Bernhard Setzwein wieder einmal in Bamberg –

– literarische Lesung am 8. Mai in der Universität

Hans-Peter Ecker

Setzwein, Der neue Ton

Manchmal bilden Dichter und Raum geradezu ein Liebespaar

Mit dem Schriftsteller Bernhard Setzwein kommt ein alter Bekannter in die Regnitzstadt, hatte er hiesigen Orts doch 2004 die Poetikprofessur der Otto-Friedrich Universität inne. Christa Wolf meinte einmal, dass Autoren durch den geographischen Ort, an dem sie leben, gebunden würden. Ich glaube nicht, dass diese Feststellung für jeden Schriftsteller zutrifft, aber manchmal bilden Dichter und Raum geradezu ein Liebespaar. Am Anfang galt Bernhard Setzweins poetische Liebe – eine Liebe ganz eigener Art, versetzt mit Zorn, Zank und einiger Grantelei – der Stadt München, genauer: dem Stadtteil Sendling, genauer: einem dort gelegenen Gasthaus, wo mit viel Bier eine Ursuppe gebraut wurde, die spiralnebelte, eindickte und urknallte, zu den Fenstern der Wirtschaft hinausfuhr bis an den Stadtrand und noch darüber hinaus. Ein symbolisches Ereignis, das die Biographie unseres Preisträgers in gewisser Weise vorwegnahm.

Vom hübsch bepinselten Mittelpunkt des Suppentellers Bayern zu dessen angeschlagenem Rand

Denn was seine Texte schon immer wussten, erfuhr er später am eigenen Leibe: dass die Welt unheimlich groß ist und sogar hinter Straubing noch weiter geht! Niederbayern hatte Bernhard Setzwein schon durchwandert, als er Ende der 1980er Jahre abermals vom hübsch bepinselten Mittelpunkt des Suppentellers Bayern zu dessen angeschlagenem Rand aufbrach und dabei eine wundersame Verwandlung vom stolzen Hauptstädter zum demütigen Pilger ans Ende der seinerzeit vorstellbaren Welt erfuhr. Das war noch zur Zeit des Eisernen Vorhangs, als hinter dem Oberpfälzer Tellerrand der Absturz in die völlige Finsternis drohte. Dieser Raum sollte Bernhard Setzwein hinfort nicht mehr loslassen, er verlegte seinen Wohnsitz nach Waldmünchen, und unversehens – o Wunder abermals! – öffneten sich ihm Grenzen und ganz neue Räume, die noch weiter reichen als bis Straubing oder Waldmünchen. Ins Blickfeld gerieten ihm jetzt Prag, Budapest und Krakau, wobei unser Autor sofort das Gefühl hatte, dass er alle diese Städte und ihre Landschaften eigentlich schon immer kannte und dass er sich dort zu Hause fühlte, wie in einer verlorenen, nun aber wiedergefundenen Heimat. Er entpuppte sich als Liebhaber eines durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zerstörten mitteleuropäischen Kulturraumes, und seine literarischen Werke der letzten Jahre handeln von dessen historischem Glanz und gegenwärtigem Elend und einer leisen, skeptischen Hoffnung.

Der Setzwein-Ton, sein unverwechselbares Idiom

Setzweins früheste Veröffentlichungen reflektieren Erfahrungen im frostigen Klima der jungen Bundesrepublik, sie handeln von Generations- und Ausgrenzungskonflikten. Sprachlich spielt dort der bayerische Dialekt eine erhebliche Rolle, wobei jede Pseudogemütlichkeit vermieden wird. Der Autor entwickelt ein dialektal gefärbtes Kunst-Schriftdeutsch mit oralen Anklängen, das er später zu einem unverwechselbaren Idiom, dem sog. Setzwein-Ton, ausbauen wird. In den 1980er und 1990er Jahren verfolgte er mit Gedichten, Theaterstücken und Erzähltexten ein komplexes Schreibprojekt, das große Geschichte in kleinen Geschichten vorstellbar macht. Die Protagonisten dieser Werke leben zumeist in Sendling, einem wunderbar abschreckenden Beispiel für rücksichtslose Modernisierung und Heimatzerstörung. Literarische Vorbilder wie Jean Paul, Günter Grass und Carl Amery haben ihre Spuren in diesem Werkkomplex hinterlassen, der mit dem Zeit- und Teufelsroman „Das Buch der sieben Gerechten“ einen grandiosen Abschluss findet. Darin perfektioniert Bernhard Setzwein einen ironisch-surrealen Realismus, der es ihm erlaubt, sich kritisch auf Geschichte und Politik einzulassen, ohne in Moraldidaktik abzugleiten. Zum Nietzsche-Gedenkjahr 2000 legte er mit seinem Roman „Nicht kalt genug“ eine gebrochene Würdigung des einsamen Denkers vor, in der er einfühlsam und mit großer Intensität Nietzsches geistige Höhenflüge vergegenwärtigt, aber auch dessen Abstürze ins Menschlich-Allzumenschliche.

Dieser Autor besitzt eine eigene Sprache und einen unverwechselbaren Klang

Seit seiner Übersiedlung nach Waldmünchen interessierte sich Setzwein für die Transformationsprozesse im bayerisch-böhmischen Grenzraum nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs. Nach und nach dehnte er dieses Interesse auf das weitere östliche Mitteleuropa aus, engagierte sich für Autorenkontakte, schrieb einschlägige Reportagen und wandte sich einem neuen Großprojekt zu – der Archäologie und literarischen Rekonstruktion mitteleuropäischer Identität. Exemplarisch verwirklichte er dieses Vorhaben zunächst in dem Roman „Die grüne Jungfer“, der anhand prägnanter Charaktere im Rahmen einer saftigen Geschichte ein facettenreiches Panorama der Landschaft im Herzen Europas entstehen lässt. Bernhard Setzweins literarische, essayistische und journalistische Werke sind eine Schule des genauen Hinsehens. Sie blicken immer dorthin, wo es schmerzt. Es sind in der Mehrzahl ruhige, dafür aber äußerst intensive und kluge Texte, gesättigt mit Erfahrungen und Emotionen. Dieser Autor besitzt eine eigene Sprache und einen unverwechselbaren Klang, der auch in seinem jüngsten Roman, „Der neue Ton“, wieder zu vernehmen ist.  Näheres zu diesem Buch sowie eine Hörprobe aus dem Anfangskapitel findet man auf der Homepage des Autors http://www.bernhardsetzwein.de.

Öffentliche Lesung in der Universität Bamberg, Gebäude U5, Hörsaal 024,
am 8. Mai 2012, 12:15-13:45 Uhr, Eintritt frei.

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