Ausstellung: Himmel / Hölle 2.0 von Christiane Toewe und Gabi Weinkauf in der Galerie HOP

Christiane Hartleitner / Fotos: Erich Weiß

Himmel / Hölle 2.0 – ist das euer Ernst? Gibt es das? 2.0 eines Himmels? 2.0 einer Hölle?

Ob es einen Himmel oder eine Hölle überhaupt gibt, darüber streiten sich nicht nur Theologen und Existentialisten vortrefflich seit Hunderten von Jahren. Wir haben uns vor über einem Jahr hier an dieser Stelle schon einmal unsere Gedanken gemacht (hier). Aber 2.0? Ein Remake oder gar ein Upgrade? Der Mensch hat ja bereits mit der hiesigen Welt größte Probleme:

Kommt mit ihr nicht zurecht.
Taumelt in seiner Beziehungsunfähigkeit hin und her,
missversteht die junge Generation, entzieht sich der Alten,
stößt mit seiner eigenen Endlichkeit an seine Grenzen,
verliert sich in digitalisierten Weiten,
zerstört seine Gefasstheit und die Stabilität.
Betreibt Raubbau an sich und seiner Umgebung.

Und dann 2.0?

Nein, wohl eher eine Vertiefung. Eine neue Form der Annäherung. Einen weiteren Blick in die Höhen des Himmels und die Tiefen der Hölle. Wir sind heute Abend nicht hierher gekommen, um einen RESET-Knopf vorzufinden. Keine Chance, alles noch mal auf NULL zu setzen, ganz von vorne zu beginnen, jungfräulich – aber mit all dem Wissen von heute – noch mal die Chance auf einen Neuanfang zu bekommen. Die Festplatte gänzlich zu löschen, ohne die geringste Spur. Nicht mal den gewieftesten Ingenieuren kann dies gelingen. Ein Überbleibsel bleibt.

Gabi Weinkauf und Christiane Toewe

Vor einem Jahr hatten wir uns hier in der Galerie HOP schon einmal zum Thema „Himmel / Hölle“ versammelt. Die beiden Künstlerinnen Christiane Toewe und Gabi Weinkauf hatten schon einmal Werke zu diesem Thema hier präsentiert. Und vor einem Jahr ein eindrückliches Übereinstimmen zu gesellschaftsrelevanten Themen versammelt. In 2016 war DAS Thema „Flucht und Flüchtlinge“. Seinerzeit war ihre und auch meine Konklusion „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Vor einem Jahr ist ihnen eine Verschränkung gelungen, die den einzelnen und die Gesellschaft verband. Ihren eigenen Lebenslauf mit ihrem persönlichen Engagement und die Relevanz ihrer Kunst haben sie uns eindrücklich vor Augen geführt.

Blick in die Galerie HOP zur Ausstellung Himmel : Hölle 2.0

Und dieses Jahr? Was ist seither passiert?

Die beiden Künstlerinnen Christiane Toewe und Gabi Weinkauf waren präsent und aktiv: in ihren Heimatorten Bamberg und Würzburg, in ihren Berufsverbänden, bei überörtlichen Ausstellungen, beide sind international gefragt. Beide pflegen einen regen Austausch mit Künstlerkollegen. Regional wie international. Weinkauf mit Frankreich, Toewe mit Schweden, Litauen und vor allem China.

Und es gab Preise, gleich zwei für Christiane Toewe: Zum einen den Kunstpreis der Kunstfreunde Stadt Hollfeld für „mare nostrum“. Die Installation, die wir im vergangenen Jahr hier im Nebenraum erleben durften. Ein in Einzelblätter zerfetztes Tagebuch einer Flucht auf einer Wasseroberfläche – auf den Wellen dahintreibende Erinnerungen an ein Menschenleben, Spuren auf unserem Meer. Glückwunsch Christiane!

Und Glückwunsch für den Publikumspreis der Biennale „Ortung X“ im Zeichen des Goldes, Glückwunsch für „whispering bottles“ ausgestellt in der Alten Synagoge von Schwabach. Eine Installation, deren Fertigstellung dank des Kunststipendiums der Region Bamberg gelang.

„talk to me“, Ausschnitt aus „whispering bottles“ von Christiane Toewe.

Einige dieser flüsternden Flaschen hat sie uns heute im Nebenraum der Galerie HOP angeordnet mit der Aufforderung „talk to me“.

„Sprich mit mir“? Dass Toewe seit Anbeginn ihrer Arbeit mit ihrem Material – also nahezu lebenslang – eine enge Verbundenheit hat, das wissen wir, die wir ihren Lebenslauf und ihr Schaffen begleiten. Dass sie dem Ton, der Erde, ihrem Material, inniglich vertraut ist, ihn mit ihren Händen formt, ihm mittels hochgradigem Feuer über 1.340 Grad Celsius einheizt und dem so entstandenen Porzellan eine Transluzenz verleiht, das leuchtet uns mittlerweile ein. Und dass Toewe als Künstlerin offenbar eine ausgesprochen innigliche Beziehung zu ihrem Material hegt, das haben wir erkennen dürfen.

Aber dass sie ihre Flaschen uns zu einem Gespräch auffordern lässt?

„talk to me“ Ausschnitt aus „whispering bottles“ von Christiane Toewe

Da kann ich nur sagen: Sprechen Sie zu Toewes Flaschen – und sie werden Ihnen antworten. Denn die Flaschen reagieren, je nach Lautstärke und Frequenz reagieren sie unterschiedlich, tatsächlich sind sie unterschiedlich sensibel, ihre Reaktionszeit ist unterschiedlich. Da gibt es den Quatscher, der immer was zu sagen hat, es gibt die Schwerhörige, für die leisen Töne nicht Zugängliche, den eher Stumpfen, der zwar auch reagiert, aber nur wenn er will. Nur eine nicht, sie hat kein Gegenüber, sie steht isoliert.

„talk to me“ Ausschnitt aus „whispering bottles“ von Christiane Toewe

Letztendlich spiegelt die Installation die Gesellschaft in Kleingruppen. Der Versuch, sie zu ver-verwandtschaften ist gelungen, Familien aus männlichen und weiblichen Flaschen gruppieren sich, manche sind zarter, andere robuster, sie sind einander zugeneigt oder abgewandt. Durch die Neigung des Flaschenhalses angedeutet, übernehmen die Objekte eine Blickrichtung, woraus sich Nähe oder Distanz ergibt. Ein Einander-Luft-lassen wird erkennbar oder auch ein Zu-Wort-kommen-lassen. Durch die Interaktion mit uns als Betrachter, ja als Gesprächspartner ist die Wirkung verblüffend, später berührend, stimmt schließlich äußerst nachdenklich.

„talk to me“, Ausschnitt aus „whispering bottles“ von Christiane Toewe.

Wie ist das möglich? Dem Material Porzellan eine Art Persönlichkeit zu verleihen? Nun gut, die Objekte sind das Ergebnis handwerklichen Arbeitens. Präzisen handwerklichen Arbeitens. Von daher ergeben sich Unterschiede und Nuancen, Nuancen in der Form, aber auch in der Oberfläche. Während unterschiedlicher Brennvorgänge – Sie hören richtig: Die Flaschen haben sogar unterschiedliche Geburtsdaten – standen sie unterschiedlich nah am Feuer, am offenen Feuer, das durch sie hindurch brannte, die Flaschen unterschiedlich branntmarkte. Anschließend verpasste Toewe jeder einzelnen noch mal ihren Stempel, mittels Skalpell hat sie sie nicht nur dünnhäutiger gemacht, sondern ihnen einen individuellen Schliff verpasst.

„talk to me“, Ausschnitt aus „whispering bottles“ von Christiane Toewe.

Wir sollten uns demnach nicht wundern, dass Toewe ihre Werke uns auffordern lässt, auch mit ihnen zu sprechen. Denn sie hat Zwiesprache mit ihnen gehalten. Es sind ihre Geschöpfe. Sie ist die Meisterin des Porzellans. Ihr ist es gelungen, ihren Geschöpfen eine eigene Sprache zu verleihen. Eine Form der Kommunikation. Nehmen Sie Platz auf der Bank im Raum und vernehmen die Antwort, ein Vorhang lässt eine Intimität durchaus zu. Wir Ausstellungsbesucher sind dem Objekt so nah wie selten.

Sie ist tatsächlich eine Meisterin des Porzellans, deren exzellenter Ruf mittlerweile bis ins Ursprungsland des Porzellans, nach China, vorgedrungen ist und die dort als Vorreiterin des artifiziellen Umgangs mit dem asiatischen Handwerk gilt. Glückwunsch Christiane, von ganzem Herzen.

„Zartes Nest“ von Gabi Weinkauf

Auch das Hauptaugenmerk von Gabi Weinkauf liegt in diesem Jahr auf dem Zwischen-Geschöpflichen in einem eng begrenzten Raum. Ein Rund formt einen begrenzten Raum, der bei längerer Betrachtung uns zwischen Wohlbehagen und Abwehr hin und her wirft. Das Nest. Bisweilen sind es Fundstücke, die der Brut als Kinderstube diente. Manche sind gepolstert mit Gräser, bunt gefärbte Wolle, Plastik. Andere bilden die Negativform des Nistkastens nach. Das Gelege wurde gewärmt, konnte sich entwickeln, Vögelchen schlüpften, weil gefüttert wachsen sie und starten schließlich erfolgreich vom Nestrand erste Flugübungen, um als erwachsene Vögel selbst wieder dem Nachwuchs ein Heim zu bauen. Der Kreislauf der Natur. Ein Sinnbild für das Leben schlechthin.

Soweit das Idealbild, von dem einige großformatige Abbilder in Acryl und Öl auf Leinwand hier auch die Wände zieren. Doch wie das Leben eben so ist: nicht immer gelingt das Ideal. Wohl ein Fressfeind hat die Vogelmutter verspeist, der skelettierte Jungvogel und die noch ungeschlüpfte Geschwisterschar sind Zeugen. Das Nest als Todesfalle. Ein noch so vorbildliches Umfeld ist lange keine Garantie fürs Gelingen. Weder für Vögel noch für uns.

Das ist symptomatisch für Gabi Weinkauf. – wie immer – geht sie einen Schritt weiter. Herausgenommen aus dem Zusammenhang, symbolisch aufgewertet, extrahiert und mit neuem Material kombiniert – gelingt es der Künstlerin, die Fundstücke als Pars pro toto zu setzen. der Stacheldraht einer militärischen Einrichtung bei Würzburg, der nach der Umnutzung als Nest für Flüchtlinge – dort abgenommen wurde und nun die Ode an den Deutschen Bundestag rahmt.

Installation von Gabi Weinkauf

Anders bilden Spielzeug-Uniformierte ganz gleich welcher Armee ganz gleich in welchem Kampf einen Nestraum.

„Soldatennest“ von Gabi Weinkauf

Oder Flohmarkt-Fundstücke in Setzkastengröße ein „Kitschnest“.

„Kitschnest“ von Gabi Weinkauf

Oder gar das Luxusnest, wo vor allem Existenzängste regieren, gefangen im goldenen Käfig.

„Luxuriöses Nest“ von Gabi Weinkauf

In andere Nester sind Sehnsüchte eingenäht. Die Suche nach einem Nest als Auslöser für Flucht – ein Thema das Gabi Weinkauf seit vielen Jahren beschäftigt. Und der damit einhergehende Verlust des angestammten Nests.

Nah und fern – Weinkaufs Themen, die hier erneut thematisiert werden. Zwischenmenschliche Nähe. In 2013 war es „Ich verspreche Dir den Himmel auf Erden“ (Abb. hier):– eigentlich ein himmlisches Versprechen – Ein weißes, jungfräuliches Hemdchen, das nach einem Zwischenleben im Kompost in kläglichen Resten, beschmutzt und zerfetzt, ein erschreckendes Dasein führt, ein Desaster gnadenlos wiedergibt, noch dazu vor hochwertigem Goldgrund. Als Folge von Sorglosigkeit, unerfüllter Sehnsüchte, mangelnder Pflege.

Mit einem bedauernden Achselzucken könnte man es als „Erfahrung in der Wirklichkeit“ abtun. Jeder müsse mal in der Realität ankommen, das Leben ist kein Ponyhof. Die Ignoranz von Autoingenieuren, Unkrautvernichtungsmittelherstellern, Paradise Paper-Verschieber drängt sich in unsere Lebenswirklichkeit. Doch Weinkauf mutet uns Fragen zu: Was tun wir uns an? Wie zumutbar ist Ignoranz/Herzlosigkeit? Was macht die Wiederholung ungenutzter Chancen mit uns? Was das bloße Verstreichenlassen? Mit Händen in den Hosentaschen? Was tun wir einander an? Was tun wir uns selbst an?

Das Leben auf Erden kann die Hölle sein.

Das Leben auf Erden kann himmlisch sein.

Wie vor einem Jahr öffnet uns Christiane Toewe mit ihren Fotografien den Blick in den Himmel. Seinerzeit “Sky“ von Orten der ganzen Welt mit Hinweisen zu Todesfällen aufgrund von Anschlägen, heute „Breath“. Die Reihe “Breath“ ist eindrücklich schön, bannt sie doch den Atem des Windes auf Hochglanzpapier. Aus der Insekten-Perspektive sind Fotos einer Spiegelreflex-Digital-Kamera von nur einem Standpunkt aus entstanden, wie der Wind sachte durch Gräser streicht, sie nur mit seinem Hauch berührt und so manchmal Grashalmen eine Berührung untereinander ermöglicht. Nah und fern.

„Breath“ von Christiane Toewe

Unsere Künstlerinnen sind immer wieder und auch im vergangenen Jahr tatsächlich und in Gedanken in der Welt unterwegs. Sie können das, auch weil sie eine klare Verortung haben. Der Begriff Heimat ist dabei nicht unbedingt der beste, aber einen anderen finde ich nicht. „Dahoam ist nicht Dahemm“, so nennt es Gabi Weinkauf. Oder auch „Zuhause bin ich ganz bei mir“, eine Collage aus Photographie und Näharbeit. Überhaupt ihre Näharbeiten: weg von jenen Stickbildern unserer Großmütter, wo niemals lange Fäden hätten überhängen dürfen, bei Weinkauf gehören sie zur Szene, sie weisen quasi der Menschenmenge den Weg.

„Alltagskizze“ von Gabi Weinkauf

Ein Triptychon nimmt den Satz „Wir schaffen das“ auf, fragt nach „Schaffen wir das?“ und gibt Antwort. Die einst häusliche und vornehmlich Frauen zukommende Näharbeit sprengt den häuslichen Rahmen und stellt tatsächlich weltbewegende Themen in den Raum.

Triptychon „Wir schaffen das“ von Gabi Weinkauf

Die Welt im Blick durch die Brille der Heimat. Christiane Toewe nennt es auch „Schiller“ und bringt ihr Lieblingsmaterial mit ihrer Heimat zum Leuchten. „Schiller“ nach der Schillerwiese im Hain benannt, wo über 90 Eichen in über 40 Arten nach Kontinenten geordnet gepflanzt sind. Von jeder ein Blatt gesammelt, gepresst, nach Fundort nummeriert und der Eichenart zugeordnet, durchgepaust, eine Auswahl als Tiefenrelief auf Porzellan aufgetragen. Die Vielfalt der Blattformen sind schon im Hain eindrucksvoll, erst recht hier als Grundformen für Toewes Lithophanien auf den großformatigen Leuchtobjekten, die das Separée ausleuchten.

„Schiller“ von Christiane Toewe

Wir erfahren: Die Eiche kommt überall auf der Erde vor, ihn als „deutschen“ Baum zu bezeichnen, ist vermessen. Jeder Kontinent hat eine eigene Eichenart ausgebildet, im Bamberger Hain darf man sie im Rund bei einem Spaziergang genießen. Eine künstlerische Reflexion haben wir heute hier vor uns.

„Salz auf deiner Haut“. Gabi Weinkauf

„nah und fern“. Die umfassende Dimension des Begriffpaars, ob örtlich, zeitlich, physisch oder psychisch, ist heute hier äußerst präsent. Vielleicht kommt „nah und fern“ der Intension und dem Anspruch dieser Ausstellung „Himmel / Hölle 2.0“ am weitesten entgegen.

„Besuch auf der Terrasse“ von Gabi Weinkauf

 


Öffnungszeiten der Galerie sowie Künstlerführungen Himmel|Hölle 2.0

 

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