Gesang der Wasser oder Der Traum einer Ente

Gesang der Wasser

Hinaus! hinaus!
Aus der Erde dunklem Haus!
Mit Ringen
Und Bäumen,
Mit Springen
Und Schäumen,
Hinaus! —

 

 

 

 

 

 

Stäub‘ nieder,
Von Fels zu Fels;
Und wieder,
Von Fels zu Fels;
Und munter,
Hinunter! —


Horch, wie es kracht!
Wer will mit Macht
Fesseln im Schacht
Unsere alten,
Freien Gewalten,
Wer will uns halten?
Ihr drohenden Felsen,
Ihr dürft‘ uns nicht hemmen!
Wir wollen uns wälzen,
Wir wollen uns stemmen!

Hinan!
Prall‘ an!
Es sprudelt und zischt
Dampfender Gischt!
Es steigen und quellen
Kochende Wellen!
Hinüber!
Vorüber!
Immer zu, immer zu,
Du glänzender Strahl!
Ohne Ruh‘, ohne Ruh‘
In’s sonnige Thal! —
Wie will es uns halten
Mit süßen Gewalten!
Ihr Gärten, ihr Lauben,
Ihr funkelnden Trauben,
Ihr wogenden Felder,
Ihr säuselnden Wälder,
Ihr duftenden Auen
An Schlangengestaden,
Ihr Blumen, ihr blauen,
Die plätschernd sich baden,
Ihr dürft‘ uns nicht laden!
Ihr Marmorpaläste
Voll klingender Feste,
Voll springender Gäste,

Ihr Thürme voll Glocken,
Voll Orgelgesängen,
Ihr dürft uns nicht locken
Mit sausenden, brausenden,
Heimischen Klängen!
Müssen rauschen und fallen,
Müssen wandern und wallen
Ohne Rast, ohne Rast,
Mit murmelnder Hast. —
Die Ferne, sie winket
Mit bläulicher Hand;
Die Woge, sie sinket
In’s tiefere Land.
Ihr Berge ade!
Ihr felsigen Buchten.
Ihr kühlenden Schluchten,
Ihr Hügel ade!
Wie flachet der Strand sich!
Wie strecket das Land sich!
Die zaubernde, plaudernde,
Schleichende Welle
Will nicht von der Stelle.
Wie eben, wie stille!
Du ringender, dringender
Mächtiger Wille
Strebe fort, strebe fort,

Von Ort zu Ort,
Zum ewigen Port! —
Was hallet und schallet,
Was winket und blinket
Mit bräutlichem Gruß?
Welch Sehnen und Dehnen,
Welch Ahnen und Mahnen
Beflügelt den Fuß?
Wie wachsen und schwellen
Die hüpfenden Wellen.
Wie fluten sie her!
Wie kommt es geflossen,
Unendlich ergossen,
Das heilige Meer!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie badet und feuchtet
Im Wellengewimmel
Sich Wolke und Himmel!
Wie schimmert und leuchtet
Aus wogender Ferne
Der klingenden Sterne
Sich schwingendes Heer! —
O Luft, o Luft!
Mit vollem Schwall
In deine Brust,
Du blaues All,
Zu gießen!
Zu fließen!
Fort! fort!
Mit Klingen
Und Brausen,
Mit Singen
Und Sausen
Zum ewigen Port! —

Ludwig Pfau
Aus der Sammlung Lieder und Stimmen

Pfaus (1821–1894) Wahlspruch war „Magnis superbus – parvis modestus“, was soviel heißt wie „Stolz gegenüber den Großen – bescheiden gegenüber den Kleinen“, das in seine Taschenuhr graviert war und als Titelvignette auf einigen seiner Bücher erschien, kreisförmig angeordnet um einen Pfau mit gespreizten Schwanzfedern.

Für Ente Daisy, die vom 18. Mai bis 29. Juni auf der Litfaßsäule am Schönleinsplatz das Weltgeschehen betrachtete, ging Ende Juli ein Traum in Erfüllung: mit Herrn Eberth ein Bad in der Regnitz.

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