Die Tätowierung

Was einst seemännisch verwegen
oder zeugt’ vom Gangsterleben
wird heut auf jeder Haut getragen.
Ich begann mich nun zu fragen:
Warum lässt man sich tätowieren,
wie ein Rindvieh durch markieren?
Ja, ich nenn’ es Herdentrieb,
wenn tausend Mal „Ich hab dich lieb!“
auf Po und Unterarmen steht.
Doch, wenn die Lieb’ vorüber geht?
Und man einander abserviert,
wie wird „I LOVE …“ dann ausradiert?
Und wenn die Buchstaben verpurzelt,
weil der Rechtschrift fern – entwurzelt –
die Nadel in das Fleisch sich stach?
Ich frag jetzt nicht wer das verbrach …
Dann gibt es noch das Arschgeweih.
Der Trend ist out, nun schlicht – vorbei!
Versteckt es Frau jetzt unter’m Schlüpfer,
was sie entzückt als junger Hüpfer?
Auch können Falten dort entsteh’n
wo einst ein Adler war zu seh’n,
den man dann für ein Hühnchen hält.
Ob’s dem Betrachter noch gefällt?
Vielleicht lässt sich das Bild abkleben,
oder Schicht für Schicht die Haut abheben.
Wahrscheinlich würden Narben bleiben.
Erfahrung könnt’ man d’runter schreiben.

© Cornelia Stößel 2018/Februar
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Der See

Ich steh am Ufer dieses Sees,
der wellend, blau den Himmel spiegelt.
Seh’ Schwäne stolz und wohl geformt
und weiß und engelsgleich beflügelt,
hingleiten durch der Sonnenstrahlen Glitzertanz.

Ich geh den Pfad vorbei am Schilf,
das Halm für Halm im Winde schwingt.
Hör’ Rohrspatzen energisch zwitschern
und wie die Drossel mir vom Wald her singt,
nimmer müd’ den Abendgruß, der hell erklingt.

Ich lauf entlang der Uferböschung,
die grasbewachsen sich dem Wasser neigt.
Seh’ die Froschkönigin auf ihrem Throne,
und wie sie huldvoll mir ein Lächeln zeigt,
als ihr Teichrosenblatt an mir vorüber treibt.

Ich steig hinab in diesen See,
der kühl und nass und voller Schwärze.
Hör Fischlein flüstern, Wellen strudeln
und lass hintreiben meiner Seele Schmerzen,
bis sie gestillt im Mondscheinglanz.

© Cornelia Stößel 2018/Mai
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Klostertage

Klostertage ganz im Schweigen –
Das heißt Einhalt gebieten dem Gedankenreigen,
den sich wichtig nehmenden Geistesblitzen,
die doch nur Kopf und Gemüt erhitzen.

Und die Kometen gleichen Ideen-Funken,
die von der eigenen Wichtigkeit taumelnd, trunken,
erst mal auf ihren Platz verweisen.
Dann hört man die freundlichen, stillen leisen.

Man spürt wie im Herzen Ruhe einkehrt.
Die Seele baumelt, denn der Kopf ist entleert
von all dem Ballast, der kleinlich und nichtig,
und plötzlich erkennt man was wirklich wichtig.

© Cornelia Stößel 2018/April

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Frühling ist’s

Halm für Halm webt Mutter Erde
aus frischem Grün ein neues Kleid.
Setzt dazwischen Blumenheere
und Blätter an der Bäume Zweig.

Die Hummel fliegt recht schwer und träge
auf und ab in milder Luft.
Sehr bedacht die Flügelschläge,
wenn sie in Blüten Pollen sucht.

Zitronengelbe Falter taumeln
im Sonnenlicht den Gauklertanz.
Und an Haselstauden baumeln
Blütenstände ohne Glanz.

Amseln zwitschern übermütig.
Tauben gurren Liebesglück.
Katzen räkeln sich gemütlich
und der Storch, der kommt zurück.

© Cornelia Stößel 2018/April

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Vom Texte weben

Des Dichters Hand kurz über dem Blatte schwebt
eh’ er Gedanken zu Texten verwebt.
Doch dann kratzt die Feder, die Tinte kleckst,
denn ein famoser Gedanke zur Eile hetzt.
Der soll nicht in dunkle Vergessenheit sinken,
sondern festgehalten vom Ruhme trinken,
wenn er wortreich und sinnig abgedruckt steht
und vielleicht als Zitat in die Geschichte eingeht.

Dann …
ein neuer Gedanke, ein kühner verweg’ner.
Er wird plötzlich des Ersten schärfster Gegner.
Es entspinnt sich ein richtiges Wortduell.
Der Dichter schreibt’s auf – krakelig, schnell.
Und erst, wenn die Wörter ausgewogen,
die Gedanken beruhigt, nach heftigem Toben,

dann …
wenn des Textwebers Hand ermattet,
ist es dem werten Leser gestattet
einzutauchen in diese neue Welt,
ein Universum, im schwarz-weißen Dichterzelt.

© Cornelia Stößel 2018/März

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