Bürgerentscheid in Aschaffenburg und die Parallelen zu Bamberg

 Christiane Hartleitner
Schönbusch Bürgerbegehren

„Die Ascheberscher mache mobil“, Zeitungsanzeige, Foto: Bürgerbegehren Keine Stadtautobahn B26

Mit über 67 % haben die Aschaffenburger gestern den vier- bis sechsspurigen Ausbau der B 26 (Darmstädter Straße) am Englischen Garten Schönbusch, Waldfriedhof und Bayernhafen abgelehnt. Die Planungen des bayerischen Straßenbauamts sahen zudem eine 4 Meter hohe Gabionenwand zum Schönbusch hin vor.

Urban Priol

Auch Urban Priol machte mobil

Der Englische Garten Schönbusch

Der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal ließ ab 1775 in der Nähe seiner Nebenresidenz Aschaffenburg, in der er sich vorwiegend im Sommer aufhielt, einen Lustgarten anlegen. Ausgangspunkt dafür war das als Kurfürstliche Fasanerie und zur Jagd genutzte „Nilkheimer Wäldchen“. Die Planungen entwarf zunächst Emanuel Joseph von Herigoyen, später übernahm der Hofgärtner Friedrich Ludwig Sckell die Gartengestaltung mit allerlei Besonderheiten: Durch die Wald- und Seenlandschaft schlängelt sich ein über 20 km langes Wegenetz mit mannigfaltigen Aussichtspunkten, wie die Rote Brücke mit den Sphinx-Statuen und der Aussichtsturm.

Sphinx an der Roten Brücke Foto: Maulaff CC-BY-SA-3.0-migrated

Sphinx an der Roten Brücke. Foto: Maulaff CC-BY-SA-3.0-migrated

Um das Weiße Schlösschen sind Seen angelegt, mit einer Insel bestückt, die über eine Drehbrücke erreichbar ist. Architektur mit so klangvollen Namen wie Orangerie, Tanzsaal, Speisesaal, Freundschaftstempel und Philosophenhaus bereichern die weite Parklandschaft, bieten Abwechslung den zahlreichen Spaziergängern. Alles in allem eine wunderbare Anlage – auch ein Irrgarten mit einem besonders schönen Exemplar eines Gingko in der Mitte –, ein einmaliger Naherholungsort, zudem verknüpft mit schönsten Kindheitserinnerungen.

Kindheitserinnerung

Nilkheimer und Bamberger bei einer Bootspartie im Schönbusch

Der Park Schönbusch ist von der Aschaffenburger Altstadt zu Fuß über die Kleine Schönbuschallee zu erreichen, die parallel zur Darmstädter Straße verläuft. Ferner gibt es Busverbindungen (Richtung Waldfriedhof) sowie die Anbindung über die Bundesstraße 26 (Parkplatz Höhe Leiderer Hafen). Für die Nilkheimer und Leiderer ist es eh ein Katzensprung.

Pappelallee Foto: Bürgerbegehren Keine Stadtautobahn B26

Pappelallee. Foto: Bürgerbegehren Keine Stadtautobahn B26

Eben jene B 26 sollte nun ausgebaut werden – nach Aussage der kritischen Bevölkerung und Verkehrsexperten überdimensioniert. Ein moderner Kreisverkehr noch vor dem Waldfriedhof könnte die LKW-Zufahrt zum Bayernhafen viel besser und schonender bewerkstelligen, so die Vorschläge des örtlichen VCD (Verkehrsclub Deutschland) und BR. Sämtliche alte Bäume der den Schönbusch mit der Stadt verbindenden Pappelallee, eine „historische Allee, die die älteste überörtliche verkehrstüchtige Anlage seit dem römischen Straßennetz darstellt und im 18. Jahrhundert nach französischem Vorbild zur Chaussee ausgebaut wurde“ (siehe Vortrag unten), wären dem Straßenbau zuliebe gefällt worden.

Parallelen zu Bamberg?

Die Aschaffenburger haben sich nicht nur mit den verkehrlichen Auswirkungen eines veralteten Konzepts beschäftigt, sondern auch mit der historischen Bedeutung ihres Parks. Und somit die Wertschätzung ihrer Heimat konstatiert. Ein erfreulicher Beitrag bürgerlichen Engagements. Parallelen zu Bamberg? Sind durchaus vorhanden. Seit Jahrzehnten geht das Gespenst der Bergverbindung um. Es wurde ebenfalls in einem Bürgerentscheid (1998) abgewiesen. Und doch spukt dieser Wiedergänger erneut durch einige Parteiprogramme, ob als oberirdische Variante, als „Verbindung zwischen den Bundesstraßen B 22 und B 26“ oder als Tunnel. Eine weitere Parallele wäre der Bau einer Schneise durch die geplanten 4 Meter hohen Lärmschutzwände beim Ausbau eines Verkehrsweges, in Bamberg plant die Bahn. Beide Bamberger Verkehrsprojekte werden kritisch vom hiesigen VCD begleitet, kommentiert und Alternativen aufgezeigt – wie in Aschaffenburg sollte man auch in Bamberg auf diese hören.

Der Aschaffenburger Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD), vor Jahrzehnten noch ein erklärter Gegner der Stadtautobahn, unterstützt mittlerweile den Ausbau.

Auszug aus der Mitteilung der Aschaffenburger Bürgerinitiative

TASTET DIESES EINMALIGE ENSEMBLE NICHT AN!

In ihrem Vortrag erläuterten Hilmar Schmitt und Frank Sommer die historischen und politischen Geschichte der Darmstädter Allee und des Schönbusch und richteten einen emotionalen Appell an die Bürger: Lasst nicht zu, dass dieses einzigartige Ensemble zerstört wird!

Den geplanten vier- bis sechsspurigen Ausbau der B 26 bezeichneten sie vor ca. 40 Zuhörern als beispiellose Geschichtsvergessenheit, die ein einzigartiges Ensemble zerstören würde. Die Bürger werden das nicht zulassen, betonten beide Referenten, die auch daran erinnerten, dass die heutigen Befürworter des Ausbaus, allen voran OB Klaus Herzog, in den 70er und 80er Jahren an der Seite der Bürger  erbittert und erfolgreich gegen die damaligen Pläne der Stadtautobahn gekämpft hatten. Die Argumente seien damals wie heute dieselben.

Viele Versuche habe es gegeben, das einmalige Ensemble aus englischem Landschaftsgarten und historischer Pappelallee zu opfern. Gerade im Rahmen der Straßenbaupolitik der 70er und 80er Jahre war der autobahnähnliche Ausbau der B 26 ein wiederkehrendes Thema, das durch den starken Widerstand von Bürgerschaft und Stadtrat immer wieder abgewehrt werden konnte.

Der Englische Garten als Symbol des Zeitalters der Aufklärung stehe „nicht von ungefähr für die Herrschaft der Vernunft“, erläuterte Hilmar Schmitt in seiner historischen Würdigung des Landschaftsparkes und der Allee. Das bundesweit einzigartige Ensemble, das einen der ältesten und größten englischen Landschaftparks bilde, stelle in dieser Kombination ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal dar, das es zu schützen gelte. Auf der historischen Allee, die die älteste überörtliche verkehrstüchtige Anlage seit dem römischen Straßennetz darstellt und im 18. Jahrhundert nach französischem Vorbild zur Chaussee ausgebaut wurde, haben große Momente  der Geschichte stattgefunden. Das Schwedische Heer marschierte hier in die Stadt, Napoleon traf sich an der Allee zu frührevolutionären Zeiten mit dem Aufklärer Karl Theodor von Dalberg, um über die Zukunft Europas zu diskutieren.

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