschen Philharmonie saßen, etwa Christian Dibbern und Martin Timphus, oder Albrecht Mayer, der ja lange schon weitergezogen ist zu den Berlinern.

Andante comodo ist der nicht ganz fünfhundert Viervierteltakte umfassende Eröffnungssatz – für Alban Berg „das Allerherrlichste was Mahler geschrieben hat“ – der Neunten überschrieben. So kommod, so mollig-behaglich ist diese Musik allerdings nicht, es kommt zu Brüchen, zu Ein- und Ab- und Ausbrüchen, auch schon mal mit aller Gewalt. Erinnert sei an die drei Posaunen. Man kann das, Berg folgend, als Todesahnung deuten, die die Sehnsucht, in Frieden auf Erden zu leben (Mahler zitiert Johann Strauß, „Freut euch des Lebens“, op. 340), gefährlich eindunkelt. Eine Sehnsucht, die im Hornsolo (ziemlich phänomenal, in allen vier Sätzen: Jonas Finke, der Hahn in der Hörnergruppe) aufscheint, „zart gesungen, aber sehr hervortretend“, wie die Partitur verlangt.

Die Partitur verlangt ohnehin so manches, und man kann nur staunen, wie großartig die Jungen Deutschen Philharmoniker all dies umsetzen. Die Harfe ist sehr gut durchhörbar, die Artikulation sauber und präzise, wunderbar gerät der kadenzartige Dialog zwischen Horn und Flöte. Überhaupt, die Holzbläser: Chapeau! Ach, und diese Solotrompete! Wobei die Streicher nicht vergessen sein sollen, auch die Konzertmeisterin darf sich solistisch hervortun, die Bratschen, die Celli. Ein tragender, ein warmer Ton. Angesichts solchen Musizierens ist es beinahe zu verstehen, daß das Publikum nicht zögert, auch zwischen den Sätzen zu applaudieren.

„Etwas täppisch und sehr derb“ soll, im „Tempo eines gemächlichen Ländlers“, der zweite Satz daherkommen, und auch das gelingt der Philharmonie ganz famos, das kündet der Auftakt mit den beiden Fagotten und den Bratschen bereits an. Den zweiten Geigen macht es sichtlich Freude, sich „wie Fiedeln“ zu geben, denn genau das ist es, was Mahler hier vorschreibt. Dazu noch, keck trillernd, das Horn, und der Ländler ist perfekt.

Energiegeladen, flott, sehr trotzig, ja (sehr) frech dann die Rondo-Burleske. Nott kitzelt mit der Linken alles Potential aus seinen Musikern heraus, und wenig, wie wir bereits gehört haben, ist das ja nun wahrlich nicht. Hinzu kommt, daß sie eben nicht schon seit zweieinhalb Dekaden im Graben oder auf der Bühne Dienst tun, daß sie vielmehr darauf brennen, spielen zu dürfen, wach und aufmerksam Notts Gestik und auch den Kollegen folgend. Von Sättigung und an Langeweile grenzender Routine ist hier nichts zu spüren. Alles lodert, alles brennt und blitzt. Das heikle Trompetensolo gelingt, und mit einem Presto-Wirbelsturm im Fortissimo macht sich der Satz davon.

Bleibt noch das Adagio, nicht ganz zweihundert Takte, für die sich Nott & Co. etwa dreiundzwanzig Minuten Zeit lassen. Ein Abgesang ist das, „sehr langsam und noch zurückhaltend“, ein ergreifend-bewegendes, ein schließlich verstummendes und stumm machendes Adieu, wie es in der Geschichte der symphonischen Musik nur ganz wenige gibt. Die Legati, die weit ausholenden Phrasierungsbögen, die plötzliche Zurücknahme der Dynamik ins zweifache Piano, der Streicherklangteppich, die Soli im Horn und im Holz: dergleichen bewegt die Seele tief. Schade, daß ausgerechnet hier immer wieder Huster das Erlebnis trüben, sowie ein Nieser – keinesfalls con sordino – mitten in diese im Adagissimo ersterbende Ausdrucksmusik hinein. (Nun ja, das Wetter. Wie man hörte, war in Berlin viel Schnee gefallen.)

Eine Aufführung war das, wie man sie nicht alle Abende erlebt. Das ging eben auch von zu Hause aus. Ein Sonderlob für die bedachte Kameraführung mit langen, ruhigen Einstellungen ist angebracht. York Koch und Team zeichneten für den virtuellen Konzertsaal, die Digital Concert Hall, verantwortlich.

Am Ende also langer und lautstarker Applaus und Bravi, zumal für den Trompeter und den Hornisten. Und vor Glück strahlende Gesichter, Umarmungen reihum. Apropos: Die zweite koordinierte Solohorn-Stelle, neben Stefan Dohr, ist gerade frei bei den Berlinern. Das wäre doch was für Jonas Finke? Der ohnehin davon träumt, über die Junge Deutsche den Aufstieg in die Berliner Philharmonie zu schaffen. Dann würde Finke es Dohr (der allerdings noch einen Umweg über Frankfurt machte) gleichtun, und er wäre, siehe oben, nicht der erste. Und ganz gewiß auch nicht der letzte.

NB: Hingewiesen sei auf zwei Silberscheiben. Zum einen auf die bereits erwähnte Aufnahme der Neunten mit Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern, erschienen beim Zürcher Label Tudor und ausgezeichnet mit dem Internationalen Schallplattenpreis Toblacher Komponierhäuschen 2009 sowie, ein Jahr hernach, mit dem MIDEM Classical Award. Zum zweiten ist da noch der soeben bei der DGG herausgekommene Konzertmitschnitt der Neunten mit Gustavo Dudamel und dem Los Angeles Philharmonic. Dudamel hat, wie sich viele erinnern werden, vor neun Jahren den ersten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker gewonnen. Für den Venezolaner war dies der Beginn einer glanzvollen Karriere, die sich bis heute weiter und immer weiter entwickelt. Eine Besprechung von Dudamels Einspielung – die bislang letzte von 159 vorliegenden der Neunten; den Anfang machte, wer sonst, Bruno Walter, nämlich am 16. Januar 1938 mit den Wiener Philharmonikern – soll in dieser Zeitung bald folgen.

Ein Gedanke zu „Revolution No. 9? Die Junge Deutsche Philharmonie begeistert in Berlin mit Mahlers Neunter. Am Pult: Jonathan Nott.

  1. Schön, endlich geballte BOZ-Kompetenz auch auf dem Musiksektor. Sehr viel Lobpreis!
    Und absolut kein bißchen Tränen?, das wär ja schön!

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