Kommt der künstliche Staat?

Werner Schwarzanger

Yvonne Hofstetter: „Das Ende der Demokratie – Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“

Ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer hat die Charta von Paris 34 europäische Staaten noch einmal nachdrücklich darauf verpflichtet, unsere Menschenwürde und Grundrechte demokratisch zu schützen. Ein Vierteljahrhundert später generiert die totale Durchdigitalisierung aller Bereiche und Dinge neben der natürlichen Sphäre eine virtuelle Antisphäre auf Erden und transformiert damit „unsere Vorstellungen von Mensch, Gesellschaft und Staat radikal“, schreibt die Juristin und Unternehmerin Yvonne Hofstetter in ihrem neuen Buch „Das Ende der Demokratie“. Yvonne Hoffstetter muss eine denkfromme Frau sein, denn sie wagt in das Wesen dieses unheimlichen Geschehens hineinzufragen. Und Fragen, so Martin Heidegger, „ist die Frömmigkeit des Denkens“. Mit ihrem wichtigen Buch beginnt sie in Szenarien um einen künstlichen Politiker die Fragen zu stellen, denen wir uns, bevor es endgültig zu spät ist, endlich stellen sollten.

Sind wir politisch im Grunde bereits bankrott? Ist die Massendatenanalyse am Ende unsere letzte Chance, diesen Bankrott um den Preis zu verhindern, dass wir – als bloße Menschen Big Data nicht mehr gewachsen – durch künstliche Intelligenz – etwa per Nanobots – erweitert werden müssen? Müssen wir mithin sogar hoffen, dass die Analysten Herrschaft ganz neu erfinden? Steigert sich die Komplexität der Künstlichen Intelligenz auf einen unausweichlichen Urknall hin? Ist dieser Urknall der von Ray Kurzweil vorausgesagte nächste Evolutionssprung? Werden wir in der künstlich intelligenten Umwelt am Ende besser gedeihen und leben können als je zuvor? Oder ist dieser Urknall der inflection point einer Supernova in eine posthumane Hölle auf Erden hinein? Kann die künstlich intelligent maschinisierte Umwelt, zu der das Internet of Everything bald alles und alle vernetzen wird, irgend demokratisch bleiben? Oder scheitert die Demokratie gerade vor unser aller smart-geblendeten Augen auf der ganzen Linie? Ist sie durch Big Data hoffnungslos überholt? Ist sie das Auslaufmodell der veralteten „Technologie“, für die die konzernokratischen Kraken im Silicon Valley sie halten? Längst spielen Superrechner besser Schach oder Go als wir, Autos steuern sie weitaus sicherer als wir: warum sollten diese Optimalentscheider nicht auch besser regieren? Wäre Watson von IBM nicht allemal ein zuverlässigerer Präsident als ein horrorclownesker Milliardär? Doch was wird im umgebungsintelligenten Plattformnetz einer gespenstischen „Herrschaft durch Niemanden“ (Hannah Arendt) aus unserer freien Selbstbestimmung? Löst ein künstlicher Niemand uns als Krone der Schöpfung endgültig ab? Werden sich unsere Grundrechte in einem selbstregulatorischen Smart State nicht auflösen wie Nebel in der Sonne? Gleiten wir bereits unversehens in eine nie dagewesene Form von Sklaverei hinein? Wird sich der künstliche Niemandsstaat mit dem Panoptikum seiner überallhin verfolgsamen Smart Cities die zu kurzweiligen Cyborgs transformierten „Menschen“ integrieren wie alle anderen Dinge auch?

Und wir? Umgebungsintelligent vom leidigen Selbstentscheidenmüssen allmählich erlöst, werden wir zunehmend bereit, die demokratische Rechtsordnung „auf dem Altar der Digitalisierung zu opfern“, so Hofstetter: „Wir akzeptieren die immer raffinierter werdende Onlinebespitzelung als notwendiges Übel für bequemen Konsum“. Durch das prima Leben post privacy lernen wir die zerbröselnde Demokratie ebenso nicht mehr zu vermissen wie den privaten Raum für den vergessenen geheimnisvollen Weg nach innen. Wir verharren multitaskingzerstreut im Daddelkotau und wenden die algorithmischen Entscheidungen gehorsam an. Indem das Internet der Dinge uns die Grenzen zwischen dem realen und den virtuellen Raum zusehends aufhebt, verschmelzen wir zur konzernokratischen Bitnation. Und die kann „als Zahl und Datum auf den Markt geworfen“ frei gehandelt werden.

Und unsere auf den Geschmack der digitalen Staatstransformation gekommenen Volksvertreter wollen nur noch das Eine: mehr Wirtschaftswachstum durch mehr Digitalisierung – und helfen so den Rechtsstaat in die marktkonform proformademokratische Konzernokratie aufzuheben. Unisono schallts durch die Parteien: „Highererer speed!“ Statt den katastrophalen Privatsphärenschwund mit allen rechtlichen Mitteln zu bremsen, umschmeicheln sie mit geneigtem Ohr jenes mächtigste Tal, von wo aus Software die Welt frisst. Disruption! So lautet dort der kategorische Imperativ, denn „Zerstörung ist ihre Religion“.

Dass sich die alles und alle permanent scannende digitale Antisphäre der GAFAM, die sie monopolistisch betreiben, doch noch an die europäischen Grundwerte zurückbinden und damit die „bürgerschaftliche Mitregentschaft“ ermöglichen und so zu einer grundrechtbewahrenden und wirtschaftlich neutralen Polis reformieren ließe, wo wir Menschen uns noch von unten her wider die Missstände solidarisieren könnten, bleibt Yvonne Hofstetters gutgemeinte Utopie. Ist die Erde erst zur smart vorhohlenen konzernokratischen Highspeedversklavungshölle verkommen, ist es mit der Menschheit, die ihre eigentliche Selbstentdeckung noch vor sich gehabt hätte, vorbei. Der Biss in GAFAMS schwarzen Apfel bedeutet die endgültige Vertreibung aus dem potentiellen Paradies der Menschlichkeit, das jeder Mensch als solcher in sich trägt. Auf diesen Irrstern der reinen Verrechnung von Allem hat Heidegger das Angestell der großen Vernetzung hinauslaufen gesehen.

Yvonne Hofstetters Buch hat das Fragen nach diesem uns bevorstehenden apokalyptischen Desaster mitangestoßen. Das bleibt ihr großes Verdienst. Darum sei das Buch jedem ans Herz gelegt, dem es nicht egal ist, was aus uns in diesem Jahrhundert wird.

yvonne-hofstetterYvonne Hofstetter

Das Ende der Demokratie Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt

512 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, ISBN: 978-3-570-10306-7, € 22,99
Verlag: C. Bertelsmann

 

 

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