„Wie man faulen Lehrern auf die Sprünge hilft“ – eine mehr als zweifelhafte Studie und ein ärgerlicher Bericht

criticus

Im heutigen Handelsblatt liest man einen längeren Bericht über Erkenntnisse amerikanischer Forscher, die angeblich herausgefunden haben, wie man den Schulunterricht durch ein spezielles finanzielles Motivationssystem für Lehrkräfte (analoges gelte für die Leistungen von Fabrikarbeitern) verbessern könne. Hier seien Zuckerbrot und Peitsche angesagt. Die freudige Erregung des Verfassers ist zwischen den Zeilen mit Händen zu greifen. Die zitierte Studie einer „Forschergruppe um den Harvard-Ökonomen Roland Fryer glaubt jetzt herausgefunden zu haben, wie die Theorie [finanzieller Leistungsanreize für Lehrer] auch in der Realität funktionieren kann: Statt Lehrer mit der Aussicht auf einen fetten Bonus zu locken, sollte man ihnen lieber androhen, Geld wegzunehmen.“ Die Studie besitzt die beeindruckende empirische Basis von neun Schulen einer amerikanischen Stadt, womit ihre Ergebnisse natürlich universell übertragbar sind.

Man stellte bei diesem Experiment einigen Lehrern in Aussicht, bis zu 8000 $ Leistungsprämien bekommen zu können, wenn ihre Schüler am Ende des Schuljahres bei einem Leistungstest sehr gut abschneiden würden. Anderen Lehrern zahlte man gleich am Anfang des Schuljahrs einen Bonus von 4000 $ für guten Unterricht aus, drohte zugleich aber an, davon wieder Geld wegzunehmen, falls die Schüler beim Leistungstest am Ende des Jahres schlecht abschneiden würden. Eine Kontrollgruppe bildeten die Schüler jener Lehrer, die eine Teilnahme am Bonus-Experiment verweigerten. Laut der Studie waren jene Schüler am erfolgreichsten, deren Lehrer den ausgezahlten 4000-$-Bonus zu verteidigen hatten. Ein zweiter empirischer Versuch hätte das Ergebnis bestätigt, also folgerten die Forscher dass Verlustangst Menschen stärker motiviere als in Aussicht gestellte Belohnungen. Dass ein ähnlich angelegtes Experiment mit chinesischen Fabrikarbeitern zum selben Ergebnis geführt habe, nehmen die Handelsblatt-Autoren quasi als ,Ritterschlag’ für diese Theorie.

http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/wissenswert/wissenswert-wie-man-faulen-lehrern-auf-die-spruenge-hilft/7020752.html

Ich finden die Denke – sowohl der Forschergruppen als auch und besonders der unkritischen Journalisten – ziemlich ärgerlich, und zwar ebenso in wissenschaftlich-methodischer Hinsicht wie in pädagogischer, volkswirtschaftlicher und ethischer. Das Analogiedenken zwischen Lehrerberuf und dem eines industriellen Akkordarbeiters spricht eigentlich schon für sich, noch schlimmer die Stammtisch-Vorstellung vom „faulen Lehrer“, dem man (wer genau?) „auf die Sprünge helfen“ müsse. Ökonomische Leistungsanreize dieser Art gehen vom Menschenbild eines homo oeconomicus (das ist einer, der für eine Bonuszahlung seine Oma verkauft, seinen Kunden betrügt und auch schon mal die Volkswirtschaft ruiniert) aus, das nicht einmal 1:1 auf die Realität des Wirtschaftshandelns von Menschen passt und in der Schulrealität wirklich gar nichts zu suchen hat. Derartige Motivationssysteme blenden ferner komplett aus, dass ihre Lehrer-Versuchskaninchen im gegebenen Fall vielleicht durchaus gesteigerte Energie darauf verwenden, ihre Schüler im Sinne des Leistungstexts fit zu machen, diese Energie aber gleichzeitig ihrem allgemeinen Bildungsauftrag entziehen; d.h. entsprechende Lehrer vermitteln ihren Schülern verstärkt Test-relevantes Wissen, das aber nicht unbedingt das wirklich relevanteste sein muss, wenn man die erfolgreiche Bewältigung eines Lebens in der Gemeinschaft als Maßstab anlegen würde. (In unseren auf Noten- und Leistungspunkten angelegten Schulsystemen produzieren wir in gewisser Weise ja seit Jahren ähnliche Effekte!) Diskussionen dieser Art lenken von den eigentlichen Problemen unseres Schulsystems ab, an die ich hier nur erinnere: gesamtgesellschaftliche Missachtung von Schule und Lehrern (nehmen Sie den zitierten Zeitungsartikel als Beleg!), langjährige Unterfinanzierung des Bildungssystems, marode Bauten, schlechte Qualität der Lernmittel, große Klassen, Unterrichtsausfall, suboptimales Curriculum und Benotungssystem, schlechter fachwissenschaftlicher (!) Ausbildungsstand vieler Lehrer, hoher Anteil sozial gestörter Schüler, regional auch hoher Schüleranteil mit Migrationshintergrund und schlechten Deutschkenntnissen, ohne dass entsprechend ausgebildete Förderkräfte und infrastrukturelle Ressourcen zur Kompensation dieser Defizite zur Verfügung stehen etc. etc.

PS. In den selben Kontext eines völlig verfehlten Management-Denkens im schulisch-universitären Kontext stelle ich die einreißende Praxis, mit Lehrern oder Uni-Professoren sog. ,Zielvereinbarungen’ abzusprechen, um ihnen dann evtl. gewisse Boni auszuzahlen. Effekt: Als Lehrkraft suche ich mir solche Ziele aus, die ich nachweislich erreichen kann, nicht aber Ziele, die primär meinen Schutzbeholfenen helfen, aber schwer zu messen und möglicherweise nur ansatzweise erreichbar sind!

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