Nur noch einen!

„Bitte, bitte nur noch einen!
Einen winzig, winzig kleinen!“,
bettelt Kurt ohn’ Unterlass
und schielt nach dem Bonbonglas.

„Nein! Du hast den Mund noch voll!“,
entscheidet Frau von Hammerzoll.
„Gar nicht!“, lügt der freche Bube
und verschluckt im Übermute
sein cremig braunes Karamell.
Dann stutzt er, hustet auf der Stell’.
Würgt und keucht und ringt nach Atem.
Die Dame seufzt: „Wie ungeraten
dieses Kind sich heut’ gebärdet!“
Ahnt sie nicht, dass Kurt gefährdet?
Dessen Lippen werden bläulich.
Seine Augen – sehr abscheulich –
treten ihm fast aus dem Kopf.
Dann fällt er um, der arme Tropf.

An seinem Grab steht sie in Trauer.
Scheint’s schüttelt sie ein kalter Schauer.
Dabei ist es ein hämisch’ Grinsen.
Und heimlich zählt sie schon die Zinsen
vom Erbe, das jetzt ihr zufällt,
der Stiefmutter, samt Witwengeld.

© Cornelia Stößel Januar/2019

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Närrische Viecher

Was macht die Gans auf dem Sofa
und die Kuh mit dem Mofa?
Was macht der Hund dort im Schrank
und das Reh auf der Bank?
Warum trägt’s Schwein ein Korsett
und der Hahn ein Barett?
Dazu singt die Marie.
und tanzt närrisch wie nie!

Liegt’s am köstlichen Wein,
den die Magd sich goss ein?
Oder sind es die Pillen,
die der Bauer im Stillen
mit dem Hafer vermengt?
Jetzt hat sich gezwängt
zwischen Kühlschrank und Herd
das wiehernde Pferd.
Hinter’m Deich liegt der Knecht.
Ihm ist elend, ist schlecht.
Im Stall gibt’s Tumult,
eine Sau sich dort suhlt
wo die Kälber sonst trinken.
Man sieht Großmutter winken.
und hört Großvater schrei’n.
Es muss Fasenacht sein.

© Cornelia Stößel 2019/Februar
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Casanova

Was er erlebt in fremden Betten,
mit Frauen, kecken … süßen … netten,
die allesamt vergeben waren,
Man(n) liest’s in seinen Memoiren.
Ob freilich diese Liebestaten
nun alle wahr? Man(n) kann nur raten.
Doch wurden sie, von Stunde an,
ein Beispiel dafür; was Mann kann.
Wie er, so träumt der fesche Jüngling,
und einer, der im zweiten Frühling,
würd’ Man(n) Frauenherzen schmelzen
und sich in fremden Betten wälzen.
Dann kühn aus einem Fenster klettern.
Sich vom Balkon – aus Eichenbrettern –
hinab ins Rosenbeet frech flüchten.
Zertreten was die Gärtner züchten.
Und eine Blüte ganz verwegen
der nächsten an den Busen legen.

© Cornelia Stößel 2018/November

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Froschkönig und Kleopatra

Die Königin Kleopatra

sitzt ganz allein in Mäxchens Bar

und nippt an einem trocknen Gin.

Ihr Blick schweift her, ihr Blick schweift hin.

Fixiert – in grünem Neopren –
den Clemens-Adolf-Gustav Brehm.

Seines Zeichens Unternehmer.

Jetzt trunken und weil’s ihm bequemer

öffnet er die grüne Haut.

Brustbehaarung sich aufbaut.


…


Die Königin, sie lächelt milde

und führt wohl Schabernack im Schilde.

Lockt keck mit ihren üpp’gen Reizen.

Das scheint dem Brehm sehr einzuheizen.

Sein eh schon dicker runder Kopf

schwillt an, wird rot und schweißt und tropft.


…


Die Königin nimmt ihn vom Pfade

der Tugend weg, hinein ins Bade.

Mit Dampf und Sprudel – Thermenglück.

Der Brehm lässt’s Neopren zurück.


…


Die Königin zufrieden lächelt.

Der Brehm sich eifrig Luft zufächelt.

Kühlung finden dann die beiden

am Bach, der plätschert ganz bescheiden,

als sie allein nach Hause geh’n.


Alaaf, Helau auf Wiedersehn.© Cornelia Stößel 2019/Februar

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Das Manuskript

lag gestapelt, getippt.
Jedes Blatt kontrolliert.
Im Eck nummeriert,
am Rand unten rechts.
Der Inhalt verflechts
was Liebe und Leid,
Habgier und Neid.
Abgründe. Eben
menschliches Leben.

Der Autor sitzt stumm
und fragt sich: warum
es zum Schreiben ihn zwingt?
Vom Schicksal bestimmt?
Er trinkt ein Glas Wein.
Flackernd Kerzenlichtschein
wirft ein unruhiges Licht
auf sein Werk, sein Gesicht.
Dann schiebt sich der Mond,
der am Himmel dort wohnt,
neugierig ins Fenster.

Der Autor blickt auf.
Setzt mit Sorgfalt den Lauf.
Der Schuss nur erschreckt
ein Kätzchen, versteckt.

Als der Tag endlich naht
wird der Mann aufgebahrt.
Sein Werk fast der Wind.
Trägt hinfort Dichters-Kind,
das vom Lektor verschmäht.
Von den Lüften gesät,
ob es findet zum Leser?

© Cornelia Stößel 2015/2018

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