Von Balladen, ihrer Geschichte, ihren Geschichten. Wulf Segebrecht hat sie gesammelt, und Udo Lindenberg erzählt uns eine aus den USA.

Jonny Controlletti

Neulich war ich mal wieder in Amerika
und da traf ich einen Herrn von der Mafia
er lud mich ein in ein Makkaronirestaurant
und ich dachte: O.k., gehst mal mit
vielleicht wird das ganze interessant
Er sagt’: „Ich heiße Jonny Controlletti, buon giorno, Signor“
Ein kurzer Wink und ’ne schwarze Limousine fuhr vor
und später saßen wir da in der Chicago-Bar
und nach jedem Glas Chianti
rief er: „Hallo Ober, noch ’ne Ladung
und zwar avanti, avanti“
Und dann packt’ er sich das Glas, das volle
und sagt’: „Alles unter Kontrolle“
Er hatte ’n Streifenanzug an und Gamaschen wie Al Capone
und die Beule in der Jacke, die kam von der Kanone

Dann wollte er noch wissen
wie’s denn überhaupt so wäre
mit dem Showbusiness in Deutschland
und speziell auch mit meiner Karriere
ich sag’: „Ich mach’ da grad so’n Ding
mit ’ner höllisch heißen Panik-Band“
Und Jonny Controlletti
übernahm sofort das Management

Er sagt’: „Si, si, Signor
wir machen das perfekt und schnell
die Jungs vom Syndikat sind enorm professionell“
Und so saßen wir da in der Chicago-Bar
und er sagt’: „Alles klar, mein Bester
ich mach’ dich über Nacht zum Superstar
dich und dein Katastrophen-Orchester“
Und dann reicht’ er mir das Glas, das volle
und sagt’: „Alles unter Kontrolle“

Udo Lindenberg

Von Chrysostomos

Once upon a time, era uma vez, es war einmal. So fangen Märchen an, so beginnen Geschichten. Oder „Gedichte, die dramatische Geschichten erzählen“. Dies der Untertitel der Sammlung Deutsche Balladen, die der emeritierte Bamberger Lehrstuhlinhaber für Neuere Deutsche Literatur, Wulf Segebrecht, im Herbst im Münchner Hanser Verlag auf knapp neunhundert Seiten, wenn man den hilfreichen Anhang mitrechnet, vorgelegt hat. Balladen, schreibt Segebrecht, „betreiben Affekterregungskunst“ und „kümmern sich nicht um festgelegte Gattungsgrenzen und Kunstformen“. Die sind auch dem Emeritus, Jahrgang 1935, schnuppe. Vielmehr steckt seine Anthologie „erstmals das ganze, ausgedehnte Gelände der deutschen Ballade ab“, und zwar in rückwärts gerichteter Chronologie. Ohne das Alte, das Bewährte zu vernachlässigen, bringt Segebrecht doch ungemein viel Neues, in diesem Kontext kaum oder gar nicht Vermutetes.

Den Auftakt macht die Hamburger Rock-Band Tocotronic mit dem Song „Das Blut an meinen Händen“ aus dem Album „Schall und Wahn“ von 2010. In der Geschichte der (deutschsprachigen) Ballade steht für Segebrecht der Gassenhauer „neben der Ideenballade, der Protestsong neben der Romanze, das schlichte Volkslied neben dem erbarmungslos nüchternen Erzählgedicht“. Darum darf hier Tocotronic neben Hugo von Hofmannsthal, Detlev von Liliencron und Adelbert von Chamisso stehen, finden sich in der Sammlung Anastasius Grün und August Kopisch („Die Heinzelmännchen“) genauso wie die Hip-Hop-Band Fischmob (gleichfalls aus Hamburg), wie Hannes Wader, Konstantin Wecker („Die Ballade vom Dackel Waldi“), Reinhard Mey und Franz Josef Degenhardt. Und wie Udo Lindenberg, der von der Hansestadt in die „Windy City“, also nach Chicago reist.

Entstanden ist das Lied 1974, im Jahr darauf auf dem Album „No panic on the Titanic“ erschienen. Text und auch Musik stammen von Lindenberg himself. Für seine „modernen Balladen“, für seine „kleinen Dramen“ und „Liebesgeschichten, glückliche und tragische“, heißt es in der Begründung der Jury, ist der Dichter, Maler und Rockmusiker 2010 (ein Jahr vor Nora Gomringer, die mit ihrem Auschwitz-Text ebenfalls in Deutsche Balladen vertreten ist) mit dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache bedacht worden. Bei der Preisverleihung sagte Lindenberg, wie Segebrechts Anmerkungen zu entnehmen ist: „Ja, der erste Rocker, das ist natürlich schon echt ’n Ding, die Freude ist wirklich sehr groß. Das war nicht immer so mit der deutschen Sprache, wir mußten sie erst auf die Straße zurückbringen.“

Wer dieses Buch aufschlägt“, schließt Segebrecht seine Vorbemerkung, „wird nur wenige Balladen vermissen, die üblicherweise zum Kanon gerechnet werden, aber viele neue Entdeckungen machen: Fast die Hälfte der Texte wurde noch nie in vergleichbaren Sammlungen gedruckt.“ So ist es. Dann also bon voyage und erfrischende Entdeckungsreisen!

Was Robert Gernhardt in seinem Poem „Als er gefragt wurde, wie ein gutes Gedicht beschaffen sein sollte:“ konstatiert, läßt sich ganz entschieden auch auf Segebrechts Balladen-Sammlung übertragen, denn sie ist „Gut gefühlt, / Gut gefügt, / Gut gedacht, / Gut gemacht.“

Daran ändert auch ein kleiner, wohl kaum Segebrecht zuzuschreibender, Fauxpas nichts: Auf Brentanos „Der Spinnerin Nachtlied“ folgt, ohne weitere Kennzeichnung und ohne trennenden Absatz, dessen Ballade „Es ging verirrt im Walde / Ein Königstöchterlein“ (Seite 556). „Spinnerin“ und „Königstöchterlein“ gehen, versehentlich, unmittelbar ineinander über. Never mind. Halb so wild.

NB: Bitte unbedingt zulegen – Deutsche Balladen. Gedichte, die dramatische Geschichten erzählen. Herausgegeben von Wulf Segebrecht. München: Hanser, 2012. 34,90 Euro.

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