Gemeinsamer Boden für Architektur/Architekten und Gesellschaft

nur wer gar nicht baut, verbraucht weder Energie noch Ressourcen

Wolfgang Neustadt

„Common ground“ und „Reduce-Reuse-Recycle“; zur eröffneten Architekturbiennale in Venedig: ein erneuter Debattenbeitrag zur Nachhaltigkeit in Neubau- und Bestandsarchitektur.

Venedig öffnet wieder seine Pforten, nicht nur für das 69. Filmfestival auf dem Lido, auch die Giardini und das Arsenale laden ein zur 13. Architekturbiennale (29.8.–25.11.). Und das wie immer keineswegs nur für Architekten und Stadtplaner. Diesmal wollten Kritiker besonders im deutschen Biennalebeitrag sogar einen „Geist des Restauratorischen“ erkannt haben (Carsten Probst im Deutschlandfunk).

Motto der von David Chipperfield kuratierten Gesamtausstellung ist der„Common ground“ als gemeinsamer Boden für Architektur/Architekten und Gesellschaft in Zeiten der Krise. „Die Beziehung zwischen dem Berufsstand und der Gesellschaft klappt nicht, wir haben keinen gemeinsamen Grund“ (so Chipperfield, zitiert nach 3sat). Natürlich ein weites Feld mit genügend Platz für interpretatorische Ausdeutungen durch die 55 Teilnehmernationen (s. dazu u.a. SZ, spiegel-online, Interview Petzet in Deutschlandradio Kultur, Beitrag 3sat). Damit sollen ausdrücklich nicht schon wieder die üblichen verdächtigen Archistars des internationalen Baubetriebs zu Worte kommen.

Der Münchner Architekt Muck Petzet ist Kurator des vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung für 500.000 € beauftragten deutschen Pavillonbeitrags in den Giardini. Petzet möchte das Chipperfield-Motto zum einen als dringenden Anstoß zur Überwindung der bisherigen prekären Einzelkämpferstruktur innerhalb der deutschen Architektenschaft verstanden wissen. Schon allein die Auswahl und Struktur der beteiligten deutschen Aussteller mit ihren 16 Positionen und Strategien dokumentieren dieses Ziel zu mehr Gemeinsamkeit innerhalb des Berufsstands.

Biennale, Deutscher Pavillon. Foto: la Biennale di Venezia

Eigentliches Thema des deutschen Beitrags ist „Reduce – Reuse – Recycle“ (Architektur als Ressource: Vermeiden – Wiederverwenden – Wiederaufbereiten). Die von Konstantin Grcic designte, mit venezianischen Hochwasserstegen bewußt „nichtmöblierte“ Ausstellung, beinhaltet ausschließlich großdimensionierte Fotos, keine Modelle etc. Und auch keineswegs Fotos, wie sonst üblich, nur von Bauten und Projekten, sondern auch von abstrakteren, nicht unmittelbar erschließbaren, sich eher gesellschaftlich öffnenden Architekturzusammenhängen.

Der Umgang mit dem Architekturbestand steht bei Petzet explizit im Mittelpunkt, das mittlerweile fast abgegriffene Nachhaltigkeitsprinzip auf die Architektur übertragen. Wie ja analog schon seit Jahrzehnten, aber jeweils inopportun u.a. für Industrie, Konsum, Tourismus und im Verkehrsbereich gefordert (vgl. die klassische Benzinpreiskalkulation der Grünen zu Zeiten der rot-grünen Regierungskoalition: 5 DM/Liter, auf heute hochgerechnet ca 4-5 €/Liter?). Es müsse auch in der Architektur endlich die gesamte Energiebilanz z.B. eines Gebäudes, eines urbanistischen Projekts etc. in die Kalkulation einbezogen werden. Von den wahren Kosten der Erbauung, über den Betrieb und die Nutzung bis hin zur Entsorgung, incl. Baustoffherstellung, ihren Transport und die Montage etc. Schon hier können selbst Passiv- und Niedrigenergiehäuser aktuell nicht mehr mithalten, die ja doch wohlgemerkt, wie die Kunststoffdämmungen und -Baumaterialien, vehement von der ach so fortschrittlichen deutschen Baupolitik interessiert, aber ökologisch falsch und kontraproduktiv Ressourcen ausblutend, weiter flott gefördert werden. Eine gegenwärtige Neu- und Bestandsbau-Ökobilanz will immer noch nichts wissen von den genannten real einzurechnenden Sekundärkosten. Entsprechend auch nichts von einer dringend erforderlichen, gesellschaftlich ehrlichen Neubewertung von Bestandsarchitektur, keineswegs allein nur von Denkmalarchitektur. Selbst ein Abriss kostet Energie, die Bauschuttentsorgung stellt ein riesiges Problem dar (Bauschutt stellt 23% des Gesamtmüllaufkommens, 57% des nicht wiederverwertbaren Abfalls überhaupt, Petzet-Interview bei spiegel-online). Das Müllaufkommen muss dringend reduziert, besser ganz vermieden werden. Und: neue Architektur soll nur möglich sein im gering wie möglich zu ändernden Bestand. Eben frei und überspitzt nach dem Ideal: „nur wer gar nicht baut, verbraucht weder Energie noch Ressourcen“.

Es geht dabei keineswegs um Stillstand, vielmehr um Weiterentwicklung. Der Wert des Vorhandenen ist neu anzunehmen als gesellschaftlicher Wert, davon sei neu auszugehen. Man müsse wegkommen von den vorherrschenden, eben auch durch die Architekten angetriebenen Neubauautomatismen.

Das sind Muck Petzets keineswegs grundsätzlich neuen, aber hier in neuem programmatischen Rahmen vorgestellten Prinzipien: die nachhaltige Nutzung bzw. Umgestaltung, Umnutzung des Architekturbestands. Es geht auch um (neue) „ästhetische … geschichtliche Qualitäten“ (Petzet-Interview bei Deutschlandradio Kultur), die für eingefleischte Neubau-orientierte Architekten wieder wesentlich interessanter werden müssen, auch können.

Auch in unserer Region treten dafür seit langem radikal-„minimalistisch“, d.h. nachhaltig ökologisch, somit ökonomisch und gleichwohl ganzheitlich historisch-ästhetisch denkende Bestandsarchitekten ein, wie z.B. Konrad Fischer (Hochstadt/Main). Er liefert bundesweit u.a. wahrhaft beispielhafte Denkmalsanierungen, besser: optimal mögliche „Rein“konservierungen ab. Die ganz bewusst gegen den Sanierungswahn und ohne die in Bayern immer noch offiziell denkmalpolitisch vielgefeierte und geförderte „Schönfärberei“ oder den „neuen Glanz“ auskommen. Und er bekämpft lautstark und streitbar die politischen Fördermechanismen sowie den grassierenden, politisch geförderten, deshalb fehlgeleiteten Dämmwahn in Neu- und Altbau.

Es ist kein Zufall, dass so denkende Kritiker u.a. im Denkmalbereich arbeiten oder daher kommen. So kann es ebensowenig ein Zufall sein, dass auch Muck Petzet für diese Minimalismen eintritt. Dürfte er doch viele entsprechende Prinzipien mit der „Vatermilch“ eingesogen haben. Dr. Michael Petzet ist Präsident des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS und war langjähriger leitender Landeskonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

Hoffentlich kein undelikater Konflikt im eigenen Hause? Zu wünschen bliebe doch, dass sich die besonders in Bayern chronisch und dogmatisch überregulierte, staatliche Denkmalpflege von neuen Prämissen einer wirklich gesellschaftlich reflektierten Bestandsarchitektur beeinflussen lassen würde. In beiden Fällen geht es um eine dringend erforderliche Neuannahme des Vorhandenen, ökologisch, ästhetisch und historisch.

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