Schaefflergelände: Innen hui, außen pfui?

Das Schaefflergelände wird von einem Investor entwickelt mit 590 Wohneinheiten, unter anderem sollen hier 122 Wohnheimplätze für Studenten entstehen (hier). Geplant sind derzeit 780 Autostellplätze (hier).

Einschätzung des Verkehrsclub Deutschland

Ecke Margaretendamm/Lichtenhaidestraße. Foto: Erich Weiß

„Intern entsteht ein fußläufig erschlossenes Quartier, das nahezu frei von Kfz-Verkehr ist.“ So steht es in den ausgelegten Papieren.

Dieses Ziel zu setzen, ist eine des Lobes werte Entscheidung. Zwar ist das persönlich besessene Kfz für viele Mitbürger noch immer Mittelpunkt ihres Lebens. Doch das Zeitalter dieses Denkens neigt sich seinem Ende zu. In den Großstädten geht sogar der Anteil der Jugendlichen, die einen Führerschein machen,  auffallend zurück. Und keine Geringeren als Daimler und BMW investieren in die Entwicklung von Carsharing- und Mietautosystemen. Manches deutet darauf hin, dass die Formen der Mobilität und die Nutzung der Mobilitätsmittel sich in überschaubarer Zeit von Grund auf ändern werden (SZ-Artikel Auto auf Abruf).

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach der Garage neben dem Hauseingang eher von gestern. Die Entscheidung für ein fußläufig erschlossenes Quartier frei von Kfz-Verkehr hat heute die besten Gründe für sich.

Mobilitätsalternativen

Die mittlerweile zu Tage tretenden Entwicklungen ändern bisher allerdings nichts daran, dass Mobilität an sich bis auf Weiteres einen großen Wert genießt. Wer also dazu beitragen will, die Benutzung des Kfz weniger werden zu lassen, der muss dafür sorgen, dass die Benutzung des Kfz überflüssig wird. Also muss er die Benutzung der Alternativen erleichtern und attraktiver machen.

Wie steht es mit Fuß-, Rad-, Bus- und Bahnverkehr in den Plänen für das Schaeffler-Gelände?

Für die Bus-Nutzer

deklarieren die vorgelegten Papiere das Areal als durch den Busverkehr erschlossen. Das ist ein schlechter Witz. Die Haltestelle Ottokirche ist zu weit weg, die Haltestelle am alten Hallenbad noch weiter. Selbstverständlich müssen für das neue Quartier neue Haltestellen angelegt werden. Und zwar sowohl in der Magazinstraße als auch in der Lichtenhaidestraße. Von diesen beiden Haltestellen aus können die Busse die Haltestelle Löwenstraße und die am Deutschen Haus anfahren.

Mit „Haltestelle“ meinen wir dabei nicht eine Wind und Wetter ausgesetzte Fahrplansäule, und auch nicht eines der üblichen Notnagel-Wartehäuschen. Bei einem Bauprojekt wie diesem kann die Stadtverwaltung, die beteiligten Architekten in die Pflicht nehmen, Bushaltestellen als rundum schützende und einladende Orte in das Gesamtkonzept einzuplanen.

In bezug auf die Luitpoldstraße bietet es sich an, ebenso leichten Zugang zu schaffen:  durch eine weitere Haltestelle kurz nach dem Witt-Eck.

Für die Bahn-Nutzer

sind es bis zum Bahnhof keine 1500 m. Wie kommen sie ohne eigenes Kfz zum Zug? Nach den bisherigen Plänen brauchen sie mit dem Bus länger als zu Fuß. So kann man niemanden locken, das Kfz in der Garage zu lassen. Die Magazinstraße gehört zu der Schiene Bischberg-Gaustadt-Bahnhof;  diese Schiene wartet seit Erfindung des ZOB auf eine direkte Linie. Die Pläne für das Schaeffler-Gelände verstärken diese Forderung. Die vielen Hundert Anwohner des Geländes zwischen Jäckstraße und Margaretendamm brauchen eine direkte Buslinie zum Bahnhof.

Für die Zu-Fuß-Geher

liegt es auf der Hand, den gesamten Innenraum des Areals als Fußgängerzone auszuweisen. Mit einem Zusatzschild „Fahren nur in Schrittgeschwindigkeit gestattet“ und mit ebenerdigen Stellplätzen ausschließlich für bewegungseingeschränkte Besucher. Das Instrument Fußgängerzone ist der beste Schutz, den die StVO den hier lebenden und arbeitenden Menschen bieten kann, und die beste Voraussetzung für eine herausragende Lebensqualität des Quartiers. Die Bushaltestellen müssen so direkt wie möglich, also auf kürzest möglichen Wegen zu erreichen sein.

Die Fußverkehrsanlagen im Umfeld des Areals sind daraufhin zu prüfen, ob sie für ein Wohngebiet dieser Einwohnerzahl ausreichenden Umfang und zielgemäße Qualität haben. Sie sind dahingehend zu überarbeiten, dass sie diesen Umfang und diese Qualität bekommen. Die heutigen rechtlichen Anforderungen werden etwa in der Magazinstraße gegenüber Schaeffler in grober Weise missachtet. Oder die Kreuzung Margaretendamm / Magazinstraße: sie ist für Fußgänger gefährlich und kann so nicht bleiben.

Vor allem sind die Wege für Kinder und Jugendliche zu Kindergärten und Schulen zu prüfen und zu überarbeiten.

Für die Radler

bietet der vorgelegte Entwurf nichts Nennenswertes. Ist die Vorlage tatsächlich der letzte Stand? Die Fahrradunterbringung etwa ist – die Spatzen pfeifen es von den Dächern – ein Schlüssel für die Fahrradnutzung. Doch zur Fahrradunterbringung findet sich in den ganzen Papieren kein Wort. Das ist eine hanebüchene Entscheidung.

Überdachte und diebstahlsichere Stellplätze sind heute Standard, in genau der gleichen Zahl wie die anvisierte Einwohnerzahl, plus zweckmäßig eingeordnete Stellplätze für Besucher. Das Rad gehört zu den alternativen Verkehrsmitteln, die attraktiv werden sollen in diesem Bauprojekt. Ohne vertrauenswürdige und handlich platzierte Stellanlagen geht das nicht.

Es geht auch nicht ohne sichere und verlässliche Anbindung des Areals an das umgebende Radwegenetz. Das schwerste Hindernis für die selbstverständliche Nutzung des Rads ist die irrsinnige Radverkehrsführung in der Magazinstraße (und am Regensburger Ring). Nach heutiger Anordnung müssten die Radler von und zum Quartier den Zweirichtungsradweg benutzen, also sowohl beim Aus- als auch beim Einfahren immer die stark und schnell befahrene Magazinstraße überqueren – und anschließend gegebenenfalls auch noch als Geisterradler weiterfahren. Diese Anordnung gefährdet die Sicherheit der Radler, in völlig überflüssiger Weise. Die angebotene Sicherheit ist aber der zweite Schlüssel für die Fahrradnutzung. Die bisherige Radverkehrsführung schreckt von der Radnutzung ab, ist also Förderung der Kfz-Nutzung, ist also das Gegenteil zu dem, was die Planung für das Schaeffler-Gelände ansteuern wollte – und was Bamberg dringend braucht.

Die Zweirichtungsanordnung ist zu streichen; die Magazinstraße (und dann der Regensburger Ring) braucht in Richtung Gaustadt einen durchgängigen Radstreifen. So lange es diesen Radstreifen nicht gibt, ist der Radverkehr auf der Fahrbahn zu führen und durch Anordnung von Tempo 30 zu schützen.
Mit „Radstreifen“ meinen wir einen Radstreifen, der dieses Prädikat verdient. Der also mindestens die Maße der ERA einhält (Empfehlungen für Radverkehrsanlagen 2010).

Insgesamt sind die Radverkehrsanlagen im gesamten Umfeld daraufhin zu prüfen, ob sie für ein Wohngebiet dieser Einwohnerzahl ausreichenden Umfang und zielgemäße Qualität haben. Sie sind dahingehend zu überarbeiten, dass sie diesen Umfang und diese Qualität bekommen. Vor allem sind die Radwege für Kinder und Jugendliche zu den Schulen zu prüfen und zu überarbeiten.

Für die Kfz-Nutzer

bietet der Entwurf hunderte und aberhunderte Stellplätze. Hatte da irgendjemand von „autoarmer Siedlung“ geredet? Das war also nichts als eine Sonntagsrede. Für jede Wohneinheit einen Stellplatz – wie viele Bamberger Haushalte haben null Kfz? Eine Stellplatzsatzung gibt es in Bamberg – hat die eine Abteilung für autoarme Siedlungen? Null Vorgaben für Radstellplätze, volle Vorgaben für Kfz-Stellplätze –  soll das der Bamberger Weg bleiben?

Die Stadtverwaltung ist, wenn es denn um’s Material geht, stramm und blind auf Motorisierungskurs. Die Zahlen der ausgewiesenen Stellpätze waren von Anfang an mehr als üppig; nun sind sie im Lauf des Verfahrens noch weiter angehoben worden. Wer immer die Anweisung zu dieser Stellplatzvermehrung gegeben oder das Ergebnis abgesegnet hat: ist ein abhängiger Auto-Fixierter. Dann sollte er, bevor er den nächsten Schaden anrichten kann, zum Entzug geschickt werden.

Mittlerweile hatte sogar die Bay. Landesregierung die himmlische Eingebung, dass die Landeskinder runter müssen von der Übermotorisierung  und neuen Boden suchen müssen unter den Füßen (siehe hier). Wie lange wird es noch dauern, bis diese Eingebung auch im Bamberger Rathaus ankommt?

Naherholung – Ein Quartier ohne Grünauslauf ist kein Wohnquartier

Was bieten die Pläne für das Schaefflergelände seinen Einwohnern für die Naherholung? Die Industriewüste Laubanger? Oder den Friedhof? Bleiben nur die Kanalufer. Die sind bisher aber schlecht angebunden. Zum rechten Ufer fehlt ein geschützter Straßenübergang abseits der Kreuzung Magazinstraße/Margaretendamm; der Zugang neben der Europabrücke ist eng, nicht barrierefrei, und steht in Nutzungskonflikt mit den Sportlern. Zum linken Ufer kommen Radler nur als Geisterradler – ein abschreckendes Angebot. Das rechte Ufer wird großzügiger und vielfältiger nutzbar, wenn der Weg in Richtung Hafen verlängert und bisher mehr oder weniger „privat“ genutzte Grünflächen geöffnet werden. Die Möglichkeiten dafür sollten offensiv geprüft und die Voraussetzungen für öffentliche Nutzung hergestellt werden.

Resümee

Die Stadtverwaltung ist mit einem lobenswerten Auftrag gestartet und auf halbem Weg eingebrochen. Das Ziel „autoarme Siedlung“ passt voll in die heutige gesellschaftliche und politische Landschaft. Für dieses Ziel ist eine breite Attraktivierung der alternativen Verkehrsmittel unabdingbar. Das hat die Stadtverwaltung bisher nicht geleistet; das muss sie in der nächsten Fassung des Entwurfs nachholen. Das kann die Stadtverwaltung auch nachholen: Vorschläge und Empfehlungen liegen auf dem Tisch. Nicht nur vor Ort, sondern auch mit den vielfältigen Vorgängerprojekten bundesweit und europaweit. Es gibt erprobten Sachverstand an vielen Orten. Lassen wir ihn für Bamberg arbeiten, nutzen wir seine Produkte.

5 Gedanken zu „Schaefflergelände: Innen hui, außen pfui?

  1. Das gesamte Projekt ist eine einzige Katastrophe.
    Hier werden auf Kosten des Steuerzahlers Projekte finanziert, die den Profit der Entwickler und die Steuerersparnis der betuchten Käufer in den Vordergrund stellt.
    Normalverdienern ist ein Erwerb von Wohnraum dort nicht möglich.

    Zum Verkehrskonzept: der bisherige „Investorenverkehr“ gefährdet die Verkehrssicherheit schon jetzt mit der Mißachtung des Verbots des Linksabbiegens in die Jäckstraße von der Magazinstraße kommend wegen.
    Dies wird sich mit der zu beobachtenden fallenden Verkehrsmoral, bei steigendem Verkehr ab Bezugstermin noch verschärfen.
    Der bisher geplante Parkraum im Gelände ist von der Jäckstraße her erschlossen und in den Plänen als TG vermerkt. Das hieße die Bäume müssten fallen, da die TG direkt an die angrenzende Bebauung der Magazinstraße anschliesst.
    Dieser Bebauung haben jedoch die Grundstücksbesitzer Magazinstraße meines Wissens widersprochen.

    Bleibt abzuwarten, was sich noch ergibt. Es ist aber wohl mit einer enormen Verschlechterung der Lebensbedingungen, der in der Jäck- und Magazinstraße wohnenden Bevölkerung zu rechnen.

  2. Ein wirklich guter Bericht zum Desaster das dort entstehen wird – leider auch wieder viel zu überheblich geschrieben.
    Man findet hier die üblichen Floskeln des VCD und die einseitige Aggression gegen das Auto vor, das wohl zu den Markenzeichen dieses Clubs gehört. Diese Grundhaltung ist wohl auch eher dem Verfasser anzulasten, als den Mitgliedern per se.
    Bei den dringenden Aufgaben des ÖPNV-Dramas in Bamberg sehe ich diesen Phrasen-Club nie mit einem hilfreichen Konzept aber plötzlich tauchen wieder die Momente auf, in denen man den Teufel „Auto“ mit Worten aus dem Leben jagen kann.

    Daher wundert es niemanden mehr, wenn ein Stellplatz für eine Wohnung als krank dargestellt wird. Da erhebt sich dann doch die Frage, wer hier krank ist oder dringend Entzug braucht? Glauben denn die Freaks allen Ernstes, dass nur 1 Interessent eine Wohnung kauft oder mietet, ohne PKW-Stellplatz?
    Wo leben sie denn alle? Leider noch nicht auf ihrer hochgelobten Entziehungskur! Dieses Areal können sich NUR Menschen leisten, die (noch) nicht als Leiharbeiter durch die Mangel gedreht werden. Und von diesem Klientel erwartet man allen Ernstes einen Verzicht auf ein PKW? Tun sie es denn selbst? ALSO

    Autoarme Siedlung heisst doch nicht, dass dort nur arme Menschen ohne Auto leben dürfen. Solange es Ihrem Club nicht gelingt, eine bessere Versorgung zu garantieren, kann niemand auf das Auto verzichten. Und die Leute die so naiv sind, diese verrückten Preise dort zu bezahlen, brauchen schon aus Imagegründen – aber eben auch aus praktischen Gründen einen Stellplatz. Und wenn nur jemand vom VCD zu Besuch kommen sollte.

    Werdet endlich realistisch, dann können vernünftige Ergebnisse entstehen. Die restlichen Ansätze sind (teilweise) sogar sehr gut – nur eben in diesem Punkt arrogant und höchst weltfremd. Hier muss erst das Netz in Bamberg geändert werden damit ich den Menschen Alternativen anbieten kann – niemals umgekehrt!

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