Mord’s-Lyrik

Einen Krimi zu schreiben, das war mein Ziel.
Textend zu morden – ein morbides Spiel –
schreibend ein wenig mein Unwesen treiben,
aber irgendwie wollt sich kein Täter zeigen.
Auch nach Stunden fiel mir einfach nicht ein:
Wer ist verdächtig, wer könnt’ es sein?
Der Gärtner? Nein! Ich hab keinen Schimmer
warum der nette Herr Alfred Wimmer,
den nur Gurken und Lauch interessieren,
plötzlich sollt’ morden und massakrieren.
Die Witwe Patschenka, also die schon eher.
Vielleicht hat sie Übung, ich erklär’ es mal näher.
Ihr Karl-Gustav-Gottlied verstarb vor ’nem Jahr.
Jetzt reist sie, sehr glücklich, ist mal hier, ist mal da.
Hat alles verkauft, auch das Häuschen im Grünen.
Man munkelt von Gift in feinen Pralinen.
„So hat sie das Ableben des Gatten erzwungen!
Da bin ich mir sicher! So ist’s ihr gelungen!“,
behauptet die Frieda vom Bärenschmidt.
Und die weiß alles, kriegt alles mit.

Jetzt hab ich’s! Ich lass die Frieda sterben,
an Arsenvergiftung und ihr Bruno wird erben
und mit der Patschenka auf Weltreise geh’n.
Die im Dorf würden’s wissen und sicher versteh’n.

© Cornelia Stößel 2020 / Mai

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Warum eigentlich nicht?

Zuerst nur ganz leise
sprach eine Stimme in mir,
auf seltsame Weise
und vertraut von „Wir“.

„Wir?“, wollt ich wissen
und war irritiert.
Dacht’ es sei mein Gewissen,
das mich da geniert.

„Nein!“, hört ich’s reden.
„Das bin ich nicht!
Ich bin das Leben,
das heut’ zu dir spricht.

Willst du’s nicht wagen
DU selber zu sein?“
Ich zögert’ zu fragen,
wie das sei gemeint?

Da sagte das Leben:
„Find’ heraus wer du bist!“
Und ich dachte bei mir:
„Warum eigentlich nicht?“

© Cornelia Stößel am 29.4.2020

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Der Einkaufszettel

Auf einer großen Einkaufsliste
vermerkte Frau Marie Papiske
was sie so alles haben wollte:
Vier Gurken, Senf, Tomaten, Molke,
ein Päckchen Filter-Zigaretten,
drei sonnen-saftige Limetten,
Ziegenkäse, Pumpernickel,
Seidenstrümpfe, die mit Zwickel,
zwei Birnen und ein kleines Brot.

Das Julchen Schneider sich anbot,
die Sachen für sie einzukaufen.
Papiske freuts, braucht sie nicht laufen.
Und so geht das Julchen Schneider
sehr beschwingt und froh und heiter,
zum Laden von Frau Erna Bertel,
in der Hand den Einkaufszettel.
Doch es spielt der freche Wind
’nen bösen Streich und nimmt geschwind
an sich die lange Warenliste.
Wirft sie in eine Wasserpfütze.
Sofort verschwimmt die blaue Tinte
und alles Wort, das stand, verschwindet.
Das Julchen blickt aufs leere Blatt,
das durchgeweicht, sie vor sich hat
und versucht nun zu erraten:
Wollt Frau Papiske Schweinebraten?
Ganz sicher stand dort auch Lakritze …
und Erdbeereis – bei dieser Hitze …
und echte Nougat-Schokolade …
und feine Brombeermarmelade,
denkt Julchen und kauft fleißig ein.
Marie Papiske wird sich freu’n.

© Cornelia Stößel 2020/April

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