Totenzeit

Die Turmuhr zählt die Stunde.
Die Glocke schlägt sie an
und mahnt und gibt uns Kunde:
Leb Mensch, eh es vertan!

Denn …

Wer hört das Atemholen
der Zeit, die sonst ganz still,
den leise, ja verstohlen
der Tod sich holen will.

Dann wird, was voller Leben
ist, schattenhaft und grau.
Vorbei, vorbei das Streben,
vorbei für Mann und Frau.

Der Leib verfällt zu Staube,
und sinkt im Zeitenraum.
Was bleibt, so ist der Glaube,
wird selig Gott anschau’n.

Cornelia Stößel, 2017/Oktober

 

9. November 1938

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Augen der Menschen gläsern sind.
Sieh nur, es spiegelt sich Feuer darin.
Doch keinem Menschen kommt’s in den Sinn
zu löschen, zu helfen, zu handeln.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Ohren der Menschen wächsern sind.
Das Weinen, das Greinen stört sie nicht.
Gleichgültigkeit spiegelt ein jedes Gesicht.
Kein Mitleid, kein Erbarmen sie zeigen.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Nasen der Menschen nur Kloben sind.
Damit kann man Elend und Not nicht riechen
und auch nicht die Kranken, schon gar nicht die Siechen.
Darum will auch niemand uns helfen.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Münder der Menschen nur Höhlen sind.
Darin hallt es wider. Ein Echo, das spricht,
denn der Geist in den Köpfen ist nicht von Gewicht.
Sie sind’s nicht gewohnt selbst zu denken.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Herzen der Menschen Kristallherzen sind.
Denn wären es Herzen aus Fleisch und Blut,
voller Liebe, Hoffnung, Glauben und Mut,
wir könnten in Frieden leben.

Cornelia Stößel, 2017/November

 

Das Klagelied der Gondeln

Gondel. Foto: Erich Weiß

Gondeln liegen still im Wasser.
Nebel schwebt bis auf das Land.
Meine Haut wird feucht, wird blasser.
Nur, mein Herz schlägt unverwandt
Immer schneller, immer lauter,
Raubt mir Sinn doch auch den Mut.
Da seh’ ich den Herrn Klabauter
Klitschenass, mit schwarzem Hut.
Leichtes Schaukeln auf den Wellen.
Leise blubbert Uferschlamm.
Hör ich gar den Klang von Schellen?
Was greift nach mir so kalt, so klamm?

Nacht bricht ein auf Land und Meer.

Wassergeister tanzen Reigen,
Locken mich mit bleicher Hand.
Und schon will ins Boot ich steigen.
Da ertönt mir unbekannt
Ganz von fern ein gräulich Greinen
Derer, die aus Gräbern stiegen.
Ahnen sind’s die um mich weinen.
Können nun nicht länger liegen.
Und mit der Ahnen Trauerlieder
Geh ich ein ins Totenland.
Kalter Regen fällt hernieder.
Ich spür’s nicht mehr, hab abgedankt.

Cornelia Stößel, 2014/ Dezember 2015/November

 

Es ist Halloween

Wenn …
Minihexen und Vampire
bettelnd steh’n vor deiner Türe
und ein wirklich kleiner Troll
fordert Schokoladen-Zoll.
Wenn …
Zombies dich nach Bonbons fragen
die dann Knochenmänner tragen,
Geköpfte ihren Kopf verlieren
Gespenster unter Laken frieren.
Wenn …
Skelette sich um Lutscher streiten,
Piraten dieses Volk begleiten
und im Süßigkeiten-Rausch
sie alle zieh’n zum nächsten Haus.

Cornelia Stößel, 2017/Oktober

 

Dschungelblick

Skulptur von Ulf Eggert

Er zwinkert ihr zu
sie zwinkert zurück.
Ich glaube es war
auf den vorletzten Blick.

Zwischen grün üppig
wucherndem Blattwerk geschah’s.
Da mit Panzern bewehrt,
man die Vorsicht vergaß.
Doch sie war’n nicht allein.
Um sie her, auf der Lauer
Jäger, getarnt,
in der Dschungel-Grün-Mauer.

Noch taumelnd vor Glück,
in sinnlichen Freuden,
muss Tier, schwer getroffen
sein Schicksal erleiden.
Die Braut, sie kann fliehen
vor den Jägern die schießen.
Gerettet im Fluss,
Krokodilstränen fließen.

Und die zur Tasche vernähte
Krokodils-Männer-Haut …
wird in Paris nun getragen
von der Society-Braut.

Cornelia Stößel, 2017

 

Meer

Geheimnisvolle
Welt in Blau-Grün, Türkis-Grau,
nicht ahnen wag’ ich
was deine nassen
Dimensionen verbergen,
welche Leben, die
noch ohne Namen.
Manche gefangen im Netz.
Beifang. Tot. Wertlos?
Geschändetes Meer.
Manchmal grollst du voller Zorn.
Türmst Wassermassen
auf und wirfst sie weit,
Wellennetzen gleich, ins Land.
Erbarmungslos holst
du ein was darin
sich fängt. Leben für Leben
rächst du die Deinen.

Cornelia Stößel, 2017/August

 

Flohmarkt …

Bitte bedienen Sie sich!
Stand groß auf dem Schild vor dem Gartentisch.
Die Sachen darauf – nicht der Rede wert:
Von Hand gemacht ein Holzritterschwert,
Eine Tasse mit Sprung, ein Krug ohne Henkel,
Eine Puppe, der fehlte ein Unterschenkel,
Ein Teller mit Macken,
Eine Krone mit Zacken,
Ein Leuchter mit Kerzen,
Ein Handtuch mit Herzen,
Ein Stift ohne Miene,
Für den Vorhang ’ne Schiene,
Ein Schuh ausgetreten,
Ein Buch mit Gebeten,
Eine Dose verbeult,
Wolle verknäult,
Ein Kissen bestickt,
Eine Socke geflickt,
Ein Hut ohne Rand,
Eine Glocke am Band.
Und da stand ich und staunte und sah was da lag
Und blickte in Augen an jenem Tag,
Die hofften, ich würde etwas brauchen
Und nicht einfach arglos weiter laufen.
Und so kam es, dass ich schwer bepackt,
Wie Nikolaus alles eingesackt:
Die Glocke am Band,
Den Hut ohne Rand,
Die Socke geflickt,
Das Kissen bestickt,
Die Wolle verknäult,
Die Dose verbeult,
Das Buch mit Gebeten,
Den Schuh ausgetreten,
Für den Vorhang die Schiene,
Den Stift ohne Miene,
Das Handtuch mit Herzen,
Den Leuchter mit Kerzen,
Die Krone mit Zacken,
Den Teller mit Macken,
Die Puppe, die Tasse mit Sprung und den Krug
Schwer schnaufend nach Hause trug.

Cornelia Stößel, 2016

 

Im Wald

Mein Blick, der sucht das Blau des Himmels,
Wird abgelenkt von Eichenlaub.
Verfängt sich dann in dem Gewimmel
Von Buchenstämmen und dem Staub
Der Erde, unter Tannenzweigen.
Wo selten scheint das Sonnenlicht.
Ich such die Weite, lass mir zeigen
Wo Erd’ den Himmel zärtlich küsst.
Doch …
Im Himmelsblau bin ich alleine.
Es zieht mich zu dem Wäldchen hin.
Ich atme ein das Grün der Bäume
Und spür’, dass sie mir Freunde sind.

Cornelia Stößel, 2016

 

Wer die Wahl hat … hat die Qual!

Das ist nicht neu und nicht von mir.
Doch aktuell muss das durchleben,
wer demokratisch und dafür
ist Bürgerstimmen abzugeben.

Denn …
es lächelt uns von Wahlplakaten,
wer Volksvertreter werden will.
Ach würd’ das Lächeln doch verraten
was jener denkt, so heimlich, still.

Denn …
was man hört an Wahlversprechen
ist kaum zu glauben und zu oft
gab’s am Ende Wahlverbrechen.
Der Bürger büßt, der arme Tropf.

Denn …
Dass, Steuern sinken, Renten steigen,
Das glaubt ja selbst der Dümmste nicht.
Dass Krieg und Terror unterbleiben,
Das, wäre doch der Großen Pflicht.

Auch …
wünsch’ ich all den Menschen Frieden,
die Krieg und Elend trieb zu uns.
Denn Jesus sprach schon: „Ihr sollt lieben!“
So gewährt den Armen Gunst.

Nun …
wollen wir die Pflicht erfüllen,
die demokratisch hält das Land.
Und uns nicht faul im Wohlstand wühlen.
Der dann nicht länger hätt’ Bestand.

Jetzt …
sag’ ich noch – dann will ich enden –
Vertraut nicht dem, der Worte spricht.
Schaut auf den, der mit den Händen
und durch seine Tat besticht.

Cornelia Stößel, 2017/September

 

Ein Nekrolog

Sandkirchweih, bist du jetzt tot?
Können wir zu Grabe tragen,
was uns lästig wurd’ in Jahren?
Wie …
angepisste Mauerecken,
vollgekotzte Gartenhecken,
umgestürzte Bierzelttische
Und den Müll, der schwimmt beim Fische.
Den Stau auf allen Zufahrtsstraßen
und grölend laute Menschenmassen,
die taumelnd durch den Sand sich schieben,
wo Hektoliter Bier versiegen
in ausgedörrten Kirchweihkehlen,
die schlucken, wenn sie nicht krakeelen.
Oder …
Sollten wir beleben
und ein Kirchweihfest anstreben,
das mit Steckelfisch- und Bratwurstduft
in Harnstoff freier Atemluft,
Willkommen heißt gezählte Gäste.
Bei diesem kleinen feinen Feste,
säh man auch einige Touristen,
die nett bei Zwiebeltretern sitzen.
Man würd’ sein eignes Wort versteh’n
und nicht zu spät nach Hause geh’n.

Cornelia Stößel, 2017/September