Geschichten aus der Bamberger Textweberei

Werner Schwarzanger

Einmal in der Woche treffen sich die 2004 gegründeten Textweber in dem Laden „Mode macht Mut“ und kreieren zu einem der Reihe nach von einem Textweber vorgegebenen Thema spontan ihre Geschichten. Ein bunter Strauß von Kostproben aus dieser Werkstatt hat der Erich Weiß Verlag nun in dem Bändchen „Die Textweber – Bamberg“ vorgelegt.

Eröffnet wird der Band mit den „Geschichten am Gabelmann“ des gebürtigen Bremers Erik Berkenkamp, der seit 1988 in Bamberg lebt und als Gästeführer arbeitet. Der Geschichtenerzähler mit dem schwarzroten Schlapphut stellt darin einen Menschensortierer vor, der täglich vorm Café Beck am Gabelmann sitzend die vorübergehenden so exzessiv schubladisiert, dass seine Schubladensammlung sich zuletzt bis in den Dachboden hinauftürmt. Ihm gesellt sich der Regenschirmsammler Otto bei, der davon träumt, die Ruine der Sterzer-Mühle in ein Regenschirmmuseum zu verwandeln.

In ihrer Geschichte „Der Steinmetz ist sauer“ weiht die in Bindlach lebende mathematikdidaktische Sachbuchautorin Doris Bocka in das Geheimnis des wunderlichen Bandnamens „Steinmetz ist sauer“ ein. Nach einem Konzert erfährt Cosima von ihrer Freundin Nina, wie es zu dem Namen kam. Einst bildete der Steinmetzmeister Wenzel seinen hohen Auftraggeber zu Pferd und mit Schwert ab, obwohl dieser sich das Schwert verbeten hatte. Zornig befiehlt er es wieder weg zumeißeln. Als der Geselle Veit sich an diese Arbeit macht, lässt die Magd Agnes in der Annahme, er wolle des Meisters Werk zerstören, aufschreiend die Wasserkrüge fallen, worauf der Meister erschreckend sich den Fäustel ins Knie rammt. Vom Hospital aus beauftragt er Veit das noch fehlende Gesicht zu meißeln. Da der den edlen Herrn nie gesehen hat, gibt er ihm seinen eigenen gespiegelten Gesichtszüge. Der zurückgekehrte Meister brüllt ihn an. Der hohe Herr aber ist von „seinem“ doppelkinnlosen Gesicht so angetan, dass er den Meister mehr als großzügig entlohnt.

Die Geschichte „Bei den Englischen“ des Bamberger Försters Ludwig Dippold handelt davon, wie aus einer Romanze eine andere: die eigentliche hervorgehen kann. Zwischen dem Ich-Erzähler und Marlies, einer der von Nonnen streng bewachten Englischen Fräulein am Holzmarkt, entspinnt sich ein reger Briefwechsel, doch auf einmal bleiben ihre lindgrünen Briefe aus. Schließlich kommt nach Wochen doch noch ein Brief von ihr, indem sie ihm ein Treffen am Bahnhof vorschlägt. Dort aber spricht ihn statt Marlis ihre Zimmergenossin Charlotte an und teilte mit, dass Marlis einen neuen Freund hat. Sie, Charlotte, aber habe begeistert alle seine Briefe gelesen … So überraschend kann eine wundervolle Freundschaft beginnen!

In Christine Gehrigs makaberer Geschichte „Einsatz in Bamberg“ schmilzt der Trinker Carl, der als Panzereinkäufer für diverse Armeen arbeitet, plötzlich dahin. Als ein Spürhund in Carls Labor in einer Gartenhütte an einem Glasbehälter schnüffelt, schmilzt auch er. Und als Kommissarin Derwarth in Carls Aufzeichnungen Formeln zur Herstellung von Chemiewaffen entdeckt, zündet sie die Gartenhütte an und wirft die Aufzeichnungen ins lodernde Feuer.

Dass der Bamberger Hain spätestens seit E.T.A. Hoffmann dort Berganza begegnet ist, mit seiner Statue des bayerischen Märchenkönigs und den märchenhaften Hainspaziergängen des Prinzipals des Brentano-Theaters es romantisch in sich hat, bestätigt nun auch Wiga Härings Fairytale „Am Hainweiher“. Josef, seiner Eltern durch einen tödlichen Unfall jäh beraubt, sitzt trostlos am Hainweiher, als plötzlich eine Nixe vor ihm auftaucht und ihn zu ihrem Garten einlädt. Nach einigem Zaudern lässt er sich an ihrer Hand einfach ins Wasser fallen. Vom feenhaften Unterwassergarten bezaubert möchte am liebsten hier bleiben. Doch die schöne Nixe schickt ihn zu dem Aussiedlerhof, den er nun ganz allein bewirtschaften muss, zurück. Besuchen aber darf er sie jederzeit in der unterwässrigen Anderswelt wieder.

Wundersam geht es auch in der im höheren Sinn „wahren Bamberger Geschichte“ „die schöne Synagoge und der Philosoph“ von Katharina Lyncker zu. Vom Besucherstrom durch das südliche Seitenschiff des Doms geschoben, nimmt der philosophische Fremdenführer Matt S. eines Tages urplötzlich war, wie die Synagoge ihr schleppenlanges Gewand hochrafft. Weil ihm diese womögliche Sinnestäuschung keine Ruhe lässt, schleicht er sich am Abend noch einmal zu der gravitätisch steifen Ecclesia und der hauchdünn gewandeten Synagoge, der die Gesetzestafeln von Moses aus der Linken gleiten. Überwältigt bekommt er da ein Gespräch zwischen beiden zu hören. Ecclesia gibt zu, dass auch sie an der Unbill, die der Synagoge widerfuhr, nicht ganz unschuldig ist. Und nun bahnt sich nichts Geringeres als die Communio zwischen dem Neuen und dem Alten Bund an. Was Matt S. von dem belauschten Gespräch dann in der Stadt verlauten lässt, wird bald „Tages-, Wochen- und Jahresgespräch“. Als die Ratsherren der Stadt davon Wind bekommen, organisieren Sie eine Vergnügungsmeile bis zum Dom, um von diesem Wunder auch wirtschaftlich zu profitieren …

In Martin Meyers Geschichte „Der Fremde“ ist Max stinksauer, weil sein Webstuhl-Nachbar in der Erba und bester Kumpel, der „Seidlas-Schorsch“, der ganz plötzlich einem Herzinfarkt erlag, durch einen portugiesischen Gastarbeiter ausgetauscht worden ist. Als er ihm, der so gut wie kein Deutsch versteht, zu erklären versucht, dass an seinem Platz bis vor kurzem der Schorsch gesessen hat, lacht sein neuer Nachbar und stellt sich vor: „Jorge!“ Also ein neuer Schorsch! Da schmilzt das Eis – und bald darauf „hocken die beiden zusammen im Schlenkerla“. So leicht kann die Völkerverständigung über Vorurteile hinweg gelingen!

Renate Müllers Text „In der Bachschule“ ist eine Liebeserklärung an Bambergs „ureigene Energie“, die in den Sträßchen und Gassen zu erkunden sie nicht müde wird – und eine Erinnerung …

Auch Renate Steinhorst wartet mit einer wahren Geschichte auf: in „Zufall oder Fügung? Oder: Das Leben war gut zu mir“ berichtet sie von dem 1947 in Bamberg geborenen David B., der in einem Lager für „Displaced Persons“ das Licht der Welt erblickt. Im selben Jahr wird das Flüchtlingskind Hanns S. in Bamberg mit seinen Eltern wieder vereint. David wird Dermatologe in Ann Arbor, Michigan. Erst als er schon die 60 überschritten hat, macht er sich nach einem Kongress für Hautärzte in Salzburg auf den Weg nach Bamberg, um nach den Spuren seiner Kindheit zu suchen. Er wird an Hanns verwiesen der sich in der Nachkriegsgeschichte Bambergs bestens auskennt und ihm alle Fragen beantworten kann. So entspinnt sich eine Freundschaft zwischen zwei Menschen, „die aus unterschiedlichen Gründen weite Wege zurücklegen mussten, um eine Heimat zu finden“.

Sabine Stockwassers Geschichte „Ausfahrt Bamberg-Süd – Männer fahren links“ erzählt von einer Frau, deren Vater und alle anderen Männer begeisterte Links-Fahrer sind. Immer wenn sie sich der Autobahnausfahrt „Bamberg-Süd“ nähern, überholt er fast bis in die Abfahrt hinein schnell noch einige Laster, um dann zwischen zwei Lastern gerade noch die Kurve auf die Ausfahrtspur zu kriegen. Die Ängste der Beifahrerin versteht er nicht. Wenn sie aufschreiht, sie wolle noch nicht sterben, tritt er stärker aufs Gaspedal. Also entwickelt sie ein Überlebensprogramm für die Fahrten mit ihm: Rechte Hand am Sicherheitsgurt, linke Hand um den Schlüsselbund oder sonst was gekrampft, befiehlt sie Ihrem Körper: „Augen: schließen! Ohren: schließen! Alle Muskeln: entspannen!“ Irgendwann ist auch diesmal wieder alles vorbei. Und ihr Fahrer: „Na, siehst du, war doch gar nicht so schlimm.“

Auch die letzte Geschichte des Bändchens: „Bamberg Danach“ von Cornelia Sößel führt noch einmal zum Dom – doch diesmal nicht zu einem wundersamen Geistergespräch, sondern mitten hinein in die schwärzeste Endzeit. Nur noch wenige Häuser stehen, der Rest – „niedergeworfen wie Pappmachékulissen“. Der Himmel wie ein „ein betongraues Gewölbe“ über die menschenleere Stadt gestellt. Ein verkohlter kahler Baum zerfällt zu Staub. Greift die Ich-Erzählerin sich an den Kopf, gehen ihr büschelweise die Haare aus. Die Obere Brücke ist in das ausgetrocknete Flussbett gestürzt. Vom Dom ist ein Haufen Sandsteinquader übrig geblieben. Und als sie angesichts all der schwarz verkohlten Dachstühle schreien will, löste sich auf und verschwindet …


Die Textweber – Bamberg

mit Beiträgen von Christian Erik Berkenkamp, Doris Bocka, Ludwig Dippold, Christine Gehrig, Wiga Häring, Katharina Lyncker, Martin Meyer, Renate Müller, Renate Steinhorst, Sabine Stocklossa, Cornelia Stößel

54 S., 12 x 19 cm,
ISBN: 978-3-940821-55-3
9,00 EUR
www.erich-weiss-verlag.de

 


 

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