Elmar Schenkels hinreißende Geschichte des Fahrrads im Leben und in der Literatur

Von Chrysostomos

Nicht immer ist es möglich, zu laufen. Beispielsweise dann, wenn man sich mit einer Verletzung herumplagt, wenn es extreme Witterungsbedingungen oder Bodenverhältnisse nicht gestatten. Vielleicht aber fehlt einem, für das eine Mal, die Lust oder man ist einfach nur auf Abwechslung aus. In all diesen Fällen bietet sich eine Fahrradtour an. Sofern man diese im Studio oder in den eigenen vier Wänden auf einem Standfahrrad, vulgo Heimtrainer, unternimmt, kann man dabei sogar lesen. Etwa Elmar Schenkels luziden, vor zwei Jahren in der Edition Isele herausgekommenen Essay über „Das Fahrrad und die Literatur“. Seine „Cyclomanie“ hat der eifrige Leser und ungemein fruchtbare Autor den „gemächlichen und gelegentlich freihändig fahrenden Radlern Leipzigs“ zugedacht. Zu denen er selbst zählt, denn man kann Elmar Schenkel, dem Anglisten, dem Literaturwissenschaftler, dem Dichter, FAZ-Mitarbeiter, Maler und vollbärtigen Pfeifenraucher, bisweilen in der Leipziger Innenstadt auf dem Fahrrad begegnen, mit Büchern schwer beladen aus dem Antiquariat kommend oder, mit nicht weniger Literatur bepackt, auf dem Weg zur Universität, wo er seit bald zwei Jahrzehnten den Lehrstuhl für Britische Literatur innehat.

Schenkel beginnt seine geschichts- und geschichtenträchtige Historie in der Wüste Nevadas: „Es ist zwei Uhr nachts, der Mond scheint über Winnemucca, und Thomas Stevens schleicht mit seinem Fahrrad an den Bahngleisen entlang, begleitet vom Heulen der Kojoten und dem unheimlichen Schrei eines unbekannten Vogels.“ Stevens? In den achtziger Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts war es der aus Berkhamsted (eine Autostunde südwestlich von Bambergs Partnerstadt Bedford gelegen) Gebürtige, der als Erster zunächst die Vereinigten Staaten durch- und dann den Globus auf dem Hochrad umquerte. In Stevens’ Reisebericht werden wir Zeuge, wie das Gerät „einen ersten Versuch unternimmt, Fuß auf dem Planeten zu fassen“.

Das Fahrrad, schreibt Schenkel, lade ein „zur Poesie, zum Rausch, zum Eros“, lasse sich nicht bremsen, sei eine artistische Herausforderung, gleiche einem Zaubertrick: „Es ist, wenn nicht Kunst, so doch ein kleines Kunststück.“ Literatur, Reklame, Malerei, Film, Photographie sind voll davon, und Schenkel weiß aus dieser reichen Fülle zu schöpfen, läßt das weiße Fahrrad aus dem Bed-In von Yoko Ono und John Lennon im Amsterdamer Hilton Hotel (März 1969) ebensowenig unberücksichtigt wie jenes in Jacques Tatis „Jour de Fête“ (1949), Don Camillos Klapperkiste oder die beiden gestohlenen in den „Ladri di biciclette“ (1948) von Vittorio de Sica.

Neben radelnden Autoren (Komponisten, Gustav Mahler etwa oder Edward Elgar, finden keine Erwähnung) wie H. G. Wells, Chesterton, Zola, Tolstoi und Mark Twain, der sich auf seinem Gefährt als Don Quijote begriff, der „mit einem altmodischen Körperverhalten auf die neuen Anforderungen der Maschine reagierte“, wobei Stürze naturgemäß keinesfalls ausblieben, neben Samuel Beckett und Ludwig Ganghofer stößt der neugierige Leser auf den Sandoz-Chemiker Albert Hofmann. Der Schweizer – 2008 mit 102 Jahren verstorben – gilt als Entdecker des LSD. Am 19. April 1943 erprobt er die Droge am eigenen Leib. Schwindel und Sehstörungen stellen sich ein, mit dem Velo schafft er es noch, begleitet von seiner Laborantin, nach Hause. Er muß sich auf ein Sofa betten, ihm Vertrautes verwandelt sich ins Groteske, Schreckensvisionen stellen sich ein. Der 19. April wird heute weltweit von LSD-Jüngern als „Bicycle Day“ gefeiert. Nebenbei sei bemerkt, daß es beim (stunden-)langen Laufen ja durchaus auch zu rauschhaften Zuständen, freilich der gesünderen Art, kommen kann.

Elmar Schenkel bedenkt zudem die Bedeutung des Fahrrads als Mittel der Emanzipation in der Frauenbewegung und nimmt sich weiters der Helden der Tour de France an. Das schöne Gedicht von Günter Grass zu diesem Thema bleibt ungenannt. Es ist weiter oben, eingangs der Dritten Buchbesprechung, zu finden.

Ein informativer, dichter und doch mit und zum Vergnügen zu lesender Essay ist Schenkel hier, nicht zum ersten Mal, gelungen. Die Begeisterung des mit vielen Wassern gewaschenen Anglisten für seinen Gegenstand ist auf jeder der 170 Seiten spürbar. Und wer sich von ihr und ihm hat anstecken lassen, findet in der umfangreichen Bibliographie weiteren Stoff zur Genüge, darunter auch etliche Trouvaillen.

Klaus Isele, der Verleger, im Badischen zuhause, unmittelbar an der Grenze zur Schweiz, ist Bamberg im übrigen insofern verbunden, als er hier studierte und das Lokalblatt mit ersten Buchkritiken versorgte. Auch stößt man in Iseles feinem Verlagsprogramm auf Sammelbände, an denen Mitarbeiter der Otto-Friedrich-Universität beteiligt sind, etwa zu Hans Wollschläger, und auch zu dem vor neun Jahren in der Nähe von Norwich (nicht mit dem Fahrrad, sondern am Steuer seines Autos) tödlich verunglückten W. G. Sebald, der über seine Freundschaft zu dem Pomologen und Poeten Michael Hamburger auch Schenkel alles andere als unbekannt war.

Elmar Schenkel, Cyclomanie. Das Fahrrad und die Literatur.
Eggingen: Edition Isele, 2008.
ISBN 978-3-86142-448-2
13,00 Euro

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