St. Michael: Expertenrat zusätzlich auf verschiedenen Ebenen ratsam

 Redaktion
Kloster Michelsberg 2003. Foto: Erich Weiß

Kloster Michelsberg 2003. Foto: Erich Weiß

„Monumentalbauten sind Dauer-Baustellen“ – unter anderem führte diese Einsicht zur Einrichtung von Bauhütten. Die Bamberger Dombauhütte in den Räumlichkeiten der Alten Hofhaltung bestätigt dies. Dauerhaft und überaus kenntnisreich sorgt sie sich mit ihren Dutzend Mitarbeitern unter der Leitung des Hüttenmeisters Ulrich Först um den Erhalt des Bamberger Doms. Jahrhunderte alt ist diese Tradition des Transfers von Steinbautechnik. Bis heute organisieren europäische Dom-Baumeister regelmäßig Treffen zum Erfahrungs- und Wissenaustausch, gerne mit universitärer und wissenschaftlicher Unterstützung. Behebung akuter Schadensbilder und dauerndes Monitoring gehen dabei Hand in Hand.

Übertreibungen in den Ablässen des 13. Jahrhunderts gang und gäbe

Das Benediktinerkloster St. Michael hatte nicht das Glück eines Kümmerers über Jahrhunderte. Obgleich immer wieder Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen – wovon das Großinventar zum Michelsberg von 2009 beredtes Zeugnis gibt – liegen noch viele Zusammenhänge der Baugeschichte im Dunkeln. Um- und Ausbauten, gerne verbunden mit Hiobsbotschaften über einen vermeintlichen Schreckenszustand, folgten aufeinander. Bereits der Chronist Mönch Ebo († 1163) berichtet in der Vita des heiligen Otto von jenem – auch in der städtischen PM (unten) erwähnten – Erdbeben vom 3.1.1117: Die Schäden scheinen (wenigstens in der Kirche) nur beschränkten Ausmaßes, „der große Stein an der Stirne oder Spitze der Kirche …, der das ganze Werk ringsum durch seinen Schluss zusammenhielt„, sei herabgestürzt. Dennoch ließ Otto – „gleichsam über diese Gelegenheit erfreut“, wie Ottos dritter Biograph Herbord formulierte – nach dem Osterfest 1117 die Kirche abbrechen, um sie neu wiederaufzurichten (siehe: Breuer: Michelsberg und Abtsberg, 2009, S. 61). Im 13. Jahrhundert mussten immer wieder Ablässe zur Renovierung der Kirche herhalten, vom weitgehenden Verfall des Klosters und Kirche geben sie Kunde. Übertreibungen sind in den „Pressemitteilungen“ des 13. Jahrhunderts gang und gäbe.

Dringend müssen internationale Experten eingebunden werden

Die unten aufgeführte Schilderung des Ingenieurbüros für Tragwerksplanung Burges & Döhring bezüglich der Schadensvielfalt der Abteikirche unterstreicht die Sorgen aufmerksamer Bürger. Die bislang nur in einer öffentlichen Sitzung des Stadtrats geäußerten Beobachtungen nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen, ist erfreulich. Dringend geboten wäre jedoch die Einbindung internationaler Experten, wie Professor Dr. Rolf Snethlage, Fachgebiet: Naturstein, Bauchemie und Bauphysik in der Denkmalpflege anlässlich des FDP-Antrags (Sanierung Kloster Michelsberg: FDP fordert Expertenbeirat aus der Bürgerschaft) formulierte: “Der Antrag von Stadtrat Pöhner verdient Anerkennung, wird damit doch der Versuch unternommen, die Planungen für das Jahrhundertprojekt Michaelsberg denkmalgerecht und transparent zu gestalten.

Der Michaelsberg ist jedoch ein international bedeutendes Kulturgut. Die Einbindung des lokalen Sachverstands sollte da nicht genügen. Der Welterbestatus verlangt auch im internationalen Maßstab herausragende Konzepte. Diese müssen mit ausreichendem Zeithorizont diskutiert und mit dem Fachwissen internationaler Experten angereichert werden.

Das zu berufende Gremium muss aber im Sinne eines Aufsichtsrates auch zu direktiven Beschlüssen berechtigt sein, damit es nicht zum wirkungslosen Absicherungsgremium für die Projektleitung verkommt. Eine bloße Projektbegleitung wird da nicht genügen.

Mir ist bewusst, dass die Juristen sofort einwenden werden, einem solchen Gremium dürfen Funktionen mit haushalterischen Folgen nicht übertragen werden. Wenn das aber nicht zugestanden wird, dann wird das Gremium ein wirkungsloser Papiertiger sein.

Entwickelt man das Instandsetzungskonzept Michaelsberg aber vorab im Konsens, dann wird das Problem der finanziellen Konsequenzen nicht auftreten.”

Bamberger Dom: mehrere Expertenmeinungen auch im 18. Jahrhundert

Komplexe Schadensbilder erfordern interdisziplinäre Expertengremien. 1765 mahnten der Zimmermeister des Domkapitels, Joseph Clemens Madler, und der Werkmeister des Doms, Ernst Christian Barabo, den schlechten Zustand der Domtürme an, erstellten ein Gutachten, bezifferten die Kosten auf 2.200 Rthl. pro Turmhelm und entwarfen Zwiebelhelme – im Barock der Favorit jedes Kirchturms! Ob eine Mehrheit im Bamberger Domkapitel die gerade so schicken Turmhelme favorisierte, ist nicht überliefert, jedenfalls zog Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim seinen Würzburger Ingenieursoffizier Fischer zu Rate, um eine zweite fachliche Einschätzung zu erhalten. Dessen Gutachten bestätigte das der Bamberger Fachleute und führte zunächst zur Errichtung von Notdächern und schließlich zu Küchels Umgestaltung, nach der die vier Türme in der Höhe einander angeglichen wurden. Kluge und nachhaltige Abstimmung auf Expertenniveau prägt die Stadtsilhouette Bambergs bis heute.

Gack (GAL): „Warum wollen Sie sich so ermächtigen?“

In der letzten Vollsitzung des Bamberger Stadtrats war die Sorge um den Michelsberg groß, der Vortrag von Döhring verfehlte seine Wirkung nicht. Mit der Umsetzung der Notsicherungsmaßnahme soll die akute Einsturzgefahr beseitigt werden, dem stimmte der Rat zu. Doch beschnitt er – nach der Frage von Peter Gack – die Befugnisse des Finanz- und Stiftungsreferenten Bertram Felix und strich dessen Beschlussvorschlag um den Zusatz: Der Stadtrat ermächtigt die Verwaltung zur Durchführung der zur Generalsanierung der Michaelskirche notwendigen VOF-Verfahren und der anschließenden Vergabe der erforderlichen Planungsleistungen. Das Vertrauen dürfte auch durch die Vorkommnisse um die Wolfsschlucht, das Kesselhaus und die Schröppel-Villa gelitten haben. Regelmäßige Berichterstattung gilt nun ausgemacht und eine begleitende Dokumentation in der Öffentlichkeit ebenso wie umfassende Schritt-für Schritt-Berichte.

Peinlich: die Begleitung der städtischen Pressestelle des zentralen Sanierungsprojekts der Welterbestadt

Die Pressestelle der Stadt Bamberg ist ja gerne zu einem Einblick in persönliche Befindlichkeiten bereit (Städtische Pressestelle: „Ich möchte genau das rauchen, was Sie geraucht haben“), gibt hin und wieder auch Nichtigkeiten von sich (Lesetipp: Fränkischer Tag und die Wichtigtuerei der Pressestelle der Stadt Bamberg), wandelt sich vom Mitteilungsorgan zum persönlichen Sprachrohr des OBs (Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Unwissenheit ist Stärke). Die infantile Parallele zwischen „Himmel“ und „fallen“ zum Kult-Komik von Goscinny & Uderzo und deren Helden muss als Beleg mangelnder Ernsthaftigkeit gelten. Die Professionalität angezweifelt werden. Expertenrat ist dringend erforderlich.

Pressemitteilung der Stadt Bamberg vom 09.02.2015

„Der Himmel droht uns auf den Kopf zu fallen“

Schaden Michaelskirche: Riss in der Decke

Schaden Michaelskirche: Riss in der Decke

Barocke Bausünden und ihre Folgen

Für Asterix und Obelix schien es eine stete, wenngleich irrationale Gefahr. In Bamberg ist daraus bitterer Ernst geworden. „Der Himmel droht uns auf den Kopf zu fallen“, schildert Stiftungs- und Finanzreferent Bertram Felix die „unglaubliche Schadensvielfalt“ in der Bamberger Klosterkirche St. Michael. Das stadtbildprägende 1000-jährige Gebäude, das vor allem wegen seines barocken Gewölbes und des Deckengemäldes „Himmelsgarten“ berühmt ist, musste 2012 wegen erheblicher statischer Probleme für die Öffentlichkeit geschlossen werden. Die Untersuchung des auf historische Gebäude spezialisierten Statikers Günter Döhring, vom Büro Burges und Döhring in Bayreuth belegt jetzt, dass an dem Wahrzeichen „fast nichts mehr im Lot ist“. Der Bamberger Stadtrat hat daraufhin die sofortige Notsicherung beschlossen. Sie wird rund 160.000 Euro kosten. Wann die eigentliche Sanierung beginnt und was sie kosten wird, ist noch nicht absehbar.

Neben vielen weiteren Schadensbildern sei insbesondere das Gewölbe mit Himmelsgarten über dem Langhaus der Kirche St. Michael akut einsturzgefährdet, so Döhring. Das Erkennen der Schäden habe ihn in einen regelrechten Schockzustand versetzt. Eine Notsicherung sei unabdingbar. Nun sollen Zuganker auf Höhe der Gewölbekämpfer eingebaut werden. Mit der Umsetzung der Maßnahme wird zwar die konkrete Gefahr beseitigt, allerdings ist weiterhin weder die Verkehrssicherheit noch die Gebrauchstauglichkeit des Kircheninnenraumes gegeben. Die Kirche muss daher auch weiterhin geschlossen bleiben. Dies bedauerten vor allem im Jahr des Klosterjubiläums alle Beteiligten, so Felix. Es sei jedoch unvermeidlich.

Laut Döhring war es vor allem der nachträgliche Einbau des barocken Deckengewölbes in den romanischen Bau, der zu dem heutigen desaströsen Zustand geführt hat. „Der Himmelsgarten ist in mächtiger Bewegung, die Seitenwände sind dreizehn Zentimeter gen Süden gedriftet. Die Hochgadenwände sind ebenfalls bereits nach außen gekippt“, schildert Döhring die Details des Schadensbilds. Erste Untersuchungen des Untergrunds erhärteten außerdem den Verdacht, dass schon der erste romanische Kirchenbau kein stabiles Fundament hatte. Er gründet nicht auf Sandstein, sondern auf Letten.
Zudem ziehe die Dientzenhofer-Fassade, die der romanischen Kirche ab 1696 vorangestellt wurde, zusätzlich an dem Bau. „Sie hängt wie ein Rucksack an dem Gebäude“, erklärte Döhring. Schon zu Bauzeiten führte dies zu vertikalen Rissen im Gewölbe und in den Seiten. Vermutlich Balthasar Neumann, mutmaßte Döhring, hatte schon um 1724 reagiert und Eisen-Zuganker eingezogen. Diese seien allerdings von einem unbekannten Baumeister zu einem späteren Zeitpunkt schlichtweg gekappt worden. Kein einziger sei mehr funktionstüchtig. Einzelne Risse seien restauratorisch geschlossen worden und wieder aufgegangen. Die Reparaturen der letzten 1000 Jahre sind jedoch hauptsächlich kosmetischer Art gewesen. Hinzu kommt mindestens ein schwerwiegendes Brandereignis in der Baugeschichte der Kirche. Dazu müsse man wissen, erklärte Döhring, dass dadurch der Sandstein seine Festigkeit verliere. Im Jahr 1117 erschütterte zudem ein Erdbeben die Kirche bis in die Grundfesten. Die wiederaufgebaute Kirche wurde 1121 geweiht.

Dem Gerücht, der dramatische Zustand der Kirche habe etwas mit der Anlage eines Weinbergs am Südhang des Klosters zu tun, trat Döhring vehement entgegen. Zwischen der Kirche und dem Weinberg gebe es eine Sandsteinstufe, die wie eine Schutzbarriere wirke.

Der Vortrag von Günter Döhring wird am Dienstag, 10.03.2015 wiederholt. Die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich dazu eingeladen. Der Eintritt ist frei. Veranstaltungsort und Uhrzeit werden noch bekannt gegeben.

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