Der Weg zur Religenz

Werner Schwarzanger

Julia Kristeva: Die Zukunft einer Revolte

Aus ihrer inneren Revolte wider ihren Übervater Freud plädiert die Psychoanalytikerin Julia Kristeva in ihrem dritten Buch über die intime Revolte dafür, den in der mechanistisch-materialistischen Aufklärung untergegangenen Sinn für das Sakrale im freiesten Geist wieder zuzulassen. Offiziell noch dem freudianischen Bild vom Menschen als dem zwischen verdrängter wilder Libido und sadomasochistischem Todestrieb zerriebenen psychischen Apparat verpflichtet, nähert sie sich den eigentlichen Geheimnissen des psychischen Innenraums bis zu dem Punkt, wo die intime Revolte abseits aller dogmatisch festgeschriebenen Konfessionen sich als die eigentliche Religion erweisen könnte, die, nicht von religare (sich rückbinden) sondern von religere (sich rücklesen) her, als die Religenz zu bezeichnen wäre.

Der Gedankengang, der Julia Kristeva zum Wiedergeltenlassen des „religiösen Imaginären“ führt, ist kurzgefasst dieser: Als einzigartiges Individuum kann jeder Mensch frei aus sich selbst beginnen. Darin gründet die Menschenwürde, die generell verbietet, Menschen für äußerliche Zwecke zu verwenden. Die konsumistische Scheinfreiheit, der wir unter dem Diktat des wirtschaftswachstumverrechnend alle und alles beherrschenden Marktes zusehends erliegen, entfremdet uns der eigentlichen: der poetisch offenbarenden Freiheit und vereitelt damit die europäische Kultur des kritischen Hinterfragens zur innovationistisch dekorativen Performance. Zudem versmombt das größte Netz aller Zeiten die humanitas dem kulturellen Nullpunkt entgegen. Die dem ökonomistischen Mahlstrom zusehends angepassteren Smombys lernen sich aalglatt in die neoliberale Globalisierung einzuklinken. Der durchdigitalisiert von der oberflächlichen Informationsflut hingerissenen Erlebnisgesellschaft wird die freie Selbstbesinnung zum legendären Utopikum, das man immer weniger vermisst. Dagegen, so Julia Kristeva, hilft nur noch der andere Anfang, aus dem die Menschheitsgeschichte in eine ganz neue Kultur des freien Selbstbeginnens aufbrechen könnte. Und dieser andere Anfang kann nur abseits vom lärmigen Spektakel aus der inneren Revolte erstehen. „Einen Bruch vollziehen, wiedererinnern, neu beginnen“: diese „infinitesimale große Befreiung“ gründet in der „unendlich kleinen Re-volte“ der wiederzueröffnenden „Kultur des Wortes“. Und diese „Emergenz der Sprache“ gründet darin, dass im Anfang nicht die Information ist, sondern das Wort. Nur durch die innere Revolte, in der der Einzelne sich wieder beim Wort nimmt, kann er sich aus der digitalen Sackgasse voll von vielen vielen bunten Smombys, die besinnungslos dauerinfomiert ihre Filterbubble-Programme durchzappen, in seine menschliche Autonomie zurück regenerieren. Damit die kommende, kosmopolitische Gesellschaft kein „durch Markt, Medien und Internet uniformisierender universalistischer melting-pot“ wird, muss aus der intimen Revolte die Religenz erwachsen: die selbsterforschende Rücklese, durch die der Einzelne sich selbst zur wandelnden Frage wird – tief in das „religiöse Imaginäre“ hinein.

Die Zukunft einer Revolte“ ist jedem zu empfehlen, der sich vor der finalen Versmombung ins GRÖNAZ hinein bewahren möchte.


Julia Kristeva: Die Zukunft einer Revolte
Verlag Brandes & Apsel
Paperback, 128 Seiten, ISBN: 9783955581688
Preis: 12,90 EUR

 

 

 

 

 


 

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