Weiberfasching

Donnerstag, 18:30 Uhr, Kirchgasse 14, 2. Stock

Durch das gebrochene Glas des kleinen Badezimmerfensters konnte man undeutlich die Silhouette einer erwachsenen Person erkenne. Aber wer stiert schon auf ein beleuchtetes Badezimmerfenster mit gebrochenem Glas? Dahinter … in freudiger Erwartung des kommenden Abends, die Beine sorgfältig und langsam rasierend. Bahn für Bahn den Schaum und die Haare abtragend. Die Klinge unter dem laufenden Strahl des Wasserhahns abspülend. Routiniert durch tägliche Übung und doch ungewohnt. Die glattrasierten Beine vor dem Spiegel begutachtend, pudernd. Dann, die Perlonstrümpfe über die langen, schlanken Beine ziehend. Erst den einen, dann den anderen. Diese zarte glänzende zweite Haut kurz liebkosend. Ein kritischer Blick auf den weißen Kittel am Kleiderbügel. Den Kittel vorne zuknöpfend, darunter, der Optik wegen ein BH, der ein bisschen mehr hermachte – als vorhanden. Dann die Perücke. So praktisch. Immer gut frisiert. Rotbraune Locken ins Gesicht gezupft, sehr kess. Das Stethoskop um den Hals gelegt. Mundschutz – musste heute sein. Die grünen Augen, stark umschminkt.

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Tee mit viel Zucker

5. Teil

Die Dinge entwickelten sich weit einfacher, als ich es zunächst erwartet hatte.

Bertram zog wie selbstverständlich in das Kinderzimmer, das nie eines gewesen war. Erwin „fand“ ich in der Tonne, ertrunken und gab die mäßig trauernde doch sorgenvolle Witwe. Mäßig trauernd, jeder wusste was so ein Hofinger soff! Ja soff! Denn von trinken konnte da nicht mehr die Rede sein. Dass Erwin dann ausfallend, brutal wurde, wussten eh alle. Und, dass mein Schwager ausgerechnet jetzt in Asien auf Brautschau ging, da war das Dorf sich einig, sah ihm ähnlich. Nachdem also die Feuerwehr Erwin aus der Tonne gehievt, Dr. Zahleis Tot durch Herzinfarkt attestiert – Dr. Zahleis war mir stets sehr zugetan gewesen – und der Bestatter Erwin aufgebahrt hatte, trugen wir ihn zu Grabe. An meiner Seite Bertram. Vor uns der Sarg, darin Erwin. Davon hatte ich mich extra noch einmal überzeugt. Die Sargträger flankierten rechts und links den Toten und hinter uns lief das ganze Dorf. Man wollte selbst sehen, „dass das Schwein unter der Erde ist“, hörte ich irgendjemanden in der Menge raunen. Nun, ich war die letzte, die diese Ansicht verübelt hätte. Und bei dem Stichwort „Schwein“ kam mir ein weiterer erlösender Gedanke. Bereits am nächsten Tag, belebte ich unseren stillgelegten Bauernhof neu. Schaffte ein paar Schweine an, zur Freude Bertrams und um Ewald endgültig loszuwerden. Ja, zwei der Schweine, waren mir „Möchtegern-Bäuerin“, erzählten man später im Dorf, ins Haus gefolgt und ich wäre in den alten Keller geflüchtet, die Schweine hinterdrein. Zwei Tage wären die armen Viecher da nicht heraus gekommen, wussten meine Nachbarn. Stimmt, ich war mir nicht sicher wie das viele Rohypnol in Ewalds Leiche auf die Tiere wirken würde. Nach den zwei Tagen Quarantäne erlaubte ich Bertram seine Schützlinge wieder aus dem Keller zu lassen. Soweit die Fakten. Nachdem der Felsenkeller Ewald-frei war gab es ein neues Thema im Dorf. „Die Elsa macht jetzt auf Ferien auf dem Bauernhof!“, erzählte man. Stimmt. Ich schaffte Hühner und einen Hahn an, ein Schaf und eine Ziege, Tauben und einen wirklich hässlichen, zotteligen, schlammfarbenen, riesigen Hund vom Tierheim. Den hatte Bertram ausgesucht. Die Katzen waren aus einem Wurf in der Nachbarschaft. „Die muss ich sonst ersäufen!“, hatte die Schmiedlers Gunda erklärt und dann begann ich wirklich Zimmer mit Badbenutzung an Feriengäste und Handwerker zu vermieten. Von Ewald hörte man nichts mehr. Wie auch? Bertram behauptete zwar steif und fest, Ewald hätte ihn angerufen, ein paar Tage nach Erwins Beerdigung. Er, Bertram hätte ihn aber kaum verstanden. „Ich glaube, der Ewald kommt nicht wieder.“, sagte mein Neffe und schwankte einen Moment zwischen Trauer und Freude. Entschied sich für die Freude und ging zu seinen Schweinen, um ihnen zu erzählen, dass das größte Hofinger Schwein nicht mehr kommt.

So, und jetzt gönne ich mir einen starken schwarzen Tee mit viel Zucker und ein wenig Sahne. Und dann? Dann muss ich mich um den Gänsebraten kümmern, ist ja schließlich Weihnachten.

© Cornelia Stößel 2020

Ich wünsche allen meinen Lesern frohe Weihnachtstage

Tee mit viel Zucker

4. Teil

In einem seltsam entrückten Zustand und leicht zitternd, ob freudig, lasse ich jetzt mal dahingestellt, ging ich in die Küche. Mein Zittern ließ nur langsam nach. War wohl eher eine Lockerung, raus aus der angstvollen Verspannung angesichts der Bedrohung durch meinen Schwager. Erst jetzt begriff ich erschaudernd, was mir geblüht hätte, hätte Ewald vom Ableben seines Bruders erfahren. Ich wäre dem Widerling ausgeliefert gewesen. Ich hielt die Blechdose mit den Rohypnoltabletten in der Hand. Dankte im Stillen meiner Schwiegermutter selig, dass sie Wodka den Schlaftabletten vorgezogen hatte und fragte mich, ob sie etwas geahnt hatte, als sie mir diese Sammlung vermachte? Ob sie gewusst hatte wozu ich sie einmal brauchen würde? „Tante Elsa …“ Ich fuhr vor Schreck zusammen und ließ die Dose auf die Anrichte fallen. Die Tabletten kullerten munter davon. Genossen die plötzlich erlangte Freiheit. Ich griff hektisch nach den kullernden Pillen und versuchte möglichst viele gleichzeitig einzufangen. „Bertram, du hast mich erschreckt!“, rügte ich meinen Neffen. Vorsichtig. Denn Bertram war ein sensibles Kind von höchstens 8 Jahren im Körper eines erwachsenen Mannes von 23 Jahren, der wie ein Schwergewichtathlet aussah. Durchaus attraktiv, aber eben das Gemüt. Na ja. Das war wohl Ewalds Erziehungsmaßnahmen zu verdanken.

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