Schicksalsraunen

Ich lauschte einem leisen Flüstern.
Dann hört’ ich dieses ferne Knistern.
Erst meint’ ich noch es sei der Wind.
Doch war’s mein Schicksal, das geschwind
Und unaufhaltsam näher kam.
Es schwoll zu einem Dröhnen an.
Ich spürte diese Urgewalt.
Auf meinen Lippen starb ein „Halt!“
Mein Schicksal war in vollem Lauf.
Es riss mich mit und hob mich auf.
Es warf mich hin, es warf mich her.
Ich kämpfte, doch ich konnt’ nicht mehr.
So ich dem Schicksal mich ergab.
Da ließ es endlich von mir ab.
Jetzt frag ich mich, wie oft dies’ Spiel
Mein Schicksal wiederholen will?

Cornelia Stößel 2016
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Vorsätze …

Zum neuen Jahr, ganz ohne Frage
hört man vielerorts die Sage:
dass manches sich jetzt ändern müsste.

Ich vermeide es beflissen
mit müdem Vorsatz mein Gewissen
zu belasten und zu quälen.

Doch mancher Raucher schmeißt die Kippen
wutentbrannt von hohen Klippen
und hofft das Meer verschlingt die Sucht.

Ein Dicker tönt: jetzt purzeln Pfunde.
Der Säufer lallt, in Stammtischrunde:
ab morgen leb ich endlich ohne.

Der Casanova spricht von Treue,
von Mut und Tapferkeit der Scheue
und schwelgt im Geist bei großen Taten.

Doch kaum hat’s neue Jahr begonnen,
sind erste Vorsätze zerronnen,
die Zweiten hat der Mensch verschoben.

Und nach durchwachten Winter-Nächten
miesen, müden, richtig schlechten,
weil das Gewissen gar so quält,

Der letzte Vorsatz auch noch fällt.

© Cornelia Stößel
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2018

Vor mir liegt das Kalenderblatt,
noch makellos und keusch und glatt.

365 Tage!
Wie füllen? Das ist nun die Frage.
Zunächst schreib ich in freie Zeilen
– manches muss sich Zeilen teilen –
all die leid’gen Pflichttermine.
Die meisten sind ja nur Routine
wie …
Auto-TÜV und Zahndoktor.
Die Steuer heb ich rot hervor.
Ein’ge Tage, gelb markiert,
sind für Reisen reserviert.
Dann notier’ ich Jubelfeste
und die Ankunft meiner Gäste.
Doch ist noch Platz an manchen Tagen.
Nun wag’ ich ernsthaft mich zu fragen,
ob hier nicht sollt verwegen stehn’:
Ich werde heute in mich geh’n!
Flugs schreib ich auf den Jahresplan,
an manchem Tag, wird nichts getan!

© Cornelia Stößel 2017
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Dezember-Rosen

Dezember-Rosen an blattlosen Zweigen
Ehrfurchtsvoll ihre Köpfe neigen,

Vor dem, der da kommt, der ist und war,
Vor dem Wunder, das Maria im Stall uns gebar,
Vor dem Wort, das neues Leben dir gibt,
Vor dem einen, der alle Menschen liebt,
Vor dem Weg, den uns der Vater weist,
Vor der Hoffnung, die Jesus Christus heißt.

Ehrfurchtsvoll ihre Köpfe neigen,
Dezember-Rosen an blattlosen Zweigen.

© Cornelia Stößel, 2017
https://schreibwerkstatt-wortwerke.org/

Zur Märchenstunde

Nach vielen Jahren lud ich ein;
Schneewittchen und Zwerg Hinkebein,
auch Rübezahl und die Frau Holle,
die Pech-Marie und fünf der Trolle,
den Drosselbart, das Donkeyskin,
auch die arme Schnitterin,
Frau Füchsin und den Firlefanz,
den Gold-Esel, den Eisen-Hans,
Rotkäppchen, Marienkind,
Rapunzel, das Pferd Sausewind,
Dornröschen und die Gänsemagd,
Hans, den, der das Glück stets hat,
die Baba Jaga samt dem Ofen,
Klaus den Kleinen, Klaus den Großen,
Aladin mit seiner Lampe,
den alten Klepper Rosinante,
Don Quijote, Hans und Gretel,
Rumpelstilzchen, Aschenbrödel,
Kalif Storch, die weise Frau,
den Feuervogel und den Pfau,
den Froschkönig samt Königin,
und zum Schluss noch Isegrim.

Und alle waren sie gekommen!
Vom Wiedersehen noch benommen,
Stell’ ich jetzt fest: dass mit den Jahren
sie alle nicht gealtert waren
und auch ich – zwar innen drin –
noch immer Kind geblieben bin.

© Cornelia Stößel 2017/September
https://schreibwerkstatt-wortwerke.org/

 

Unbekanntes Ich

Du blickst mich an.
Ich hatte dich verleugnet, vergessen,
zu einem Schattendasein verdammt,
hinter meinem Lächeln.
Ein Lächeln, das ich der Welt schenkte
obwohl dir zum Weinen war.
Du bist fast erstickt an dem Schrei hinter
meinem Lächeln.
Ja, ich hatte Angst!
Angst man würde uns ablehnen,
wenn du sagst, was du wirklich fühlst und denkst.
Du bist stumm geworden.
Ich möchte dir wieder eine Stimme geben.
Meine Stimme.

© Cornelia Stößel 2016/Januar/2017
https://schreibwerkstatt-wortwerke.org/

 

Ruhige Zeit

Vom Pflug aufgeworfene
Ackerschollen
warten auf den ersten Frost.
Nebelschwaden wabern
über sie hinweg.
Kalter Wind umweht meine Nase.
Meine Gedanken fliegen auf kahle Bäume,
bleiben
für eine kurze Weile
in deren Zweigen sitzen,
Spatzen gleich.
Schwatzen.
Andere drängen sich hinzu.
Von fern Hundegebell.
Das Essen wartet im Ofen,
Feuer im Kamin,
ein Buch
Lesen.

© Cornelia Stößel 2017/November
https://schreibwerkstatt-wortwerke.org/

 

Totenzeit

Die Turmuhr zählt die Stunde.
Die Glocke schlägt sie an
und mahnt und gibt uns Kunde:
Leb Mensch, eh es vertan!

Denn …

Wer hört das Atemholen
der Zeit, die sonst ganz still,
den leise, ja verstohlen
der Tod sich holen will.

Dann wird, was voller Leben
ist, schattenhaft und grau.
Vorbei, vorbei das Streben,
vorbei für Mann und Frau.

Der Leib verfällt zu Staube,
und sinkt im Zeitenraum.
Was bleibt, so ist der Glaube,
wird selig Gott anschau’n.

Cornelia Stößel, 2017/Oktober
https://schreibwerkstatt-wortwerke.org/

 

9. November 1938

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Augen der Menschen gläsern sind.
Sieh nur, es spiegelt sich Feuer darin.
Doch keinem Menschen kommt’s in den Sinn
zu löschen, zu helfen, zu handeln.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Ohren der Menschen wächsern sind.
Das Weinen, das Greinen stört sie nicht.
Gleichgültigkeit spiegelt ein jedes Gesicht.
Kein Mitleid, kein Erbarmen sie zeigen.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Nasen der Menschen nur Kloben sind.
Damit kann man Elend und Not nicht riechen
und auch nicht die Kranken, schon gar nicht die Siechen.
Darum will auch niemand uns helfen.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Münder der Menschen nur Höhlen sind.
Darin hallt es wider. Ein Echo, das spricht,
denn der Geist in den Köpfen ist nicht von Gewicht.
Sie sind’s nicht gewohnt selbst zu denken.

Mama, Mama ich weiß es bestimmt,
die Herzen der Menschen Kristallherzen sind.
Denn wären es Herzen aus Fleisch und Blut,
voller Liebe, Hoffnung, Glauben und Mut,
wir könnten in Frieden leben.

Cornelia Stößel, 2017/November
https://schreibwerkstatt-wortwerke.org/