Juliana Marc in Bamberg

Von You Xie

Gedenktafel für Juliana Marc (Bamberg, Lange Straße 13)
Haus zum goldenen Löwen

In diesem Hause wohnte bis 20. XII. 1812

Juliana Marc.

Schülerin von E.T.A. Hoffmann.

Urbild seiner schönsten Frauengestalten.

F. u. V. V. Bbg. 1923

Wenn man die Kurzbiographie E.T.A. Hoffmanns liest, steht ein Satz immer dabei: (1810) Heimliche Liebe zu seiner Gesangsschülerin Juliana Marc (1796–1864).

Hoffmanns Liebesleben verläuft nicht immer unproblematisch. Er verlobt sich mit seiner Cousine Minna, doch nach vier Jahren löst er die Verlobung, um kurz darauf, im Jahre 1802, Maria Thekla Michalina zu heiraten. Nach drei Jahren wird die Tochter Cäcilia geboren, doch das Kind verstirbt mit nur 2 Jahren. Mit Maria bleibt Hoffmann zusammen, doch er verliebt sich hin und wieder außerhalb seiner Ehe. Als er 34 Jahre alt ist, verliebt er sich in die 20 Jahre jüngere Gesangsschülerin Juliana Marc. Die Liebe bleibt unerwidert, doch es handelt sich ohnehin eher um eine idealisierende, anbetende Liebe von Hoffmanns Seite. Er lässt sich durch das Mädchen zu vielen seiner literarischen Frauenfiguren inspirieren.

In der Langen Straße erinnert eine Gedenktafel am Wohnhaus der Schülerin Juliana Marc an diese natürlich unerfüllte Liebe. Hoffmanns Hochschätzung der fränkischen Damenwelt ist wie manch andere Begebenheit aus den Bamberger Jahren – ob wahr oder unwahr – in seine Literatur eingegangen.

1810 wird Hoffmann von Franziska Marc beauftragt, ihrer dreizehnjährigen Tochter Juliana Marc Gesangsunterricht zu erteilen. Franziska Marc war mit ihrem Onkel Philipp – einen Bruder ihres Vaters – verheiratet, der seit einem Amerikaaufenthalt als Konsul der USA in Bamberg lebte. Seit seinem Tod im Jahr 1801 steht Franziska Marc unter dem Schutz ihres Schwagers und Onkels Dr. Adalbert Friedrich Marcus, der das Krankenhaus in Bamberg leitet.

Hoffmann schwärmt von der Stimme Juliana Marcs – und verliebt sich wie ein pubertierender Schüler in sie. Als ihm Juliana Marc nach einigen Monaten von einem Ball erzählt, an dem sie teilnehmen wird, überredet er Mischa, ihn zu begleiten. Ohne sich lang hinzusetzen, geht Hoffmann auf die Tanzfläche und bittet den Herrn, mit dem Juliana Marc tanzt, ihm die junge Dame entführen zu dürfen. Er macht sich zum Gespött der Ballbesucher, denen nicht entgeht, dass er nur Augen für das Mädchen hat, und Mischa beobachtet außerdem sorgenvoll, wie viel Rotwein er trinkt. Schließlich fordert er Juliana Marc erneut zum Tanz auf, reiht sich jedoch nicht mit ihr in die Polonaise ein, sondern geht mit ihr vor die Tür und macht ihr eine Liebeserklärung. Erschrocken läuft Juliana Marc zum Tisch ihrer Mutter und der Verwandten zurück und zieht deren erstaunte Blicke auf sich. Was ist geschehen? Hoffmann entschuldigt sich, ohne zu sagen, wofür, und Mischa bringt ihn hinaus.

Am nächsten Tag sucht Adalbert Marcus ihn auf: Hoffmann soll Juliana Marc nicht länger mit „fatalen Wünschen und obszönen Fantasien“ verwirren. Mischa macht sich Sorgen um ihn und ihre Ehe: „Ich fürchte, du gehst mir verloren, wenn du dich weiter in diese Liebesfantasien hineinsteigerst.“

Es hilft alles nichts. Als Hoffmann erfährt, dass Juliana Marc bei Dittmayer im Theater ist und sich von ihm Gesangsunterricht geben lässt, rennt er hin und prügelt sich mit dem Konzertmeister.

Der Juliana-Marc-Wahn hält ihn nicht davon ab, ohne und mit Auftrag zu schuften. Fünf Jahre ergänzt, korrigiert, schreibt er Libretti, komponiert Opern, Singspiele, Schauspielmusik, Canzonen, Kammermusik und malt Kulissen. Beinahe jeden Tag besucht er Bekannte, unterrichtet keineswegs nur Juliana Marc, sondern eine ganze Schar junger Damen, nimmt an Bällen und anderen Abendunterhaltungen teil, versammelt, wenn auch nicht sonderlich ausdauernd, die Serapionsrunde, lässt sein Stammlokal, die „Rose“, so gut wie keinen Tag aus, führt gelegentlich die Theatergeschäfte, wirbt, angehalten von Doktor Marcus, Abonnenten, lässt sich von einer Gesellschaft, die sich für aufgeschlossen hält und zugleich mit ihrer Engstirnigkeit kokettiert, zum Narren halten, überrascht sie aber damit, tatsächlich ein Narr zu sein, ungreifbar und im Grunde auch unangreifbar.

Um klare Verhältnisse zu schaffen, sucht Adalbert Marcus 1812 für die inzwischen fünfzehnjährige Juliana Marc einen Bräutigam aus: den Hamburger Kaufmann Johann Gerhard Gräpel. Das hält Hoffmann nicht davon ab, Juliana Marc bei einer Abendgesellschaft ihrem Tanzpartner Gräpel zu entreißen, und als sie ihn entsetzt stehen lässt, beschimpft er ihre Angehörigen.

Er läuft ihr nach, an den Marc’schen Tisch, erklärt in einer einzigen Suada den Doktor Marcus zum perfiden Onkel, Franziska Marc zur berechnenden Kupplerin, Speyer zum blöden Claqueur und wünscht der ganzen Sippschaft, dass es Jauche auf sie regne.
Am nächsten Morgen entschuldigt er sich bei Franziska Marc für sein ungebührliches Benehmen. Tatsächlich wird Juliana Marcs Gesangslehrer trotz des peinlichen Vorfalls auch zu einer Landpartie nach Pommersfelden eingeladen, mit der die Verlobung von Juliana Marc und Gerhard Gräpel gefeiert werden soll. Das hätten Juliana Marcs Angehörige besser nicht getan, denn als Hoffmann und der Bräutigam betrunken sind, raufen sie miteinander, und der Ausflug endet mit einem Skandal.

Im Dezember 1812 wird Juliana Marc mit Gerhard Gräpel vermählt. Auch das ist keine gute Entscheidung der Familie Marc bzw. Marcus, denn „Gräpel säuft und hurt, schlägt sie (Juliana Marc), wenn ihm die Worte fehlen“. Nach seinem Tod heiratet Juliana Marc im September 1821 ihren Vetter Ludwig Marcus, einen Arzt, den Sohn ihres Onkels. Als sie zum zweiten Mal Witwe wird, zieht sie nach München, wo sie stirbt.

Der Einfluss Julia Marks auf Hoffmanns Werke

Hoffmann hat seine Erlebnisse mit Juliana Marc vielgestaltig in seine Literatur eingebracht. Sie scheint oft durch seine Frauengestalten hindurch, sei es die Cäcilia in Berganza, sei es die Julie in Abenteuer einer Silversternacht, sei es die Klara in Der Sandmann oder die Aurelie in Die Elexiere des Teufels bis hin zur Julia im Kater Murr und vielleicht sogar bis zur Rettel im Meister Johannes Wacht.

Fast jede Liebesbeziehung, jede Beschreibung einer Frauengestalt ist geprägt von Juliana Marcs idealisierter Erscheinung. Die Männer in Hoffmanns Texten sind in Hoffmanns ähnlicher Konstellation, leiden zumeist bis zum Wahnsinn. Beispielhaft allen voran: Hoffmanns „alter Ego“ Johannes Kreisler.

Besonders ausführlich und von der eigenen Anschauung, vom eigenen Erleben gerade frisch geprägt ist die literarische Verarbeitung der Hochzeit Juliana Marcs in der Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, im Frühjahr 1813 geschrieben.


Quellenangaben:

  1. Nach einem Duett mit Julia höchste Exaltation
    Zur Rolle von Literatur, Kultur und Musik im E.T.A. Hoffmann-Fest der Wilfrid Laurier Universität, Waterloo, Kanada
    Alexandra Zimmermann
    
http://research.ucc.ie/scenario/2007/02/zimmermann/03/de
  2. „Damit das Feuer lustiger brenne“
    Vor zweihundert Jahren kam der Romantiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann nach Bamberg, wo er zum Dichter wurde – und zum Narren. Jetzt feiert ihn die Stadt zwölf Monate lang
    Von RB Essig
    http://www.zeit.de/2008/39/KS-ETA-Hoffmann
  3. Der goldene Kopf
    Von TILMAN SPRECKELSEN
    
http://www.faz.net/aktuell/reise/e-t-a-hoffmann-der-goldene-kopf-14976467.html
  4. Julia Mark – Bamberga.de
    http://www.bamberga.de/julia_mark.htm

 

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