Geschenkt

Ach ja, was bekommt man nicht alles geschenkt …
Manches wird regelrecht aufgedrängt.
All der Krempel, der anderswo stört.
Über den man sich selbst peinlich empört.
Nur nicht laut, nicht sofort,
erst, wenn der Schenkende fort.
Dann weicht geheuchelte Freude der trüben Erkenntnis:
wieder ein Teil, das mir ein Leben lang fremd ist.

Nun, wohin mit dem Bildnis von Tante Agathe?
In den Speicher, zum Buch von Cousine Beate?
Es stapeln sich dort auch die Sammeltassen.
Ach würde Julia das mit den Tassen doch lassen!
In Kellerregalen gibt’s alle Sorten
Eingemachtes. Ich muss es dort horten.
Es sind Kreationen,
zum Beispiel Erdbeer’n mit Bohnen,
von Fräulein Susanne.
Sie lebt ohne Manne
und kocht alles ein.
Auch Hirn in Weißwein.

Ich will keinen kränken.
Doch zwischen all den Geschenken,
die nicht zu mir passen,
Bitt’ ich: könntet ihr das
mit dem Schenken lassen.

© Cornelia Stößel 2017/2019

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Nachtfahrt

Ich fahr’ mit mir und meinem Denken
allein verträumt durch Wald und Flur.
Dabei vergesse ich zu lenken
und komm prompt ab von meiner Spur.

Erwach’ dann fröstelnd in ’nem Graben,
der eng und feucht und grasig grün.
Erkenn’ den umgestürzten Wagen
an dem die Blinker rhythmisch glüh’n.

Und kältesteife Motten taumeln
vor dem dampfend lecken Kühler.
In den offenen Türen baumeln
Spinnentiere ohne Fühler.

Ich blick’ zum Mond, der altersweise
mir milde lächelt, voll und rund.
Das Radio dudelt eine Weise
und in der Ferne bellt ein Hund.

© Cornelia Stößel 2019/April

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Im Schlaraffenland

Dort lag ein Limonadensee
mit Waldmeisteraroma.
Geysire spuckten heißen Tee
und Brunnen spien Cola.

Ein dunkler Schokoladenstrom
floss glucksen vor sich hin.
Und Kekse schwammen, fast synchron,
kreiselnd mitten drin.

Am Milchfluss stand ein alter Steg.
Dort hingen Bienenwaben.
Aus denen tropfte unentwegt
Honig-Freund zu laben.

Sprudelnd trat aus Quellen Wein
und Bier im Überfluss.
Zum Naschen lag auf jedem Stein
ein schaumig schwarzer Kuss.

Der Duft von Brot, das frisch gebacken,
umwehte Wurst und Käse.
Die lagen mundgerecht auf Laken,
im Gras der Picknick-Wiese.

Gebrat’ne Tauben flogen tief,
sehr langsam, fast schon träge.
Ein Spanferkel stand etwas schief,
an einem Zuckerberge.

Reifes Obst bot jeder Baum.
Ich wollte danach fassen.
Schlafwandernd schreckt’ ich aus dem Traum.
Es war ein herb’ Erwachen.

© Cornelia Stößel 2019/September

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