Wildes Urinieren wie einst Diogenes von Sinope …

Eine Glosse von Kasch Snyder

Im 4. Jahrhundert vor Christus – so ist überliefert – soll der überzeugte Kyniker Diogenes von Sinope – dies öffentlich und ungeniert getan haben.

Am wilden Urinieren hat sich seitdem nicht allzu viel geändert. Männer (Frauen ab und an auch!) tun das nach durchzechten Nächten, wenn kein Klo sich in der Nähe befindet oder ihre körperlich-motorische Koordinierung vorübergehend so beeinträchtigt ist, es zu entdecken, aufzusuchen und es bestimmungsgerecht zu benutzen.

Psychologen jeder Couleur würden diverse tiefenpsychologische Interpretationen hinzufügen: Beispielweise ein noch nicht überwundenes, männlich-archaisches Verhalten; öffentlich praktizierter Narzissmus: Mann will mit seinem Penis im „visuellen Kontakt“ stehen; bei Gruppenpinklern pubertäres Reviermarkierungsverhalten: „wer hat den Größten und wer spritzt am weitesten?“, dient zur Rangordnungsklärung (peeing contest) dieses Konkurrenzverhalten teilen sie sich mit afrikanischen Buntbarschen (Paretroplus menarambo) in Forschungslaboren; Minderwertigkeitsbehaftete, die keine berufliche oder politische Machtposition innehaben, um ihre angestauten Phalluskomplexe im und durch ihr Amt auszuleben, kompensieren dies stattdessen mit Pinkeln gegen Hausfassaden, Hauseingänge und überall dorthin wo es irgendwem arg schadet.

Zu analogen Erkenntnissen kamen neuerdings Wissenschaftler: sie machen jene Mütter, Ehefrauen und Freundinnen für die männliche Lust am Freipinkeln mitverantwortlich, die ihre Söhne und Männer – oft unter Androhungen von häuslichen Disziplinarstrafen – domestizieren, d.h. zwingen „Pipi“ im Sitzen zu machen. Dies könnte bei konfliktscheuen Männern, so meinen die Forscher, zu passiv-aggressivem Verhalten führen: daheim gibt man sich „um des Hausfriedens willen“ angepasst, aber ist voller innerer latenter Renitenz. Bei sich bietenden Gelegenheiten tobt Mann sich aus, dann wird jeder Gartenzaun, jede Hauswand gnadenlos „angezielt“. Fachleute empfehlen deshalb den Frauen geduldig abzuwarten, bis sich das „Steh-sitzproblem“ von allein klärt. Denn irgendwann wird – meist altersbedingt, insbesondere bei beginnenden Prostataveränderungen – der Wandel ganz von allein und zudem noch freiwillig vollzogen. Wenn es dann soweit ist, werden jene Frauen sich mit zärtlichem Wehmut an jene beglückende Zeit erinnern als Mann noch „stand“.

Alle angeführten psychologischen Deutungen sind noch nicht empirisch bis in alle Details gesichert. Für den Alltag ist es auch wenig hilfreich zu wissen, ob es sich bei den Wildpinklern um mangelnde Impulskontrolle handelt oder ob es einfach nur emotional verunsicherte Phallusträger sind. Denn gleich welche Gründe auch immer Männer dazu veranlassen, Wildpinkeln kann zum massiven Problem für Hausbesitzer, Anrainer und für Bürger werden, die von den Hinterlassenschaften des Urinierens betroffen sind. Urin leitet sich aus dem lateinischen urina ab, das ebenso wie das synonyme altgriechische οὖρον, oúron ursprünglich „Wasser“ bedeutete. Aber Urin unterscheidet sich in seiner Konsistenz erheblich. Die im Urin enthaltenen Säuren und Salze können auch Steine zersetzen. Der Kölner Dom ist bereits davon arg beschädigt!

Vor einigen Wochen hat die hiesige Tageszeitung dem Thema eine ganze Seite gewidmet.

Wer sind die Missetäter, die öffentlich an Häuserwänden und -türen und wo auch immer wild pinkeln: Unsere Universitäts- und Stadtphilosophen, die Nachfolger von Diogenes von Sinope tun das nicht, denn diese sind zwischenzeitlich in ihrem Tun und ihrer Rhetorik so ermattet, dass sie nicht einmal unsere Politiker bei gravierenden Missständen und Ungerechtigkeiten „verbal anpinkeln“.

Flüchtlinge brachten diese Protestkultur auch nicht mit. Ebenso wenig wurde diese Untugend von Ostdeutschen eingeführt. Das ist Fakt: in der Spiegelausgabe 23/2017 zitiert Klaus Wiegrefe den ehemaligen Schweizer Botschafter in der DDR, der Diplomat bemängelte 1990 dass die Männer Ostberlins inzwischen die Angewohnheiten ihrer Westberliner Geschlechtsgenossen übernommen hätten, bei Großveranstaltungen „häufig an Hauswände oder in Parkanlagen“ zu urinieren. Da hat der Schweizer Diplomat die Pinkeltugendhaftigkeit der ostdeutschen Männer etwas schöngeredet, denn wild gepinkelt wurde auch dort – ganz sicher nicht ganz so oft, so dominant, eher verschämt heimlich.

Wie soll man nur das Problem mit dem Wildpinkeln lösen – am Zentralem Omnibusbahnhof, im Sandgebiet und wo auch sonst noch in der Stadt?

Kneipen eventuell dazu verpflichten mit der Rechnung entsprechende Hygienebeutel an männliche Gäste auszuhändigen?

Strafen verhängen: besonders vor Wahlen oder in Umbruchzeiten sind manche Parteien und aufstiegsorientierte sowie parteiabhängige Staatsjuristen (was tut man nicht alles für die eigene Profilierung) wild entschlossen, Verstöße jeglicher Art eisern zu sanktionieren! Eine wahre Renaissance archaischer Straflust überflutet dann das Land! Platzverweis? Täter zur Straßen- und Hausfassaden-Reinigung verdonnern! Bei Nichtbezahlen gar Ersatzfreiheitsstrafen?

Wildpinkeln ist nicht nur ein deutsches Problem. Unsere europäischen Nachbarn sind ebenso davon betroffen. Wildpinkeln ist auch da nirgends erlaubt und wird in den einzelnen Ländern unterschiedlich reglementiert. In der Schweiz ist Freiwildpinkeln besonders streng verboten und wird in den Kantonen unterschiedlich geahndet. Geldbußen können über 500 Schweizer Franken betragen. Neulich wurde in Venedig so ein Sittenstrolch zu 3300 Euro Geldbuße verurteilt. (Zeitung „Corriere della Sera“)

Wie wird das in anderen Ländern geregelt: Peitschenhiebe in Saudi-Arabien, horrende Geldstrafen in Singapur oder Hongkong.

In vielen südasiatischen Ländern ist das öffentliche Urinieren ein massives alltägliches Problem. In Indien ist man in der Bekämpfung von Wildpinklern besonders kreativ: Etliche Organisationen initiieren unterschiedliche strategische Projekte: Aufklärungskampagnen, Errichtung öffentlicher Toiletten mit Gratisbenutzung, gezieltes öffentliches Anprangern der ertappten Wildpinkler durch „Beschämen“ mittels eingesetzter Trillerpfeifen und Trommeln. Dies half bisher nur mäßig. Deshalb griff eine Aktivistengruppe namens „The Clean Indian“ in Mumbai zu einer rabiateren Methode: maskierte Aktivisten patrouillieren mit großen Wasserwerfern in der Innenstadt und wehe dem Ertappten: sie werden sehr, sehr nass gespritzt. Diese Methode scheint sogar zu wirken. Die Anzahl der „öffentlichen“ Pinkler sank seitdem drastisch.

Bundesbürger, die zu den örtlichen Wildpinklern gehören, brauchen keine Angst zu haben, dass ihnen dies auch widerfahren könnte. Selbst wenn hiesige Pioniere dieses Projekt adoptieren, unsere Ordnungshüter würden – auf Befehl der Exekutive, versteht sich – ganz schnell solche maskierten Aktivisten mit viel, viel größeren Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken außer Gefecht setzen, bevor diese mit ihrer Aktion beginnen könnten. Denn „vermummt“ in unserer Gesellschaft geht gar nicht – Wildpinkler zeigen wenigstens öffentlich – neben ihrem Penis – noch Gesicht.

Vor einiger Zeit sprach mich eine elegant gekleidete ältere Dame an: „Schauen Sie da“ und zeigte aufgeregt auf einen Mann, der unweit vom Zentralen Omnibusbahnhof gegen eine Hauswand urinierte: „Da ein Alkoholiker. Wissen Sie wie lange der schon pinkelt?“ Sie beobachtete ihn – wie es schien – schon eine geraume Weile. Da gehören „städtische Ordnungshüter her!“, forderte sie, solch öffentliches Urinieren gebe es in der Oberstadt nicht. Woher sie denn sei, wollte ich wissen. „Vom Berggebiet!“

Richtig. Dort schützen die Vorgärten die Häuser. Zudem ist diese Gegend keine Touristen- und Flaniermeile, Events finden fast keine statt, es gibt da wenige Kneipen, Keller oder sonstige Establishments.

Am Zentralen Omnibusbahnhof und in der Innenstadt herrscht eine ganz andere Situation. Vorgärten gibt eher selten – da ist reger Publikumsverkehr bei Tag und Nacht. So mag es sein, dass dort unter den Wildpinklern die Dichte von Alkoholikern größer ist. Aber im Sandgebiet oder anderswo in der Stadt wird es um Mitternacht höchstwahrscheinlich auch die gleiche „Tätergruppe“ sein. Und überhaupt, wenn Bamberg die „Stadt der Biere“ ist, damit auch medienträchtig wirbt, dann sollte sie auch mit „Kollateralschäden“ rechnen, eine Mitverantwortung übernehmen und mit Alkoholikern deshalb auch milder umgehen!

Zu dem Ruf der obengenannten Dame aus der Oberstadt nach städtischen Ordnungshütern: Neben dem bestehenden PÜD (Parküberwachungsdienst) noch einen zweiten PÜD (Pinkelüberwachungsdienst)?

Wer würde dies Amt schon ausüben wollen? An Ecken, schwerpunktmäßig am ZOB und im Sandgebiet den „Pinkelstrolchen“ auflauern, beim Pinkeln beobachten, gar unterbrechen – dazu müsste man schon eine latente voyeuristische Neigung haben. Bei Tatüberführung dann Personalien aufnehmen, Strafzettel austeilen, Verwarnungen aussprechen …?

Kommunikation wird in etlichen Situationen aufgrund z.B. des Alkoholspiegels nur eingeschränkt möglich sein, dieser korreliert oftmals nicht nur mit Uneinsichtigkeit und Trotz sondern mit offener Aggressivität.

Und wahrscheinlich wird keiner der Wildpinkler zu den Ordnungshütern solch große Worte sagen wie Diogenes von Sinope einst zu Alexander dem Großen: „Geh mir aus der Sonne“, auf derb umgangssprachlich vielleicht schon: „Verpiss dich!“

 

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