Pflaumen zum Frühstück. Mit William Carlos Williams zu Tisch. Und mit einer Erinnerung an den Freiburger Übersetzer, Lyriker und Verleger Rainer Maria Gerhardt.

Ich will dir nur sagen

Ich habe
die Pflaumen
gegessen die
im Eisschrank waren

und die du
vermutlich
zum Frühstück
aufgehoben hattest

Verzeih‘ mir
sie mundeten köstlich
so süß
und so kalt

William Carlos Williams

Von Chrysostomos

Es war Rainer Maria Gerhardt – er hat sich, viel zu früh, psychisch und finanziell angeschlagen, im Sommer 1954 mit siebenundzwanzig Jahren das Leben genommen – der in seiner Freiburger Zeitschrift fragmente neben Ezra Pound, neben Robert Creeley, Basil Bunting, Aimé Césaire und Henry Miller erstmals auch William Carlos Williams, den Dichterarzt aus New Jersey, auf Deutsch veröffentlichte. (Gerhardt wurde geschätzt von Leuten wie Alfred Andersch und Hans Magnus Enzensberger, der ihn in seinen Freiburger Studientagen kennenlernte und später Williams übertragen sollte. Die obige Übersetzung stammt allerdings von mir; eine „icebox“ ist schließlich kein Kühlschrank.)

Tief ist der Modernist William Carlos Williams verwurzelt, tiefer als beispielsweise T. S. Eliot und Pound, die nach Europa gingen, nach Paris und London, „in the American grain“. 1883 als erster von zwei Söhnen eines englischen Vaters und einer Mutter aus Puerto Rico, die französische, niederländische, baskische und jüdische Vorfahren hatte, in Rutherford geboren, praktizierte WCW über vier Jahrzehnte lang als Allgemeinmediziner in der Ridge Road Nummer 9. Früh von John Keats („Keats war mein Gott“, bemerkte Williams später) und Walt Whitman beeinflußt, lernte er an der University of Pennsylvania Ezra Pound kennen, der zu seinem Mentor werden sollte.

Williams gehörte dem Kreis der Imagisten an. Das Material für seine in freien Versen gehaltene Lyrik zog er häufig aus dem Leben seiner Patienten, der Einwohner von Rutherford, bei deren „Todesfällen und Geburten“ er zugegen war, bei den „qualvollen Schlachten, die zwischen Tochter und teuflischer Mutter ausgefochten“ wurden. Seine Gedichte hielt er auf Rezeptformularen fest oder tippte sie schnell zwischen zwei Patientenbesuchen auf der Schreibmaschine.

Nach einer Folge von Schlaganfällen verstarb WCW am 4. März 1963 im Schlaf in seiner Heimatstadt, die er in seinen Gedichten und in seiner Prosa auf die literarische Landkarte gesetzt hatte.

Das Original von „Ich will dir nur sagen“ lautet so:

This is just to say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delecious
so sweet
and so cold

NB: Williams hat seine Spuren selbstverständlich (auch) in der deutschsprachigen Literatur hinterlassen, etwa bei Fitzgerald Kusz und bei Volker Sielaff. Ein Gedicht in dessen Selbstporträt mit Zwerg (Wiesbaden: Christian Lux Verlag, 2012) heißt „Nach William C. Williams“. Zu Sielaff bald mehr. Vermutlich morgen schon.

NBB: Das Gesamtwerk von Rainer Maria Gerhardt hat Uwe Pörksen 2007 bei Wallstein in Göttingen herausgegeben.

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